»Der Papst trägt immer weiß. Auch beim Fernsehen«

Wenn man schon die einmalige Gelegenheit hat, mit dem Privatsekretär von Benedikt XVI. zu sprechen, dann auch über ganz weltliche Dinge. Schließlich wohnt Georg Gänswein mit dem Papst in einer Art WG.

SZ-Magazin: Herr Prälat, wie geht es dem Papst?
Georg Gänswein:
Es geht ihm gut, er fühlt sich wohl, arbeitet viel und legt ein hohes Tempo vor.

Benutzt er das Trimmrad, das ihm sein Leibarzt Buzzonetti verordnet hat?
Das Trimmrad steht bei uns im Appartamento Privato.

Was heißt das?
Es steht brav zum Benutztwerden bereit.

Als Kardinal wollte Joseph Ratzinger noch zurücktreten, er sei erschöpft.
Mit der Wahl zum Papst ist etwas passiert, was er weder angestrebt noch gewollt hatte. Aber ich bin überzeugt davon, dass dann, als er sich nach und nach in den Willen Gottes hineingefügt hat, die Amtsgnade in Person und Wirken sichtbare Spuren hinterlassen hat und hinterlässt.

Wie hatte er auf die Wahlentscheidung reagiert?
Ich kam in dem Moment hinzu, als die Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle, einer nach dem anderen, vor dem Papst knieten und ihm Treue und Gehorsam versprachen. Sein Gesicht war fast so weiß wie die neue weiße Soutane und der Pileolus auf dem Kopf. Er sah mächtig mitgenommen aus.

Was ist Ihnen in dieser Stunde durch den Kopf gegangen?
Es war wie ein Wirbelsturm, eine klare Gedankenfindung gänzlich unmöglich. Auch die Tage nachher war es eher tsunamiartig.

Und wann wussten Sie, dass sich Ihr Leben grundlegend verändern wird?
Es war so: Als ich nach den Kardinälen bei der Huldigung an der Reihe war, sagte ich: »Heiliger Vater, ich verspreche Ihnen meinen Gehorsam, meine Treue, meinen Einsatz in allem, was Sie von mir verlangen. Ich stehe Ihnen mit all meinen Kräften ohne Einschränkung zur Verfügung.«

Die Antwort?
Er blickte mich an, nickte mit dem Kopf und dankte.

Hat sich Ihr Salär verändert?
Ich verdiene nicht mehr und nicht weniger als vorher. Der einzige Unterschied ist, dass sich auf dem Lohnstreifen die Adresse geändert hat.

Der Sohn des Schmieds aus einem 450-Seelen-Dorf im Schwarzwald, der nun neben dem Heiligen Vater im Helikopter reist und die Sorgen einer Weltkirche teilt – fragt man sich da: Warum ich? Was will Gott von mir?
Genau diese Frage habe ich mir in der Tat gestellt – und nicht nur einmal. Es ist ja eine Aufgabe, die nicht planbar ist. Indem ich dem Heiligen Vater Treue und Gehorsam versprach, versuchte ich auf die Frage zu antworten. Darin sehe ich persönlich auch einen Fingerzeig Gottes, mich dieser Aufgabe ohne Vorbehalte zu stellen.

Vermutlich sind Sie der erste Papstsekretär der Kirchengeschichte, der neben dem Pontifex auch selbst im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht: People-Magazine schwärmen vom »Sunnyboy in der Soutane«. Sie seien, so die Schweizer Weltwoche, »unbestritten der schönste Mann im Talar, der je im Vatikan zu sehen war«. Donatella Versace hat Ihnen sogar eine eigene Mode-Linie gewidmet. Stört Sie Ihr Image als Frauenschwarm?
Nicht dass ich rot geworden wäre, es hat mich eher etwas irritiert. Es tut nicht weh und es schmeichelte mir zunächst auch, und es ist doch keine Sünde. So frontal und direkt bin ich zuvor noch nie mit meiner Schale konfrontiert worden. Dann habe ich gemerkt, dass dies großteils Ausdruck von Sympathie ist: ein Bonus, kein Malus; damit kann ich gut umgehen. Allerdings möchte ich schon auch, dass man nicht bei meinem Äußeren stehen bleibt, sondern auch die Substanz unter der Schale zur Kenntnis nimmt.

Bekommen Sie Liebesbriefe?
Ja, gibt’s hin und wieder auch.

Sie sprachen einmal von »klerikalem Neid«.
Ich sagte das im Zusammenhang mit Aussagen, dass man über mich schlecht redet: »Der will Macht gewinnen; der will sich in den Vordergrund stellen« und dergleichen mehr. Es gab, es gibt dummes negatives Gerede, teilweise wird schlichtweg gelogen. Aber darum kümmere ich mich nicht mehr.

Auch aus dem Vatikan heraus?
Der Vatikan ist nun einmal auch ein Hofstaat. Und dort gibt’s Hofgeschwätz. Aber es gibt auch Pfeile, die ganz bewusst und gezielt abgeschossen werden. Ich musste erst lernen, damit umzugehen.

Sie sollen angeblich für den vakanten Bischofssitz von München zur Verfügung stehen.
Das sind ungelegte Eier. Frei erfunden, an den Haaren herbeigezogen.

Niemand hielt es für möglich, dass nach einem »Jahrtausendpapst« wie Karol Wojtyla ein Nachfolger so schnell reüssieren könnte. Nun ist alles anders. Nicht nur, dass Benedikt XVI. doppelt so viele Besucher anzieht. Dass seine Schriften Millionenauflagen erzielen. Papst Ratzinger gilt inzwischen als einer der bedeutendsten Denker der Gegenwart. Und im Gegensatz zu seinem Vorgänger wird er bislang kaum kritisiert. Was hat er, was andere nicht haben?
Mit dem Papstsein ist natürlich eine größere Erreichbarkeit, eine größere Wirkungsmacht und auch eine größere Durchschlagskraft gegeben. Ein Kenner der römischen Szene sagte einmal während der Bayern-Reise des Papstes im vergangenen Herbst: »Johannes Paul II. hat die Herzen der Menschen geöffnet, Benedikt XVI. füllt sie.« Da ist viel Wahres dran. Der Papst erreicht die Herzen der Menschen, er spricht sie an, aber er spricht nicht von sich, er spricht von Jesus Christus, von Gott, und das anschaulich, verständlich, überzeugend. Das ist es, was die Menschen suchen. Benedikt XVI. schenkt geistliche Nahrung.

Wollte Johannes Paul II., dass Kardinal Ratzinger sein Nachfolger wird?
Darüber wurde viel spekuliert. Ich weiß es nicht.

Immerhin hat er ihn, trotz Ratzingers mehrfacher Bitte um Demission, als Präfekten der Glaubenskongregation nicht aus dem Amt entlassen.
Sehen Sie das als Argumentum e silentio an, als Schlussfolgerung aus dem Stillschweigen? Mag sein. Papst Johannes Paul II. hat gegenüber engen Mitarbeitern ja öfter gesagt: Ich möchte Kardinal Ratzinger behalten, ich brauche ihn als theologischen Kopf. Daraus könnte man ja einiges ableiten.

Es ist ruhiger geworden im Palazzo Apostolico. Benedikt XVI. hat die Zahl der Audienzen deutlich reduziert und selten Gäste zu Tisch. Ausgerechnet unter einem Deutschen wird weniger gearbeitet?
Es wird nicht weniger gearbeitet, sondern konzentrierter. Der Papst ist ein straffer und schneller Arbeiter. Dazu braucht er aber Zeit: zum Lesen, zum Studium, zum Gebet, zum Nachdenken, zum Schreiben. Das geht nur, indem man vieles strafft, manches verändert oder auch streicht, um des Wichtigeren willen.

Heißt das, dass sein Vorgänger konzeptionell ein bisschen überfordert war?
Ganz und gar nicht. Bei Johannes Paul II. ist im Vergleich zu früheren Pontifikaten alles ins Superlative gestiegen. Denken Sie nur an die Zahl der Audienzen, der Reisen, der Dokumente, der liturgischen Feiern, oder auch an die frühmorgendlichen heiligen Messen in der päpstlichen Privatkapelle, wozu ja immer Menschen eingeladen waren. Das kostet Tag für Tag eine Menge Zeit, die ausgespart werden muss. Für Benedikt XVI. wäre ein solcher Rhythmus undenkbar. Und schließlich ist Johannes Paul II. nicht mit 78 Jahren, sondern mit 58 Papst geworden.

Am Ende der Ära Wojtyla ist ziemlich viel liegen geblieben.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Papst Johannes Paul II. sich nicht sehr stark um die römische Kurie gekümmert hat. Das ist keine Kritik, sondern einfach ein Faktum. Der jetzige Papst hat die letzten 23 Jahre an wichtigster Stelle in der Kurie gearbeitet. Er kennt sie wie kaum ein Zweiter. Das ist für ihn eine einmalige Erfahrung und ein riesengroßer Vorteil.

Ein Papst kann Probleme mit der Kurie haben?
Ein Blick in die Geschichte sagt: Ja, das kann vorkommen. Eine Schwachstelle ist sicherlich die Indiskretion. Es ist leider so, dass es bezüglich Ernennungen, Erarbeitung von Dokumenten, disziplinärer Maßnahmen et cetera immer wieder poröse Stellen gibt. Das ist nicht nur ärgerlich. Darin liegt auch die Gefahr, dass von außen bewusst Einfluss ausgeübt werden kann, der Irritationen nach sich zieht. Ein anderer Punkt: Überall dort, wo, wie in der römischen Kurie, eine internationale Besetzung am Werk ist, gibt es unterschiedliche Mentalitäten, Arbeitsstile, Vorstellungen, Tempi und persönliche Charaktere, die aufeinandertreffen. Manchmal kann das auch zum Funkenschlag führen.

Ist der Papst überhaupt Herr der Prozesse?
Zweifeln Sie daran? Der Papst empfängt in den Audienzen regelmäßig seine wichtigsten Mitarbeiter. Tag für Tag. Woche für Woche. Darüber hinaus kommen die Behördenchefs in regelmäßigen Abständen in Audienz. Damit ist institutionell nicht nur der notwendige persönliche Kontakt, der nötige Informationsfluss garantiert, sondern auch ein Austausch, der für beide Seiten unerlässlich ist. Der Papst hört zu, holt Rat, bedenkt, entscheidet.

Joseph Ratzinger ist schnell im Studieren von Akten.
Blitzschnell, und er hat ein Elefantengedächtnis.

Einige kritisieren, der Papst befinde sich in einer Art splendid isolation, einem goldenen Käfig. Es gebe kein Herankommen an ihn.
Das ist Unsinn. Jeden Vormittag finden Privataudienzen statt, nachmittags dann die Arbeitstreffen mit den engsten Mitarbeitern. Und das an sechs Wochen-tagen. Darüber hinaus gibt es viele Begegnungen innerhalb und außerhalb der vatikanischen Mauern. Goldener Käfig? Ach was! Mag ja auch sein, dass sich dahinter eine Kritik an mir verbirgt. Dass ich den Papst zu stark abschirme. Gänzlich übertrieben.

Er ist im Grunde ein schüchterner Mensch. Gleichzeitig hatte er immer etwas Unbequemes an sich, eine Widerspenstigkeit gegen das allzu Gängige, gegen die Dummheit.
Dass der Heilige Vater kein draufgängerischer, sondern ein zurückhaltender Mensch ist, kann jeder wahrnehmen.

Alle seine wichtigen Texte schreibt der Papst selbst, auch die Rede von Regensburg mit dem umstrittenen Zitat aus einem historischen Buch über einen Disput mit den Muslimen. Warum hat den Text niemand gegengelesen?
Ich halte die Regensburger Rede, so wie sie gehalten wurde, für prophetisch.

War das Erschrecken groß, als die wütenden Attacken aus der islamischen Welt bekannt wurden?
Dass es einige grobe Reaktionen gab, hörten wir erstmals nach der Rückkehr aus Bayern am Flughafen in Rom. Es war eine große Überraschung, auch seitens des Papstes. Der mächtige Wirbel war zunächst durch Zeitungsberichte entstanden, die ein bestimmtes Zitat aus dem Zusammenhang gerissen und als des Papstes persönliche Meinung dargestellt hatten.

Im real existierenden Islam, also überall dort, wo diese Religion Staat und Gesellschaft beherrscht, werden Menschenrechte mit Füßen getreten. Die Verfolgung von Christen hat dramatisch zugenommen. Und der Präsident der islamischen Republik Iran hat gerade wieder erklärt, der Countdown für die Zerstörung Israels habe begonnen. Ist die Vorstellung von einem echten Dialog mit dem Islam nicht allzu naiv?
Die Islamierungsversuche im Westen sind nicht wegzureden. Und die damit verbundene Gefahr für die Identität Europas darf nicht aus falsch verstandener Rücksicht ignoriert werden. Die katholische Seite sieht das sehr klar und sagt es auch. Gerade die Regensburger Rede sollte einer bestimmten Blauäugigkeit entgegenwirken. Festzuhalten ist, dass es den Islam nicht gibt, und er kennt auch keine alle Muslime verpflichtend-bindende Stimme. Unter dem Begriff versammeln sich viele, unterschiedliche, teils untereinander verfeindete Strömungen, bis hin zu Extremisten, die sich bei ihrem Tun auf den Koran berufen und mit dem Gewehr zu Werke gehen. Auf institutioneller Ebene versucht der Heilige Stuhl, durch den Päpstlichen Rat für den interreligiösen Dialog Kontakte zu knüpfen und Gespräche zu führen.

Die päpstliche Familie im Palazzo Apostolico ist die berühmteste und einflussreichste WG der Welt: vier Frauen, die den »Memores«, der Gemeinschaft Comunione e Liberazione, angehören, zwei Sekretäre, der Papst. Sie beten zusammen, essen zusammen und schauen abends im Wohnzimmer gemeinsam fern. Wie ist Benedikt XVI. als Wohnungsgenosse?
Die päpstliche Familie ist in der Tat eine frohe internationale Wohngemeinschaft: zwei Deutsche, ein Pole und vier Italienerinnen, die sich vorher so gut wie nicht kannten. Erster wichtiger Schritt war es, einen Modus vivendi zu finden. Das richtige Wort, das richtige Geben, das richtige Nehmen, Schweigen, Nichtschweigen. Schon nach kurzer Zeit hat sich eine sehr herzliche familiäre Atmosphäre entwickelt. WG-Sprache ist Italienisch. Der Papst ist schließlich Bischof von Rom. Kleine Korrektur, was das gemeinsame Fernsehen betrifft: Das ist pure Fantasie; der Heilige Vater und die beiden Sekretäre schauen sich abends höchstens die Nachrichten gemeinsam an. Der Tagesverlauf ist natürlich durch den Audienz- und Arbeitsrhythmus des Papstes geprägt; aber wir versuchen, da und dort auch immer wieder kleine persönliche »Highlights« einzubauen.

Highlights?
Highlights klingt vielleicht etwas übertrieben. Ich meine einfach, dass persönliche Ereignisse, Namenstage und andere wichtige persönliche Gedenktage entsprechend begangen werden.

Wenn Sie abends fernsehen – trägt der Papst dann Privatkleidung?
Nein. Der Papst ist in Weiß – immer.

Muss ein Papst Schuhe von Prada tragen?
Muss? Überhaupt nicht! Journalisten haben ja eine lebhafte Fantasie.

Tut er es denn?
Die Antwort bleibe ich Ihnen schuldig.

Sie stammen wie der Papst aus einfachen Verhältnissen und beide sind Sie auf dem Dorf groß geworden. Was wird einem da in die Wiege gelegt?
Mit Sicherheit eine gute Portion an gesunder frischer Natürlichkeit, die ein unbestechlicher Filter ist gegenüber Ungesundem, egal in welcher Maske es auftritt. Ein Instinkt, der hilft, Echtes von Unechtem zu unterscheiden.

Sie waren zu Hause fünf Kinder, der Vater Schmied, die Mutter Hausfrau.
Mein Vater führte in der siebten Generation einen Schmiedehandwerksbetrieb, später kam ein Landmaschinengeschäft hinzu, das allerdings nicht unbedingt das große Geld brachte. Bis zu meinem sechsten Lebensjahr hatten wir noch eine kleine Landwirtschaft. Wir mussten uns manchmal mächtig strecken. Darüber hinaus war mein Vater in der örtlichen Kommunalpolitik aktiv, ebenso in vielen Vereinen. Abends war er deshalb selten zu Hause. Umso mehr musste dann unsere Mutter die Pflicht und Last der Erziehung der Kinder tragen. Wir fünf Kinder hatten eine unbeschwerte Kinderzeit. Aber natürlich haben wir uns auch gestritten.

Weil nicht alles nach dem Kopf des Erstgeborenen ging?
Als Ältester sollte ich ja immer der Klügere sein – »der Klügere gibt nach« –, aber die Nachgiebigkeit ist nicht unbedingt meine Stärke.

Born to be wild – war das Ihr Ding?
Phasenweise vielleicht, zwischen 15 und 18 Jahren. Ich hörte Cat Stevens, Pink Floyd und ein paar andere Berühmtheiten aus dieser Zeit, auch die Beatles waren darunter. Ich hatte damals einen ziemlich langen Lockenschopf. Das missfiel meinem Vater; so gab es um den Friseurtermin und um die Haarlänge schon mal Zoff. Das hat sich nachher dann recht unspektakulär gelegt.

Wo standen Sie politisch?
Politisch hatte ich mich nie besonders exponiert. Meine Interessen gingen neben der Schule mehr in Richtung Sport, Fußball, Skifahren.

Womit Sie auch das Geld fürs Studium verdienten.
Nein, nicht als Skilehrer, als solcher war ich nur für die Skischule meines Heimatskiclubs tätig. Gejobbt, Geld verdient habe ich als Briefträger. Zunächst mit dem Fahrrad in einem kleinen Schwarzwalddorf, später mit dem Auto über Land.

Originalton Georg Gänswein: »Ich habe gesunde Sinne, und wer gesunde Sinne hat, der benutzt sie auch.« Hört sich nach reichlich Erfahrung mit Mädchen an.
Ich habe zwei Schwestern, mehrere Cousinen, die mir halfen, mit dem weiblichen Geschlecht keine Schwierigkeiten zu haben. Ich bin ganz normal aufgewachsen, völlig unverkrampft.

Sie hatten eine feste Beziehung?
Das nicht. Es gab kleinere schwärmerische Jugendfreundschaften.

Sie wollten zunächst Börsenmakler werden.
Ursprünglich sollte ich als Ältester das Landmaschinengeschäft meines Vaters übernehmen. Irgendwann aber interessierte mich das Getriebe der Börse viel mehr. Meine Vorstellung war, da wird viel Geld gemacht und da muss man fix und schnell sein. Später, etwas reifer, kam der Moment, in dem ich darüber intensiver nachdachte: Gut, wenn ich das alles kann und Geld habe, was kommt dann? Und was dann? Und was danach? Plötzlich drängten sich existenzielle Fragen in den Vordergrund. So fing ich an zu suchen und bin auf diese Weise ganz ungewollt auf die Philosophie und die Theologie gestoßen.

Langwieriger Prozess.
Und ein mühsamer. Zunächst zog mich die theologische Welt insgesamt mächtig an, das Priestertum kam dann erst in einem zweiten Schritt hinzu. Natürlich war auch das Zölibat eine Frage. Irgendwann spürte ich, du kannst nicht mit halbem Gas fahren, entweder du machst das ganz oder du lässt es. Ein bisschen Theologie, das geht nicht. So ging ich Schritt für Schritt auf das Priestertum zu.

Ein Zitat aus einer Ihrer Predigten anlässlich einer Priesterweihe: »Du darfst wissen, dass du eine Würde hast, die dich von allen unterscheidet, die nicht Priester sind… Du darfst das Bewusstsein haben, etwas Großes zu tun, tun zu dürfen.« Ziemlich steil formuliert.
Diese Sätze würde ich ohne Wenn und Aber wieder sagen.

Sie nehmen es ernst.
Ja, das tue ich.

Klingt auch ein bisschen romantisch.
Finde ich nicht. Es sind Worte, die durch das Leben eingelöst wurden, und da war das Leben nicht romantisch. Die von Ihnen zitierten Sätze aus der Predigt mögen vielleicht auf Papier etwas feierlich aussehen, aber dahinter steckt eine gehörige Portion persönlicher Erfahrung, und ich wollte dem Neupriester nicht verbergen, dass er etwas Großes vor sich hat, dass das auch etwas kostet und er es sich etwas kosten lassen muss.

1984 wurden Sie zum Priester geweiht, dann verbrachten Sie zwei Kaplansjahre im Schwarzwald. 1993 in München schrieben Sie Ihre Dissertation über »Kirchengliedschaft gemäß dem Zweiten Vatikanischen Konzil«. Hatten Sie Momente großen Zweifels?
Ich wurde nach zwei Jahren Kaplanszeit zum Weiterstudium nach München geschickt; in ein Fach, das mir nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden ist: Kanonisches Recht. Nach einem halben Jahr hatte ich die Nase so gestrichen voll, dass ich mir sagte: Jetzt gehe ich zum Erzbischof und bitte ihn, mich in die Diözese zurückzuholen, weil ich es nicht aushalte.

So schlimm?
Ich hatte immer gern und leicht studiert, aber das Studium des Kanonischen Rechts empfand ich so trocken wie Arbeit in einem staubigen Steinbruch, wo es kein Bier gibt. Man stirbt vor Trockenheit. Rettung kam von meinem Doktorvater, dem Kirchenrechtler Professor Winfried Aymans, der mich später auch zu seinem Assistenten machte. Er hat mir sehr geholfen, aus dieser verflixten Zwickmühle herauszukommen, indem er mir neue Perspektiven aufzuzeigen vermochte. Das hat mir wirklich sehr geholfen, den Löffel nicht hinzuschmeißen. Ich bin ihm sehr dankbar.

Immer wieder tauchen diese Urteile auf: pflichtbewusst, fromm, konservativ; ein Mann der Form und der Strenge.
Im Sinn von »mild in der Form, streng im Inhalt« kann ich das gelten lassen. Wenn ich etwas für richtig halte, halte ich daran fest. Zugegeben, Geduld ist nicht meine Stärke. Manchmal fahre ich ziemlich nah auf, das kann irritieren.

Was muss der Privatsekretär des Oberhauptes einer Kirche mit 1,1 Milliarden Mitgliedern können?
In gewisser Hinsicht sollte er ein Generalist sein, zugleich aber auch einsehen, dass er nicht alles können kann; und er sollte sich das auch nicht abverlangen. Er muss das tun, was der Papst ihm aufträgt, und das mit ganzer Kraft, mit Herz und Verstand.

Gab es anfangs eine Einweisung, etwa eine Schule für päpstliche Etikette?
Überhaupt nicht. Das Einzige, was es gab, war ein Vieraugengespräch mit meinem Vorgänger, Monsignore Stanislaus Dziwisz, dem jetzigen Kardinal-Erzbischof von Krakau. Das war etwa zwei Wochen nach der Papstwahl und dem Einzug ins Appartamento. Dabei drückte er mir einen Umschlag in die Hand, in dem sich einige Papiere und ein Schlüssel für einen Tresor befanden. Ein uralter Tresor, deutsche Markenarbeit. Er sagte nur: »Du hast jetzt eine sehr wichtige, sehr schöne, aber sehr, sehr schwierige Aufgabe. Das Einzige, was ich dir sagen kann, ist, dass der Papst von nichts und niemand erdrückt werden darf. Wie das geht, musst du selbst herausfinden.« Punkt, Schluss. Mehr hat er nicht gesagt. Das war alles an Schule für päpstliche Etikette.

Und was war in dem Umschlag?
Das werde ich Ihnen nicht verraten. Es sind Dinge, die von Papstsekretär zu Papstsekretär weitergegeben werden.

Ihre Anfangsfehler?
Ich hatte bald gemerkt, dass das Tempo, das ich mir abverlangt hatte, zu hoch ist. In Poleposition starten ist das eine, über die Runden kommen und dann auch gut ans Ziel, das andere. Start mit Vollgas sozusagen! Nun galt es, das richtige Tempo herauszufinden. Ein weiterer heikler Punkt war der Umgang mit den unzähligen Bitten um Privataudienzen und anderen Begegnungen, die alle mit edlen Beweggründen versehen waren. Anfragen ohne Ende – »nur eine Minute«, »nur einmal eine Ausnahme«, »der Papst kennt mich schon seit Langem, er würde sich sehr freuen« – und fast immer mit Oberwürze geschrieben. Hier war das richtige Filtersystem gefragt. Ich musste einen stärkeren Filter einbauen.

Was enthalten Sie dem Papst vor?
Nichts von Bedeutung. Alle wichtigen amtlichen Schreiben und Dokumente, alles, was von Bischöfen und Kardinälen kommt, aus der Welt der Politik und der Diplomatie, das lege ich dem Heiligen Vater bei den täglichen Besprechungen vor. Darüber hinaus gibt’s natürlich eine Riesenmasse von Briefen, Bitten, Anfragen, Vorschlägen, die er nicht zu sehen bekommt, weil er dafür einfach nicht die Zeit hat. Da ist mir vom Papst ein Ermessensspielraum eingeräumt.

Versucht man Sie zu instrumentalisieren?
Kommt schon mal vor. Aber ich weiß mich zu wehren.

Hebt man in Ihrer Position dann schon mal ab?
Eher ist das Gegenteil der Fall, dass man nämlich erdrückt wird. Wenn es eine Gefahr gibt, dann heißt sie »Isolation«. Irgendwann meinten Freunde, ich würde mich zu rar machen und mich ihnen entziehen. Das war ein Alarmzeichen! Und ich habe sofort versucht, Zeit freizuschaufeln, um persönliche Beziehungen und bestehende Freundschaften wieder besser zu pflegen. Das ist wichtig für die Psychohygiene.

Was kann dieses Pontifikat bewirken?
Glaubensstärkung und Glaubensermutigung – und das Bewusstsein, dass der katholische Glaube etwas Großes ist, ein Geschenk Gottes, das aber nicht aufgezwungen wird, sondern freiwillig angenommen werden will. Dabei gibt es aktuelle Herausforderungen, denen sich die Kirche zu stellen hat.

Zum Beispiel?
Die Gottesfrage, die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen des Relativismus, der Dialog mit dem Islam, die Stärkung der eigenen Identität. Die Tatsache, dass ein Kontinent wie Europa nicht leben kann, wenn man ihm die christlichen Wurzeln abschneidet, denn damit nimmt man ihm die Seele.

Die Ankündigung der »vollen und sichtbaren Einheit« mit den orthodoxen Kirchen war die erste Sensation der Regierung Ratzinger. Ist das nicht eine ziemlich illusorische Vorstellung?
Das ist doch keine Sensation, das ist ein erklärtes Ziel von jeher. Dass ein Papst, der gerade in diesem Bereich die letzten Jahre und Jahrzehnte theologisch stark mitgeprägt hat, diese Absicht ausdrücklich formuliert, ist geradezu selbstverständlich. Vergessen wir nicht, dass die orthodoxen Kirchen in der apostolischen Sukzession stehen und damit ein gültiges Amt und die Eucharistie haben, ebenso die sieben Sakramente. Klärungsbedürftig ist die Frage nach dem Primat und der Jurisdiktion des Papstes. Aber es ist ein Skandal, dass die Christenheit noch immer gespalten ist. Die Wiederherstellung der vollen Einheit im Glauben ist ganz gewiss ein großes Ziel des Theologen-Papstes.

Wird Papst Benedikt das Papsttum zugunsten der Einheit umbauen?
Die Frage ist falsch gestellt. Ökumene kann nicht auf Kosten der Wahrheit betrieben werden. Ein Papst kann das Papsttum nicht einfach umbauen, um bestimmte Ziele schneller zu erreichen. Es geht darum, dass das Papsttum hilft, dem Anspruch der Wahrheit im Hinblick auf die Einheit gerecht zu bleiben.

Eine Wende in den Beziehungen der katholischen Kirche zu Moskau, Konstantinopel und insbesondere zu Peking würde die religionspolitische Weltkarte dramatisch verändern.
Der ökumenische Dialog mit den verschiedenen orthodoxen Kirchen ist in vollem Gange und es sind auch schon beträchtliche Fortschritte erzielt worden. Aber Ökumene treiben ist und bleibt ein mühsames Ringen. Das hängt auch mit vorhandenen Spannungen innerhalb der orthodoxen Kirchen zusammen. Konstantinopel und Moskau markieren zwei heikle Punkte. Alle Welt konnte via Medien dabei sein, als der Papst im vergangenen November in Istanbul den Ökumenischen Patriarchen getroffen hat. Ein Treffen mit dem orthodoxen Patriarchen von Moskau steht noch aus.

Sie sehen den Papst schon beim russischen Patriarchen in Moskau?
Ich hoffe, dass es zu einer Begegnung wo auch immer kommt.

Im Westen befindet sich die römische Kirche in einem gewaltigen Umbruch. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn spricht als Alternative zur bisherigen Volkskirche bereits von einer »Entscheidungskirche«, einer Kirche, zu der sich die Gläubigen auch wirklich bekennen. Neigt sich die Zeit des Pseudo-Christentums dem Ende zu?
Pseudo-Christentum klingt ungerecht und abwertend und wird auch der Realität nicht gerecht. Wahrzunehmen ist, dass volkskirchliche Elemente abschmelzen und sich immer mehr »Kerngemeinden« herausbilden; dieser Prozess ist seit Jahren im Gange. Kardinal Schönborn bringt das auf den Begriff der »Entscheidungskirche«. Wer heute Christ ist, der will es sein, der entscheidet sich dafür, ist entschieden, entschiedener vielleicht als in früheren Jahren. Und wer es nicht sein will, der ist es ganz einfach nicht, ohne dass ihm daraus irgendwelche persönlichen, sozialen, politischen oder was auch immer für Nachteile erwachsen würden.

Auffallend viele Priester der neuen Generation entdecken die spirituellen, kulturellen und ästhetischen Schätze der überlieferten Liturgie. Mit dem neuen Motu proprio »Summorum Pontificum«, einem apostolischen Schreiben des Papstes, wird festgehalten, dass jeder Priester die heilige Messe auch im früheren, dem tridentinischen Ritus feiern darf. Steht damit neuer Streit ins Haus?
Das Gegenteil ist Absicht und Ziel. Streit soll geschlichtet, vorhandene Entzweiungen und Spaltungen überwunden werden. Mit dem Motu proprio wird nicht wenigen Gläubigen eine geistlich-spirituelle Heimat eröffnet. Ich bin überzeugt, dass der Brief des Heiligen Vaters an die Bischöfe, der zugleich mit dem Motu proprio veröffentlicht wurde und in dem der Papst die Motive des Dokuments ausführlich erläutert, den Schlüssel zum richtigen Verständnis bietet.

Der französische Philosoph René Girard, Mitglied der Académie française, sagt eine entschiedene christliche Renaissance voraus. Wir befänden uns bereits »am Vorabend einer Revolution unserer Kultur«. Dieser Umbruch werde sogar die Renaissance des 15. Jahrhunderts verblassen lassen.
Das Religiöse genießt gegenwärtig eine Aufmerksamkeit wie kaum in den Jahren zuvor. Nach einer Phase des Indifferentismus setzt man sich heute wieder mit Religion, mit Glaubensfragen auseinander. Ich sehe, dass gerade viele junge Menschen, die eigentlich alles haben oder haben könnten, merken: Man kann eigentlich alles, man kann sogar die Welt zerstören – aber man kann die Seele nicht gewinnen, wenn das Wesentliche fehlt. Die katholische Kirche hat Schätze zu bieten, die sonst niemand zu bieten hat; Größeres und Dauerhafteres als alle politischen Heilsangebote. Allerdings geht das nicht automatisch. Der Glaube kommt vom Hören, wie der heilige Paulus sagt, er muss verkündet werden.

Bereits sechs Wochen nach Erscheinen hatte das Jesus-Buch des Papstes eine Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren erreicht. Man hat das Gefühl, der Papst zieht sich diesen Jesus förmlich neu an.
Das Jesus-Buch ist die Quintessenz eines Mannes, der sich als Priester, Theologe, Bischof, Kardinal und nun als Papst sein ganzes Leben mit der Gestalt Jesu von Nazareth beschäftigt hat. Es ist ein großes geistliches Vermächtnis.

Was schätzen Sie besonders an dem Werk?
Ich bin gerade dabei, es ein weiteres Mal zu lesen. Es ist ebenso tief wie verständlich geschrieben. Es ist die Lebenssumme einer bedeutenden Persönlichkeit. Das Werk reiht sich ein in die Tradition der großen Kirchenväter. Ich bin davon überzeugt, dass dieses Buch viele Menschen im Glauben stärkt und zum Glauben führt, und zwar nicht nur eine bestimmte intellektuelle Schicht, sondern Menschen aller Herkunft und Bildung.

Der Theologe Joseph Ratzinger liefert eine zwingende Logik: Dieser Jesus ist jener, der alle Vollmachten hat, der Herr über das Weltall, Gott selbst, der Mensch geworden ist. Jesus von Nazareth müsste eigentlich eine Revolution auslösen.
Ja, aber ohne Blutvergießen.

Dr. Georg Gänswein, ein Mensch von geschliffenem Intellekt, geboren am 30. Juli 1956 in Riedern im Schwarzwald, ältestes von fünf Kindern eines Schmieds. Jobs als Skilehrer und Postbote; Student der Theologie, Priester, Kaplan, Promotion in München, Domvikar in Freiburg. 1995 Berufung in die Kongregation nach Rom, ein Jahr später Wechsel in die Glaubenskon-gregation unter der Leitung von Joseph Ratzinger. 2005, nach dessen Wahl zum Papst, wurde Gänswein sein Privatsekretär. Ihm obliegt die Aufgabe, das Arbeitsleben des Papstes so zu organisieren, dass dieser in Brieffluten, Terminen, Audienzen nicht untergeht.

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