»Es gibt eine Urangst, die kann ich abrufen«

Niemand fürchtet sich so eindrucksvoll wie sie. Jodie Foster über ihren neuen Psychothriller – und den schrecklichsten Moment ihres Lebens.

SZ Magazin: Das Motiv Angst zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Arbeit – angefangen bei »Das Schweigen der Lämmer« über »Panic Room« bis zu Ihrem neuen Film »Flightplan – Ohne jede Spur«, der die Angst einer Mutter um ihr Kind thematisiert. Diese scheint schlimmer zu sein als die eigene Todesangst. Jodie Foster: Viel schlimmer. Überhaupt kein Vergleich. Zumindest für mich. Ich glaube, das ist ein Urinstinkt. Kinder sind wie ein Teil unseres Körpers, der uns aber eigentlich noch wichtiger ist. Wenn ein Kind in Gefahr ist, berührt einen das viel mehr, als wenn man selbst zu Schaden kommt. Wenn man sich zum Beispiel in die Hand schneidet, dann flucht man kurz und holt sich Reinigungsalkohol und Verbandszeug. Aber wenn sich ein Kind in die Hand schneidet… Ja? …das ist sehr schwer zu beschreiben, was dann in einem vorgeht. Als einem meiner Söhne die Mandeln herausgenommen wurden, hat der Arzt ihm diese Betäubungsmaske über das Gesicht geschnallt und ihn gefragt, ob er Krieg der Sterne möge und vielleicht Raumfahrer spielen wolle. Mein Sohn war natürlich begeistert und der Arzt wies ihn an, von zehn an rückwärts zu zählen: Bei eins werde er landen. Und mein Sohn sieht den Arzt an und lächelt. Er zählt und dann ist er bei zwei, bei eins, er zählt immer weiter, weil er das ja so machen soll, und plötzlich huscht dieser Ausdruck über sein Gesicht, weil er merkt, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, voller Angst. Dann sind seine Augen plötzlich zurückgerollt und ich… Sie haben ja Tränen in den Augen. Das war, glaube ich, der schlimmste Moment in meinem Leben. Ihr Kind war doch sicher in guten Händen? Natürlich. Es war eher diese Hilflosigkeit, mit ansehen zu müssen, wie mein Kind plötzlich merkt, dass es diesem Typen nicht vertrauen kann, der da mit ihm Raumfahrer spielen will. Plötzlich passiert etwas, was nicht in Ordnung ist. Ich stehe daneben, mein Kind verliert wegen der Narkose das Bewusstsein und ich kann gar nichts tun. Die Erinnerung an dieses Gefühl hilft mir zum Beispiel, mir vorzustellen, wie es ist, sein Kind auf dem Flughafen zu verlieren wie in »Flightplan«. Das ist einfach ganz schrecklich. Eigentlich wollte ich Sie fragen, wie Sie für Ihren Beruf als Schauspielerin Ihre Ängste anzapfen und wie schwierig es ist, das emotionale Gedächtnis zu aktivieren. Aber das haben Sie ja nun gerade eindrucksvoll demonstriert. Ja, es gibt anscheinend so eine Urangst, die kann ich – Sie haben es gerade erlebt – abrufen. Es reicht manchmal schon, das Drehbuch zu lesen, damit sie hochkommt. Wie kommen Sie an Ihre Drehbücher, an das von »Flightplan« zum Beispiel? Mein Agent hatte es wie üblich gelesen. Ursprünglich war meine Rolle ja für einen Mann geschrieben, doch ihm gefiel das Drehbuch so gut, dass er vorschlug, das Geschlecht der Hauptrolle für mich zu ändern. Ich habe es dann gelesen und fand, der Film würde sogar gewinnen, wenn die Hauptrolle eine Frau wäre. Weil Frauen empfänglicher sind für Angst? Irrationaler vielleicht. An einem Punkt zum Beispiel hat meine Figur, sie heißt Kyle Pratt, schon so einiges durchgemacht, sie ist gerade aufgewacht, sie vermisst ihr Kind und hat sich sogar vorher geprügelt. Sie wird mit Gewalt festgehalten und ihr wird klar gemacht, ihr Kind sei nie an Bord gewesen. Sie habe das alles nur erfunden, weil man in Momenten tiefster Trauer manchmal verdrängt, dass eine andere Person nicht mehr da ist. Ich glaube, ein Mann würde in einem solchen Moment nie an sich selbst zweifeln. Er würde anderen die Schuld geben. Aber zwischen einer Frau und ihren Kindern gibt es eine derart symbiotische Verbindung, dass eine Mutter sich sehr wohl vorstellen kann, vielleicht verrückt geworden zu sein.

Da muss ich als Mann Ihnen ehrlich sagen: Auch für uns gibt es Situationen, in denen Angst die Realität in Frage stellen kann. Ja? Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass Männer sich ihrer selbst immer bewusst bleiben, dass sie nicht in einen Zustand vollkommener Verwirrung verfallen, dass sie vielleicht handgreiflich werden. Deswegen hatte ich bei der ersten Drehbuchfassung das Gefühl, dass dieser Terror der Angst bei einem Mann nicht so funktioniert. Der Regisseur Robert Schwentke scheint Ihnen Recht zu geben. Er hat in einem Interview gesagt, er habe sich viel tiefer in die Hauptfigur hineinarbeiten müssen, als wenn ein Mann sie gespielt hätte. In der ursprünglichen Fassung ging es auch eher um Schuldgefühle als um Angst. Da war die männliche Hauptrolle genauso wie meine Figur jetzt Konstrukteur des Flugzeugs, ein wichtiger, viel beschäftigter Mann also. Aber dann stirbt seine Frau und lässt ihn mit der gemeinsamen Tochter zurück, der er noch nie die Windeln gewechselt hat. Er weiß nicht einmal, ob sie mit ihrem Teddybär schläft oder nicht, was sie gern isst und all diese Dinge. Er übernimmt zum ersten Mal in seinem Leben Verantwortung für dieses Kind und dann passt er kurz nicht auf und seine Tochter verschwindet und er wird für verrückt gehalten. Daraufhin nimmt er in seiner Panik die Vaterrolle immer ernster. Schwentke ist Deutscher. Ist es gewöhnungsbedürftig, mit einem deutschen Regisseur zu arbeiten? Eigentlich merkt man kaum, dass er Deutscher ist. Er spricht auch ganz normales, akzentfreies Englisch. Keinerlei Unterschiede? Na ja, er hat schon so diese europäische Sensibilität. Er ist ein Feinschmecker und hat eine große Plattensammlung. Als »London Calling« von The Clash neu herauskam, hat er sich sofort angestellt, um eine der ersten Vinylausgaben zu bekommen. Er hat, glaube ich, so ziemlich jedes Buch gelesen und jeden Film gesehen. Er ist irgendwie so ein Renaissance-Intellektueller. Aber wirkt sich das auf seinen Stil aus? Im Theater gibt es ja große Unterschiede zwischen europäischen und amerikanischen Ansätzen. Gibt es? Da bin ich ja neugierig. Ich kenne sie nicht. In Europa dominiert eher der Regisseur, in den USA steht der Autor des Stücks im Vordergrund. Beim Film ist es wie beim europäischen Theater. Zunächst geht es um den Regisseur. Natürlich ist das Drehbuch heilig, aber ein gutes Buch allein reicht eben nicht aus. Ich glaube, die wenigsten verstehen, was ein Regisseur wirklich tut. Viele glauben, der kommt zum Dreh und sagt: Ihr geht dahin, ihr anderen dorthin. Dabei geht es viel mehr um Technik und Psychologie. Ich bin als Schauspielerin von einem Regisseur komplett abhängig. Das filmisch Umzusetzende ist seine Vision und die habe ich zu bedienen. Wie lange benötigen Sie bei der Lektüre eines Drehbuchs, bis Sie wissen, ob es was taugt? Vielleicht zwanzig Seiten. Was braucht es, um Sie zu überzeugen? Da reicht manchmal schon ein starker Moment. Welcher starke Moment in Flightplan hat Sie überzeugt? Als meine Figur gerade bereit ist zu akzeptieren, dass alle, die ihr nahe stehen, tot sind. Das hat sie ja lang nicht geglaubt. Jetzt stürzt alles auf sie ein, Fragen tauchen auf: Könnte es sein, dass ihr Mann nicht einfach gestürzt ist? Dass er sich selbst umgebracht hat? Dass er dabei auch ihr Kind umgebracht hat? Sie muss durch all diese Fragen gleichzeitig durch und sich eingestehen: Ja, so ist es passiert. Doch plötzlich, innerhalb dieser zwanzig Sekunden des Eingestehens, bemerkt sie etwas, was ihr zeigt: Das ist alles nicht wahr. Sie hat einen klaren Beweis.

Der Film wendet sich. Ja! Plötzlich kann meine Figur ein totales Arschloch sein! Sie stellt sich selbst keine Sekunde mehr in Frage. Es muss sie nicht mehr interessieren, ob jemand sie mag oder nicht oder ihre Umwelt vor ihr Angst hat, ob sie komplett verrückt wirkt oder jemanden niederschlagen muss. Das ist ein ganz großartiger Moment – gerade noch total verwundbar, wandelt sie sich zu einer Maschine, die jeden niederwalzen wird, der im Weg steht. Das klassische Motiv einer Heldensage: der Moment, in dem der Held die Angst besiegt. Eigentlich kommt dieses Motiv aus dem Volksmärchen. Sehen Sie, in »Das Schweigen der Lämmer« zum Beispiel gibt es diese grandiose Szene, die in totaler Finsternis spielt. Der Mörder beobachtet Clarice Starling – meine Figur, die FBI-Agentin – mit einem Nachtsichtgerät. Er steht neben ihr, doch sie kann nichts sehen, hat nur die Augen weit aufgerissen. Sie erinnern sich? Jaja. Er macht dann diese Handbewegung. Genau! Der Mörder kann sich nicht beherrschen und streckt die Hand aus, als würde er gleich ihr Haar berühren. In diesem Moment bekommt sie plötzlich eine Ahnung, dreht sich um und schießt blind drauflos. Sie trifft ihn und außerdem die verdunkelten Fenster, so dass Licht in den Raum fällt und sie sich auf dem Boden neben diesem blutenden, röchelnden Körper wiederfindet. Das ist das klassische Volksmärchenthema: Das, wovor du am meisten Angst hast, tritt gleich ein – und entweder du lässt es geschehen oder du traust deinem Instinkt. Von allen Filmen, an denen ich je gearbeitet habe, hatte »Das Schweigen der Lämmer« die mit Abstand ursprünglichste Märchenstruktur. Kann ein moderner Hollywoodfilm auf diese subtilen Muster denn überhaupt noch zurückgreifen? Schwierig. Die meisten Regisseure denken, dass sie ihr Publikum immer heftiger schocken müssen. Ich glaube ja, dass es so ein paar Dinge gibt, die Menschen ganz grundsätzlich durcheinander bringen, und dass man die ganz elegant einsetzen kann. Ohne zu viel zu verraten: Diese Mechanismen können Sie in »Flightplan« recht gut und elegant umgesetzt sehen. Sind die Erlösungsmomente eines psychologischen Thrillers nicht viel komplizierter als der Sieg in einem Actionfilm, der so viel klarer und deutlicher ist? Der Moment des Sieges ist in »Flightplan« auch relativ klar. Das Flugzeug fliegt in die Luft und Kyle Pratt tritt aus seinen Trümmern, im Hintergrund lodern die Flammen, sie hat ihr schlafendes Kind auf dem Arm und sieht all diese Leute, die sie für verrückt hielten und die ihr Handschellen angelegt haben. Aber das klingt doch nach einem klassischen, langweiligen Hollywood-Happyend. Nein, denn was ich an dem Film so rührend finde und was mir erst aufgefallen ist, als wir mit dem Drehen anfingen, ist, dass das kleine Mädchen ja während des gesamten Films bewusstlos ist. Sie weiß nur, dass sie in Berlin mit ihrer Mutter losgeflogen ist. Dann wacht sie auf und fragt, ob sie schon da seien. Und anstatt ihr all die furchtbaren Dinge zu erzählen, die passiert sind, während sie schlief, setzt meine Figur ihre Tochter einfach in den Sitz, schnallt sie fest und sagt: Wir sind gleich da. Eine Art Parabel auf den Kampf um die Unschuld? Ja. Eltern erleben das ja immer wieder, nur rechnet ihnen niemand die tausende kleinen Opfer und die hart erkämpften Siege an. Kinder bekommen es häufig gar nicht mit, dass sie in Gefahr sind und dass man sie vor einer schweren Verletzung oder einem Unfall bewahrt hat. Dabei hat sich die Mutter vielleicht gerade in die Schusslinie gestellt und die Kugel eingesteckt.

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