Weit draußen im Grünen

Sind wir allein im Universum? Ein Beet an der Raumstation ISS soll der Antwort näherkommen - mit der Pflanze eines jungen deutschen Biologen.

Welche Pflanzen sind stark genug, um in Finsternis und Vakuum zu überleben?
Als die Astronauten seine Proben ins All pflanzten, stand Björn Huwe in seinem Garten und starrte in den Himmel. Dort oben, in 400 Kilometer Höhe, schoben sie gerade einen kleinen Koffer voller Leben in die Leere des Alls – in ein kaltes, von kosmischer Strahlung durchdrungenes Vakuum.

Unten in Brandenburg war Sommer, August 2014. Das Heidekraut blühte, in den Hecken hingen saftig die Stachelbeeren. Huwe war aufgeregter, als er angenommen hatte. Sein Werk. Im Weltraum. Er wünschte, seine Lehrer wüssten davon.

Björn Huwe, 31, ist ein Doktorand der Biologie. Er will beweisen, wie zäh Leben ist. Deswegen hat er acht Exemplare der ältesten Landpflanzen der Erde ins All schießen lassen; die hängen jetzt außen an der Raumstation ISS, an einer Art Balkon. Wenn ihn aber Polizisten auf Verdacht anhalten – meistens auf dem Weg vom Institut in den verwunschenen Garten, wo er in einer Holzhütte mit Kompostklo lebt –, antwortet er ausweichend auf die Frage, was er beruflich macht. Glaubt ihm ja niemand. Sein T-Shirt hat Löcher, seine Turnschuhe sind geflickt. Sein Haar läuft in einer struppigen Strähne aus, ein Überrest der Dreadlocks, die er lange trug. Ihm traut keiner Großes zu. Das kennt er. War sein Leben lang so.

Huwe ist am Rande Berlins aufgewachsen, an den Ausläufern des Grunewalds. Er mochte diesen Forst und den Fluss dahinter, die Havel. Er erforschte Wasser und Wald mit der atemlosen Wissbegierde des Kindes; immerzu fragte er, welcher Baum dies, welcher Vogel jener sei. Wussten die wenigsten Erwachsenen. Sie sagten, das werde er bald lernen, in der Schule.

Er hatte sich so auf die Schule gefreut. Lesen ging. Schreiben war schwer. Er verstolperte Buchstaben, verlor sich im Unterholz der Sätze, jede Silbe eine Fußangel. Die Lehrer sprachen von Legasthenie. Er verstand es nicht. Was änderte es an einer richtigen Antwort, wenn sie falsch geschrieben war? Nur die Naturkunde ließ ihn nicht allein. Wind. Blumenblüten. Einen Vogel schlüpfen sehen. Am Ende der Grundschule sprachen die Lehrer ihre Empfehlung aus. Hauptschule.

Die Eltern pfiffen auf die Empfehlung. Das Kind kam auf die Gesamtschule. Er war keiner, dem alles zuflog. Er war keiner, dem alle halfen. Ihm blieb nur, sich zu schinden. Er büffelte erst das Wissen und dann die Worte dazu, so biss er sich durch. Biologie gab Kraft. Was war die Schule anderes als ein Lebensraum wie der Wald? Erfolgreich war, wer sich am besten den Bedingungen anpasste – oder widerstandsfähig genug war, dennoch zu gedeihen. Noch in der Oberstufe verlor er in Prüfungen wegen seiner Rechtschreibung Punkte. Der Leistungskurs Bio rettete ihm sein Abitur, Note 3,2.

Ein Studium der Biologie konnte er mit diesem Schnitt vergessen. Inzwischen wusste er aber, wie das Leben läuft. Irgendwo gab es sicher eine Nische für einen wie ihn. Er schrieb sich in Geologie ein, an der Universität Potsdam. Er besuchte keine einzige Vorlesung. Er saß vom ersten Tag an in den Seminaren der Biologen, Prüfungen als Externer ablegend. Nach ein paar Semestern konnte er, kleiner Kniff, in das Fach wechseln, wie ein Student der Biologie, der von einer fremden Uni kam. Jetzt war er, wo er sein wollte.

Potsdam ist ein prächtiger Ort für Biologen. Die Gärten und Parks der Könige Preußens schlingen sich wie ein Gürtel um den Stadtkern. Im Herzen dieser Grüne, im Park von Sanssouci, liegen im Schatten des Schlosses die Orangerie und der Botanische Garten. An ihrer Seite steht das Institut der Biologie. Knarzende Treppen, Knäufe aus Messing an den Fenstern, hinter denen sich die Bäume des Parks im Wind wiegen. Huwe gefiel es gleich.

Der Aufruf ins All erreichte Huwe 2010, am Ende seines Studiums. Er saß an seiner Diplomarbeit, einer Bestandsaufnahme der wilden Bienen Potsdams. Er hatte eigens zu imkern begonnen dafür, ein Wahnsinn, weil die wenigsten Wild-bienen mehrjährige Völker bilden. Aber er glaubte, er müsse es tun, um zu verstehen. Im Oberseminar der Examenskandidaten war eines Tages eine Abordnung der Planetenphysik angekündigt, aus Adlershof.

Dort, am anderen Ende Berlins, herrschen die Disziplinen der Naturwissenschaft über ein komplettes Quartier kasernengerader Straßen, die nach Nobelpreisträgern heißen – eine Stätte schneidiger Forscher mit zielsicheren Lebensläufen. Huwe, der Studieren eher als Stöbern begriff, konnte es kaum glauben: Diese Wesen aus einer anderen Welt suchten Unterstützung? Verblüfft stellte er fest, dass deren Bote ebenfalls Biologe war. Allerdings ein Astrobiologe.

Jean-Pierre de Vera war ein erstklassiger Wissenschaftler, der erst Astronaut hatte werden wollen und nun im Auftrag des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt eine Experimentenreihe organisierte: An der Außenhülle der Raumstation ISS hing – wie ein Beet – eine Plattform, an der man lebende Materie dem All aussetzen konnte. War schon mit Bakterien gemacht worden, mit Sporen, mit Samen. Nun stand die nächste Runde an. Gewünscht war Leben, das den extremsten Lagen der Erde trotzte.

De Vera sammelte dafür Vorschläge von Forschern aus ganz Europa. Schotten wollten Blaualgen ins All schießen, die den kargen Klippen vor einer alten Schmugglerhöhle an der Küste Englands entstammten. Spanien schickte Flechten aus der Hitze der Steppen im Hochland von Guadalajara. Italien einen Schwärzepilz aus dem erbarmungslosesten Lebensraum der Erde – den von Stürmen durchtosten Staubwüsten in den Trockentälern der Antarktis, in denen es so kalt ist, dass Spucke im Flug gefriert. War alles nichts Besonderes. Altbewährte Organismen, ihre Ausdauer oft erprobt. De Vera suchte jemanden, der im Auftrag der Astrobiologie etwas wagte, was tollkühn war.

Die Astrobiologie ist eine junge Disziplin, die dem Ursprung des Lebens im Universum nachspürt. Welche Art von Leben behauptet sich im All am besten? Wenn es überdauert – wie? Wenn es zugrunde geht – welche Spuren bleiben zurück? Wäre es möglich, dass Leben am Anfang des Sonnensystems auf Meteoroiden durchs All geritten kam? Im Kern dreht sich Astrobiologie um eine einzige, sehr alte Frage der Menschheit: Sind wir allein? Oder hat sich irgendwo im Universum – in einer der Milliarden von Galaxien, unter einer der Abermilliarden Sonnen – ebenfalls Leben entwickelt, vielleicht sogar intelligentes, wie wir es zu sein glauben? Deswegen war de Vera nach Potsdam gekommen.

Die Begeisterung im Oberseminar hielt sich in Grenzen. Bio, im All? Pfffff. Ein Student aber war fasziniert. Ein unerbittlicher Lebensraum. Eine Pflanze, die dort überleben soll. Könnte eine Doktorarbeit sein. Björn Huwe erbat Bedenkzeit.

Auf den Aufnahmen fanden sie inmitten der Finsternis toter Materie Flecken, die ganz leicht glommen. Leben!


Er war damals im Begriff, ins Grüne zu übersiedeln. Potsdam war teuer. Auf der Flucht vor steigenden Mieten hatte er in Potsdam einen verwilderten Garten in Pacht genommen – 800 Quadratmeter gute Erde, auf der alles gedieh, was er hegte. Er stellte die Stöcke seiner Bienen auf und säte, was ihm in den Sinn kam. Ansonsten ließ er der Natur ihren Lauf. Es dauerte nicht lange, und er lebte im Garten. Er hatte, was es brauchte. Eine Sickergrube für das Grauwasser. Ein Kompostklo für den Rest. Seine Seife machte er aus Seifenwurz. Er willigte ein, eine Pflanze für den Weltraum zu finden. Musste ein Moos sein, so viel war klar.

Moose sind älter als alles, was auf Land wächst. Manche von ihnen begegnen dem Druck der Evolution seit mehr als 350 Millionen Jahren auf eine sehr gelassene Weise: Sie leben, wo sonst niemand leben will. Auf Fels. In Wüsten. Im Permafrost. Sie sind so widerstandsfähig, sie wettern eine Dürre einfach ab: Wenn Wasser fehlt, trocknen sie aus. Wirkt dann, als wären sie tot. Sind sie nicht. Sie warten nur. Auf einen Tropfen Wasser, auf einen Strahl Sonne. Einmal bohrten Forscher ein Moos aus dem Ewigen Eis, das mehr als 1500 Jahre gefroren gewesen war. Als sie es auftauten und an Licht und Wasser setzten, wuchs es wieder.

Als Huwe anfing, gab es ein Problem – Geld. Er war kein Student mehr, die Zeit vergünstigter Fahrkarten oder Versicherungen war vorbei. Weil die Vorbereitungen der ISS-Experimentenreihe weit vorangeschritten waren, war es für ein Stipendium zu spät. Wenn, musste Huwe auf eigene Faust forschen. Er sah eine Möglichkeit: Er hatte bis ins Hauptstudium hinein Regale eingeräumt, bei Kaiser’s, richtig mit Vertrag – und Anwartschaft auf Sozialleistungen. Er ging zum Arbeitsamt. Wer weiß, was die Sachbearbeiterin dachte, als dieser Zottel ihr einen von Moosen im Weltall erzählte, die er erforschen müsse, und zwar von seinem Arbeitslosengeld. Aber irgendetwas an seiner Art überzeugte sie, dass er aufrichtig war.

Wie lange brauchen Sie?, fragte sie.
Geben Sie mir ein Jahr, sagte er.

Wenige Wochen später stiefelte Huwe die Schneegrenze der Alpen entlang. Seine Professorin in Potsdam, Jasmin Joshi, stammte aus der Schweiz; sie hatte Huwe die Suche im Hochgebirge empfohlen. An den Flanken des Matterhorns fand er, in Südlage, auf Granit, einen Flecken Leben am Fels – einen schwarzen Flaum, so unscheinbar, so wundervoll: Aus dem Moos schoben sich winzige weiße Halme. Glashaare. Sie streuen, kleiner Kniff, die Sonnenstrahlen. Huwe bestimmte das Moos: Grimmia sessitana, das Flache Kissenmoos. Dann barg er es vom Fels. Es eilte. Wie ein Astronaut hatte sich auch sein Moos einer harten Auslese zu stellen: den Testläufen der Europäischen Raumfahrtagentur, die entscheidet, was ins Weltall fliegt und was nicht.

Zurück in Potsdam, bekam Huwe einen Beutel mit Mineralien zugeschickt. Da war Mars drin. Die ISS-Experimentenreihe sah vor, acht Proben des Mooses dem All auszusetzen – auf verschiedene Arten von Böden gebettet: auf Mond-, auf Mars-, auf Erdboden. Mond war einfach. Der Mond hat eine Kruste, die aus ganz bestimmtem Gestein besteht, Anorthosit. Mars war schwer. Der Mars ist von Wüsten aus Stein und Staub bedeckt. Musste Huwe aus den Mineralien des Beutels anmischen. Quarz. Gabbro. Dunit. Schöne Sauerei, selbst auf einer sterilen Werkbank. Huwe brauchte lange, bis seine Böden sich als so stabil erwiesen, dass sie auch dem Schub einer startenden Sojus-Rakete standhalten könnten. Dann pflanzte er die Proben darauf. Sein Moos schaffte es gerade so zum Termin der Belastungstests.

Sie beschossen sein Moos mit Strahlung. Sie setzten es unter Vakuum. Sie kühlten es auf zehn Grad unter Null, heizten es auf 45 Grad über Null, dann im Wechsel, Frost, Glut, Frost, Glut, 66 Zyklen zu acht Stunden, dazu die Spitzenbelastung, -25°C, +60°C, und das Begasen mit Dämpfen, die der Atmosphäre des Mars ähnelten. Am Ende schoben sie, was übrig war, unter ein pulsmoduliertes Fluorometer. Auf den Aufnahmen – der Apparat misst, ob eine Pflanze auf Licht mit Photosynthese reagiert – fanden sie inmitten der Finsternis toter Materie Flecken, die ganz leicht glommen. Leben!

Als Huwe sein Moos zurückbekam, war er stolz. Er war zuversichtlich, die Weltraumforschung würde es für das All empfehlen. Doch der Platz auf der Plattform war knapp, die Konkurrenz groß. Schneealgen aus Spitzbergen stellten sich dem Auswahlverfahren, Urbakterien aus dem Permafrost, Hefestämme aus der Ukraine. Huwe sammelte weitere Proben. Es gab einen weiteren Belastungstest. Dann noch einen. Am Ende seines Jahres als Arbeitsloser wusste Huwe nicht, ob sein Moos fliegen würde.

Er rechnete, wie lange er sich leisten konnte, weiterzuforschen. Er dachte daran, aufzugeben. Weltraumforschung war sowieso nicht seine Welt. Wer dort arbeitet, führt ein Leben im Takt elektronischer Terminkalender, die jeden Tag mit Meetings und Milestones fluten – ping, ping, ping, Termin-Erinnerung! Auf seinem Computer nutzte Huwe diese Funktion dafür, sich erinnern zu lassen, auch auf der Arbeit seine Mantras zu singen. Er ist Buddhist.

Huwe suchte sich eine andere Doktorarbeit, eine, die ihm den Zeitdruck nahm, mit einem Stipendium verbunden war – und bei der seine Fingernägel schwarz vor Erde wurden: über schnelle Evolution am Beispiel eines Botanischen Gartens. Aber nebenbei kümmerte er sich weiter um sein Moos.

Ende 2013 erreichte das Institut eine Nachricht. Das Ausbringen der Plattform EXPOSE-R2 mit Experiment BIOMEX war angesetzt, ISS-Expedition 40, Flugvorbereitung aller Proben angelaufen. Sein Moos war dabei.

In der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 2014 hob eine Sojus-Rakete mit Grimmia sessitana an Bord ab, am 18. August pflanzten Astronauten die Proben ins All. Huwe sieht oft hinauf. Soll ein, zwei Jahre da oben bleiben, sein Moos.
Er hofft, es ist zäh genug.

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