Mutprobe Nr. 5: Zurück in die Heimat

Zu provinziell, zu klein, zu tot: Die Enge seiner Geburtsstadt Linz trieb Peter Praschl vor 30 Jahren in die Flucht. Erst jetzt hat er sich auf die Suche nach seinen Erinenrungen gemacht.

Vor Linz habe ich immer Angst gehabt. Nicht weil mir dort etwas passiert wäre. Sondern weil mir dort nie etwas passiert ist. Falls Sie Linz nicht kennen: Hitler ist dort zur Schule gegangen, Adalbert Stifter hat sich dort die Gurgel aufgeschlitzt, ich habe dort meine Kindheit verbracht. Eine Kindheit ohne Probleme, von jenen abgesehen, die andere Mittelschichtkinder auch haben. Manchmal gab es Leber, in der zehnten Klasse verschmähte mich Angelika, viel zu oft wurde ich ins Tor gestellt. Sonst passierte: nichts. Keine Ehrenrunden, keine Alkoholvergiftungen, keine dicken Tanten, die einen bei Besuchen ableckten. Nur das Trauma früh-, mittel- und spätkindlicher Langeweile. Ich überlebte sie nur, indem ich mir ein Innenleben zulegte. Nachts las ich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke Abenteuerromane und belebte mich mit der Fantasie, im Kreißsaal vertauscht worden zu sein und gleich nach der Aufklärung dieses Irrtums von meinen wirklichen Eltern abgeholt zu werden, Besitzern eines New Yorker Warenhauses.

Immerhin war ich mir sicher, dass es anderswo besser war. In den Zeitschriften, die mein Vater nach Hause brachte, sah es ganz danach aus. Hoch ragten Wolkenkratzer auf, überall tobte das Verbrechen, junge Männer trugen ihre Haare lang, die jungen Frauen keine Büstenhalter. Nach der achten Klasse, die ich als Bester abgeschlossen hatte, bekam ich vom Direktor des Akademischen Gymnasiums zur Belohnung feierlich ein Buch überreicht. Es war der Räuber Hotzenplotz. In diesem Augenblick erkannte ich: In Linz lohnt sich Leistung nicht, nur Flucht kann einen retten. Und so kam es, dass ich mich in den sich immer endloser dehnenden Jahren bis zu meiner Reifeprüfung mit einem Panzer aus Provinzverachtung umgab und nichts mehr unternahm, was mich an die heimatliche Scholle hätte binden können. Sogar meine Entjungferung mit 17 verlegte ich in die großen Ferien, nach Dublin. Nur keine Sentimentalitäten aufkommen lassen, die einen vom Weggehen abhalten konnten.

Jetzt, mit fast fünfzig, bin ich wieder da. Und schon bei der Ankunft verwirrt. Der Hauptbahnhof ist neu, ein paar Jahre schon und bereits mehrmals zum »schönsten Bahnhof Österreichs« gewählt. Wok-Imbiss, Gourmet-Restaurant, internationale Presse: alles da, was es auch im Berliner Hauptbahnhof gibt. Vielleicht spricht daraus die Großmannssucht, die Provinzstädte gelegentlich überkommt wie Fieberschübe; vielleicht aber handelt es sich um eine verzweifelte Strategie, die Linzer daran zu hindern, den erstbesten Fernzug nach Anderswo wirklich zu besteigen.

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Der Bahnhof ist nicht das einzige neue Gebäude. In meiner Jugend war Linz eine ganz normale Provinzstadt: schmucke Altstadt, sachlich unansehnliche Neubausiedlungen, eine Fußgängerzone, ein paar Sehenswürdigkeiten, die für einen halben Tag reichen, das Übliche, inklusive einiger architektonischer Stümpereien aus der Zeit, in der die Nazis die Richtlinienkompetenz bei der Stadtplanung hatten. Es ist schön, dass es solche Städte gibt, denke ich immer, sie lassen einen nicht im Ungewissen, dass man in die weite Welt hinaus muss. Doch während ich, froh, entronnen zu sein, Großstädte bewohnte, hatte sich Linz ein Upgrade-Programm verordnet: Lauter Prachtbauten aus Glas, Stahl, Beton, kühne Kuben, bei denen sich niemand überlegt hat, ob sie sich harmonisch ins Stadtbild fügen. Es gibt ein neues Kunstmuseum am Donauufer, das Lentos heißt und nachts weithin prächtig leuchtet, es gibt einen Wissensturm, es gibt eine SolarCity, gerade wird ein neues Musiktheater errichtet, die Schwerindustrie ist ökologisch nachgerüstet, der CO2-Ausstoß drastisch reduziert: als wollte man der Welt vorführen, wie man eine Industriestadt zur postindustriellen Wellness-Oase umbaut. Unerträglich. Man kann Linz nicht einmal vorwerfen, mit derlei Kosmetik die unschöne Vergangenheit als Führerstadt überschminken zu wollen. Vor gar nicht so wenigen Gebäuden im Zentrum kann man auf dem Trottoir nachlesen, was die Nazis hier getrieben haben: Arisierungen, Deportationen, Zerstörungen, alles sauber dokumentiert, der Nachwelt zur Mahnung.


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Gerade und noch bis Ende Dezember ist Linz Europäische Kulturhauptstadt und gibt sich tatsächlich Mühe, einen auf Schritt und Tritt mit Kunst zu traktieren. Eine Ausstellung namens »Höhenrausch« befasst sich mit den (Alb-)Träumen des Wegfliegens, Aufsteigens, Abhebens und führt auf einem Brücken-Parcours über Innenstadtdächer. Im Stifter-Haus dokumentiert eine Schau das Verhältnis von Dichtern zur Stadt (die meisten reisten bloß durch). Vor dem Lentos Kunstmuseum schaue ich mir eine Installation an, die saturierten Bewohnern der Ersten Welt die harsche Wirklichkeit in Flüchtlings-Camps und Auffanglagern nahebringen will. Die Sonntagnachmittags-Spaziergänger gucken sich das eifrig an, keiner nimmt Anstoß, längst gehört auch in der Provinz politisch engagierte Kunst zur Event-Kultur. Hinterher nimmt man einen Apéro im Museums-Café und bildet sich ein, man hätte etwas zur Verbesserung der Welt beigetragen, dabei ist alles geblieben, wie es immer schon war. Überall in der Stadt hängen Plakate eines FPÖ-Jungpolitikers, der es mit dem Slogan »Arbeitsstellen statt Zuwanderungswellen« in den Landtag versucht. Er sieht so unattraktiv aus, dass man ihm vor Mitleid nicht böse sein will.

Ich pilgere die Plätze ab, die mir in meiner Kindheit und Jugend wie Zellen eines Gefängnisses erschienen. Der Beichtstuhl in der Jesuitenkirche, in dem ich mich in der Woche vor meiner ersten Heiligen Kommunion fast angepullert hätte, vor lauter Versagensangst, nichts Wirkliches zu gestehen zu haben: ein harmloser Holzkasten, so nostalgisch, dass man ihn unter Denkmalschutz stellen könnte. Der Schlosspark, wo wir unsere Nachmittage mit Sinn-des-Lebens-Diskussionen und Reihumknutschereien verbrachten, auch sie nur Beschäftigungstherapie: gut gepflegter Rasen, anmutige Spazierwege, prima Aussicht. Man könnte ruhig hierbleiben, nichts Böses widerführe einem. In den Restaurants gibt es jetzt überall erstklassige Küche, noch einen Marillenknödel zum Dessert? Und wenn ich mich mit 18 nicht auf und davon gemacht hätte, säße ich sicher noch fast jeden Nachmittag im »Café Traxlmayr«, wo man bei einer einzigen Melange stundenlang die Zeitungen lesen kann, ohne dass der Oberkellner ein muffiges Gesicht zöge. Wie alle anderen meinesgleichen, die ich immer noch kennen würde, weil einem in Städten wie Linz gar nichts anderes übrig bleibt, als bestens bekannt zu bleiben, auch mit den Exfrauen und den Exaffären und den Männern der aktuellen Affären. Alle zusammen zögen wir uns an den Wochenenden superinteressante Kunst rein, kochten ständig füreinander, und vielleicht würden wir auch zusammen in den Urlaub fahren, oder an den Baggersee, an dem wir damals manchmal spätnachts nackt ins Wasser rannten, wenn die Stadt schon schlief, endlich einmal sehnsuchtsfrei. Nur Julius wäre nicht mehr dabei, einer meiner Jugendfreunde. Als ich schon längst weg war, ist er elend an Aids verreckt, zu viel ungeschützter Sex, in Linz wollte sich keiner schützen. Und die Zwillinge vom Nachbarhaus nicht, die am Heroin eingingen, und auch nicht Huberts Schwester, ein Mädchen, in das wir alle verknallt waren, bis ihr Vater sie erschoss. Ich könnte anläuten bei denen, die geblieben sind, ein paar von ihnen habe ich über Google gefunden, aber ich lasse es lieber, will nicht von Berlin erzählen müssen, ich weiß doch, wie es ist, wenn man jemandem in Linz von Berlin erzählt, so etwas tut man keinem an. Obwohl es in Berlin mit der stillen Verzweiflung oft nicht besser ist. Doch dort muss man sie nicht mit den anderen teilen, die alle auch ganz schön älter aussehen.

Das beste Buch, das es über Linz gibt, berichtet über die Anfänge der Punkszene in dieser hübschen oberösterreichischen Stadt. Man muss es nicht einmal lesen, sein Titel sagt eigentlich schon alles: Es muss was geben. Das denke ich noch immer. Deswegen steige ich wieder in den Zug nach Wien und dann ins Flugzeug, auf und davon. Den Linzern möchte ich zum Abschluss sagen: Es hat nichts mit euch zu tun. Es ist nichts Persönliches. Nur etwas Persönliches.

Peter Praschl lebt in Berlin. Zuletzt war er vor neun Jahren in seiner Heimatstadt Linz. Dennoch kann er ihr ein paar gute Seiten abgewinnen und empfiehlt daher die DVD Perfekt mit Kurzfilmen des Linzer Malers Dietmar Brehm (erschienen in der grandiosen Kollektion österreichischer Filme der Wiener Tageszeitung Der Standard) und die CD Stahlstadtkinder von Willi Warma (Garagen-Rock aus den 80ern, erhältlich über www.fischrecords.at)

Peter Rigaud (Fotos)

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