»Auf einem Fluss, in Wüsten, im Krieg. An meine Grenzen gehen. Mich spüren«

Unter Männern gilt Angst als feige. Unser Autor sagt: Sie ist ein Geschenk.

Im Frühjahr 2005 begegnete ich dem Tod. Meinem Tod. An den Hängen des Popocatépetl, eines knapp 5500 Meter hohen Vulkans im mexikanischen Hochland, suchte ich die Ruinen eines alten Tempels. Oberhalb der Baumgrenze gab es plötzlich eine laute Explosion. Eine Bö schlug mir entgegen wie die Druckwelle einer Bombe und warf mich zu Boden. Steinbrocken regneten vom Himmel. Um nicht erschlagen zu werden, rettete ich mich in eine Höhle - da erbebte die Erde. Vor dem Eingang krachten Felsen herab. Es wurde schlagartig dunkel. Und still. So still, dass ich glaubte, ich wäre tot. Doch ich lebte. In den nächsten Stunden würde ich es bedauern.

Panisch begann ich, Steinbrocken beiseite zu räumen und in der lehmigen Erde zu wühlen, welche die Zwischenräume des Felsrutsches verdichtete, drei, vier Meter hoch und wer weiß wie dick. Ich scharrte, bis meine Hände bluteten. Erschöpft sank ich zu Boden. Es war zwecklos. In der staubigen Luft rang ich nach Atem. Jeder Tod, nur nicht ersticken, durchzuckte es mich plötzlich, nicht ersticken, nicht - und dann kam das Zittern. Ich zitterte am ganzen Körper, meine Zähne klapperten, mein Herz raste, in den Ohren hämmerte mein Puls. Eine eisige Kälte kroch über meinen Brustkorb zum Hals und schnürte mir die Kehle zu.

Angst. Die existenzielle Reaktion auf eine Bedrohung. Dieses Gefühl, in dem immer auch die Nähe des Todes greifbar wird - beklemmend, bedrückend, manchmal erregend, oft jedoch verbunden mit Verzweiflung. Der Begriff geht auf das indogermanische Wort anghu für »beengend« zurück, hat sich über althochdeutsch angust entwickelt und ist verwandt mit lateinisch angustia: »Enge, Beengung, Bedrängnis«. Mein Eingeschlossensein im Vulkan versetzte mich sozusagen an die klaustrophobischen Ursprünge des Angstbegriffs: Ich saß fest, in einer dunklen Höhle, die kaum ein Dutzend Schritte tief und gerade hoch genug war, dass ich mich darin aufrichten konnte. 4000 Meter über dem Meer.

Seit zwanzig Jahren bin ich unterwegs, um über vergessene Paradiese, aber auch über die Krisen- und Kriegsgebiete der Welt zu schreiben. Lateinamerika, Südpazifik, Indien, Afrika, Nahost - ich brauche die erhöhte Stimulanz durch fremde Menschen, Landschaften, Klänge, Düfte. Das Reisen ist meine Droge, es erzeugt Euphorie und Spannung, aber auch Erschöpfung, Einsamkeit - und Angst.

Sie hat keinen guten Ruf, die Angst. Vor allem Männer tun gern so, als hätten sie keine. Angst gilt als feige. Den Mutigen gehört die Welt, heißt es. Ich sehe das anders: Männer, die keine Angst empfinden, sind nicht mutig, sondern psychisch krank. Schon in der Kindheit bekommen sie Probleme mit ihren Spielkameraden, später werden sie oft kriminell.

Ich vertraue meiner Angst, höre auf sie. Als Reisender geht es mir oft wie der Antilope. Sie hat nur eine Chance gegen die Löwen, wenn sie im richtigen Moment losrennt. Ich bin oft gerannt: Rebellen in Uganda und im Kongo, Menschenjäger im Sudan. Im Nigerdelta verstümmelten Banditen auf einer Kreuzung einen Mann, sein Kopf rollte vor meine Füße. Der Schlächter kam mit seiner Machete auf mich zu und malte mit dem Blut des Hingerichteten in einer Drohgebärde ein Dreieck auf meinen Oberarm. Wieder rannte ich, rannte und rannte, bis ich auf der Straße zusammenbrach und mich übergab.

Warum setze ich mich solchen Risiken aus? Ist es der Nervenkitzel? Der ultimative Kick? Wissenschaftler meinen herausgefunden zu haben, dass sensation seeking, also
die Suche nach Aufregung, im genetischen Code mancher Menschen verankert sei. Psychologen sprechen von »Angstlust«. Für einige Soziologen ist die Suche nach dem »Thrill« ein Indikator für die emotionale Leere in der Hyperkonsumgesellschaft, welche die Menschen scharenweise mit Fallschirmen von Wolkenkratzern oder mit Gummiseilen um die Beine von Brücken in den Abgrund treibe. Oder eben nach Afghanistan oder -Somalia, an die Front.

Warum also tue ich mir solche Reisen an? Die Antwort ist einfach: Ich kann nicht anders. Ich muss. Vielleicht liegt es an den beiden Weissagern, die mir - einer in Afrika, einer in Südamerika - vor langer Zeit und unabhängig voneinander, aber in übereinstimmender Präzision prophezeiten: Du stirbst im Alter von 46 Jahren. Mit dieser Gewissheit habe ich gelebt. Ängste, Versicherungen, Rente - gab es für mich nicht. Was zählte, war die Intensität meiner Sinneseindrücke und Erfahrungen. Auf einem Fluss oder Ozean, in Regenwäldern, in Wüsten oder in Kriegsgebieten. An meine Grenzen gehen. Mich spüren. Leben. Jetzt.

Ein paar Tage vor meinem 47. Geburtstag brach ich zu meiner bis dahin gefährlichsten Mission auf. In den Stammesgebieten der ägyptischen Sinai-Halbinsel, einem Territorium ohne Recht und Gesetz, würde ich nach geheimen Foltercamps von Menschenhändlern suchen. Für das SZ-Magazin. Laut Prophezeiungen liefen die letzten Tage meines Lebens. Vermummte Beduinen richteten Maschinengewehre auf mich, die Finger am Abzug. Militante Islamisten schossen aus vorbeifahrenden Geländewagen. Nie wurde ich das Gefühl los, die Menschenhändler und Folterer säßen mir im Nacken. Und dann, am 30. April 2013, wurde ich 47 Jahre alt. Mitten im Sinai, in den Wirren eines unerklärten Krieges. Die Weissager? Hatten sich geirrt.

»Man hatte vor tausend Dingen Angst«, schreibt Hermann Hesse in seiner Novelle Klein und Wagner, »vor Schmerzen … vor dem eigenen Herzen, man hatte Angst vor dem Schlaf, Angst vor dem Erwachen, vor dem Alleinsein, vor der Kälte, vor dem Wahnsinn, vor dem Tode.« Doch all das seien nur Masken. In Wirklichkeit gebe es nur eines, wovor dem Menschen graute: »Das Sichfallenlassen, den Schritt in das Ungewisse … wer einmal das große Vertrauen geübt und sich dem Schicksal anvertraut hatte, der war befreit.« Freiheit. Als Belohnung für die überwundene Angst.

»Ich hockte im Türrahmen am Boden, und meine Angst sagte mir: Gleich erwischt es dich.«

Und nun war ich ein Gefangener. In der Höhle am Popocatépetl verlor ich bald jedes Zeitgefühl. Wie lange saß ich hier schon fest? Minuten? Stunden? Einen Tag? Die Angst stieg in Wogen in mir auf und verebbte in Phasen seltsamer innerer Ruhe, nur um sich meiner gleich darauf wieder in panischen Attacken zu bemächtigen. Wie in Trance wühlte ich im Gestein, nach Luft ringend, schweißnass. Mein Puls hämmerte. Meine Hände schmerzten furchtbar. Gib nicht auf! Kämpf! Zugleich war klar: Jeder zusätzliche Atemzug, den dein Scharren und Graben einfordert, bringt dich dem Ersticken näher. Also denk nach, geh logisch vor! Überleg! Doch etwas stimmte nicht mit meinen Gedanken. Sie sprangen umher wie Granatsplitter. Mir war kalt, ich zitterte, zitterte. Oder war es der Boden? Zitterte der? Erneut wallte panische Angst in mir auf.

Die Welt teilt die Karten aus, und der Reisende spielt sein Spiel, so gut er kann. Dem Spieler jedoch, sagt der französische Soziologe Jean Duvignaud, gehe es weder um den Gewinn noch um das Glück. Vielmehr nehme er die Möglichkeit bewusst in Kauf, ultimativ zu scheitern. Ihn reize die attente catastrophique, die Erwartung der Katastrophe.

Ist es das, was ich auf meinen Reisen suche? Muss ich etwas Gefährlicheres tun, als eine frisierte Steuererklärung beim Finanzamt abzugeben? Etwas, was Hemingway oder Van Gogh getan hätten? Stehe ich am Ende in jener Frontschweintradition, in der Reporter seit dem 19. Jahrhundert die Angst zum Lustgefühl hochstilisieren und sich als Gefahrensucher feiern lassen?

Ich nicht. Dachte ich. Und hielt mich an hehren Motiven fest. Die Gefahr ist Teil meiner Art zu reisen. Ich setze mich anderen Kulturen aus, gut vorbereitet und innerhalb meiner Grenzen, um eigene Gewissheiten zu erschüttern und meinen Geist beweglich und wach zu halten. Zurücklassen. Verlernen. Sich seiner selbst entledigen. Und sich durchdringen lassen, von der Geschichte eines fremden Menschen, von einer Landschaft, einer Musik, einem Duft oder eben von einer Gefahr. Um dann mit meinem Schreiben dazu beizutragen, die Lebensumstände von Menschen zu verbessern. Deshalb berichte ich über den Ölkonflikt im Nigerdelta, Blutdiamanten aus Sierra Leone, den Kinderhandel in den Kakaoplantagen der Elfenbeinküste. Ich, ein Adrenalin-Dandy? Nie und nimmer.

Dann fuhr ich nach Mogadischu. In der kriegszerstörten Hauptstadt Somalias berichtete ich über den »Bürgermeister der Hölle«, einen ehemaligen Internetcafé-Besitzer, der sich in den Kopf gesetzt hatte, die gefährlichste Stadt der Welt zu retten. Auf meinen Streifzügen durch Mogadischu landete ich in einem zerbombten Haus. Granatsplitter steckten in den Wänden, draußen krachten Schüsse. Scharfschützen? Auf den Dächern? Das Auto stand 100, 150 Meter entfernt.

Ich hockte im Türrahmen am Boden, und meine Angst sagte mir: Gleich erwischt es dich. Dann spürte ich, wie das Adrenalin in meine Blutbahn schoss. Mein Puls beschleunigte sich. Auf einmal hellwach und voll konzentriert, zurrte ich meine schusssichere Weste und den Helm fest. Nach einer Bandscheibenoperation fiel mir selbst das normale Gehen noch etwas schwer, doch jetzt spannten sich alle Muskeln in meinem Körper, und ich spurtete los. In Rekordzeit erreichte ich das Auto. Kaum in Sicherheit, durchfluteten mich Endorphine. Ich lachte ausgelassen wie ein kleiner Junge nach einem gelungenen Streich. Ich stieß Freudenschreie aus. Ich lebte. Ich war der glücklichste Mensch der Welt.

Angst, Glück. Angst, Glück. Angst, Glück. Das Prinzip Achterbahn ist wie ein Rausch. Wer es einmal erlebt hat, will es wieder spüren. Ich wehre mich vehement dagegen. Aber wenn Heroin nicht garantiert schlecht für die Gesundheit wäre, wer weiß, vielleicht wäre ich ein Junkie geworden.

Der Vulkan bebte noch einmal an jenem Tag. Aus der Höhlendecke über mir löste sich Gestein. Völlig erschöpft zog ich die Knie an die Brust. Du wirst gar nicht ersticken, dröhnte die Angst in meinem Kopf; neben mir schlugen Felsbrocken auf. Gleich schaltet der Popocatépetl dich aus. Gleich. Ein paar Millionen Tonnen erkalteter Lava und Obsidian. In weniger als einer Sekunde - OFF! Doch die Höhle hielt dem Beben stand, die Erschütterungen ließen das Geröll vor dem Ausgang in sich zusammensacken, und durch einen schmalen Schlitz am oberen Rand fiel Licht herein.

Ich glaube, die Angst ist ein Geschenk. Richtig dosiert, setzt sie eine Kraft frei, die uns zu Höchstleistungen aktivieren kann. Eben konnte ich mich vor Erschöpfung kaum mehr rühren, jetzt kroch ich auf allen Vieren das Geröll hinauf, scharrte im Lehm, riss schwere Felsbrocken heraus, warf sie hinter mich - und wühlte mich mit letzter Kraft hinaus.

Ich erinnere mich genau, wie ich weinte. Vor Glück. Und an meinen ersten Atemzug. Es war, als hätte mich der Berg noch einmal zur Welt gebracht.


Michael Obert arbeitet als Journalist, Autor und Filmemacher. Seit 20 Jahren schreibt er über seine immer wieder lebensgefährlichen Reisen, u.a. nach Afrika, Lateinamerika und in die islamische Welt, zum Beispiel in seinem Buch »Regenzauber«, das von einer siebenmonatigen Expedition von der Quelle des Niger bis zur Mündung handelt. Derzeit läuft Oberts Regiedebüt »Song From The Forest«in deutschen Kinos. Obert ist 48 Jahre alt und wohnt in Berlin.

Fotos: Matthias Ziegler

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