»Einfach nur verletzend«

Unser Autor geht mit seiner elfjährigen Tochter Jeans kaufen – und alle sind ihr zu eng. Über den Moment, wenn einem Kind von einer Modekette gesagt wird, dass es nicht dazugehört.

Hauptsache eng – Schaufensterpuppen in einem Jeans-Geschäft.

Foto: Pollyanna Ventura/istockphoto.com

Meine Tochter brauchte neue Jeans, darum ging ich mit ihr zu H&M. Einfach, weil es so naheliegend ist. Wir wohnen in einer Großstadt, darum ist eine Filiale dieser schwedischen Bekleidungskette das erste Geschäft in unserer Nähe, in dem man für eine Elfjährige, die im letzten Jahr pro Monat einen Zentimeter gewachsen ist, eine Jeans kaufen kann. Dachten wir jedenfalls. Eine frustrierte Dreiviertelstunde später sagte meine Tochter: »Einfach nur verletzend.« Weil ihr bei H&M wieder keine einzige Jeans gepasst hatte.

Meine Tochter findet sich nicht dick. Aber, sagt sie: »Wenn ich bei H&M rauskomme, habe ich das Gefühl, die teilen die Leute ein in Dünne und Dicke, und weil mir da nichts passt, gehöre ich zu den Dicken.« Oder, wie H&M selbst in einer ganz wabbeligen, wohlfeilen Antwort auf meine Kritik: Das Angebot bei ihnen richte sich eben nach der Nachfrage. Das bedeutet konkret: H&M bietet online in der Kindergröße 164 einhundertundfünfzig verschiedene Jeansmodelle an. Die allermeisten, nämlich 137, in »slim fit« oder »skinny fit«, und die, die etwas lockerer sitzen, sind fast ausschließlich für in diesem Alter schmalere Jungen. Es gibt also das Angebot für meine Tochter tatsächlich nicht. Kann man das aber mit der mangelnden Nachfrage erklären?

Manche sagen, wir sollen es doch mit Boyfriend- oder Mom-Jeans-Schnitten probieren. Ganz abgesehen davon, dass ich die Bezeichnung »Boyfriend-Jeans« bei einer Elfjährigen völlig daneben finde: Wie bezeichnend, dass erstmal vor allem Männer ein Anrecht auf bequeme Schnitte haben, oder Mütter, die aus Sicht der Modeindustrie offenbar jenseits von gut und böse sind. Da gäbe es viel zu entpacken und zu analysieren, aber: Es ist absurd, mit einem Kind in einen Laden zu gehen und nach Mom- oder Boyfriend-Schnitten zu fragen.

Es ist wie eine Drohung: Von nun geht es nicht mehr darum, ob sie sich wohlfühlt, sondern darum, wie andere sie bewerten und beurteilen.

Natürlich betrifft das Problem nicht nur H&M. Bei Zara und New Yorker und anderen ist es ähnlich. Aber H&M hat durch seine Allgegenwart in den deutschen Fußgängerzonen und Einkaufszentren, durch seine massenhafte Werbung mit großen Stars und durch seine niedrigen, taschengeldtauglichen Preise erreicht, dass die Marke bei Mädchen im Alter meiner Tochter als der erstrebenswerte Mode-Mainstream gilt. Das ist schön für die Marke (die dennoch an der Börse und insgesamt derzeit in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckt), aber sehr schlecht für Mädchen, die nicht in H&M-Jeans passen. Denn die Botschaft, die bei ihnen ankommt, ist ebenso klar wie, siehe oben, verletzend: Du gehörst nicht dazu.

Das gilt nicht nur für elfjährige Mädchen. Modepäpste, -zaren oder -zyniker wie die Mall-Fashion-Designer Abercrombie & Fitch haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ihre Sachen nur für Dünne sind. Auch der jüngst gestorbene Karl Lagerfeld pflegte sein Publikum mit Sprüchen über »dicke Muttis« zu unterhalten, die niemand in dünner Mode sehen wolle. Fat shaming gilt in jedem Alter, und auch für Jungen und Männer. Aber es ist auf ganz besondere Weise verstörend, dabei zuzusehen, wie einer Elfjährigen klar wird, dass für sie als Heranwachsende Regeln gelten, auf die sie keinen Einfluss hat.

Ab dem Moment, wo sie bei H&M in keine »slim fit«- und »skinny fit«-Jeans passt, es in der Filiale aber nur solche in den Regalen gibt, wird ihr nicht nur klargemacht, dass sie nicht dazu gehört. Ihr wird klargemacht, dass von nun an andere darüber bestimmen wollen, ob sie und ihr Körper okay, richtig, normal sind oder nicht. Es ist wie eine Drohung: Von nun geht es nicht mehr darum, ob sie sich wohlfühlt, sondern darum, wie andere sie bewerten und beurteilen. Und zwar nicht ihre Freund*innen oder Mitschüler*innen, dafür gibt es inzwischen Trainings und aufgeklärte, kluge Lehrer*innen, und von Angesicht zu Angesicht wehren kann sie sich. Aber es ist diese übergeordnete Instanz, nennt es die Gesellschaft, nennt es das Patriarchat, nennt es den ganzen Scheiß: Diese übergeordnete, unpersönliche, allgegenwärtige Stimme, die sich plötzlich erhebt und die sagt, du bist zu dick für Jeans, und warte mal ab, bald erzählen wir dir noch ganz andere Sachen, und sobald du noch ein paar Jahre älter bist, gehört dir dein Körper schon gar nicht mehr, zum Beispiel nicht dein Bauch.

Für Eltern ist es ein seltsamer, ätzender Moment. Klar, wir lernen früh, dass wir Verantwortung über unsere Kinder abgeben müssen: an die Kita, an die Schule, an andere Menschen, mit denen unsere Kinder Zeit verbringen. Aber den Bodyshaming-Instanzen der Modeindustrie möchte ich mein Kind nicht ohne Gegenwehr überlassen. Ich weiß, es gibt sowieso schon genug Gründe, die gegen Modeketten wie H&M sprechen. Und es müsste mich beschämen, dass die Ausbeutung und die Wegwerfmentalität mich bisher nicht stark genug abgeschreckt haben. Ich führe ein unperfektes Leben im falschen. Meiner Tochter zu sagen, dass sie nicht in Ordnung ist: Das ist dieses eine Ding zu viel. Für mich sind Läden gestorben, in denen einer Elfjährigen keine Hose passt. Ich hoffe, ihr bleibt eines Tages auf einem Everest von Skinny-Jeans sitzen, oder eure Läden werden darunter begraben.

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