Hey Modefans, habt ihr gar kein Gewissen?

Dolce & Gabbana zeigt eine Laufstegshow nur mit weißen Models – und es ist davon auszugehen, dass dies der Marke wieder nicht schadet. Den meisten Kunden ist Moral in der Mode nämlich egal, wie man auch am Hype um den »Maduro-Jogginganzug« sieht.

Das italienische Designer-Duo Stefano Gabbana und Domenico Dolce

Foto: Estrop/Getty Images

»The Portrait of Man« mag nicht der originellste Titel für eine Herrenkollektion sein. Dafür trug die Umsetzung fast schon surreale Züge. Am Samstag liefen also 100 ziemlich weiße Models bei Dolce & Gabbana über den Laufsteg in Mailand, ausgerechnet, um die »Individualität eines jeden Mannes« abzufeiern, wie die Designer dazu schrieben. Klingt wie aus der Fashion-Satire »Zoolander«, ist aber wirklich passiert. Genau genommen ist es sogar very dolce.

Die italienische Marke wird unter Modeleuten gern »Teflon-Brand« genannt, weil alles, aber wirklich alles an ihr abzuperlen scheint. Keine anderen Designer kommen auf so viele Skandale wie die beiden Sizilianer. Erinnert sich noch jemand an die Riemchen-Sandalen, die allen Ernstes »slave sandals« genannt wurden? An die Ohrringe mit den schwarzen, rassistischen »Blackamoor«-Figuren? Die Werbekampagne, in der ein asiatisches Model vergeblich versuchte, Spaghetti mit Stäbchen zu essen? War das nicht schreiend komisch? Fanden viele Asiaten irgendwie nicht, vor allem nicht, als Stefano Gabbana auf Instagram hinterherschob, die Chinesen seien schlecht riechende Mafiosi. Angeblich war der Instagram-Account gehackt worden. Sachen gibt’s.

Der Aufschrei war jedes Mal groß, aber nichts davon konnte ihnen wirklich etwas anhaben. Dolce & Gabbana zeigen immer noch jede Saison ihre Kollektionen, mal schaut Madonna, mal Kim Kardashian in der ersten Reihe vorbei, und vor allem unterm Strich läuft es ordentlich: Zuletzt lagen die Umsätze bei knapp zwei Milliarden Euro, vier Prozent mehr als im Vorjahr, vor allem die Beauty-Sparte wächst deutlich. Ähnlich wie Donald Trump scheinen die beiden mit allem durchzukommen.

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Am Wochenende meldeten sich auf Social Media sofort Influencer und Kommentatoren zu Wort. Die »50 Shades of White«, wie die rein weiße Laufstegshow genannt wurde, seien ein neuer Tiefpunkt. Man sei bei den Typen ja einiges gewöhnt, aber nicht ein einziges schwarzes, kein asiatisches Model? Im Jahr 2026? Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass im Casting auch kein blondes oder rothaariges Model zu entdecken war. Immerhin kann man den Italienern nicht vorwerfen, dass sie kein konsistentes Männerbild hätten.

Gibt es in der angeblich so woken Modewelt also überhaupt keine Cancel Culture? Doch, die gibt es. Fotografen wie Mario Testino oder Bruce Webber wurden nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung nicht mehr gebucht. John Galliano bekam nach seinem antisemitischen Ausfall 2011 erst Jahre später wieder einen Job. Nach der umstrittenen Balenciaga-Kampagne, die viele an Kinderpornografie erinnerte, besprühten erboste Fans die Schaufenster oder zerschnitten auf Social Media ihre Designerteile.

Oft wird sich aber nur kurz echauffiert und hinterher ist doch wieder alles tutti. Vor allem bei Dolce & Gabbana heißt es oft, die Zwei seien halt, wie sie sind. Ein bisschen politisch unkorrekt, aber so charmant! Na und? Letztlich scheint vor allem an den Stammkunden alles abzuperlen. Die interessiert offensichtlich nur, ob das Korsagenkleid sitzt und der Lederblouson sexy daherkommt. Wenn die Sachen »leider geil« sind, liegt die Schmerzgrenze erstaunlich hoch.

Wie weit her es mit der Moral in Sachen Mode bei vielen Konsumenten derzeit ist, zeigt sich auch an anderen Beispielen. Während bis vor ein paar Jahren überall über »purpose« geredet wurde, also über Mode, die Sinn stiftet, und ein Produkt mindestens nachhaltig sein musste, scheint aktuell eine gewisse Schamlosigkeit zurück. Erlaubt ist, was gefällt. Oder was als Meme durch Social Media wabert. Nachdem die ersten Bilder von der Festnahme von Nicolas Maduro auftauchten, schossen die Suchanfragen nach und offensichtlich auch die Verkäufe von grauen Nike-Tech-Anzügen in die Höhe. Als der Attentäter Luigi Mangione einen bordeauxfarbenen Pullover vor Gericht trug, identifizierten mehrere TikTok-User ihn als ein Modell von A.P.C.. Im Endeffekt stellte sich das zwar als falsch heraus, da war der Pullover aber längst ausverkauft.

Die Leute scheinen alles blind zu kaufen, was irgendwie viral geht. Hauptsache das Teil hatte seine 15 Minuten Ruhm und es gibt einen Wiedererkennungswert: Ist das nicht…? Dabei sind eine graue Sportjacke und ein bordeauxfarbener Pullover letztlich Basics, die für alles Mögliche stehen können – oder eben für nichts. Letzten Herbst dagegen wurde in einem Vintagestore in Miami ein ganz anderes Kaliber verkauft: ein Original-Sweatshirt von Jeffrey Epstein mit seinen Initialen – zum Preis von 11.000 Dollar. Kopien davon finden sich noch immer im Netz.