Was soll das Theater?

Vor einem Jahr hat Martin Kušej das Wiener Burgtheater übernommen, die wichtigste Bühne Europas. Er wollte dort ein Gegengewicht zu den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen schaffen. Es ist ein Job, in dem man sich sehr leicht Gegner macht – und dann kam auch noch der große Gegner Corona.

Martin Kušej wusste, worauf er sich einlässt, als er 2017 zum Direktor des Burgtheaters berufen wurde.

Ob die Kunst das Leben nachstellt oder das Leben die Kunst, ist eine Frage, so alt wie die Kunst. Oder das Leben. Auf jeden Fall sehr alt. Vor knapp einem Jahr tigert in den Gängen und auf der Hinterbühne des Burgtheaters, einer Kulturinstitution, die auch schon mehr als 270 Jahre existiert, Martin Kušej herum, zu diesem Zeitpunkt 58 Jahre alt. Er begrüßt am Künstlereingang auch Menschen, die er nur oberflächlich kennt, mit einer Umarmung. Kušej ist ein großer Mann mit

In etwa einer Stunde sollen Die Bakchen aufgeführt werden, das erste Stück seiner Zeit als neuer Intendant des Burgtheaters. Da kommt eine Karriere an ein Ziel. Kušej hat zu diesem Zeitpunkt viele Interviews gegeben und mehrfach erklärt, er habe sich nicht nach diesem Job gesehnt. Er hat ausgeführt, wie er das Theater relevant und interessant machen will, wie er Österreich politisch und gesellschaftlich sieht, was man davon auf der Bühne bemerken wird, doch nun muss sich zeigen, ob sein Plan für die nächsten fünf Jahre aufgehen kann. Es ist immerhin ein Job, an dem andere gute Leute schon gescheitert sind. Es ist Management und magisches Denken gleichzeitig, man muss rechnen und beschwören können. Dabei wird man von einer sehr neugierigen und nicht immer freundlichen Öffentlichkeit aufmerksam begleitet und permanent rezensiert. Auch für einen großen Mann keine kleine Aufgabe, selbst wenn das kommende Jahr normal verlaufen würde.

Es gehört zur Traumrealität in einem Theater, dass es zwei Welten beherbergt. Im Arbeitsbereich ist es so glamourös wie im Kreisverwaltungsreferat, da unterscheidet sich das Burgtheater von keiner anderen Bühne. In den Garderoben, Büros und der Maske sieht man flatternde Aushangzettel, Baumarktschrauben, Resopaltristesse. Geht man aber durch den Künstlereingang links herum, rechts herum, zwei Stufen hinunter, drei hinauf, gelangt man, kurz bevor man glaubt, in Albus Dumbledores Büro herauszukommen, an eine ­unauffällige, resopalbeschichtete Tür. Sie führt in den Zuschauer­bereich, in

Sponsoren und Förderer sammeln sich kurz vor der Kušej’schen Spielzeiteröffnung in der ersten Etage des Zuschauerbereichs zu Häppchen und Schaumwein. Goldarmreife klackern aneinander, Sektgläser klirren. Martin Kušej erscheint im Anzug, begrüßt die Ehrengäste, das gehört zu seiner Arbeit als Direktor. Er macht das wortgewaltig, fast charmant.

Ulrich Rasches Inszenierung von Die Bakchen, die nun gleich auf­geführt werden wird, kündigt Kušej folgendermaßen an: »Ich bin ja gefragt worden, wieso ich nicht das erste Stück inszeniere. Andererseits bin ich auch bekannt dafür, anderen den Vortritt zu lassen – aber das hier, so viel kann ich Ihnen schon sagen, das hätte ich sowieso nicht gekonnt.«

Er zeigt eine Art Bühnen-Bescheidenheit. Eine Bescheidenheit, die gesehen werden will, auch von den hinteren Rängen. Es stimmt schon, er inszeniert nicht selbst das erste Stück – das zeigt, dass er sich zurückhalten kann. Doch

Nach seiner Ansprache zieht Kušej sich aus der Ansammlung von Wiener Society-Networkern zurück und verschwindet wieder in den Arbeitsbereich, während sein Dramaturg den Umstehenden erklärt: »Im Theater verständigt sich eine Gesellschaft über sich selbst.«

Vor dem Burgtheater flattern zu diesem Zeitpunkt Wahlplakate im Regen. Sebastian Kurz von der ÖVP will wieder Kanzler ­werden, nachdem die Koalition mit der FPÖ an der sogenannten Ibiza-Affäre zerbrochen ist, an deren Aufdeckung die ­Süddeutsche Zeitung ihren Anteil hatte. Heinz-Christian Strache, seinerzeit Vize-Kanzler Österreichs, wurde auf Ibiza im Anbahnungsgespräch mit einer angeblichen russischen Oli­garchen-Nichte gefilmt (»Bist du deppert, die ist schoaf!«). Strache musste zurück­treten.

Bei seiner Berufung dachte Kušej eigentlich, dass er in eine Art dramaturgische Opposition zur herrschenden Klasse gehen müsste, vor allem zur FPÖ. Er kontaktierte Elfriede Jelinek, »weil sie eine Autorin ist, die erregend über die

Das Publikum füllt den Saal, das Getuschel wird leiser, Die Bakchen toben los, es ist Maschinentheater, das manchmal an Kraftwerk, manchmal an Rammstein erinnert. Die Darsteller marschieren über riesige Laufbänder und sprechen im Takt. Als Chor deklamieren sie: »Wir holen uns unser Land zurück«, kollektiver Volksrausch wird da inszeniert, alles sehr nah am Heute. So hat die FPÖ Wahlkampf geführt. Man kennt diese Parolen aber auch von Pegida und AfD.

Der Abend endet mit einem großen Schlussapplaus, ein paar Zuschauer haben die Vorstellung nach der Pause verlassen, so zwischen zehn und 20. Das muss man

»Ich will keine Politik machen, sondern Theater«, so hatte Martin Kušej es noch ein Jahr zuvor ausgedrückt, als er bereits wusste, dass er das Burgtheater übernehmen würde, aber noch das Residenztheater in München leitete. Kušej, dessen Nachnamen man »Kuschai« spricht, mit scharfem »sch«, ist Sohn einer Reli­gionslehrerin und eines Volksschul­lehrers. Er wurde als »Stückezertrümmerer« bekannt, als »Regiewüstling« mit einem »Hang zum Monumentalen«, zu »finsterer Größe« – so steht es im Theater-Lexikon über ihn zu lesen. Stimmt sicher alles, auch dass er aufbrausend sein kann oder sogar herrisch. Geltungsbewusst sind Theaterleute sowieso. Müssen sie ja auch sein. Kušej versucht nicht zu umgarnen oder zu ­gewinnen, wenn er mit einem spricht, sondern sich und seine Gedankenwelt begreifbar zu machen. Das wirkt manchmal spröde, ist aber ganz wohltuend im Vergleich zum Pointen-Sprech, der in Talkshows oder in sozialen Netzwerken üblich geworden ist. Wo immer noch eine rhetorische Hintertür durch Ironie offengehalten wird oder Sach- zu Meinungsfragen abgewertet werden. Kušej ist klar und direkt, ein Mann, ein Wort.

Wobei er eher viele Worte machen musste, nachdem er 2017 ans Burgtheater berufen worden war. Denn Burgtheater-Direktor, das ist in Wien eine Position,

»Die Bedeutung ist mir eigentlich egal«, hat Kušej kurz nach seiner Berufung schon gesagt, er mochte auch die Anrufe aus Wien nicht, von

Allerdings sagte Martin Kušej im ersten ­Gespräch über sich: »Ich kann schon was aushalten, das habe ich beim Handball gelernt.« Handball gehört zu

Im November 2019, wenige Wochen nach der Bakchen-Premiere, ist Martin Kušej als Intendant in Wien angekommen, er hat einiges an Kritik einstecken müssen, aber insgesamt läuft der ­Laden. Doch sein Einstand als Regisseur steht noch aus. In Wien regnet es an diesem Dienstag durchgehend, sogar im Mantel wird man von unten nass gesprüht. Die Probenbühnen des Burgtheaters liegen im 3. Bezirk im Arsenal, einer Sammlung alter Armeegebäude aus der Zeit, als Österreich ein großes Reich war, das eine große Bühne wie das Burgtheater brauchte.

Neben der Probenbühne beherbergt das Arsenal das Hee­resgeschichtliche Museum, was sehr gut passt, um daneben Die Hermannsschlacht von Heinrich von Kleist zu inszenieren. Das 1808 entstandene Drama Die Hermannsschlacht erzählt vom Sieg der Deutschen über die Römer im Teutoburger Wald im Jahr neun nach Christi Geburt, wofür eine ideologische Idee von Volk und Nation bemüht wird, die bis in die heutige Zeit deutet.

Eine Fußnote ist es in diesem Zusammenhang wert, dass der ehemalige Burgtheater-Direktor Claus Peymann der bis dato letzte Regisseur war, der dieses schwergängige,

Die Hermannsschlacht ist hochpolitisch und wurde von Kleist für sehr viele Akteure angelegt. Da wird Krieg auf der Bühne geführt. Das kann Kušej gut inszenieren, womöglich besser als sonst ein deutschsprachiger Theaterregisseur, das wird Breitwand- oder sogar Blockbuster-Theater. Bescheiden ist das allerdings nicht, es ist ein Statement.

Um 19 Uhr steht Kušej unter Strom. Er wollte eigentlich mit exakt 130 km/h nach Wien ins Arsenal fahren, aus seinem Kärntner Pfarrhaus, errichtet 1649, das er seit 20 Jahren ausbaut und wo er gegen die Wühlmäuse kämpft. Aber dann rief Mechthild Harnischmacher an, seine Regieassistentin, und informierte ihn, dass die Bühneninspektion für Die Hermannsschlacht vorverlegt wurde, also das Pedal durchdrücken, im Land Rover auch kein reines Vergnügen. »Ich habe in den ersten Monaten schon so viele Strafzettel gezahlt«, erzählt Kušej jetzt und nimmt einen Schluck Chardonnay, bevor die Spätschicht losgeht.

Einzelne graue Wellenbrecher ragen aus dem schwarz belegten Boden der Probenbühne,

Kušej sagt laut: »Stopp!«, steht auf, geht zwischen die Akteure. Eine

Martin Kušej will Die Hermannsschlacht modern, aber werkgetreu inszenieren. Die Hally muss sterben, um die Barbarei der deutschen Fürsten gegen die Römer zu rechtfertigen. Sie wird vergewaltigt, und ihr Vater bringt sie dann um, weil er nicht will, dass sie in dieser Schande weiterlebt. Es ist eine der schlimmsten Szenen der Theaterliteratur.

Die Hermannsschlacht war bei den Nazis beliebt, da es für ihre Zwecke lesbar schien. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken hat einen klugen Aufsatz darüber geschrieben, wieso ­Kleist falsch interpretiert wurde, der Titel ihrer ­Arbeit: ­Bestien. Kleist und die Deutschen. Daran will Kušej sich orientieren, »man muss die Vinken lesen, um das Stück zu ­ver­stehen«, sagt er.

Kušej hat sich diese Deutung nicht ausgedacht, aber er wird sie

Auf der Probebühne ist um 21 Uhr derweil Bibiana Beglau angekommen,

noch einmal sterben, die Szene wird fünfmal wiederholt, Kušej guckt zu,

Kušej unterbricht, wenn er das Gefühl hat, es wird öde, steht

Bibiana Beglau stürzt nun als Thusnelda mit erhobenem Schwert auf Markus

Sie proben das so häufig, bis eine Version da ist, die

Zur ersten Bühnenprobe im Burgtheater erscheint Kušej im Anzug, die Schauspieler tragen nun strähnige Langhaarperücken und sind barfuß. Kušej ist unter Zeitdruck. Was er hier und heute nicht durchbekommt, wird sich in den kommenden Tagen immer höher vor ihm auftürmen. Es gehört ebenfalls zur Traumrealität des Theaters, dass man zu jeder Tageszeit den Eindruck hat, es sei 21.15 Uhr. Die Luft schmeckt nach Antiquitätenladen. Tatsächlich ist es 10.30 Uhr am Vormittag, das Bühnenbild wurde komplett aufgebaut, aber nur für zwei Stunden, dann muss alles abgebaut und Don Karlos aufgebaut werden. Kušej kann sich nicht einmal beschweren, denn Don Karlos ist eine der Inszenierungen, die er aus München mitgebracht hat.

Bereits auf seiner ersten Pressekonferenz in Wien hatte Martin Kušej verkündet, dass er vier Stücke aus München mitbringen wird. Don Karlos, Virginia Woolf, Faust, Der nackte Wahnsinn – und dass er dies ablösefrei tun würde. Das war deswegen bedeutsam und wurde etwa von der Tageszeitung Der Standard hervorgehoben, weil Kušejs Vorvorgänger Matthias Hartmann fünf Stücke mitgebracht hatte, die er sich zu je 15 600 Euro ablösen ließ. Was kein Betrug ist, sondern gängige Praxis. Sah trotzdem übel aus, als Geld fehlte. Kušej machte also klar, dass es so etwas mit ihm nicht geben würde. »Jetzt ärgere ich mich, dass ich das alles kostenlos mache«, brummt Kušej. Wirklich? »Nein, nicht wirklich, aber es ist schon verdammt viel Arbeit.«

Im Parkett des Burgtheaters sind Pulte über die Sitzreihen geschoben, Arbeitsflächen

Arthur Klemt, ein Mann mit jugendlichem Blick, dessen weißer Haarschopf unter

Hermannsschlacht besetzt, sondern in drei weiteren Kušej-Insze­nierungen. Außerdem: Ein Schauspieler, der nicht spielen kann, ­existiert nur als Vorstufe zu dem, was er sein möchte.

Kušej mahnt das Ensemble zu Pünktlichkeit und Probendisziplin. Doch weil das

Arthur Klemt kennt Kušej länger als die meisten hier, seit 1989, damals spielte er für ihn mehr als hundert Mal Nippes und Stulle spielen Froschkönig, eine Übernahme des Kindertheaters Rote Grütze in Berlin. Hat Kušej sich verändert in der Zeit? »Natürlich, der hat uns früher gequält auf Proben«, sagt Klemt. »Uns ewig wiederholen lassen, total genervt. Heute merkt er ja schnell, wenn eine Szene nicht ­funktioniert, dann bricht er sofort ab. Er hat mittlerweile einfach unglaublich viel Erfahrung.« Kušej setzt sich im leeren Zuschauerraum mal auf diesen Platz, mal auf jenen, »Das ist Kleist, aber nicht die ­Situation«, sagt er, wenn es so klingt, als läse einer den Text vom Blatt ab. Etwas leiser sagt Kušej dazu: »Ich höre doch den Unterschied, ob jemand den Text denkt oder ihn nur aufsagt.« Man hört ihn tatsächlich, den Unterschied.

Nicht nur Arthur Klemt arbeitet seit vielen Jahren mit Kušej, auch

Martin Kušej hat neben Beglau und Klemt weitere Schauspieler mitgebracht. Anderen wiederum wurde gekündigt, schön ist so etwas nie, aber durchaus üblich. Bei rund 30 Prozent des Ensembles wurde der Vertrag nicht verlängert, für Wiener Verhältnisse ist das viel. »Die Burg-Schauspieler sind nationales Eigentum und auch Heiligtum. Jeder Taxler, jede Wurstverkäuferin, jeder Vorstadt-Strizzi kennt und liebt den Brandauer, den Maertens oder die Happel, als ob sie Verwandte wären, die man eigentlich viel zu selten sieht. Das Publikum fühlt sich regelrecht auf Entzug gesetzt, weil es seine Lieblinge gegenwärtig so wenig zu Gesicht bekommt«, erklärt Angelika Hager, sie leitet das Gesellschaftsressort des österreichischen Nachrichten-­Magazins Profil. Einigen sei sehr ruppig gekündigt worden. Und ­»Maertens, Ofczarek, Happel, Poelnitz, Meyerhoff, die sind weg oder spielen kaum bis nicht«, sagt Angelika Hager nach ein paar Monaten der neuen Intendanz. Sie hat den Eindruck, dass Kušej sich den Wienern noch etwas mehr öffnen könnte. Martin Kušej wiederum sagt dazu: »Der Niki Ofczarek dreht eine neue Staffel für Der Pass. Meyerhoff und Maertens hatten persönliche Gründe, nicht mehr oder ­wenig zu spielen, die ich nicht öffentlich kommentieren kann und will.«

Also eine Gegenfrage an Angelika Hager, die schon so lange mit dem Burgtheater verbunden ist, dass sie noch die Hermannsschlacht-Inszenierung von Peymann gesehen hat: Kann man es als Burgtheater-­Intendant zu Beginn überhaupt jemandem recht machen? »Nein«, sagt Hager, »außer Karin Bergmann, die nach dem Hartmann-Desaster wie eine beherzte Trümmerfrau den Karren aus dem Dreck gezogen hat, und noch dazu die erste Direktorin in der Geschichte der Burg war. Der Peymann war zum Staatsfeind und Publikumslieblings-Zerstörer ausgerufen ­worden und wurde nach seinem Abgang Kult. Am Nikolaus Bachler kritisierte man anfangs, dass er zu geschmäcklerisch war. Nur den Matthias Hartmann in seiner narzisstischen Aufgeblasenheit, den haben die Wiener weder beim Kommen noch beim Gehen leiden können.«

Dann: Premierenabend der Hermannsschlacht. Der Vorhang geht auf – und der wundersame Pakt wird gestört. Es nehmen Menschen nicht mehr Menschen ernst, die auf der Bühne ein Drama um Volksverhetzung und Barbarei spielen, sondern sie sehen anderen Erwachsenen dabei zu, wie sie in Kostümen zu leise Texte aufsagen. Die Kulisse scheint die Dialoge zu schlucken, im Publikum wird gehus­tet, ein Mann schnäuzt sich in einer Loge die Nase, als spiele er in einem Sketch über einen missratenen Theaterbesuch mit. Es klingelt zweimal laut ein Smartphone. Die Schauspielerinnen und Schau­spieler hören das alles. Sie spielen professionell weiter, sie bleiben am Text und in den Szenen, sie beschützen das Stück. Vielleicht be­schützen sie auch Kušej.

Erst als Markus Scheumann in der Gestalt des Hermann nach einer

Es folgen noch drei Stunden, in denen Scheumann sich im Stil

Es gibt starken, aber keinen frenetischen Applaus. Lag es an der

Nach der Premiere sammeln sich die Schauspielerinnen und Schauspieler, Techniker, Maske,

Wenn man am Tag nach der Premiere die ­Zeitungen liest, versteht man schnell, wieso Martin Kušej kein großes Herz für Kritiker hat. »Als wolle er sich auf der Bühne gegen sein eigenes Land verschanzen«, steht in der Zeit. »Das Stück nach Heinrich von Kleist scheitert trotz ­grosser ­Besetzung, der Burgfürst lässt sich trotzdem feiern«, in der Neuen Zürcher ­Zeitung. »Eine allzu enge Lesart«, im Standard.

Wer hingegen vollkommen zufrieden ist mit Kušejs Arbeit bisher: der SPÖ-Mann

Allein die Hauptbühne hat 780 Quadratmeter, die bespielt werden wollen. Es

Drozda ist glücklich mit seiner Wahl, er hat Die Hermannsschlacht noch nicht gesehen, aber das Programm gefalle ihm insgesamt, sagt er, und »die Bakchen waren ein Erlebnis«.

Andreas Beck, mittlerweile Nachfolger von Kušej am Residenz­theater, und Thomas Ostermeier,

Der Finanzskandal, über den Kušejs Vorvorgänger Hartmann gestürzt war, hat die

Thomas Drozda, 1998 bis 2008 selbst kaufmännischer Geschäftsführer der Burgtheater GmbH,

rennen fahren uns derzeit die Schweizer davon. Aber in der Literatur und im Theater, da können wir uns mit Fug und Recht einbilden, ganz oben mitzuspielen.« Das Burgtheater ist auch Österreichs Hollywood. Drozda kannte Kušej selbstverständlich von früheren Arbeiten am Haus: »Der Martin Kušej hat sich immer auf die große Bühne getraut, wenn andere Regisseure lieber nur im Akademietheater für 500 Leute inszenieren wollten.« So gesehen hat Martin Kušej auch mit der Hermannsschlacht alles richtig gemacht. Nur hat er es vielleicht nicht allen recht gemacht.

Am letzten Tag des vergangenen Jahres steht Kušej wieder im leeren Zuschauerraum und sieht den Proben von Der nackte Wahnsinn zu, dem letzten Stück, das er als Übernahme aus München mitgebracht hat. Die Hermannsschlacht läuft mittlerweile ganz ordentlich, sein Faust ist meistens ausverkauft, insgesamt liegt die Auslastung bei 82,6 Prozent, was den Direktor zufrieden macht und dem Regisseur Freiheiten schenkt.

Der nackte Wahnsinn ist ein Komödien-Klassiker, ein Stück im Stück. Die Handlung: Eine Theatergruppe probt viel zu knapp vor der Pre­miere am nächsten Tag, genau wie Kušej schon wieder zu spät dran ist für die echte Premiere. In der Kantine, im Resopal-­Bereich des Burgtheaters, hört man eine Durchsage: »Wir suchen noch die Klinke zur Wäschekammer. Wer bitte die Klinke zur Wäschekammer findet, bringe sie zur Bühne.« Das ganze Haus scheint in heiterer Stimmung zu sein.

Eigentlich ist das Stück eingespielt, aber es müssen neue Schauspieler eingearbeitet

Kušej dreht sich zu Mechthild Harnischmacher um und deutet auf seine

Die Premiere von Der nackte Wahnsinn wird ein großer Erfolg, der Pakt hält, das Publikum schüttet sich aus vor Lachen. Türen gehen auf oder mal nicht. Eine Axt wird geschwungen, übergeben, herumgereicht, man kann kaum glauben, dass das alles aufgeht. Es ist halb Theater, halb Artistik. Alles gespielt, aber eben auch echt, so echt wie etwas nur sein kann. Die Kritiker überschlagen sich im neuen Jahr vor Lob. Fast so, als wollten sie etwas wiedergutmachen.

Im Februar, kurz bevor alles anders wird, hat noch das Stück von Elfriede Jelinek am Akademietheater Premiere, das Martin Kušej beauftragt hatte, es ist eine sogenannte Textfläche entstanden, die Schwarzwasser heißt. Damit findet die »Ibiza-Affäre« auf die Bühne. Kušej, der in seiner Intendanten-Funktion gleichzeitig Chef des Akademietheaters ist, sitzt bei der Premiere ganz vorn, während das Ibiza-Video in Schemen auf die Bühnenwand projiziert wird.

Sebastian Kurz ist im echten Leben wieder österreichischer Kanzler. Er taucht auch in Schwarzwasser in vielen Varianten auf, sogar als deprimierter »Joker«. Es ist eine erstaunlich unterhaltsame Referenz-Orgie, durchdacht und verschroben in Szene gesetzt. Das Amüsement des Wiener Publikums ist von großer Erleichterung geprägt.

Am Tag nach der Premiere erzählt Kušej, wie er an der

Bibiana Beglau, die ebenfalls langsam in Wien angekommen ist, sitzt im Frühjahr im »Café Drechsler« am Naschmarkt und denkt über die vergangenen Monate nach. Am Abend wird sie wieder die Thusnelda in der Hermannsschlacht spielen, »es ist immer noch ein schweres Stück, aber wir haben mit der Lautstärke angezogen, die bei der Premiere wirklich zu leise war, und nun haben die Vorstellungen auch die notwendige Kraft«, sagt sie. Einerseits hat sie Kušej im Verdacht, dass er das Wiener Publikum absichtlich anstrengen wollte mit seiner Inszenierung der Hermannsschlacht, andererseits meint sie, dass in dem großen, kräftigen Kušej ein »sehr feiner, zarter Martin steckt«, den er aber verstecke, weil dieser Teil angreifbar und verwundbar sei. »Der bekommt nur ganz selten mal ein Krümelchen Anerkennung zur Belohnung ab, das ist ein echter Hungerkünstler«, sagt Beglau. Wenn etwa Frank Castorf irgendwo he­rein­schneie, dann seien alle immer so kumpanenhaft locker: »Yeah, ­Frankie!« Und alle wollen cool sein. Martin Kušej ist nicht cool, er ist kräftig und sensibel zugleich. Gerade weil Kušej so groß und kräftig wirke, würden die Leute gern mal hinlangen, »weil sie denken, der muss es aushalten können. Dabei halten sie dann das Maß nicht und respektieren die Arbeit nicht mehr, die in einem Stück steckt«, sagt Beglau. »Die ­Hermannsschlacht war ihm wichtig, um sich als Mensch und politisch abzugrenzen. Er wollte sagen: So sehe ich auf die Welt.«

Für das letzte Gespräch, bevor die Welt den Atem anhält, schlägt Martin Kušej das »Café Landtmann« vor, das ihm generell zu voll ist, aber es liegt halt praktisch, direkt neben dem Burgtheater. Die Presse­stelle hat am Tag zuvor eine Mitteilung verschickt, dass der Regisseur Kornél Mundruczó wegen »künstlerischer Differenzen« nicht inszenieren werde, seine Tosca-Version ist abgesagt. Mundruczó will wohl lieber eine Serie für Netflix inszenieren, neben dem Fernsehen die neue, lukrative Konkurrenz, auch für die Schauspielerinnen und Schauspieler. Der Abend im Akademietheater kann freilich nicht unbesetzt bleiben, die Abonnenten wollen ja immer Neues sehen. Also muss Kušej wieder selbst inszenieren, Das Interview nach dem Film von Theo van Gogh, er hat drei Wochen Zeit. In Das Interview soll ein Journalist eine Schauspielerin interviewen und will natürlich nur Privates wissen, während sie über ihre Kunst sprechen möchte.

Also: Privates. Martin Kušej ist seit einigen Jahren mit der Schauspielerin Sophie von Kessel liiert. Die blieb allerdings am Residenztheater in München, sie spielt in Wien als Gast in Der nackte Wahnsinn mit. Warum er sie nicht mitgenommen hat? »Man stelle sich vor, ich hätte einer Schauspielerin gekündigt und dafür Sophie angestellt. Wie hätte das denn ausgesehen?«, fragt Kušej zurück. Einmal pro Woche trifft er sich mit seinem 20-jährigen Sohn, der gleichzeitig aus Hamburg nach Wien umgesiedelt ist, um zu studieren, »der muss jetzt erst mal lernen, wie man österreichisch kocht«. Also kochen sie gemeinsam, »eine große Freude«.

Und hat er sich, was das Politische betrifft, nun eigentlich auf

Und wie ging es ihm mit der Kritik an der Hermannsschlacht? »Es gab da viele Missverständnisse in der Erwartungshaltung«, sagt Kusej. »Es war ja klar, dass es kein erbaulicher Theaterabend würde. Und wenn man das mit einer 30 Jahre alten Inszenierung von Claus ­Peymann vergleicht, sollte man fundamentale Unterschiede bemerken, in der Dramaturgie und in der Theaterwissenschaft. Ich habe eine sehr schöne Mail bekommen von Barbara Vinken, die schrieb, endlich wird mit dem Quatsch von der Peymann-Inszenierung aufgeräumt«, sagt Kušej, und dass die Kritiker sicher gewartet haben, bis seine erste eigene Inszenierung kommt, »um ein bisschen dreinzuschlagen«. Das Zwiespältige am Wiener Publikum, so sagt es auch die Journalistin Angelika Hager, ist, dass es »Weltmeister im Nörgeln ist, zu hassen liebt und generell einen libidinösen Zustand zum Jammern hat«. Es kommt dadurch manchmal ein seltsamer Frust zustande, als wäre das Publikum enttäuscht von einer Liebe, die es selbst nicht geben mag.

Und dann gibt es plötzlich kein normales Leben und auch kein

Kušej muss nun mehrere Stunden am Tag telefonieren, Krisen­management mit den

Da haben sehr viele Schauspielerinnen und Schauspieler in ihrer Verzweiflung angefangen,

Alle sitzen nur noch hinter Bildschirmen. Konferenzen über Bildschirm, Abendessen und

Kušej empfindet diese Zeit nicht als Entschleunigung, er kommt auch nicht

Erst im Juni kriechen die Leute wieder aus ihren Filterblasen, wollen

Im Frühsommer gibt Martin Kušej seine erste Pressekonferenz für die neue

Die nächste Spielzeit aber wird er selbst eröffnen, er inszeniert das erste Stück, wird nicht mehr einer oder einem anderen den Vortritt lassen. Calderóns Das Leben ein Traum will er inszenieren, ein Stück darüber, wie man Freiheit definiert, »darin lässt sich durchaus die Frage entwickeln, wie wir uns wieder aktiv in die Gestaltung unserer Welt einmischen, nachdem wir eingesperrt waren und in einem ­unwirklichen, traumhaften Zustand gelebt haben«, sagt Kušej.

An einem sehr sonnigen Montag, 17. August, zieht dann wieder Leben

Was hat sich verändert in dem Jahr? Warum beispielsweise hat er

Am 11. September wird die neue Spielzeit eröffnet. Mit Abstand und

Es beginnt nicht nur eine neue Spielzeit, sondern eine neue Zeit,