Highway to Hellas

Korruption und Staatsschulden: Die Griechen sind mit ihrem Latein am Ende. Zum Glück haben wir einen griechischen Mitarbeiter, der uns erklären kann, was da los ist.

Als ich im vergangenen Sommer auf der Insel Kefalonia meinen Urlaub verbrachte, lernte ich Ioannis Makrogiannis kennen. Makrogiannis, Vollbart, Kapitänsmütze, viele tiefe Falten um die dunklen Augen, organisiert Bootsfahrten zur Navagio-Bucht der Nachbarinsel Zakynthos. Er gehörte 1980 zur Crew des mit Zigaretten beladenen Schmugglerschiffs Panagiotis und erzählte, wie die Küstenwache die Panagiotis verfolgte, bis dem Kapitän nur noch die Möglichkeit blieb, in der Bucht auf Grund zu laufen.

»Die Polizisten haben jedem von uns Matrosen damals eine Stange Zigaretten in die Hand gedrückt und gesagt, wir sollten nach Hause gehen.« – »Was ist mit den anderen Tausenden von Stangen passiert?«, fragte ich ihn. Und Makrogiannis’ Lachen übertönte für ein paar Sekunden das laute Rattern des alten Dieselmotors. »Was glaubst du denn? Die haben das Zeug selbst verkauft. Junge, du weißt doch: Alle Griechen sind korrupt. Aber die korruptesten sind unsere Staatsdiener.« Makrogiannis’ Boot ist nicht das einzige, das in der Bucht vor Anker liegt. Mit der Zeit ist die vor sich hin rostende Panagiotis zur Touristenattraktion geworden. Ein Postkartenmotiv, das die griechische Tourismusbehörde für ihre Werbekampagne nutzt: »Griechenland. Ein Meisterwerk« steht auf dem Plakat. Viele Touristen haben ihre Namen in die Schiffswand geritzt (»Klaus was here«), aber vorn am Bug steht in großen griechischen Buchstaben: ELLAS.

Griechenland: ein altes, verrostetes Wrack, umzingelt von zweihundert Meter steil aufragenden Felswänden. Das Wrack ist der Staat, der Staat ist das Wrack. Pittoreske Ausweglosigkeit.

Normalerweise erfüllt es einen mit Stolz, Hellene zu sein. Griechenland ist ein wunderschönes Land, Hunderte Inseln, eine fast 14 000 Kilometer lange Küste und eine noch längere Geschichte. Kein anderes Land hat die westliche Zivilisation mehr geprägt als unseres. Wir rühmen uns, direkte Nachfahren der alten Griechen zu sein. Wir lieben unser Land, aber so wie Ioannis Makrogiannis trauen wir unserem Staat nicht eine halbe Seemeile über den Weg. Das ist das große Paradoxon der griechischen Identität: Unser Staat ist unser natürlicher Feind.

Die Nachricht, dass er vor dem Bankrott steht, haben wir eher gelassen hingenommen. Was uns aber erzürnt, ist, dass unser Weltruf in den letzten Wochen so gelitten hat: Unser Staat hat seine Glaubwürdigkeit im Ausland verspielt. Führende Ratingagenturen haben seine Kreditwürdigkeit herabgesetzt, der Finanzmarkt hat sozusagen ein »Vorsicht! Falle!«-Schild vor unsere Haustür gestellt, was zu höheren Zinsen bei dringend benötigten Neukrediten führt.

Die EU-Kommission verlangt deshalb einen knallharten Sparhaushalt von unserer Regierung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung forderte schon Griechenlands Ausschluss aus der Euro-Gemeinschaft, manche EU-Finanzpolitiker gar den Rausschmiss aus der Europäischen Union, weil unsere Politiker wiederum jahrelang mit gefälschten Bilanzen gearbeitet haben: Schon unsere Haushaltsdaten für den Euro haben wir schöngerechnet. Das liegt etwa zehn Jahre zurück.

Wir haben auch die Höhe unseres Staatsdefizits nicht immer exakt angegeben: Statt der krisenüblichen sechs Prozent waren es 2009 knapp 13 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Unsere Schulden liegen bei knapp 300 Milliarden Euro. Dieses Jahr wird unser Schuldenstand auf mindestens 125 Prozent des BIP anwachsen, damit hängen wir Schuldenrekordler Italien locker ab und landen auf Platz vier der meistverschuldeten Staaten der Welt.

Wir sind der einzige Euro-Staat, der die Stabilitätskriterien noch nie eingehalten hat. Hinzu kommen innenpolitische Probleme: gewaltsame Studentenproteste, vorsätzlich angefachte Waldbrände, Streiks, ein marodes Rentensystem, ein Steuersystem, das von der Bevölkerung ignoriert wird, Bau- und Sexskandale, Vetternwirtschaft, Schwarzarbeit, Korruption. Kurz: Wir stehen im Jahr 2010 mit dem Rücken zur Wand. Griechenland ist am Ende.

Wie konnte es nur so weit kommen?


KOUMPARIA KAI ROUSFETI – Vetternwirtschaft
Diese kurze Geschichte bekommt fast jeder junge Grieche einmal im Leben zu hören, sie ist in den letzten zwanzig Jahren zur Legende geworden: Es war einmal ein Grieche, der einen Comicladen in Heidelberg führte. Der Comicladen ging pleite, und der Grieche war arbeitslos. Obendrein hatte er einige tausend Mark Schulden angehäuft.

In seiner Verzweiflung rief er seinen Cousin in Athen an und bat ihn um einen Job. Der Cousin war ein ranghoher Funktionär im Bauministerium. Es ist das Jahr 1984. Griechischer Premierminister ist Andreas Papandreou, Vater des jetzigen Premierministers Georgios Papandreou. Korruption und Vetternwirtschaft blühen, goldene Zeiten für viele Griechen. Der EU-Beitritt drei Jahre zuvor spült viel Geld ins Land, Geld, das vor allem in die Infrastruktur investiert werden soll: in neue Straßen, neue Schienen und – im gebirgigen Mittelgriechenland – auch in neue Tunnelbauten.

Was nun folgt, nennt man in Griechenland »Rusfeti«, Gefälligkeit. Meist geschieht dies unter Familienangehörigen, guten Freunden (den wirklich guten Freunden) oder wichtigen Geschäftspartnern. Der Cousin im Bauministerium beruhigt seinen Verwandten: Er habe da eine Stelle für ihn, ein Projekt, das der Cousin leiten könnte. Nichts Dramatisches, er werde verantwortlich sein für einen Tunnelbau nahe der Stadt Kozani. »Tunnelbau?«, fragt der Comicladenbesitzer etwas erstaunt. »Muss man dafür nicht Ingenieurwesen studiert haben?« – »Normalerweise schon«, antwortet der Funktionär. Aber so ein Tunnel sei schnell gegraben, »die Bagger baggern doch alle geradeaus«.

Drei Wochen später ist der Ex-Comicladenbesitzer ohne jede Vorkenntnisse Chef eines Bauprojekts mit mehr als dreißig Mitarbeitern. So weit die Legende.
Nun weiß man aus der jüngeren Geschichte, dass Franzosen und Engländer einen Tunnel unter dem Ärmelkanal gegraben und sich gerade einmal um vier Millimeter verrechnet haben. Eine architektonische Glanzleistung. Der weitaus anspruchslosere Tunnelbau nahe Kozani verläuft weniger glanzvoll.

Auch dort baggert man von beiden Seiten los, um sich in der Mitte zu treffen. Doch leider kommt es nie zu einer Zusammenkunft. Die beiden Grabungen – so hat man später ausgerechnet – verpassen sich nicht um Millimeter, auch nicht um Zentimeter: Zwischen den beiden Endpunkten liegen fünfunddreißig Meter.

In jedem anderen Land der Welt wäre das ein Skandal. In Deutschland würde der Bauminister, wenn es einen gäbe, zurücktreten. Die Konsequenzen in Griechenland? Die Tunnelröhren wurden wieder zugeschüttet, der Bauleiter verschwand, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, der Funktionär im Bauministerium bekam eine Abmahnung. »Rusfeti« (übrigens ein Wort, das wir aus dem Türkischen übernommen haben), diese kleinen Gefälligkeiten, sind die Scharniere der griechischen Ökonomie. Laut einer Schätzung der griechischen Zeitung Real News verdankt beinahe jeder dritte Arbeitnehmer in Griechenland seinen Arbeitsplatz einem Rusfeti.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: 1600 Euro Schmiergeld zahlt eine griechische Familie durchschnittlich pro Jahr)

FAKELAKI – Korruption, verpackt in Briefumschläge
»Briefumschlag« heißt auf Griechisch »Fakelo«. Die Verniedlichungsform lautet: »Fakelaki«. Bestechung und Korruption sind in Griechenland nicht die Ausnahme; es ist nicht skandalös, die Hand aufzuhalten. Im Gegenteil: Es gehört so sehr zum Alltag, dass wir die Verniedlichungsform dafür verwenden.

Die Antikorruptions-Organisation Transparency International bewertet Nationen nach dem »Korruptionswahrnehmungsindex« und hat Griechenland 2009 auf Platz 71 von 180 Ländern gelistet, korrupter als Ghana und Bots-wana. 1600 Euro Schmiergeld zahlt eine griechische Familie durchschnittlich pro Jahr.

Als meine Großmutter vor fünf Jahren mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wurde, bekam sie trotz teurer Krankenversicherung nur ein Bett auf dem Gang. Erst als mein Vater der zuständigen Krankenschwester ein dickes Fakelaki übergab, schob man sie in ein Zweibettzimmer, das ihr laut Versicherung schon bei der Einlieferung zugestanden hätte.

Als wir fragten, für wann denn der Termin der Magnetresonanztomografie anberaumt sei, blickten wir in das ratlose Gesicht des Röntgenarztes. Vielleicht in zwei oder drei Wochen, ein Gerät sei ausgefallen, das andere überlastet, sagte er. Eine Ausrede, die nur ein Ziel hatte: Fakelaki. Noch am selben Abend drückte ihm mein Vater notgedrungen den gewünschten Briefumschlag in die Hand, und plötzlich war ein Termin frei geworden: am nächsten Morgen.

Verordnungen? Gesetze? Ja, die gibt es in Griechenland. Eingehalten werden sie nicht. 2004 hat meine Familie für den Krankenhausaufenthalt meiner Oma mehr als 4000 Euro Schmiergeld bezahlen müssen. Wie das Familien schaffen, die kein Schmiergeld zahlen können? Sie sind auf die Barmherzigkeit der Schwestern und Ärzte angewiesen, meist pflegen sie ihre kranken Angehörigen selbst. Wenn Rusfeti die Scharniere der griechischen Wirtschaft sind, sorgen die Fakelakia als Schmierfett für einen reibungslosen Verlauf.

DHMOSIOS ΥPALLHLOS – Der Beamte
Seit Beginn der jüngsten griechischen Demokratie im Jahr 1974 ist unter Griechen kein Job begehrter als der des Staatsdieners. Schätzungen zufolge (eine glaubwürdige Statistik existiert in Griechenland nicht, weil Staatsdiener die Zahlen gern manipulieren, siehe EU-Stabilitätskriterien) arbeiten mehr als eine Million Menschen für den Staat. Das ist fast jeder vierte Erwerbstätige. Es ist ein bisschen so wie früher in den kommunistischen Blockstaaten, der Staat ist der größte Arbeitgeber, von ihm hängt alles ab.

Mein Onkel, nennen wir ihn Herkules – ich kann seinen richtigen Namen aus verschiedenen Gründen, die gleich folgen werden, nicht nennen –, arbeitet auch für den griechischen Staat. Als Beamter. Morgens steht Herkules gegen 7:30 Uhr auf, bringt seine Tochter zur Schule und fährt ins Büro. Dort bestellt er bei seiner Sekretärin einen Kaffee, zündet sich trotz Rauchverbots in öffentlichen Gebäuden eine Zigarette an, setzt sich vor seinen Computer, schaltet ihn ein und googelt.

Er recherchiert nicht im Netz, seine Funktion als Stadtplaner im Bauamt erfordert das nicht. Eigentlich erfordert nichts die Anwesenheit meines Onkels. Müsste ich sein Jobprofil erstellen, würde ich einen langen Strich malen. Schaut man sich zum Beispiel Griechenlands zweitgrößte Stadt Thessaloniki auf Google Maps an, wird schnell klar, dass Stadtplanung in Griechenland zum letzten Mal in der Antike ein Thema war. Da müsste man schon Pergament aufrollen. Entlohnt wird mein Onkel allerdings mit knapp 2300 Euro pro Monat. Das ist für griechische Verhältnisse sehr viel Geld, das durchschnittliche Monatseinkommen liegt bei etwa 700 Euro.

Herkules ist seit seinem 19. Lebensjahr Beamter. Damals kam ein älteres Mitglied unserer Familie auf ihn zu, fragte ihn, welcher Partei er nahe- stehe, Herkules sagte »Nea Dimokratia« (das ist die Partei der Familie Karamanlis) – und er hatte einen Job. Ohne Studium, ohne Ausbildung, aber mit der richtigen Gesinnung. Immer wenn eine der beiden großen Parteien, Nea Dimokratia oder PASOK, die seit 1974 abwechselnd regieren, an die Macht kommt, erhalten Parteimitglieder oder Angehörige von Parteimitgliedern Posten im Staatsbetrieb.

Als Kostas Karamanlis, Neffe des von 1974 bis 1980 regierenden Kostas Karamanlis, im Jahr 2004 für die Nea Dimokratia an die Macht kam, stellte er in guter alter Tradition 68 000 neue Beamte ein. Alles Nea-Dimokratia-Wähler. Diese Tradition bläht seit mehr als dreißig Jahren den Staatsbetrieb auf und macht die jeweilige Wählerschaft glücklich. Deshalb wählt auch mein Onkel Herkules seit mehr als dreißig Jahren Nea Dimokratia. Er weiß, wem er seinen Lebensunterhalt zu verdanken hat.

Das heißt, das stimmt so nicht ganz: Nach der offiziellen Arbeitszeit trifft sich mein Onkel manchmal in Bars, Clubs oder Tavernen mit angehenden Bauherren. Die Männer diskutieren über die Fußballergebnisse vom Wochenende, reden übers Wetter, dann geht es ans Eingemachte. Um einen »besonderen« Kontakt zum Chef des Bauamts herzustellen, verlangt Herkules 150 Euro. »Es gibt Kollegen, die wollen dafür mehr«, sagt er. Für Tipps, wie man die Bauverordnung trickreich umgeht, bekommt er 300 Euro. Um eine Baugenehmigung zu garantieren, erhält Herkules in der Regel etwas mehr als ein Monatsgehalt. »Die Tarife variieren.«

Hat Herkules keine Gewissensbisse? Wie kann er seine Töchter zu anständigen Menschen erziehen und gleichzeitig seine Verantwortung missbrauchen und den Staat betrügen?

Er sagt: »Als ich mit 19 anfing, habe ich mich stets an die Vorschriften gehalten. Ich wollte ja nicht auffallen. Das Problem war: Ich fiel dadurch auf, dass ich mich penibel an die Vorschriften hielt. Die Kollegen beäugten mich mit bösen Blicken, mein Chef zitierte mich mehrmals zu sich, ich verschlechtere das Büroklima. Mit der Zeit kamen immer weniger Bauvorhaben auf meinen Schreibtisch, eines Tages kam keines mehr. Ich hatte also die Wahl: Entweder nichts tun und weiter von den Kollegen geächtet werden. Oder nichts tun und eine Menge Geld verdienen. Was hättest du getan? Nimm’s mir übel, wenn du willst. Aber so funktioniert nun mal das griechische System.«

Übrigens: Nächstes Jahr geht Herkules in Rente. Mit 51 Jahren. Kein unübliches Renteneintrittsalter für griechische Beamte. Erfreulich für ihn: Griechische Ruheständler erhalten laut OECD-Zahlen von 2007 im Schnitt etwa 94 Prozent ihres letzten Gehalts, deutsche Rentner nur 43 Prozent.

STHN MAURH – Schwarzarbeit
Warum soll man als griechischer Handwerker, Arzt, Bäcker oder Anwalt nicht schwarzarbeiten und damit die Mehrwert- und andere Steuern umgehen, wenn schon ein Minister das eigene Ministerium betrügt? Vassilis Manginas, ehemaliger Minister für Beschäftigung und Soziales, ließ im Jahr 2008 auf dem Berg Hymettos südöstlich von Athen für sich und seine Familie eine prunkvolle Villa mit Pool errichten.

Das Problem: Der Minister hatte nur eine Genehmigung zum Bau eines Kiosks. Zudem ist der Bau von Wohnhäusern in der gesamten Region per Gesetz untersagt. Und: Arbeitsminister Manginas heuerte nicht einmal einen mittelständischen griechischen Betrieb für die Bauarbeiten an, nein, er beschäftigte pakistanische Schwarzarbeiter. Gut, Manginas trat immerhin zurück, aber geschätzt gehen dem griechischen Staat so im Jahr mehr als dreißig Milliarden Euro Mehrwertsteuer verloren. Europäischer Spitzenwert.

Mehr als ein Drittel der griechischen Wirtschaft wird »sthn maυrh«, also schwarz, abgewickelt. Quittungen? Bitte aufheben. Die haben Seltenheitswert.

TO PROBLHMA – Das Problem

Gerade mal 5000 Griechen geben in ihrer Steuererklärung an, mehr als 100 000 Euro brutto im Jahr zu verdienen. Schwer zu glauben, wenn man sich die Yachthäfen rund um Athen anschaut oder an einem Samstagabend einen Blick auf die bewachten Parkplätze der angesagten Bars und Clubs wirft: Ferrari, Lamborghini, Bentley. »Ein stinknormaler Porsche«, sagt Parkplatzwächter Panos, der von Trinkgeldern lebt, »muss hier schon in vierter oder fünfter Reihe parken. Nicht extravagant genug.«

Das zentrale Problem dieses Landes ist dennoch nicht die offenkundige Steuerhinterziehung, es ist der fehlende Gemeinsinn. Trotz jährlich wiederkehrender Waldbrände existiert keine freiwillige Feuerwehr, die diesen Namen verdient.

Und wenn doch, passiert das: 32 Löschfahrzeuge waren sie im vergangenen Sommer, eilten herbei von Thessaloniki, Athen zu retten. Die freiwillige Feuerwehr. Befehlshabender: Nikos Sachinidis, 57 Jahre alt, sechs Herzinfarkte. Sie brausten über die Autobahn, nein, wollten brausen. Hatten aber nicht mit der Maut gerechnet. Jedes Mal bremsen, bezahlen, 32-mal die Schranke hoch und runter, fahren, bremsen, bezahlen. Attika stand da schon in Flammen.

»7529 Euro Mautkosten«, rechnet Nikos Sachinidis vor, »und genau fünfeinhalb Stunden Verspätung.« Als die Freiwilligen die Feuerfront erreichten, sahen sie sich von zornigen Bürgern umringt. »Wo wart ihr? Wofür bezahlen wir euch?« Man verwechselte sie mit der Berufsfeuerwehr, beschimpfte und schlug sie. Am Ende hatten sie 98 000 Euro aus eigener Tasche bezahlt. Das Finanzministerium bedauerte: Kein Geld in der Kasse. »Spinnen die?«, fragt Sachinidis.

Welches Blatt man auch wendet, welche Statistik man auch heranzieht, fast immer steht Griechenland ganz unten. Waldbrandbekämpfung: versagt. Asylpolitik: versagt. Bildungs-, Gesundheits-, Renten-, Steuerpolitik: versagt.
Jetzt soll ein rigoroser Sparplan alles ändern: höhere Steuern auf Tabak, Treibstoff und Getränke. Zudem sollen die Gehälter von Staatsdienern eingefroren oder um vier Prozent gekürzt werden. Alle Ministerien sollen zehn Prozent weniger ausgeben, und Premierminister Papandreou hat bereits öffentlichkeitswirksam auf seinen Dienst-Mercedes verzichtet. Er fährt jetzt Skoda. Aber reicht das?

Die Steuererhöhungen akzeptieren die Griechen vielleicht gerade so zähneknirschend, obwohl zwei Drittel von ihnen immer noch nicht bereit sind, einen persönlichen Beitrag zur Verbesserung der Finanzlage ihres Landes zu leisten. Was Griechenland neben einem Sparplan braucht, ist ein grundlegender Mentalitätswechsel.

Die griechische Regierung um Georgios Papandreou hat das auch erkannt. Sonntagnachmittag, Kabinettssitzung. Live im Internet. »Einen neuen politischen Stil«, verspricht der Premierminister. »Offene Regierung«, heißt das Motto. »Die Ministerien werden im Internet über jeden Kassenzettel, jede Entscheidung, jede Personalie Rechenschaft ablegen«, kündigt er an. Zur »offenen Regierung« gehört auch, dass sich die Griechen via Chat mit den Politikern unterhalten können.

Diese Woche kam in einem der Diskussionsforen eine originelle Idee auf: ein Spendenkonto namens »Nationale Rettung«. Jeder Bürger soll da nach seinen Möglichkeiten einzahlen, sagt zum Beispiel Panagiotis Amoiridis, 23 Jahre alt. Gute Idee, pflichteten viele bei. Scrollte man seinen Diskussionspfad aber ein bisschen weiter nach unten, fand man einen ebenfalls vielfach gelobten Eintrag von »Ellas2010«: »Super Idee, das Spendenkonto! Gebt die Bankdaten doch bitte gleich an die EU-Kommission weiter. LOL.«

Die Griechen, so perfide es klingt, stecken alle unter einer Decke. Und als Grieche sage ich das halb desillusioniert, aber auch halb amüsiert. Wir haben einen Lebensweg entwickelt, der es uns erlaubt, nicht auf Gesetze, nicht auf Verordnungen und nicht auf Politiker angewiesen zu sein. Es gibt dafür ein schönes altgriechisches Wort: Anarchismus. Oder anders ausgedrückt: Wir sind unregierbar.

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Das griechische System hat auch Vorteile: Als unser Kollege Alexandros Stefanidis während der Recherche Anfang Januar in Thessaloniki bei Rot über eine Kreuzung fuhr, stoppte ihn die Polizei und verlangte die Papiere. Strafe laut Bußgeldkatalog: 700 Euro. Er schwitzte, aber der Polizist las seinen Namen und fragte: "Bist du der Sohn vom Christoforos?" – "Ja, warum?" Der Rest ist Geschichte.

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