»Ich bin immer noch ein Punk, nur habe ich jetzt einen Schneider«

Der große Melancholiker Nick Cave spricht über Freude.

Nick Cave hat sich das Leben und die Menschen immer ganz genau angeschaut und anschließend darüber gesungen. Natürlich fielen die Lieder eher düster aus. (Foto: Rapid Eyes Movies)


SZ-Magazin: In 20 000 Days on Earth, einem Film mit Ihnen und über Sie, geben Sie offen Auskunft über sich selbst. Sie werden sogar in einer Therapiesitzung gefilmt. Ihr echter Therapeut?

Nick Cave: Das ist natürlich Fake. Die Gesprächsszenen im Film sind alle konstruiert. Nur so konnte ich überhaupt über mich reden. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre interviewt und gefilmt worden, während ich die Hecke in meinem Garten schneide, hätte ich das schwierig gefunden. Und so antworte ich sehr ehrlich, aber es fühlt sich nicht echt an, sondern als würde ich etwas im Film sagen.

Und der Therapeut ist Schauspieler?
Wieder nein. Er ist ein echter Psychotherapeut. Freudianer. Aber die Praxis ist ein Filmset. Wir haben uns hingesetzt und angefangen zu reden. Wir haben zwei Tage geredet, zehn Stunden am Tag.

Wurde also doch eine Art Therapie daraus?
Es war eine Freude, mit dem Mann zu reden. Er ist klug. Sehr viel klüger als die meisten Therapeuten, denen ich bisher begegnet bin.

Und Sie sind schon vielen Therapeuten in Ihrem Leben begegnet?

Einigen, ja. Ich bin bei keinem geblieben. Ich war ja meistens bei Therapeuten, um die Leute zu beruhigen, die Angst um mich hatten. »Ach, keine Sorge, ich gehe in Therapie«, das war so mein Spruch. So konnten sich alle gegenseitig sagen: Es wird schon gut gehen, er ist ja in Therapie.

Guter Trick. Haben Sie Therapie nie ernst genommen?
Na ja, ich bin wirklich hingegangen und habe mit den Therapeuten geredet. Aber es hat nie richtig gewirkt. Einmal war ich fünf Wochen lang bei einem Jungianer, das war bis jetzt der klügste Mann, mit dem ich je in einem Raum gesessen habe. Er hat sich für mich in dem Sinn gar nicht interessiert, nur für meine Träume. Was er daraus gezogen hat, war allerdings wirklich aufregend.

Hat Ihnen das Einsichten über sich selbst verschafft?
Ich fand es vor allem interessant. Und vielleicht hat es mir auch Einsichten verschafft. Aber ich weiß bis heute nicht, ob diese Einsichten hilfreich waren.

Sie wirken ausgeglichener als früher. Fröhlicher.
Tatsächlich? Ich bin immer noch ein Punk. Ich habe jetzt nur einen Schneider.

Sie sind verheiratet, haben Kinder, nehmen kein Heroin mehr. Haben Sie nicht mehr Freude im Leben als früher?
Ich weiß nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich betrachte mein damaliges Leben nicht als traurig. Ich hatte Spaß. Ich hatte dunkle Zeiten, aber jeder hat mal dunkle Zeiten. Jeder sollte dunkle Zeiten haben.

Echt?
Ach, ich habe keine Lust auf diese Story: Er war drogensüchtig und Gott, waren das harte Zeiten. Dann kam er runter, blieb clean, und jetzt ist alles super, Freude, Sonnenschein. Das ist in keiner Weise wahr. Erstens würde ich damit zwanzig Jahre meines Lebens diskreditieren, in denen ich Kinder bekommen und Lieder geschrieben und Frauen geliebt habe. Das Leben ist komplexer als eine solche Formel. Es kann weh tun und dabei schön sein.

Und zweitens?
Zweitens leide ich die gleichen Qualen wie früher, wenn ich Songs schreibe. Sicher, ich nehme kein Heroin mehr, das macht vieles leichter. Aber ich habe gute Tage und ich habe schlechte Tage. Ich habe viele gute Tage.

Hat es Spaß gemacht, Drogen zu nehmen?
Auf jeden Fall. Aufzuhören war kein Spaß. Ich habe lange dafür gebraucht, und es war sehr hart.

Vorstellbar, dass Sie jetzt ein Glas Wein trinken?

Wahrscheinlich schon. Aber ich habe keine Lust, es auszuprobieren. Es macht mir nichts aus, nichts zu trinken. Ich rauche gelegentlich eine Zigarette, obwohl die Leute sagen, ein Suchtmensch könne kein Gelegenheitsraucher werden.

Vielleicht sind Sie aus der Sucht herausgewachsen?

Man sagt, dass das nicht geht.

Wovon hängt es ab, ob ein Tag gut oder schlecht wird?

Ich habe vor langer Zeit festgestellt, dass meine Stimmungen nicht von außen beeinflusst werden. Sie sind in mir, egal was um mich herum geschieht.

Im Film sagen Sie selbstbewusst: »Ich könnte das Wetter mit meinen Stimmungen kontrollieren. Aber meine Stimmungen kann ich nicht kontrollieren.« Soll man das glauben?
Das können Sie glauben. So etwas würde ich natürlich im normalen Gespräch nie sagen. Das ist ein Satz, den ich für den Film geschrieben habe. Aber ich fand es toll, solche aphoristischen Sätze zu sagen, die mir im Gespräch sonst nicht einfallen.

Kann das Wetter Ihren Stimmungen etwas anhaben?
Natürlich. Zum Beispiel die Jahre in Berlin. Man kann nicht in Berlin leben und das Wetter nicht wichtig finden. Die Winter dort sind unfassbar. Ich habe mich gefragt, wie Deutschland solche Winter überhaupt zulassen kann. Man hätte Berlin doch eine Mütze überziehen können, um es etwas zu wärmen. Aber insgesamt nervt mich dieses ganze In-Sich-Reingehöre. Irgendwann habe ich beschlossen, dass Gefühle mich nicht mehr interessieren.

Was meinen Sie jetzt damit?
Ich erlaube meinen Gefühlen nicht mehr, mich an meiner Arbeit zu hindern. Das macht im Grunde jeder so, nur Künstler nicht. Jemand, der morgens seinen Laden aufmacht, fragt sich ja nicht beim Aufwachen: Fühle ich mich nach Arbeit heute? Nur das habe ich gemeint: Ich stehe morgens auf und gehe an die Arbeit, egal wie es mir geht.

Der Mann, der im Geschäft steht, erzählt vielleicht den Leuten, die einkaufen kommen und fragen, wie es ihm geht: Nicht so gut.
Okay. Vergessen wir den Typen, der im Laden steht. Der Chirurg. Der Chirurg muss operieren, ohne dass Gefühle oder Stimmungen seine Arbeit beeinflussen. So fühlt es sich für mich an.

»Als Band waren wir total fertig. Und da trat Kylie in unser Leben.«

Nick Cave im Jahr 1984 bei einem Auftritt im »Loft« in Berlin. (Foto: Anno Dittmer)

Was überwiegt bei Ihrer Arbeit: Qual oder Freude?

Es gibt kaum etwas an meiner Arbeit, an dem ich keine Freude habe. Auch an der Qual habe ich Freude. Aber am schönsten ist es, im Studio Songs aufzunehmen. Richtig beglückend ist es, sich mit der Band zusammen eine Platte anzuhören, die gerade fertig ist. Man fängt dann erst an, die Musik zu verstehen.

Was ist mit der Bühne? Ist nicht der Auftritt das Schönste am Dasein eines Popstars?
Das Problem am Tourleben ist: Man fühlt sich grauenhaft bis zu dem Moment, in dem man auf die Bühne geht. Weil man die ganze Zeit diese latente Angst mit sich herumschleppt. Als wärst du abends mit jemandem verabredet und ersehnst und fürchtest den Abend gleichzeitig. Der ganze Tag ist von diesem Gefühl infiziert. Obwohl ich Hunderte Konzerte gegeben habe und weiß, wenn ich einmal auf der Bühne stehe, geht das weg, und ein schönes Gefühl macht sich breit. Ich kenne das alles so gut. Es bleibt trotzdem so.

Können Sie dieses schöne Gefühl beschreiben?
Energie. Ein Hochgefühl. Und ja, Freude. Im Grunde das, was jedem passiert, wenn er das tut, was er kann und gern macht. Der Chirurg zum Beispiel. Ich habe eine wunderbare Geschichte von Oliver Sacks gelesen über den Chirurgen mit dem Tourette-Syndrom. Den ganzen Tag schmeißt er Dinge an die Wand und schreit in einer Tour »Fuck, fuck, fuck!« Dann fängt er an zu operieren und wird vollkommen ruhig. So etwas Ähnliches geschieht, wenn man auf die Bühne geht. Der Sound der Band, die Erwartungen des Publikums, daraus entsteht diese unglaubliche Energie, die dich trägt.

Früher haben Sie sich einen Spaß daraus gemacht, das Publikum zu enttäuschen. Warum?
Das war noch zu Zeiten meiner Band Birthday Party. Wir haben es nicht darauf angelegt. Wir haben wilde Konzerte gespielt, explosionsartig. Die Leute haben uns dafür geliebt. Nach einer Weile haben sie erwartet, dass wir bei jedem Auftritt fast draufgehen. Irgendwann hatten wir keine Lust mehr dazu und haben uns mit dem Rücken zum Publikum auf die Bühne gestellt. Und wir haben damals auf eine perverse Art Freude daraus gezogen, das Publikum zu enttäuschen. Aber für solche Spielchen habe ich heute keine Zeit mehr.

Trennen Sie zwischen Ihrer Person als Künstler und dem Familienmenschen?
Nein. Ich bin immer derselbe, in unterschiedlichen Umgebungen. Es ist Unsinn zu glauben, dass ein Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, in irgendeiner Weise ein normales Leben führen kann. Egal ob innerhalb oder außerhalb seiner vier Wände. Die Geschichte, mit denen die großen Stars ja gern hausieren gehen, dass sie so seien wie die Leute da draußen, ist reine Fiktion. Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, verändert dich das. Jeden. Für immer. Und es gibt kein Zurück.

So gleich?
Ja. Ein Star weiß gar nicht, wie es sich anfühlt, ein normaler Mensch zu sein. Er weiß gar nicht, wie weit er davon entfernt ist und wie ihn seine Berühmtheit deformiert. Je berühmter sie sind, desto deformierter sind sie. Und das macht sie erst interessant. So wollen wir sie ja haben, die Stars: Sie sollen sich so monströs wie möglich benehmen. Dann stürzt sich eine ganze Industrie auf sie. Und zerstört sie immer weiter.

So wie bei Amy Winehouse?

Bei Amy Winehouse war das Problem, dass sie eine Frau war. Die englische Presse konnte nicht umgehen mit ihr. Wenn das ein Typ gewesen wäre, dann wäre nichts passiert. Aber eine Frau, die wird durchs Dorf gejagt. Genau wie Kate Moss. Sie wurde erwischt, wie sie Kokain nahm, verlor ihre Werbeverträge, wurde fertig gemacht. Dann hat sie auch noch gesagt, ist mir doch egal, ich mache, was ich will. Das geht nicht bei einer Frau.

Haben Sie überlebt, weil Sie ein Mann sind?
Nein. Ich habe überlebt, weil ich nie etwas verheimlicht habe. Und ich war auch nicht so berühmt. In der Zeit mit Kylie war es kurz anders. Aber das hat nicht lang angehalten.

Sie haben 1995 dieses schöne Duett mit Kylie Minogue gesungen,
Where The Wild Roses Grow. Haben Sie zu der Zeit mit den Drogen aufgehört?

Wie kommen Sie denn darauf? Nein, sicher nicht in dieser Zeit. Das Absurde an der Phase mit Kylie war ja, dass wir, als Band, total fertig waren: ein Haufen Junkies, ernsthaft süchtig. Und da trat Kylie in unser Leben, dieses süße, schöne, strahlende, glückliche und gesunde Geschöpf. Sie hat uns alle für einen Moment verändert, denn wir sahen uns plötzlich mit ihren Augen. Wenn ich daran zurückdenke, könnte ich sentimental werden. Obwohl wir uns selten treffen und uns wenig verbindet, haben wir den Kontakt nicht verloren. Darum taucht sie auch im Film jetzt auf. Das war mir unheimlich wichtig.

Sie stammen beide aus Australien. Vielleicht verbindet das?
Eher nicht. Kennen Sie Australier? Die sagen nicht, wie es ihnen geht. Sie sind nicht ehrlich. Sie sind extrem konservativ. Sie können es nicht leiden, wenn jemand heraussticht. Wenn einer ihnen zu groß wird, machen sie ihn um einen Kopf kürzer. Und sie mögen keine Probleme. Sie hassen Probleme. So sind wir.

Erkennen Sie sich darin noch?

Ich glaube, ich habe noch viel davon. Als ich in den Achtzigerjahren nach Berlin kam, war ich schockiert, was sich die Leute dort so ins Gesicht gesagt haben. Dass sie gezeigt haben, wenn sie wütend waren oder traurig. Die Australier zeigen sich nicht. Besonders die Frauen nicht. Die archetypische Australierin ist stark und tapfer und beklagt sich nie. Als würde sie nichts fühlen.

Und der Mann?

Ach, der Mann. Reden wir nicht von Männern. Frauen wissen gar nicht, wie Männer sind, wenn sie unter Männern sind. Ich bin ständig unter Männern, ich muss es wissen. Männer können sich selbst nicht ausstehen.

Hätten Sie vor zwanzig Jahren gedacht, dass Sie mal so etwas wie ein normales Leben führen würden, mit Frau und Kindern in einer Stadt am Meer?

Also, wenn ich ehrlich bin, ja. Als ich Susie zum ersten Mal sah, hatte ich so ein Gefühl, dass es so sein könnte. Und wir lieben uns noch. Das ist erstaunlich, oder?

Sie sind sich Ende der Neunzigerjahre im Naturhistorischen Museum in London zum ersten Mal begegnet. Sind Sie auf sie zugegangen?
Ich habe vorsichtige Babyschritte auf sie zu gemacht. Aber erst in den nächsten Tagen. Ich bin eher schüchtern in der Hinsicht. Vielleicht kamen auch Babyschritte von ihrer Seite.

Sie haben mal gesagt, sie wüssten nicht, was eine gesunde Beziehung sein soll. Wissen Sie es jetzt?

Ob ich eine gesunde Beziehung mit meiner Frau führe, möchten Sie wissen. Wir verstehen uns gut, das ist schon mal ein Anfang, oder? Ich weiß immer noch nicht, was eine gesunde Beziehung ist. Aber wir kommen klar. Wir sind die meiste Zeit glücklich miteinander.

Nick Cave ist 56 Jahre alt und seit dreißig Jahren Bandleader der Bad Seeds. Zu seinen bekanntesten Songs gehört »The Mercy Seat«, den Johnny Cash gecovert hat, und das Duett mit Kylie Minogue, »Where The Wild Roses Grow«. Der Film »20 000 Days on Earth«, ab Oktober im Kino, begleitet ihn bei den Aufnahmen des Albums »Push The Sky Away« und erzählt halb dokumentarisch, halb fiktiv sein Leben. Cave stammt aus Australien, kam mit Anfang zwanzig nach Europa, lebte in Berlin, gründete die Bad Seeds, zu denen auch Blixa Bargeld, Frontmann der Einstürzenden Neubauten, gehörte, schrieb Romane, überwand seine Heroinsucht. Jetzt lebt er mit seiner Frau, dem früheren Model Susie Bick, und den gemeinsamen 14-jährigen Zwillingssöhnen in Brighton.     

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