Die Gefängnisinsel

Ja, es gibt tatsächlich noch eine im Mittelmeer: Sie heißt Gorgona, liegt vor Livorno - und ab und zu kriegen die Häftlinge lästigen Besuch.

Ausweis abgeben. Handy abgeben. Fotoapparat abgeben. Nicht von der Gruppe enfernen. Und vor allem: absolut keine Unterhaltungen mit den
Häftlingen. Die Regeln werden über Lautsprecher durchgegeben, und die dreißig Italiener, die an diesem Sonntag auf dem Schiff nach Gorgona unterwegs sind, schauen ein bisschen betreten drein. Gerade haben sie noch durcheinandergeplappert, jetzt beugt sich ein dicker Herr zu mir herüber und murmelt: »Das kann ja heiter werden. Ist das etwa gefährlich?«

Wollen wir doch hoffen! Es geht ja hier ums große Abenteuer, mein Herr. Es geht hier um eine Gefängnisinsel. Die noch in Betrieb ist. Und man kann da tatsächlich hin. Siebzig Häftlinge, alles Männer. Gibt es sonst nirgends mehr in Europa. Das hier ist kein Vergnügungsausflug, das wird eine Fahrt ins wahre, harte Leben, oder? So was wie: Johnny Cash in San Quentin – nur mit mehr Wasser außenrum. Wer nach Gorgona will, sollte es nicht über Reisebüros in der Toskana versuchen (Antwort: »Nach Gorgona? Noooo!«) und auch nicht über das italienische Justizministerium (»Schicken Sie uns erst mal ein Führungszeugnis.«). Der einzige Weg führt über die Società Cooperativa del Parco Naturale dell’Isola di Gorgona, eine Organisation, die sich um Tiere und Pflanzen auf der Gefängnisinsel kümmert und die Genehmigung hat, Tagestouren dorthin zu organisieren, zum Beispiel unter Führung von Signora Ugolini, einer sehr kleinen, sportlichen Frau von vierzig Jahren.

Sie zählt die Eckdaten zur Insel auf: 2,23 Quadratkilometer Fläche, gut dreißig Kilometer vor der Küste, das sind anderthalb Stunden Fahrt, Gorgona ist die nördlichste Insel des Toskanischen Archipels, zu dem auch Elba und Korsika gehören. Höchster Punkt: 255 Meter. Rund 200 Bewohner, außer den zehn Häftlingen fünfzig Wärter, ihre Familien, dazu Köche, Handwerker, ein Arzt und Luisa Citti, aber zu der kommen wir später.

Wenn man sich der Insel nähert, wirkt sie erst mal unfreundlich: ein dunkler Felsen, dicht bewachsen von Pinien und Macchia-Gebüsch, der im Meer liegt wie ein böses Tier, der winzige Hafen hingeklebt an eine Felszunge. Darüber in der engen Bucht acht, neun Häuser, die Fensterläden geschlossen. Die ganze Insel sagt: Haut ab!

Und es soll keiner auf die Idee kommen, hier mal bei einem Segeltörn spontan anzulegen – die bewaffnete Polizia Penitenziaria, die Gefängnispolizei, lässt niemanden in den Hafen. Nur einmal in der Woche, am Mittwoch, kommt eine Fähre aus Livorno, wer da mitfahren will, braucht einen Berechtigungsschein von der Polizei, zum Beispiel als Angehöriger: Mittwochs kommen die Familien der Häftlinge, Frauen besuchen ihre Männer, Mütter ihre Söhne. Die einzige Bar der Insel wird dann zur Pizzeria, und alle sitzen auf der Terrasse, auf der sonst nie etwas passiert.

Es gibt auf der Insel fünf Autos, ein verstaubter Geländewagen hält neben uns auf der einzigen befestigten Straße. Der Inselpolizist Mario stellt sich vor und macht ein paar müde Scherze, ihm ist anzusehen, dass er leidet: Wäre das hier eine ordentliche Strandpromenade, dann könnte er jetzt aufs Gas steigen und die trotteligen Touristen beeindrucken.

Sein Blick sagt: Was wollt ihr überhaupt hier? »Ich fand einfach, Gefängnisinsel, das klingt aufregend«, erzählt eine ältere Frau. »Ist doch so was wie das Alcatraz von Italien, oder?«, meint ein junger Mann, der mit drei Freunden da ist. Und eine junge Frau lacht, sie sagt: »Mich gruselt das. Ich komme mir vor wie in einer Geisterbahn, aber es ist alles echt!«

Die berühmten Gefängnisinseln sind heute alle Museen: Robben Island, vor der Küste von Kapstadt, wo Nelson Mandela 18 Jahre lang saß, Häftling Nummer 466/64. Oder das Château d’If, vor Marseille. Berühmt, weil Alexandre Dumas da seinen Graf von Monte Christo versauern ließ. Die Teufelsinsel in Französisch-Guayana, auf der Alfred Dreyfus Ende des 19. Jahrhunderts fünf Jahre lang unschuldig saß – über den brutalen Knast dort schrieb der Häftling Henri Charrière den Roman Papillon, aus dem wurde dann der großartige Film mit Steve McQueen. Und Alcatraz, natürlich, in der Bucht von San Francisco. 1962 sind drei Männer von dort geflohen, in einem Schlauchboot, das sie aus Regenmänteln gebaut hatten. Es wurde nie geklärt, ob sie es an Land geschafft haben oder ertrunken sind. Das ist das Faszinierende an Gefängnisinseln: letzte Abenteuer, Todesverachtung, alles oder nichts, die ganz großen Geschichten.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Flucht von der Gefängnisinsel)

Von Gorgona haben auch manche die Flucht geschafft, aber beim letzten Versuch hat ein Häftling ausgerechnet ein Polizeiboot geklaut, den hatten sie sofort, als er an Land wollte. Trotzdem finden die dreißig Italiener, die sich jetzt langsam den Weg hinter dem Dorf hinaufschieben, alles aufregend: »Der da drüben – ist das einer aus dem Dorf oder ein Häftling?«; »Wie würdest du von hier abhauen?« Das eigentliche Gefängnis ist ein gelber Kasten mit einem vier Meter hohen grünen Zaun. Ein paar Häftlinge sitzen im Halbschatten, die meisten sind gerade irgendwo auf der Insel beschäftigt, Wein anbauen, Oliven ernten, Felder umgraben.

Uns kommt ein Mann entgegen, Mitte zwanzig, rasierter Schädel, tiefschwarze Augen, riesige Zahnlücke. Er trägt weiße Gummistiefel, mit denen er aussieht wie ein Schlachter. Siebzig Häftlinge, könnten die nicht einfach die Macht hier übernehmen? Wäre es möglich, dass sie Waffen klauen und die Wärter niedermachen? Den ängstlichen Blicken der Italiener ist anzusehen, dass sie sich gerade ähnliche Gedanken machen.

Das Aufregende an so einem Ausflug ist natürlich nicht, was man sieht, sondern, Pardon, man muss es so sagen: das, was im Kopf passiert. Die Angst. Das Kribbeln. Die Geisterbahn eben. Zu sehen gibt es nämlich fast nichts, die Leute von der Cooperativa, die die Tagestouren organisieren, lassen sich aber nicht beirren, Signora Ugolini präsentiert voller Enthusiasmus Weinstöcke, Olivenhaine, die Ruine einer Festung an der Steilküste, einen alten Funkturm.

Beeindruckend ist der Blick vom Gipfel der Insel, sie ist so winzig, dass man in allen Richtungen Meer sieht. Am Horizont ist Land zu ahnen, Korsika im Südwesten, Elba, Capraia und Pianosa im Süden. Aber je konzentrierter man versucht, Land zu sehen, umso klarer wird, wie schier endlos die gefühlte Entfernung ist: Für Häftlinge könnte der Blick auf andere Inseln ja tröstlich sein, aber vermutlich schmerzt die Einsamkeit nur umso mehr, weil einem klar wird, wie weit man weg ist vom normalen Leben. Die Einsamkeit einer Gefängnisinsel ist ja im Vergleich zu anderen Inseln brutal. Niederschmetternd. Das Meer, die Pinien, der Wind – Gorgona könnte ein Garten Eden sein. Aber was bringt ein Paradies, aus dem man nicht wegdarf?

Die Insel ist seit 1869 ein Gefängnis, davor lag sie jahrhundertelang verlassen im Meer, nur ein paar Benediktinermönche haben hier im Mittelalter eine Zeit lang gelebt. Anfangs schickten die Italiener ihre Lebenslänglichen her. Wie muss das gewesen sein, ein Schiff zu besteigen und zu wissen, dass man das Festland nie mehr betreten wird? Es geht da ja nicht nur um Strafe, sondern um mehr: Dreyfus. Mandela. Der PKK-Anführer Abdullah Öcalan, der seit zehn Jahren isoliert auf der Insel Imrali vor Istanbul festgehalten wird – wer Menschen auf eine Gefängnisinsel schickt, sagt: Wir bestrafen dich nicht nur, dich gibt es einfach nicht mehr.

Im Gefängnis von Gorgona sitzen heute Räuber, Totschläger, aber keine Lebenslänglichen. Carlo Mazzerbo, der Gefängnisdirektor, ist stolz darauf, dass sie unter Anleitung etwas lernen, was ihnen draußen helfen soll, ehrliches Geld zu verdienen: Landwirtschaft, Viehzucht, Weinanbau. Für die Wärter dagegen ist das Leben auf der Insel nur lähmend langweilig. Als wir wieder am Hafen sind, erzählt Mario, der Inselpolizist, ein bisschen vom Alltag: »Ehrlich gesagt ist es quälend hier, wir warten einfach nur Tag für Tag, dass die Zeit vergeht.« Immerhin, er kann ab und zu Urlaub machen, zwei Wochen Festland, das erdet. Die Häftlinge aber drehen immer wieder mal durch – 2003 haben sich zwei gegenseitig umgebracht.

Die Gefangenen müssen um acht Uhr abends in ihren Zellen sein. Baden ist verboten. Manchmal, sagt Mario, drücken die Wärter ein Auge zu, dann dürfen die Häftlinge planschen, unten, am schmalen Strand neben dem Hafenbecken. Und wenn einer versucht, wegzuschwimmen? »Ach was«, winkt er ab, »bis zur Küste rüber, mehr als dreißig Kilometer, wer soll das schaffen?«

Eine alte Dame kommt aus einem der Häuser, schwarzes Kleid, grauer Dutt, Mario stellt sie vor: Luisa Citti. Die älteste Bewohnerin der Insel, 82 Jahre alt. Sie ist hier geboren – und hat als Einzige immer hier gelebt. Ihre Familie, der Clan der Citti, stellt seit hundert Jahren Gefängniswärter, man kann ihre Gräber auf dem winzigen Friedhof im Wald oberhalb des Hafens sehen: Agostino Citti, Raffaello Citti, Vittorio Citti, Matteo Citti. »Signora Citti«, frage ich, »was machen Sie den ganzen Tag?« – »Ach wissen sie«, sagt sie, »ich lese viel, sehr, sehr viel.«

Es wird Abend, Gorgona liegt da wie eine Toteninsel. Signora Ugolini, die Italiener und ich besteigen das Schiff. Eine Viertelstunde später ist die Insel nur noch ein Schatten im Abendlicht. Das Schiff nimmt Kurs auf Livorno, ein Schiff voller Menschen, die an Land gehen dürfen, zurück in ein ganz normales Leben.

Mir fallen die Worte ein, die jemand oben, auf dem Waldweg hinter dem Gefängnis, mit einem Ast in eine vertrocknete Pfütze geschrieben hat: »I’am sory for everithing«.

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Die perfekte Vorbereitung zur Reise auf eine Insel (falls es nicht gerade eine Gefängnisinsel ist): Max Fellmann empfiehlt die im September erschienene Single der schwedischen Band Kings Of Convenience. Boat Behind bei YouTube eingeben – nicht nur das Lied ist wundervoll, das Video zeigt auch die beiden Sänger auf dem Weg Richtung Meer, mit netten Mädchen, einem Surfboard und einem Boot. So gut und so voller sommerlicher Wärme, dass es einen durch den Winter retten kann.
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Tagesausflüge nach Gorgona koordiniert das Atelier del Viaggio in Livorno, Kosten pro Person: 56 Euro. Tel. 0039/0586/88 41 54. Ausführliche Informationen auf Italienisch: www.coopgorgona.it.
Übernachten Gleich am Hafen, aber edel: Hotel Gran Duca, Piazza Giuseppe Micheli 16-18, Livorno. DZ ab 160 Euro, www.granduca.it, Tel. 0039/0586/89 10 24.
Essen Teuer, aber jeden Euro wert: die intime Wohnzimmeratmosphäre des Ciglieri (den Hummer probieren!). Via Ravizza 43, Livorno, Tel. 0039/ 0586/50 81 94.
Unbedingt die unfassbaren Jugendstilvillen bestaunen, die im Süden von Livorno an der Küstenstraße stehen, an der Viale Italia und Viale d’Antignano. Da hätte Ludwig II. praktisch jede genommen.

Olivier Kugler (Illustration)

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