»Es gibt nichts Langweiligeres als tote Puppen mit hübschen Kleidern«

David Bowies Bühnen-Outfits, Alexander McQueens wildeste Entwürfe, Jeans aus brennenden Fabriken: Das Londoner Victoria and Albert Museum besitzt die größte Modesammlung der Welt. Ein Gespräch mit dem Direktor Martin Roth über die politische Dimension seiner Exponate.

SZ-Magazin: Herr Roth, was ist so interessant an Mode, dass man sie für die Nachwelt bewahren muss?
Martin Roth:
Es gibt in der Mode Designelemente und ästhetische Strategien, die uns zeigen, wie sich Geschmack ausbildet, wie sich Gestaltung entwickelt, wie sich Menschen darstellen. Das ist ein immenser kultureller Schatz. Nicht umsonst gehen hier im V & A diverse bedeutende Modedesigner ein und aus. Alexander McQueen zum Beispiel war sehr oft in unseren Archiven, um sich inspirieren zu lassen. Und genau das ist ja der Sinn der Sache!

Wie hält man so eine Sammlung am Leben?
Man darf nicht alles sammeln, sondern nur das Spezifische, das Herausragende, sonst bildet man die Welt nur eins zu eins ab. Dafür muss man mit Experten zusammenarbeiten, die einem genau erklären können, welches Objekt aus welchen Gründen unbedingt aufgenommen werden muss. Das kann das Material sein, der historische Kontext, die reine Ästhetik, eine Referenz …

Oder eine Jeans aus einer abgebrannten Näherei in Bangladesch, die Sie kürzlich erworben haben. Was hat sie qualifiziert?
Sie ist ein Zeitdokument von historischem Rang mit einer besonderen auratischen Qualität. Sie mag modehistorisch nicht relevant sein, doch sie ist ein Beleg für bestimmte Produktionsbedingungen Anfang des 21. Jahrhunderts, für Billigarbeit; sie ist, wenn Sie so wollen, ein politisches Objekt. Ins Museum gehören auch Dinge, die Debatten auslösen.

Was sind Ihre wertvollsten modischen Schätze?
Wir verfügen über eine immense Anzahl an Kostümen aus allen Zeiten, aber auch alte Textilien aus Indien, aus den ehemaligen britischen Kolonien, aus der arabischen Welt. Wir haben peruanische Stoffe und Muster aus der vorkolumbianischen Zeit, die nun in unserem neuen, öffentlich zugänglichen Depot im Blythe House in South Kensington lagern. Da kommen 80-jährige Frauen zur Recherche, die sich ihr Leben lang mit Hüten beschäftigt haben, oder Historiker, die bestimmte chinesische Textilien suchen. Es ist ein Ort der Forschung und des Austauschs.

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Wie begeistert man, jenseits solcher Kenner, normale Museumsbesucher für Mode, die vielen als oberflächlich und vergänglich vorkommt?
Es ist eher andersrum: Wir müssen uns anstrengen, überhaupt noch Inhalte rüberzukriegen bei all dem Hype um Mode hier. Wenn Paul Smith bei uns einen Vortrag hält, dann platzt das Museum. Oder die Bowie-Ausstellung vergangenes Jahr. Binnen Tagen waren 50 000 Karten verkauft, und das noch vor der Eröffnung. Uns geht es um Überlagerungen, Überschneidungen von Kunst, Geschichte, Popmusik, Alltagsleben und natürlich Mode. Wir trennen das hier nicht. Ich denke, das ist Teil unseres Erfolgsrezepts.

London ist eine Modestadt. Würden denn solche Ausstellungen auch woanders so einschlagen?
In Dresden eher nicht, wenn Sie das meinen. London steht für bestimmte Erwartungen. Man definiert sich über die Coolness, darüber, wie man sich gibt, wie man sich anzieht. Fahren Sie hier mal U-Bahn und vergleichen Sie das mit dem Straßenbild in Berlin. Selbst in abseitigen Ecken Londons und draußen in den Randbezirken, wo die Leute echt kein Geld haben und von überall aus der Welt stammen, legen alle Wert auf ihr Äußeres. Es gibt hier einen Sinn für Stil und Eleganz, auch für Höflichkeit.

Was unterscheidet London denn von anderen Modestädten wie Mailand oder Paris?
In London steht hinter dem Stil ein großes Wir-Gefühl, das sich in der Mode ausdrückt. Mode verbindet ja auch, trotz all der Klassenschranken, die es hier noch gibt. Diese Stadt ist so voll – da muss man schon was darstellen, um herauszustechen.

Wie reagiert man als Museumsmacher darauf, dass alle per Handy alles abfotografieren, alles sofort nachschlagen können?
Indem man sich auf das Kerngeschäft konzentriert – ist doch auch eine Chance, wenn man nicht so viel erklären muss. Museen sind ja wahnsinnig flexibel, die kriegen Sie nicht tot durch Technologie. Als das Kino kam, hieß es: Das Museum ist nicht mehr zeitgemäß. Als das Fernsehen seinen Siegeszug antrat, ebenso. Als Bill Gates sein »Virtual Museum« in den Achtzigerjahren vorstellte, prophezeite man uns den Untergang. Nur: Es geht uns besser denn je. Museen sind nicht ersetzbar.

Aber anpassen muss man sich schon, oder?
Natürlich. Museen werden durch Technologien ergänzt. Und wenn die Zeit gekommen ist, muss man sich von alten Dingen verabschieden: Die Ära der Audioguides wird bald vorbei sein. Zumindest bei uns.

Was kommt stattdessen?
Mobile Downloads. In Zukunft wird man sich seine Hintergrundinfos selbst zusammenstellen können.

Sie sind jetzt seit gut zwei Jahren Museumsdirektor hier. Was ist Ihre Vision?
Als Prinz Albert dieses Museum Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Weg gebracht hat, ging es ihm darum, Gestaltungselemente aus anderen Kulturen und Weltgegenden zusammenzuführen als Referenz. Das war zur Zeit von Engels und Marx. Früher nannte man das »Vorbildersammlung«. Es ist wie eine Bibliothek der Objekte. Diesen Tresor muss man immer wieder zugänglich machen. Für mich ist ein Museum ein Ort der Debatte, der Bildung, der Reflexion darüber, was eine Gesellschaft ausmacht. Mein Ideal wäre ein Museum ohne Hierarchie.

Sie verlangen doch schon jetzt keinen Eintritt, außer für Sonderausstellungen. Welche Hierarchie meinen Sie?
Keine Ahnung, da sitzen wir gerade dran. Fragen Sie mich in drei Jahren wieder. Wir haben so viel in unseren Archiven, können aber nur so wenig zeigen. Das muss sich ändern, da müssen wir offener werden. Der Besucher wird sich irgendwann seine Ausstellung vorher selbst zusammenstellen. Es wird auf einen Mix aus digitalen Elementen und dem physischen Museum hinauslaufen.

Museen sind notorisch knapp bei Kasse – gilt das auch für das erfolgreiche V & A?
Die Zeiten, in denen wir nicht über Sponsoren und Gönner nachdenken mussten, sind vorbei. Wir haben hier allein vierzig Mitarbeiter, die nur damit beschäftigt sind, Geld zu beschaffen. Doch ich finde diese Entwicklung gar nicht schlecht. Es sind viel zu viele Museen gegründet worden in den letzten Jahrzehnten, vor allem Privatmuseen.

Was spricht gegen mehr Museen?
Wäre es nicht gescheiter, die Schätze an große Museen zu geben? Jede Kleinstadt hätte am liebsten ein Museum wie in Bilbao. Die meisten vergessen dabei: Ein Museum kann nie mit Profit arbeiten, gleichwohl muss man es wie ein Geschäft betreiben.

Bekommen Sie alle Objekte, die Sie wollen?
Bis jetzt fast immer. Dabei bin ich schlecht beim Handeln und noch schlechter beim Einschmeicheln. Ich bin viel zu geradeheraus, ich sage sofort, was ich will.

Im Frühjahr 2014 wird es eine große Schau italienischer Mode im V & A geben, für die Sie mit führenden italienischen Modefirmen zusammenarbeiten. Wie bewahrt man dabei als Museum seine Unabhängigkeit?

Natürlich arbeiten wir mit den Modehäusern zusammen, die haben ja alle eigene historische Sammlungen, Filme, Dokumente – es wäre sträflich, darauf zu verzichten. Aber wir lassen uns von diesen Unternehmen nicht bezahlen.

Wie stellt man im 21. Jahrhundert Mode in einem Museum dar?
Ein uraltes Thema. Es gibt ja nichts Langweiligeres als tote Puppen mit hübschen Kleidern! Das muss man animieren und in einen szenografischen Kontext setzen. Je mehr so eine Ausstellung mit Film, Zeitdokumenten, Interviews, Fotos, Musik durchdrungen ist, desto plastischer und lebendiger wird sie. Man darf nicht vergessen, wie schnell Mode und das, was einmal mit ihr verbunden war, in Vergessenheit gerät.

Wie kommt man gegen diese Halbwertszeit an?
Indem man sie thematisiert, zum Beispiel in Vorträgen. Vor einem Jahr hielt Mary Quant einen hier im V & A. Sie ist mittlerweile bald achtzig. Ich saß in der letzten Reihe und war einer der Ältesten im Publikum. Irgendwann sagte sie, Millionen von Männern wären ihr für die Erfindung des Minirocks bis heute dankbar. Der Einzige, der gelacht hat, war ich, weil niemand der jüngeren Generation verstanden hatte, wovon sie sprach. Dankbar wofür? Für die war der Minirock eine gegebene Sache. Sie haben den gesellschaftlichen Umbruch, der mit dem Minirock verbunden war, einfach nicht miterlebt.

Wie konserviert man Mode?
Wenn man sie entsprechend lagert – kühl, nicht zu feucht – halten sich Kleidungsstücke und Stoffe erstaunlich gut und nahezu unbegrenzt. Manches muss man vorher reinigen und wieder instand setzen. Die abgerissene Lederjacke aus der Punkzeit nicht, die können Sie so lassen, wie sie ist, die braucht den Schmutz. Aber alles andere. Dafür haben wir eine eigene Abteilung mit Schneidern und Restauratorinnen.

Motten?
Unser größter Feind. Inzwischen arbeiten wir mit Wirkstoffen, die bei Motten eine sexuelle Konfusion auslösen, sodass sie nicht mehr wissen, mit wem sie gern, na, Sie wissen schon. Aber wir müssen immer auf der Hut sein, die Viecher ändern ihr Verhalten so schnell, wie die Moden kommen und gehen.

(Fotos: Victoria & Albert Museum London; dpa; Jens Passoth/laif; Cineliz/AllPix/laif)

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