Wir müssen jetzt stark sein

Die Designer haben die Schulterpolster rehabilitiert. Bei Céline Dion und Ivanka Trump steckt dahinter eine klare Haltung - man erkennt sie aber erst auf den zweiten Blick.

20 Jahre Titanic: Céline Dion schlüpfte bei den Billboard Music Awards in eine Kleid gewordene Sahnetorte

Der Eisberg wäre zum zwanzigjährigen Jubiläum von »Titanic« sowieso irgendwo aufgetaucht, aber wenn Céline Dion die Titelmelodie »My heart will go on« in so einem Kleid schmettert, ist der Crash halt unvermeidbar: »Wie aufmerksam von ihr, sich als der Gletscher zu verkleiden, der das gottverdammte Schiff versenkt hat!« schrieb jemand auf Twitter, nachdem die kanadische Sängerin am Montag bei den Billboard Music Awards aufgetreten war. Andere bemerkten, mit solchen Schwimmflügeln wäre Jack sicher nie ertrunken, woraufhin man das Bild von Leonardo diCaprio, wie er sich mit Oversized-Baisers an den Armen über Wasser hält, erst mal nicht mehr aus dem Kopf kriegt.

Wie immer bei Céline Dion reicht die Botschaft allerdings viel tiefer. Spontan ergeben sich mindestens zwei weitere Deutungen ihrer Kleiderwahl:

1. Phönix aus der Asche. Vor zwanzig Jahren wurde die Sängerin immer ein bisschen als Schnulzen-Dohle belächelt, die zwar in fünf Sekunden fünf Oktaven runterreißt, deren Musik einem aber unbedingt peinlich sein musste. Mittlerweile sind die Kritiker von damals mit fortschreitendem Alter selbst so nah ans Wasser gerückt, dass sie ihr Werk rückblickend als hohe Popkunst würdigen. Nach dem tragischen Krebstod von Dions Mann René Angélil vor eineinhalb Jahren, erscheint sie nun stark und schön zurück auf der Bühne, wie eine Galionsfigur für den Widerstand gegen die Untiefen des Lebens.

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2. Die Schulter als feministisches Status-Symbol. Marken wie Saint Laurent oder Balmain bemühen schon seit längerem wieder die breite »Power-Shoulder«, auf der man locker Eierkartons links und rechts balancieren könnte. »Erfunden« hat diese übrigens der legendäre und einflussreiche Kostümbildner Gilbert Adrian, der sie der Schauspielerin Joan Crawford für den Film »Letty Lynton« 1932 verpasste. Schon damals sollten breite Schultern Frauen präsenter, stärker, mächtiger machen.

Ivanka Trump (2. von li) mit Angela Merkel, Christine Lagarde und Königin Maxima beim W20-Gipfel in Berlin

Das weiß »Working Woman« Ivanka Trump natürlich auch. Das Kleid, das sie vor einigen Wochen beim »Frauenwirtschaftsgipfel« in Berlin trug, war nicht nur geblümt, sondern zum Schultern all dieser irren Verantwortung auch, na klar: gepolstert.

Was uns zurück zu Céline Dion bringt. Wer seit über zwanzig Jahren zeigt, dass Frauen mehr Platten absetzen und Las-Vegas-Venues füllen können als die meisten Typen da draußen, ist mit herkömmlichen Power-Shoulders einer Ivanka Trump natürlich hoffungslos unterverkauft. Da muss es schon die überbordende Schlagsahnenvariante sein, der ganz große Bahnhof, maximale Exzentrik. Subtext: »Ich hab’ mehr drauf als ihr!« Worauf man ausnahmsweise mal und in jeder Hinsicht sagen kann: stimmt.

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Foto: Ethan Miller / Gettyimages, rtr

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