Dabei angezogen zu sein ist alles

Anglerhut und Regencape: Wenn morgen die olympischen Winterspiele in Italien beginnnen, wird das deutsche Team modisch erneut hinterherhinken. Aber zum Glück gibt es ein Athleten-Outfit, das seit 30 Jahren fast unverändert ist.

Foto: Team Deutschland

Olympische Winterspiele in Italien, im mondänen Cortina d‘Ampezzo, teilweise in der Modehauptstadt Mailand. Das ist natürlich auch stilistisch eine Ansage. Was allerdings nicht heißt, dass die auch überall angekommen ist. »Team D« wird also voraussichtlich in Anglerhut und bedrucktem Regenponcho bei der Eröffnungsfeier auflaufen. Halb Deutschland hat sich bereits das Maul darüber zerrissen, dass sich »unsere Jungs und Mädels« mal wieder lächerlich machen.

Wobei die ja am allerwenigsten dafür können. Sie müssen anziehen, was der Verband beziehungsweise der Ausrüster Adidas ihnen rauslegt, und dann in den Behind-The-Scenes-Videos gute Miene zu egal-wie-peinlichen Sachen machen. Hoffentlich veröffentlicht irgendwann mal jemand die gesammelten »Outfitleaks« der letzten Jahre mit den ehrlichen Meinungen und Kommentaren der Athleten. Vierjährige Mädchen dürfen sich weigern, in etwas anderem als Glitzertop und Leggings in die Kita zu gehen, aber ausgewachsene Sportstars müssen klaglos gelbgoldene Hoodies mit Flammenschrift zu Bucket Hats mit All-Over-Print tragen. 

»Mongolei, du hast es besser!«, werden dagegen viele Zuschauer beim Anblick der ostasiatischen Athleten seufzen. Die werden nämlich wieder in schickes Kaschmir gehüllt, inspiriert von einem traditionellen Gewand namens »Deel«. Aber womöglich finden die das genauso schlimm und rückwärtsgewandt, vielleicht kommen den Norwegern ihre ewigen Norwegerpullis schon lange aus den Ohren raus. Gut möglich, dass die Briten statt ihrer Bommelmütze liebend gern mal einen coolen Gen Z Bucket Hat aufziehen würden. Das Gras ist immer irgendwo grüner, allerdings nie so Grasgrün wie bei den Italienern, die erneut von der Emporio Armani Sportlinie EA7 eingekleidet werden und ihre Nationalfahne diesmal am Kragen tragen. 

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Es gibt aber tatsächlich eine Disziplin, in der die Deutschen nach wie vor unschlagbar sind, jedenfalls modisch betrachtet: bei den Skianzügen. Die werden nämlich immer noch vom früheren Ausstatter Bogner entworfen, und während die Designer dort bei den Komplettoutfits regelmäßig freidrehten – siehe der Langnese-Twister von Sotschi 2014 – sehen sie beim Alpinski glücklicherweise überhaupt keinen Grund, das Muster von 1992 grundlegend zu verändern. Es bleibt einfach bei den legendären schwarz-weißen Zebrastreifen. Die sollen zwar eigentlich Flammen darstellen, Bogners Film hieß schließlich »Fire and Ice«, aber wen interessiert die Inspiration dahinter, wenn das Ergebnis schlicht fantastisch aussieht? Markus Wasmeier und Viktoria Rebensburg fuhren damit zu Olympischen Gold, jeder, der diesen Anzug trägt, wirkt sofort rasant und schnittig. Vor allem weiß der Zuschauer sofort, welche Nation da gerade den Berg runterfährt, was ja theoretisch nicht das Schlechteste ist.

Zebra oder Flammen – Hauptsache schnell: Thomas Dreßen 2026 (li.) und Markus Wasmeier 1994 (re.) im Rennanzug von Bogner.

Fotos: Getty Images / Christophe Pallot / Agence Zoom; 
Getty Images / Simon Bruty

Aber im modernen Sportmarketing geht es längst um etwas anderes. Im Fußball gibt es jedes Jahr zig verschiedene Trikots, damit die Fans zu Hause noch mehr nachkaufen. Bei den Nationalshirts wird die Kollektion ebenfalls immer größer. Auch Olympia ist endgültig zur Materialschlacht geworden. Bei den Sommerspielen in Paris hieß der Hauptsponsor LVMH, bei den jetzt beginnenden Winterspielen sei ein regelrechter »Markenboom« zu beobachten, schrieb die Branchenseite »Business of Fashion« gerade.

Team USA trägt Ralph Lauren. Und Nike. Und Skims. Und J.Crew. Team Großbritannien Adidas plus Ben Sherman. Die Italiener werden wie gesagt von EA7 ausgestattet, alle Freiwilligen hingegen bekommen Sachen von Salomon. Die Brasilianer haben Moncler an, die Franzosen Le Coq Sportif. Dazu gibt es von Lacoste, als »offiziellem Lizenznehmer des Olympischen Kommitees«, eine Heritage Collection. Luxus- wie traditionelle Sportmarken drängen allesamt auf die Piste, weil dort noch richtig viel Geld zu holen ist. Aber dazu muss das Design natürlich jedes Mal wieder anders aussehen. Der »Team D«-Bucket Hat ist im Online Shop bislang noch verfügbar.

Wird getragen von: Allen, die dabei sein wollen
Typischer Instagram-Kommentar: »Nimm’s sportlich!«
Passender Film: »Fire and Ice« (1986)