Man muss nicht unbedingt wissen, dass Kyoto bis 1868 die Hauptstadt Japans war – aber es hilft zu erklären, warum auf einen Gast, sobald er einen Fuß ins »Yoshida-sanso« setzt, die Quintessenz japanischer Kultiviertheit einströmt. Wer zum ersten Mal nach Japan kommt, muss unbedingt ein paar Tage hier absteigen, weil sich Geschichte, Tradition und damit eigentlich die Seele Japans nirgendwo besser erfahren lassen als hier. Die ehemalige Adelsvilla, außerhalb der Stadt auf einem begrünten Hügel gelegen, wurde 1932 vom Onkel des jetzigen Kaisers Akihito erbaut und als Privatresidenz genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Adelssystem in Japan abgeschafft und die Villa in ein großzügiges Gästehaus mit Restaurant umgewandelt, ohne dass man jedoch den asiatisch-aristokratischen Baustil angetastet hätte: Überall finden sich noch japanische Art-déco-Elemente aus den dreißiger Jahren, der ganze Komplex besteht aus feinstem Zypressenholz, das nach traditioneller Handwerkskunst verbaut wurde. Das heißt: Nirgendwo im gesamten Gebäude findet sich auch nur ein einziger Nagel. Heute gehört das Hotel einer feinen Dame namens Nakamura Kyoko. Als gelernte Kalligrafin malt und zeichnet sie sämtliche Speisekarten und Hinweisschilder selbst. Gemeinsam mit ihrer Tochter – beide tragen ihre Kimonos mit vornehmer Noblesse – kümmert sie sich um jedes Detail im Hotel: von den Blumenarrangements bis zu den kunstvollen Tischdekorationen, alles reinste Japan-Poesie und jede Einzelheit von einer symbolischen Bedeutung, die es zu entschlüsseln gilt. Wer die tiefe Verehrung der Japaner für Schönheit erahnen will, muss im »Yoshida-sanso« nur einen Tee ordern. Geräuschlos wird dem Gast eine hauchdünne Schale gebracht, die gerade mal zwei Schlückchen beinhaltet. Neben der Schale liegen ein zart gepinseltes Gedicht und eine winzige Sojagelee-Praline, die auf einem blattförmigen Porzellantellerchen serviert wird. Man schläft – wie überall in Japan – auf dem Holzboden, und zwar auf einem liebevoll aufgeschüttelten Futon, der tagsüber wie von Geisterhand verschwindet. Wem am nächsten Morgen der Rücken schmerzt, der kann ja eine Shiatsu-Massage buchen. Bevor die Fachkraft Hand anlegt, wird ein handbemalter Paravent vor das Fenster geschoben, der vor neugierigen Blicken aus dem Garten schützt.Übrigens: Wem Japan zu weit ist, der kann sich im »Omen« in der New Yorker Thompson Street einen Eindruck vom Geist des »Yoshida-sanso« verschaffen. Mein japanisches Lieblingsrestaurant in Manhattan wird vom Sohn der Hotelbesitzerin geleitet.HOTEL YOSHIDA-SANSO, Yoshida Shimo-ooji-cho, Kyoto 606-8314, Tel. 0081/757716125, DZ/p. P. ab 180 Euro; www.yoshidasanso.com.OMEN, 113 Thompson Street, NY 10012, Tel. 001/212/9258923.

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