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Vorgeknöpft: die Modekolumne 14. Juli 2016

Trainerstunden in Mode

Von Annabel Dillig  Foto: Screenshot/Niantic

»Pokémon Go« ist in vierlei Hinsicht erstaunlich, vor allem aber in Sachen Mode: Das Spiel zeigt, wie wir uns den modernen Großstädter vorstellen können.



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Vier Tage können eine Ewigkeit sein. Am Sonntag war die EM noch nicht entschieden, der britische Premier hieß noch Cameron und bei dem Wort »Pokémon« dachte man an buntes Plastik aus den Neunzigern. Jetzt halten draußen massenhaft entrückt wirkende Menschen ihr Handy in die Luft und gleichzeitig explodieren Downloadzahlen, Börsenkurse und Anmelde-Statistiken.

Der Hype um das Smartphone-Spiel »Pokémon Go« ist ein Vorgeschmack darauf, wie virtuelle Inhalte künftig in unserer Wirklichkeit stattfinden. Aber mindestens genauso spannend ist, was »Pokémon Go« über Mode verrät. Was die Spieleentwickler ihren Figuren angezogen haben, ist ein State-of-the-art urbaner Kleidung im 21. Jahrhundert. Die Teen Vogue hat für ihre Leserinnen schon eilends ein »So kannst du aussehen wie dein Avatar«-Shopping-Liste veröffentlicht.

Am augenscheinlichsten ist die Figur des Trainers, der auf dem Display nach der Anmeldung erscheint und einem das Spiel erklärt. Der Trainer ist eine Synthese aus Yoga-Lehrer und Deliveroo-Fahrer, sein Zuhause sind Metropolen wie Tokio, New York oder Berlin. Er trägt einen Regenparka aus einer dieser ultraleichten High-Tech-Membranen, die rascheln und sich tennisballklein zusammenknüllen lassen. Unter den Shorts (mit Seitentaschen für Gadgets wie LED-Anstecklichter) trägt er Leggings wie zuletzt auch Manuel Neuer. Der Juli des Jahres 2016 wird in die Modegeschichte als der Monat eingehen, in dem Männer-Leggings offiziell tragbar wurden.

Entscheidend ist bei diesem Outfit auch, was es nicht hat: Schnürsenkel oder Knöpfe zum Beispiel. In die Schuhe schlüpft man nur hinein, und die Hose zieht man mit Tunnelzügen fest. Alles easy. Die Knöchel bleiben frei – sehnige, schlanke Fesseln kommen zum Vorschein und zeugen vom Leben als Athlet. Kalt ist ihm natürlich nicht, weil er ja immer in Bewegung ist, er will ja seine Smartwatch nicht enttäuschen.

Die Handschuhe sind das Exzentrischste am grauhaarigen Trainer, ein Hauch Lagerfeld inmitten der bequemen Funktionalität. Kickboxer meets Cabriofahrer, verwegen und elegant zugleich: Der Trainer ist ein moderner Abenteurer, aber nicht wie sich das Outdoor-Hersteller Jack Wolfskin oder The North Face vorstellen. Er steht für einen Paradigmenwechsel. Er will nicht nach Patagonien oder die Eigernordwand empor. Sein Parcours ist die Stadt und seine Farben sind elegantes Schwarz und Silber, das nur manchmal, der Sichtbarkeit im Straßenverkehr wegen, von leuchtendem Gelbgrün unterbrochen wird.

»Pokémon Go« übersetzt das, was Yohji Yamamoto, Stella McCartney oder Marc Jacobs in den Neunzigern und Nuller-Jahren designt haben, in den Alltag. Die globale Fitness-Elite drängt hinaus auf die Straßen, Pumps und Ledertasche sind neuen Accessoires gewichen: Rucksack und Yogamatte (oder Blackroll). Sportswear ist stadtfein geworden, man könnte auf eine Vernissage damit gehen, zur Arbeit in den open work space oder auf einen Vortrag zum Thema »Wie die digitale Elite die Mode prägt.«

Wird getragen von:
Yoga-Lehrern, Deliveroo-Fahrern, Menschen, die in »Showrooms« arbeiten
Typischer Kommentar bei Instagram: »Ein silver fox wie Schweini 😍«
Das sagt der Verkehrspolizist: »Vorbildlich, die gelben Einsätze«
Das sagt Mama: »Warum hast du wieder keine Socken an?«

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Annabel Dillig

hält sich an die von ihr aufgestellte O- bis O-Moderegel, die besagt, von Ostern bis Oktober keine Socken zu tragen. Das verlängert ihrer Meinung nach den Sommer.

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