Untragbar

Klavier schleppen, heimwerken, Computerprobleme lösen - nichts leihen sich Singlefrauen so gern aus wie die Männer ihrer Freundinnen. Ehrlich gesagt: Das nervt.

»Bitte weiter ins Licht, Dieter!« Niemand spielt virtuoser auf der Klaviatur des Delegierens als die Singlefreundin.

Wenn weibliche Singles unter sich sind, zum Beispiel bei ihren kleinen Prosecco-Stammtischen, dann ziehen sie gern mal über ihre verheirateten Freundinnen her.

Das ist nicht nur im Kino so, sondern auch im wahren Leben; ich weiß das, weil ich gern in Kaffeehäuser gehe und gute Ohren habe. Und ich kann das schlechte Rating zum Teil verstehen.

Wohl wahr, dass wir fest Liierten mit einer gewissen Bräsigkeit reagieren, wenn es um einen unwiderstehlichen Last-Minute-Trip nach Mailand ins Prada-Outlet geht. Dann hören wir uns was von Schwiegereltern-Besuch murmeln. Oder müssen erst mal unseren Mann fragen. »Der läuft dir doch nicht weg«, meint die Singlefreundin und gibt damit subtil zu verstehen, wie sie seinen erotischen Marktwert einschätzt.

Die Kritik der unternehmungslustigen, ungebundenen Frauen richtet sich nicht nur gegen unsere mangelnde Spontanität. Das kann man in schöner Regelmäßigkeit in Frauenzeitschriften nachlesen. Nein, am meisten nagt an ihnen, dass sie so selten von verheirateten Leuten eingeladen werden. Warum das so ist, kann ich mir denken. Meine Singlefreundinnen fragen bei jeder Einladung zuerst: »Wer kommt denn noch?« Betet man dann die Gästeliste runter, fallen die Mundwinkel gleich hinterher: »Ach! Nur Ehepaare?« Ja, tut mir leid, aber woher soll ich eine Reservistentruppe an Junggesellen nehmen, wenn sie selber gerade keinen rekrutieren können?

Exemplarische Singlefrauen – wir nennen sie jetzt mal Ariane und Beatrix – waren schon dreimal verheiratet oder nie. Jedenfalls leben sie derzeit allein, sind aber unaufgeregt auf der Suche. Nicht unbedingt nach dem Mann fürs Leben. Einer für gewisse Momente oder Dienstleistungen täte es auch. Wir wissen das, weil Ariane und Beatrix gern und offen darüber sprechen. Und weil sie unsere Freundinnen sind, halten wir die Augen offen.

Wir machen mentale Notizen von Orten, wo die Zahl anhangloser Männer die der Händchen haltenden oder Kinderwagen schiebenden Herren deutlich übertrifft. Diese magischen Orte sind rar. Es sind Fachgeschäfte für Schrauben und Dübel oder Modellbau oder Elektronik. Plätze, an die man sich als verheiratete Frau nur mit einem Einkaufszettel traut, wenn der Mann grad ein Gipsbein hat.

Letzte Weihnachten habe ich meiner Tochter einen Espresso-Kurs spendiert, wie er heutzutage in allen Großstädten angeboten wird, damit die Kunden die Geheimnisse der perfekten crema kennenlernen (und wahrscheinlich auch, damit sie nebenbei eine 3000-Euro-Maschine kaufen). »Wie war’s?« fragte ich. »Sehr lehrreich, aber ansonsten fad. Außer mir nur betuchte Männer über 35.« Kam auf die Merkliste; Maschinen und einsame Männer, das gehört irgendwie zusammen. Bloß ist es irgendwie schwierig, glaubwürdig in der BMW-Niederlassung für schwere Motorräder herumzulungern, wenn man noch nicht mal einen Krad-Führerschein hat. Gut sind natürlich Geschäfte für Anglerzubehör oder Schallplattenläden, nur entspricht die Klientel nicht so ganz dem Anforderungsprofil von Ariane und Beatrix.

Warum ich diese Profiler-Dienste für meine Freundinnen überhaupt leiste? Weil ich es satthabe, ständig meinen Mann auszuleihen. Auch wenn es sich um ganz unverfängliche Dinge dreht wie Lampen aufhängen, Versicherungspolicen durchlesen oder das Faxgerät reparieren. Lauter Sachen, die aus stolzen Ehemännern Hilfs-arbeiter zum Nulltarif machen.

Die Anwerbung vollzieht sich meistens von Frau zu Frau. Etwa so: »Hat dein Mann am Sonntagnachmittag schon was vor? Ich müsste einen Ikea-Schrank aufbauen, aber der Handwerker könnte erst Mittwoch. Und vor allem kommt Philip am Montag – das ist der Tierarzt, von dem ich dir erzählt habe, drück mir die Daumen, und da wollte ich mein Schlafzimmer bisschen in Ordnung bringen, das verstehst du sicher.« Eigentlich wollten wir am Wochenende ja Freunde auf dem Land besuchen. Aber wer will schon dem möglichen Liebesglück Arianes mit einem ordnungsliebenden Tierarzt im Wege stehen? Ich versuche noch, ihr die Zusammenfummelei eines Ikea-Schrankes im Schlafzimmer als originelles bonding-Erlebnis zwischen zwei noch halb fremden Menschen zu verkaufen, kann mich allerdings nicht durchsetzen.

Kannst du C. nicht vorbeischicken?

Oder so: Ariane möchte sich auf die Schnelle den Guide Michelin für Südfrankreich ausleihen oder meine Louboutins, weil: »Du hast sie ja eh nie an.« Weil sie irgendwie rausgefunden hat, dass ich gerade nicht abkömmlich bin, schiebt sie schnell den Vorschlag nach: »Kannst du C. nicht vorbeischicken? Ich dachte, er könnte das Teil auf dem Weg ins Büro vorbeibringen. Sind doch nur 20 Minuten Umweg.« Hat sie noch nie von Kurierdiensten gehört? Und dass ein Ehemann es nicht sonderlich schätzt, wenn die Ehefrau seinen Arbeitstag mit Botenfahrten anreichert? Hat ja schließlich nicht jeder ein Helfersyndrom. Aber natürlich lässt man sich breitschlagen; obwohl man ahnt, dass man den Abend dafür mit einem Brummbären verbringen muss.

Gute Freundinnen des Hauses brauchen die Vorzimmerdame des gewünschten Dienstleisters nicht: Sie nehmen ihn direkt in Beschlag.

Beatrix zum Beispiel ist eine kontaktstarke Frau, die ich erst vor einigen Monaten kennengelernt habe; sie betreibt mit großem Mut und Engagement eine kleine Designgalerie, die nicht viel abwirft. Beatrix hat eine schnelle Auffassungsgabe, ein gutes Gedächtnis und eine beeindruckende Menschenkenntnis, und so fiel es ihr nicht schwer, sich in Rekordzeit auch mit meinem eher zurückhaltenden Mann herzlich anzufreunden. Sie schickt ihm Mails mit Terminen und sogar Links zu Themen, die ihn interessieren.

Macht mich das eifersüchtig? Nein; großes Ehrenwort. Beatrix ist viel zu klug, um sich für einen in der Wolle gefärbten Familienvater in beunruhigender Weise zu interessieren – sie spielt nur ihr Talent aus, sich eine Schattenarmee von handymen zu rekrutieren. Ich bewundere das; Beatrix besitzt eine Sammlung von Nothelfern für alle Lästigkeiten des Lebens: einen, der sich mit Steuersachen auskennt, und einen, der was von Computern versteht; einen Spezialisten für Mietrecht und einen, der ihr auch in ausgebuchten Restaurants jederzeit einen Platz verschaffen kann. In dieser Taskforce war noch Platz für einen Allrounder. Das ist jetzt mein Mann.

Und irgendwie schmeichelt es ihm halt dann doch, einer Frau zu zeigen, wie man Winterreifen montiert oder das Tröpfeln der Dusche abstellt. Daraus lässt sich zweierlei lernen.

Erstens, Gurren bringt mehr als Murren, auch in der Ehe. Man darf seinen Mann ruhig mal loben für seine unnachahmlichen Fähigkeiten beim Ausrichten von Fernsehantennen, dann muss er sich diese Bestätigung nicht bei unseren Singlefreundinnen einholen.

Zweitens sollte eine verheiratete Frau jeden Impuls unterdrücken, im Beisein ihrer Singlefreundinnen mit gewissen Qualitäten ihres Manns zu renommieren. Nach dem Motto: »C. kann jeden Computer reparieren, versteht aber auch wahnsinnig viel vom Treppenentknarzen.«

Leihmänner sind bei alleinstehenden Frauen aus naheliegenden Gründen besonders gefragt, wenn sie handwerkliche Fertigkeiten besitzen. Aber es ist kein Muss: Unser Mann hat vielleicht zwei linke Hände, kann aber die Schwacke-Liste auswendig, was ihn zur idealen Begleitdogge beim Gebrauchtwagenkauf macht. Er kann zwar keinen Nagel gerade in die Wand schlagen, aber Muskeln hat er. Das prädestiniert ihn zum Umzugshelfer und Möbel-Verrücker. (Singlefrauen räumen ständig ihre Wohnungen um; viele Ehefrauen täten das auch gern, scheitern aber meist am Veto des Mitbewohners.)

Doch nicht jeder fremde Ehemann taugt zum Leihen. Eine meiner Freundinnen ist mit einem Schriftsteller verheiratet. H. hat weder einen Schlagbohrer noch einen Führerschein, er studiert keine Aktienkurse und verabscheut körperliche Anstrengungen. Was H. schreibt, erinnert nicht im Entferntesten an Wilhelm Busch oder Robert Gernhardt. Dennoch wird er von den Freundinnen seiner Frau unverfroren angezapft mit der Bitte um ein Festgedicht zur goldenen Hochzeit ihrer Eltern oder um einen Limerick für den Geburtstag ihres Chefs: »Das schüttelst du doch leicht aus dem Ärmel!« H. schüttelt aber nur den Kopf. Kauziger Künstler halt, komischer Kerl, meint Ariane.

Komisch auch, dass nie ein Singlefreund meines Mannes anruft, um ihn zu fragen, ob er mich nicht mal schnell vorbeischicken könnte. Um ihm einen Knopf anzunähen, den Hochdruckreiniger zu bringen oder ein Omelett zu backen.

Illustration: Dirk Schmidt

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