Haben Sie ein Lieblingskind?

»Nein«, werden Sie jetzt rufen - und nicht die Wahrheit sagen. Vielleicht aus Scham. Vielleicht aber auch, ohne es zu wissen oder zu wollen, denn: Jeder Vater, jede Mutter zieht eines der Kinder den anderen vor.

Wer auf die folgende Frage mit Nein antwortet, der macht sich selbst etwas vor. Die Frage lautet: Haben Sie ein Lieblingskind? "Nein!", werden Sie jetzt rufen. Und nicht die Wahrheit sagen - vielleicht aus Scham. Vielleicht aber auch, ohne es zu wissen oder zu wollen, denn: Jeder Vater, jede Mutter zieht eines der Kinder den anderen vor. Das glaubt jedenfalls der Wissenschaftsjournalist Jeffrey Kluger. Seine Titelgeschichte im amerikanischen Time Magazine, »Warum deine Mutter dich am liebsten mochte – die Wissenschaft der Bevorzugung«, die auf seinem neuen Buch über Geschwisterforschung basiert, hat in den vergangenen Monaten eine ganze Bugwelle von ähnlichen Artikeln und Interviews hervorgebracht. Favoritism, wie die Forschung über Lieblingskinder im Englischen heißt, ist die neueste Mode in der Entwicklungspsychologie, ungefähr so hip wie die Nanotechnologie in der Medizin oder die Suche nach dem Higgs-Teilchen in der Physik.

Und sie hat zur Folge, was fast alle Publikationen über Erziehungsfragen zur Folge haben: Eltern bekommen prompt ein schlechtes Gewissen. Das haben sie zwar sowieso schon die ganze Zeit, denn einmal setzen sie ihren Kindern zu viele Grenzen (Jesper Juul), manchmal zu wenige (Bernhard Bueb). Manchmal fordern sie zu viel (Michael Winterhoff), manchmal fordern sie zu wenig (Amy Chua). Und nun kommen auch noch die Forscher, die sich mit Geschwisterfolgen und elterlicher Bevorzugung befassen, und sagen: Ungleichbehandlung ist schlecht. Sie richtet seelische Schäden an. Wenn Sie schon unbedingt ein Lieblingskind haben müssen – und geben Sie es endlich zu, Sie haben eines! –, dann lügen Sie besser, was das Zeug hält. Denn die Kinder, die sich weniger geliebt fühlen, leiden. Sie entwickeln Ängste oder Depressionen, einen Mangel an Selbstbewusstsein, werden verhaltensauffällig oder gar suizidal. Und die Kinder, die bevorzugt werden, können später, im wirklichen Leben, Mühe haben, sich einzugliedern, sich durchzusetzen. Sie waren nämlich daheim immer der kleine Prinz oder die kleine Prinzessin – aber draußen, in der harten Wirklichkeit, zählen andere Gesetze als die Ähnlichkeit zu Mamas geliebtem Onkel oder das vom sportlichen Vater so begeistert geförderte Fußballtalent. Jeffrey Kluger fordert deshalb: »Erzählen Sie Ihren Kindern fromme Lügen darüber, dass Sie natürlich alle Kinder gleich liebhaben. Denn allein Ihr Dementi ist ein Akt der Liebe gegenüber dem weniger geliebten Kind.«

Also noch mal: Haben Sie ein Lieblingskind? Immer noch Nein? Waren Sie selbst vielleicht Daddys Darling oder Mamas Mausebär, gehasst von den eifersüchtigen Geschwistern? Oder hegen Sie noch heute einen Groll gegen die große Schwester, die immer mehr durfte und immer mehr konnte? Immerhin können sich die Folgen der Ungleichbehandlung bis ins Alter fortsetzen, der eine erbt das Häuschen, der andere nur den Pflichtanteil.

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Erforschen Sie also gerade Ihr Unterbewusstes, ob Sie mit Ihrer winzigen Tochter, die so besonders klein und süß und blond gelockt ist, nicht derzeit viel mehr Zeit verbringen als mit dem fünfjährigen Trampeltier in der Trotzphase, das Sie nur schwer ertragen? Schauen Sie das Älteste mit mehr Hingabe an als die anderen, weil es Ihnen am ähnlichsten ist? Bevorzugen Sie das hübscheste Ihrer Kinder? Das charmanteste? Den einzigen Jungen? Das Wunschkind? Dasjenige, das am nettesten zu Ihnen ist? Oder eher das Kind, das von Ihrem Mann besonders schlecht behandelt wird? Das Kind, das sich mit Ihnen im Streit gegen Ihre Frau solidarisiert? Das schwächste? Das kranke? Dasjenige, das Sie am meisten braucht?

So viele Gründe für Favoritism. Vielleicht legen also tatsächlich 90 Prozent aller Eltern mehr Liebe oder Zuwendung für eines ihrer Kinder an den Tag, wie Kluger schreibt, vielleicht ist das tatsächlich das letzte Tabu in Familien, an das sich Psychologen jetzt wagen. Jetzt aber nicht gleich panisch werden. Die moderne Psychologie und noch viel mehr moderne Eltern gehen die Sache ziemlich gelassen an. Sie müssen also, wenn Sie sich an bestimmte Regeln halten, nicht gleich mit der ganzen Familie in die Erziehungsberatung gehen. Denn Favoritism ist so alt wie der Darwinismus in der Natur – und nicht immer ein Drama. Zumal die Wahl eines Lieblingskindes bei einer durchschnittlichen Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Familie in Deutschland und einer zunehmenden Zahl von Einzelkindern schon aus Mangel an Auswahl ein Problem ist, das sich immer seltener stellt.

Aber hier soll nichts beschönigt werden, und wir wollen Sie auch nicht gleich aus Ihrer Selbsterforschung entlassen, ob Sie nicht endlich mal mit Ihrem Sandwichkind das lange versprochene Wochenende zu zweit absolvieren sollten, anstatt immer nur mit dem Jüngsten nach Legoland zu fahren. Denn Favoritism kann tatsächlich, wenn er auf Dauer und ohne Rücksicht auf Verluste ausgelebt wird, schweren seelischen Schaden anrichten. Das räumt auch der ansonsten in dieser Frage ziemlich entspannte Nestor der deutschen Geschwisterforschung ein, der Münchner Familienforscher Hartmut Kasten. Natürlich gebe es Kinder, die über Jahre hinweg zu wenig Zuwendung bekommen, ja echte Ablehnung erfahren, und die Folgen könnten schrecklich sein. Kasten benutzt dafür das archaische Bild vom »Hasenschartenkind«, das schon aufgrund seiner Physis früher immer Gefahr lief, nicht in den Arm genommen zu werden. Dauerhaft vernachlässigte Kinder würden selten »glücksfähig«. Schon der berühmte Psychoanalytiker Alfred Adler hatte 1914 in seinen Thesen über »Lieblingskinder« und »Aschenbrödel« festgeschrieben, zurückgesetzte Kinder neigten zu Schüchternheit und Verschlossenheit. Er listet eine wahrhaft höllische Kaskade von Eigenschaften auf, die Aschenbrödel an den Tag legten: Mädchen würden geizig, neidisch, boshaft, rachsüchtig, misstrauisch, Jungen würden ängstlich und verzagt, entwickelten Prüfungsangst, langfristig gelange das Kind »an die Schwelle der Neurose, des Verbrechens, des Selbstmordes«. Na gut, die Psychoanalyse war noch eine junge Wissenschaft, vielleicht ein bisschen extrem in ihren Interpretationen. Aber auch heute folgert ein Analytiker wie Horst Petri, der selbst ein Buch geschrieben hat über Liebe und Rivalität unter Geschwistern, dass es »keine Gerechtigkeit« gebe, dabei sei eben dies quasi das Wichtigste in einer Familie. Denn wo Eltern, bewusst oder unbewusst, ein Kind den anderen vorziehen, da entstehe Rivalität, da würden die innerfamiliären Konflikte an den Kindern ausgelebt. Das könne zu Traumata führen. Aber Petri gewährt mildernde Umstände, denn: »Wenn man mehrere Kinder in einer Familie fragt, wer am meisten geliebt wurde, dann zeigt schon mal jedes auf den anderen.« Das sei verzerrte Realität, der Psychoanalytiker Petri nennt das »Erinnerungstäuschungen«. Man könnte auch sagen: ausgleichende Ungerechtigkeit. Denn wo sich jeder schlechter behandelt fühlt als die Geschwister, da muss ja letztlich ein Gleichgewicht der Gefühle herrschen.

Alle Kinder gleich zu behandeln, wäre ungerecht

Ha, ha, und richtig schlecht soll ihm werden von den drei Törtchen, die Mama ihrem Duzi-Duzi hingestellt hat.

Vor allem aber Eltern reklamieren ausgleichende Ungerechtigkeit für sich: »Ich habe drei Lieblingskinder«, sagt die Münchner Ärztin Marion Reuter. Sie steht hier für viele, vielleicht für fast alle Mütter der Welt, die ihre Liebe nicht aufspalten und ihre Zuneigung nicht gewichten wollen: »Meine Tochter war mein Superstar, weil sie als Erste auf die Welt kam, und sie ist es noch heute, weil sie so unkompliziert, schön und heiter ist.« Ihr Zweitgeborener sei ebenfalls ein Lieblingskind gewesen, weil er so süß und schwach war. »Bisweilen dachte ich, er ist zu lebensunfähig, um zum Bus zu gehen und sich eine Fahrkarte zu kaufen«, sagt sie und lacht ein wenig traurig bei der Erinnerung daran, wie sie ihr Sandwichkind zu schützen versuchte. »Und das dritte? Der war auch immer toll. So locker, so ein Selbstläufer, der Kleinste und doch der Größte.« Heute sind die drei erwachsen. Und Marion Reuter weiß, dass jede Liebe eine Phase war. Und jede Phase naturgemäß ein Ende hatte. Mal fühlte sich das eine Kind benachteiligt, mal das andere.

Die meisten Eltern argumentieren so: Sie wissen zwar, dass sie manchmal nicht ganz gerecht sind, aber sie wissen auch, dass das oft gute Gründe hat. Ein Kind ist bedürftiger, ein anderes behindert. Eines befindet sich gerade in der Pubertät und ist vorübergehend nicht ansprechbar. Phasen-Liebe nennt Marion Reuter das.

Alexander Laimer, Bayer, Hausmann, Vorzeigevater, nennt sein Verhalten: »differenziert«. Er hat zwei Söhne. »Beide sind meine Jungs. Jeder ist besonders auf seine Weise. Ich liebe sie, weil sie so unterschiedlich sind. Einen Lieblingssohn habe ich nicht. Nur eine Lieblingsfrau, die mir diese zwei tollen Kerle geboren hat.«

Ja, Eltern behandeln Kinder unterschiedlich. Manchmal suchten sie Verbündete im Kampf gegen den Partner, manchmal missbrauchten sie ihre Kinder auch, um eigene Bedürfnisse zu erfüllen, sagt die Trierer Entwicklungspsychologin Sigrun-Heide Filipp. Aber die meisten Eltern betonen, dass ihre Liebe zu den Kindern, im Grundsatz stetig, höchstens mal in ihrer Intensität wechsele. Je nachdem, wie die Kinder drauf sind und wie die Eltern. »Früher hatte ich lange ein Lieblingskind«, gesteht Birgit Hoppe, Krankengymnastin aus Hamburg. »Meine Tochter kam krank auf die Welt, sie brauchte mich viel mehr als mein Sohn später. Mein Sohn kommt allein zurecht – das zweite Kind ist ja immer selbstständiger. Aber er ist viel liebevoller zu mir als seine Schwester. Daher ist meine Beziehung zu ihm derzeit vielleicht ein klein wenig besser.«

Der Geschwisterforscher Hartmut Kasten bestätigt die Selbsteinschätzung vieler Eltern: Diese hielten in der Regel bewusst die Gerechtigkeit in der Familie hoch und seien um Individualisierung bemüht. Sie selbst werden vielleicht jetzt gerade überlegen, ob Sie Ihren Kindern immer gleich viel zu Weihnachten schenken und ob Sie tatsächlich immer versuchen, mal bei diesem, mal bei jenem Kind am Spielfeldrand oder beim Flötenvorspiel zu sitzen. Oder schwänzen Sie regelmäßig die Vorspiele, weil das musikalische Niveau so unterirdisch ist? Immerhin denken Sie darüber nach. Kasten sagt, bisweilen sei es sogar gut so, dass Eltern ihren Kindern unterschiedlich viel Zuwendung zukommen lassen, denn: »Manche Kinder blühen mit mehr Aufmerksamkeit regelrecht auf, die sollen dann ab und zu auch ein wenig mehr bekommen.«

Noch weiter geht, und man hört es mit Erleichterung, der vielseitige Remo Largo, Schweizer Kinderarzt, Buchautor und Wissenschaftler, der über Babyjahre, über Kinderjahre, über Jugendjahre und zuletzt über die Pubertät geschrieben hat. »Alle Kinder gleich zu behandeln«, stellt er fest, »wäre ungerecht, weil jedes Kind ein einmaliges Wesen ist.« Eltern versuchten vielmehr intuitiv, den individuellen Bedürfnissen ihrer Kinder zu entsprechen. Aber Largo gibt Müttern und Vätern doch noch etwas zum Nachdenken. Er warnt davor, Zuwendung zum Beispiel von Schulnoten abhängig zu machen, anstatt das Kind in seinem Bemühen und als Person ernst zu nehmen. Und: Largo unterscheidet »bevorzugen«, also echte Zuwendung und gemeinsame Erlebnisse, von »verwöhnen«, von materieller Befriedigung. Also gibt es zum Schluss doch noch einen Grund, eventuell ein schlechtes Gewissen zu haben: Wie oft in letzter Zeit haben Sie Ihren Kindern Geld für McDonald’s gegeben oder ihnen eine tolle DVD gekauft, weil Sie einfach nur Ihre Ruhe haben wollten? Oder, um noch einmal Remo Largo zu zitieren: »Welche eigenen Schwächen versuchen Eltern zu kompensieren? Und woher kommt ihre falsche Eigenliebe?« So, jetzt gehen Sie bitte in sich.

Fotos: Achim Lippoth

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