Spitzenparkplatz

Früher betrieb die Familie Kainz ein Café unterhalb von Schloss Neuschwanstein. Heute machen sie das große Geschäft mit dem Parkplatz des Cafés, und der frühere Küchenchef ist nun der Parkwächter. Die Geschichte einer lohnenden Veränderung

Das Unternehmen, dessen einziges Kapital eine mit Kies aufgeschüttete Wiese ist, funktioniert so: 4,50 Euro kassiert der Parkwächter Hans Mayer pro Auto und Tag, etwa 200 Parkplätze hat der Privatparkplatz Kainz. An guten Tagen füllt der sich locker eineinhalb Mal, und der August zum Beispiel hat nur gute Tage, das macht dann, Hans Mayer überschlägt es kurz: rund 40000 Euro Umsatz. In diesem einen Monat. 40000 Euro Umsatz, die gleichzeitig fast schon Gewinn sind, denn unter monatliche Betriebsausgaben fallen nur der Angestellte Hans Mayer, die Pacht für einige zusätzliche Meter Wiese und ein Rentner, der einen Tag in der Woche aushilft. Alle zwei Jahre besorgt die Besitzerin Barbara Kopp, geborene Kainz, noch tausend Parkzettelblöcke zu je 1,50 Euro, mit jeweils hundert Blatt, und eine Wagenladung Kies, um Schlaglöcher auszubessern. War’s das an Kosten? Hans Mayer überlegt, dann nickt er. »Das war’s.«

Der Privatparkplatz Kainz, ehemals Parkplatz des »Café Kainz«, wäre ein Albtraum für jede Unternehmensberatung, die ihr Geld mit der Optimierung von Firmen verdient. Der Privatparkplatz Kainz ist von Haus aus optimiert. Vorsichtig geschätzt hat er eine Umsatzrendite von 85 Prozent; von 100 verdienten Euro bleiben also 85 als Gewinn. Zum Vergleich: Der Handelskonzern Metro hat ein bis zwei Prozent Umsatzrendite, BMW hätte gern zehn Prozent, SAP ist Spitzenreiter der großen Unternehmen mit etwa 28 Prozent. Der Parkplatz läuft so gut, dass die Familie Kainz das ursprüngliche Kerngeschäft, das »Café Kainz«, gar nicht mehr braucht. Und deswegen verpachtet hat.

Meistgelesen diese Woche:

Aber nicht nur das Verhältnis von Umsatz und Gewinn ist spektakulär, auch das von Mühe und Ertrag: Hans Mayer kassiert, reißt Parkzettel ab und reicht das Geld weiter an Barbara Kopp. Der bleibt im Prinzip nur noch die Buchhaltung, und bei der überschaubaren Anzahl von Posten könnte man – ohne ihr Böses zu wollen – auch sagen: Sie muss nur noch das Geld zählen.

Das Fundament, die Erfolgsgarantie dieses Geschäftsmodells steht einige hundert Meter höher auf einem Felsvorsprung: Schloss Neuschwanstein, eines der wichtigsten touristischen Ziele Deutschlands. Dorthin wollen jedes Jahr 1,3 Millionen Besucher, und fast alle müssen parken. In der Hochsaison ist der Parkplatz schon um 10.30 Uhr wegen Überfüllung geschlossen, die Autos stauen sich dann bis weit vor den Ort. All das, was in der modernen, dauernervösen Geschäftswelt so wichtig ist – Marketing, Werbung, Innovationen, Internet – ist hier unnötig, es reicht völlig, dass Hans Mayer morgens um 9.30 Uhr die Schranke nach oben klappt. Seit fast zwanzig Jahren dirigiert Mayer, 60, schlaksig, braun gebrannt, graues Haar, mit seinen gelben Parkzetteln den möglichst reibungslosen Zu- und Abfluss der Besucher. Gerade weist er einem ukrainischen Gast einen Parkplatz zu, »die Gäste der Zukunft«, flüstert er. Laut sagt er: »Do drübn runter« und ergänzt die Ansage mit einer vagen, dafür aber international verständlichen Handbewegung.

Mayer ist gelernter Koch. Erst der Aufstieg der Wiese zum Parkplatz und Wirtschaftsfaktor macht ihn zum Parkwächter. »Ich bin da reingeschlittert«, so erklärt er es. Als Küchenchef tritt Mayer 1969, nach zweieinhalb Jahren in der Küche des Münchner Hotels »Bayerischer Hof«, seine Stelle im »Café Kainz« an. Damals ist der Parkplatz einfach nur ein Parkplatz, wenn auch ein besonders schöner, mit großen, hohen Kastanien und Blick auf Schloss Neuschwanstein.

Achtzig Pfennig bezahlen Gäste pro Tag und Auto, fünfzig Pfennig werden ihnen auf ein Stück Kuchen im »Café Kainz« angerechnet. In einem guten Monat bringt das ein paar Hunderter zusätzlich. Und im Grunde ist diese Einnahmequelle nicht wirklich nötig: »Uns sind die Ausflügler auf dem Weg zum Schloss direkt ins Café hereingefallen«, erzählt Barbara Kopp. Der ständig überfüllte Parkplatz ist eher Ärgernis denn Geschäftszweig. Erst als sich in der Zeit von 1969 bis 1980 die jährliche Besucherzahl von Schloss Neuschwanstein verdoppelt und 1980 erstmals die Millionengrenze überschreitet, als die Touristen dermaßen in den Ort drücken, dass dort schon vormittags kein Auto mehr parken kann – erst da stellen die örtlichen Parkplatzbesitzer fest, dass sie für die knappen Stellplätze eigentlich verlangen können, was sie wollen. Das tun sie dann auch und erhöhen einträchtig und gleichzeitig – wie sie es bis heute halten – die Preise. Von einer Mark fünfzig Anfang der Siebziger über vier Mark in den Achtzigern und sechs Mark in den Neunzigern auf heute 4,50 Euro. Mit Luft nach oben.

Während Umsatz und Gewinn des Parkplatzes vor allem in den Achtzigern ohne größeren Aufwand weiter in die Höhe schießen, gerät das »Café Kainz« immer mehr zum mühsamen Geschäft. »Früher sind acht von zehn Neuschwanstein-Besuchern im Ort eingekehrt, heut packen acht von zehn Leute Brote und Thermoskannen aus«, sagt Barbara Kopp. Außerdem scheint das Café mit seinen hohen Personalkosten und der vielen Arbeit eine seltsam beschwerliche Art des Geldverdienens zu sein. Jedenfalls im Vergleich zum Parkplatz.

Also verpachtet die Familie Kainz 1989 das vom Großvater 1935 eröffnete Café, behält den Parkplatz und bietet dem Küchenchef Hans Mayer den Job als Parkwächter an. Zu gleichen Bezügen, 5000 Mark brutto. Die Arbeitsplatzbeschreibung: kaum körperliche Arbeit, wenig Stress, viel frische Luft, ein kleines Holzhaus gegen den Regen und vor allem ein krisensicherer Arbeitsplatz. Auf gutes Essen verzichten die Menschen vielleicht mal. Geparkt wird immer.

Nach längerem Nachdenken schiebt Mayer seine Berufsehre als Koch beiseite und trägt einen Holzstuhl samt Sitzkissen hinunter auf den Parkplatz. 5000 Mark sind eine Menge Geld, es hat sich einfach gerechnet, »dafür bin ich jetzt halt der Parkdödel«, sagt er. »Wissen Sie: Parkwächter sein, das kann jeder Depp.« Keine Tricks, keine Tipps? »Die Autos gescheit hinstellen, wegen der Rendite. Es sollen ja möglichst viele reinpassen. Das ist alles.«

Trotzdem, irgendwie ist der Parkplatz in den letzten 20 Jahren auch sein Parkplatz geworden, sagt er. Dann eilt er zu einem Wagen mit polnischem Kennzeichen, der auf den Parkplatz holpert. Grinsend kehrt er zurück. »Die wollten nach Italien, haben aber den Weg nicht gefunden. Jetzt schauen Sie sich erst mal Neuschwanstein an.«