Luzius, 15, dement

Dank moderner Medizin leben Haustiere immer länger - aber viele werden mit dem Alter vergesslich. Eine Leidensgeschichte.

Jetzt dreht er sich im Kreis. Um seine eigene Achse. Das ist nicht lustig, nicht wie bei einem jungen Hund, der seinen Schwanz zu fangen versucht. Mein Hund ist alt, bald 16 Jahre. Er dreht sich langsam, dreimal, viermal, schließlich bleibt er stehen, mit dem Kopf zur Wand. Er steht da und weiß nicht weiter und steht da halt. Oft fängt er dann an zu jaulen, so herzzerreißend, als träte man einem Welpen in den Bauch. Gehe ich zu ihm, um ihn vorsichtig am Halsband zu seinem Korb zu führen, zuckt er zusammen. Er hört mich nicht mehr kommen. Er ist fast taub, er ist fast blind, und er ist dement.

Wir gehen nicht mehr spazieren, wir stehen spazieren, schwach und langsam ist er geworden, Schnüffeln ist das Einzige, was ihm noch ein bisschen Spaß macht. Die Sonne mochte er nie, aber wenn es jetzt heiß wird, geht er kaum noch 50 Meter. Und auch die nur, wenn man ihn an der Leine hinter sich her zerrt. Ach, die Leute. Die rufen dann im Vorbeifahren vom Fahrrad herunter: »Ja, sehen Sie denn nicht, dass Sie den Hund quälen!« Was, bitte, soll ich denn machen? Ihn ins Wohnzimmer pinkeln lassen? Den Leuten hinterherrennen, um ihnen seine Lebensgeschichte zu erzählen?

Ließe ich ihn von der Leine, würde er sich heute zwischen den abgestellten Rädern in unserem Hof verheddern oder mit dem Kopf gegen ein parkendes Auto stoßen – er kann sich nicht mehr orientieren. Am Aufzug läuft er statt zur offenen Tür gegen sein Spiegelbild; wenn er glaubt, er sei allein, jault er. Geht man zu ihm und streichelt ihn, beruhigt er sich, geht man weg von ihm, jault er nach zwei Minuten wieder. Manchmal steht er lange vor seinem Korb und hat vergessen, dass er nur die Pfoten heben müsste, um hineinzukommen. Ich begegne abends oft einem Mann, dessen dicker, schwarzer Hund sich bellend auf meinen schmeißt. Während ich versuche, meinen mit der Leine wegzuziehen, rufe ich dem Mann zu: »Meiner hält das nicht mehr aus, der ist alt!« Und der Mann weist mich zurecht: »Nehmen Sie ihn halt von der Leine, die Hunde regeln das schon allein.« So siebengescheit habe ich bis vor ein paar Jahren auch andere Hundebesitzer angeblafft, wenn meiner frei lief und andere an der Leine vor Angst fiepten.

Er war ja mal ein junger Hund, lustig und lebendig. Und rasen konnte er, so schnell, dass er jeden anderen Hund abhängte. Stöcke ließ er nicht mehr los, er biss sich so fest an einem Ende, dass er, wenn man das andere Ende des Stocks in die Hand nahm und sich drehte, er sich mitdrehte, ohne Bodenhaftung, denn den Stock, nein, den gab er nicht her. Und fremde Leute riefen: »Gott, wie süß ist der denn!« Viel von einem Yorkshire-Terrier steckt in ihm, äußerlich und vom Charakter, das Sich-Festbeißen zum Beispiel, doch was genau er ist, war nicht zu erfahren, er ist ein Mischling, Vater: unbekannt.

Luzius, so hatten ihn die Leute genannt, von denen wir ihn haben, kam mit neun Wochen zu uns. Unser Sohn, damals acht, hatte sich einen wie ihn von Herzen gewünscht. Und wir Eltern spielten mit unserem Sohn jenes Spiel, das alle Eltern spielen und so tun, als stünde das Ergebnis nicht schon am Anfang fest – wir stellten mit Timbre in der Stimme die Regeln auf: Kümmern müsse er sich um den Hund, der sei schließlich ein Lebewesen, mit ihm spielen, spazieren gehen, den ganzen Sermon eben. Sicher, unser Sohn hat mit ihm gespielt, ihn geliebt und ist auch mit ihm spazieren gegangen – wenn er Zeit hatte. Vor ein paar Jahren zog er aus. Der Hund blieb bei uns.

Ein dementer Hund ist anstrengender als ein kleines Kind. Man kann ihn nicht mehr abgeben, er ist niemandem zuzumuten. Wenn mein Mann und ich tagsüber telefonieren, reden wir jetzt meistens über den Hund: Wer ihn wann übernimmt, wer von uns abends weggehen kann, wer zu Hause bleibt. Kino gönnen wir uns manchmal noch gemeinsam, wenn der Film keine Überlänge hat. 90 Minuten trauen wir uns noch, ihn im Auto warten zu lassen. Urlaub? Gern. In einer netten Pension in der Nähe, die auch Hunde aufnimmt.

Hat irgendjemand vor zehn Jahren von einem dementen Tier gehört?

Wenn Luzius lange an der Haustür steht, scheint er nicht zu wissen, warum.

Gerade gewöhne ich mir ab, anderen von meinem Alltag mit dem Hund zu erzählen: Ich will die Frage nicht mehr hören, warum wir ihn nicht einschläfern lassen. Und ich will meine Antwort nicht mehr sagen müssen: Er hat, meint die Tierärztin, keine Schmerzen. Und er ist in all den Jahren, die er mit uns lebt, zu einem Familienmitglied geworden. Würde jemand seiner Großmutter, weil sie alt ist und dement und bettlägerig, die Todesspritze geben? Ich bin wirklich keine Tiernärrin, oft hat es mich genervt, dass sich unser Alltag derart nach einem Hund richtet, dass er raus muss am Sonntagmorgen bei Dunkelheit und Kälte und Regen und am Sonntagmittag bei Regen und Kälte wieder und am Sonntagabend natürlich auch. Und am Montag, am Dienstag, am Mittwoch. An Weihnachten. Fast 16 Jahre lang. Dabei darf ich mich nicht mal beklagen, mein Mann hat sich sehr viel mehr um ihn gekümmert als ich. Aber jetzt, wo der Hund so alt ist und schwach und verwirrt, rührt er mich.

Kurz nach Ostern las ich in der Zeitung, dass eine Familie ihren dementen Hund vermisst gemeldet hatte, Bauarbeiter fanden ihn nach den Feiertagen, er war in eine Baugrube gefallen. Vor ein paar Wochen dann lief meiner Tochter ein Golden Retriever zu, und nach vielen Telefonaten mit der Polizei und den Tierheimen in der Umgebung meldete sich der Besitzer bei ihr, erleichtert, den Hund unverletzt vorzufinden, schließlich sei er dement. Was ist da plötzlich los? Hat irgendjemand vor zehn Jahren von einem dementen Tier gehört? Ich nicht. Und jeder, den ich frage, auch nicht.

Dabei verhält es sich mit Haustieren nicht anders als mit Menschen: Sie werden immer älter. Seit den Siebzigerjahren hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung von Katzen verdreifacht auf etwa fünfzehn Jahre, bei Hunden hat sie sich innerhalb weniger Jahrzehnte fast verdoppelt. 19 Jahre alte Hunde sind keine Seltenheit mehr. Auch die Lebenserwartung von Pferden ist gestiegen. Wer alt ist, hat ein höheres Risiko, dement zu werden, »die Alterung der Blutgefäße setzt bei Menschen wie bei Säugetieren ein«, erklärt der Tiermediziner Yorn Schmidt, das Gehirn wird nicht mehr gut durchblutet, das Gedächtnis deshalb schlechter. Die Aktivität des Neurotransmitters Acetylcholin, der für die Gedächtnisleistung mitverantwortlich ist, lässt im Alter auch bei Säugetieren immer mehr nach – ein Hinweis, dass das Altern bei ihnen den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie beim Menschen folgt. Das, was man früher salopp Verkalkung nannte, heißt heute Demenz. Alzheimer ist eine Sonderform der Demenz.

In ihrer Münchner Praxis erlebt meine Tierärztin Silja Weber inzwischen fast täglich Hunde und Katzen, die dement sind. Sie kann erklären, warum Haustiere immer älter werden: Sie sind keine Nutztiere mehr, sondern Familienmitglieder, und um die kümmert man sich intensiver; folglich bekommen sie keine Essensreste mehr zu fressen, sondern artgerechte Ernährung mit Vitaminen und Mineralien; die medizinische Versorgung ist deutlich besser geworden. Und Silja Weber ist überzeugt, dass nur jene die Frage nach der Einschläferung alter Tiere stellen, die kein Tier als Familienmitglied haben. Ohnehin dürfen Tierärzte ohne triftigen Grund kein Tier einschläfern, das schreibt das Tierschutzgesetz vor. Gebrechlichkeit ist kein solcher Grund, ja nicht einmal der Umstand, dass viele demente Tiere in die Wohnung pinkeln und koten. In Frage kommt das Einschläfern, wenn die Tiere unheilbare Schmerzen haben, »sich in ihrem Körbchen einkoten, weil sie es nicht mehr verlassen können«, wie Silja Weber sagt, oder aggressiv werden und beißen, da sie ihre Bezugspersonen nicht mehr erkennen. Dann hilft auch kein Maulkorb mehr.

Natürlich sind alte Tiere ein einträgliches Geschäft. Nicht nur Futtermittelhersteller reiben sich die Hände. Es gibt für alte Tiere heute künstliche Hüften, man kann sie vom Physiotherapeuten behandeln lassen, mit ihnen zum Psychologen gehen oder eine mobile Tierbetreuung buchen. Wenn Tiere jung sind, müssen sie oft zum Arzt, wenn sie alt und gebrechlich werden, auch. Unser Hund zum Beispiel bekam eine Weile lang viererlei Tabletten – für die Durchblutung des Gehirns, gegen Schmerzen in der Prostata, gegen die Vergrößerung der Prostata sowie gegen seine Schilddrüsenunterfunktion. Dazu kamen eine Blutuntersuchung und ein Chip, der langfristig die Verkleinerung der Prostata sichern sollte. Auch da verhält es sich wie beim Menschen: Die letzten Lebensjahre kosten, was die medizinische Versorgung betrifft, am meisten Geld.

So gut wie jede Tierklinik hat sich auch die geriatrische Versorgung auf die Homepage geschrieben. In den USA gibt es längst Tierhospize. Svenja Joswig, Tierärztin in Hannover, hat für ihre Doktorarbeit dazu geforscht und ist überzeugt, dass es bald auch in Deutschland mehr Tierärzte geben wird, die eine Rundumbetreuung anbieten, damit alte Tiere artgerecht und zu Hause versorgt werden können. Das kann so weit gehen, dass sie Besitzer anleiten, die gelähmte Harnblase des Tieres auszudrücken.

Bisher gibt es mehr Vermutungen als wissenschaftliche Untersuchungen, dass auch Pferde, Affen, Schweine, Kühe und Delfine dement werden. Denn Schweine und Kühe werden zumeist geschlachtet, bevor sie alt und untersucht werden könnten. Und die Wissenschaft begibt sich gerade erst auf dieses für sie relativ neue Gebiet. Manchmal hilft ihr der Zufall: Als sich zum Beispiel Delfine durch die altersbedingte Orientierungslosigkeit der Leittiere in falsche Gewässer verirrt hatten, untersuchten spanische Meeresbiologen die gestrandeten Delfine – und wiesen nach, dass ihre Gehirne ähnliche neurodegenerative Veränderungen auf biochemischer Ebene aufweisen wie die von an Alzheimer erkrankten Menschen.

Als Luzius kürzlich für diesen Artikel fotografiert wurde, konnte er noch Treppen gehen. Jetzt nicht mehr. Manchmal pinkelt er nachts in die Wohnung. Aber seinen Futternapf findet er nach wie vor. Ach, Luzius, alter Hund, ein bissl was geht noch, oder?

Abgesehen davon, dass es unserer Autorin nie einfiele - man braucht in Deutschland gute Gründe, um ein Tier einschläfern zu lassen.


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NACHTRAG:
Seit Freitagnachmittag, 15 Uhr 30, ist er tot. Luzius, 16, blind, taub und dement, am Schluss fast kahl, Schwanz ohne Haare, Hinterbeine ohne Haare, Wirbelsäule auch. Tagsüber habe ich ihm eine schwarze Decke übergelegt, damit die Leute nicht so komisch schauen, wenn sie ihn mit mir auf der Straße schleichen sahen. Die Frage, warum wir ihn nicht einschläfern lassen, habe ich im letzten halben Jahr hundert Mal beantwortet: »Er hat keine Schmerzen. Er soll sein Leben leben, bis es eben zu Ende ist.«

Nun haben wir sein Ende beschlossen. Dürr war er geworden, ohne Kraft, er konnte kaum noch aufstehen, und wenn, dann rutschten ihm die Beine zur Seite. Mein Mann hat noch einen letzten Spaziergang mit ihm gemacht, bevor wir zur Tierärztin gefahren sind. Ich dachte nicht, dass ich heulen müsste, wenn es soweit sei. Aber ich musste. Und wie.

Was von Luzius bleiben wird? Sein Geburtsdatum, das wir als Zahlenkombination in allen Hotelsafes dieser Welt eingaben. Und eingeben werden. Und sein Halsband. Das hatte er vom ersten Tag. Jetzt liegt es in der kleinen Holzschüssel beim Eingang. Daran eine silberne Plakette mit unseren Telefonnummern.
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Fotos: Fritz Beck

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