Sie hatten ihm die Hände um den Hals gelegt und zugedrückt

Der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon blickt zurück auf 82 Jahre Einsamkeit. Lebende Literaturgeschichte, ebenso bedeutend wie erfolglos.

»Natürlich war ich besoffen. Damals war man eigentlich immer besoffen«

Der Mann, der im Pariser Stadtteil Montparnasse auf 35 Quadratmetern lebt, ist als Schriftsteller ebenso bedeutend wie erfolglos. Seine Bewunderer reichen von Elias Canetti und Max Frisch bis zum Franzosen Frédéric Beigbeder, der ihn für »einen der wichtigsten Autoren unserer Zeit« hält.

Unstrittig ist, dass Paul Nizon der erste deutsch schreibende Autor war, der seinen Figuren neben Hirn und Herz auch einen Unterleib gab. Er selbst formuliert das so: »Ich habe den Sexus in die deutsche Literatur eingeführt.« Nach drei dramatisch gescheiterten Ehen, zahllosen Freundinnen und Freudenmädchen lebt der 82-jährige Schweizer heute allein. »Meine Beziehungen«, meint er, »sind alle daran gescheitert, dass ich mit dem verdammten Schreiben liiert bin.«

Unter dem Titel Urkundenfälschung veröffentlichte er kürzlich seine Tagebücher aus den Jahren 2000 bis 2010. Das 1961 begonnene Endlosprojekt ist inzwischen auf mehr als 20 000 Seiten angeschwollen. Fragt man Nizon, ob er am Schreibtisch sterben wolle, sagt er: »Unbedingt! Ich arbeite seit vielen Jahren an einem Buch mit dem Titel Der Nagel im Kopf und hoffe inständig, es zu Ende zu bringen. Ich will schreibend untergehen und über der Maschine zusammenbrechen. Alles andere wäre mein sofortiger Tod.«

SZ-Magazin: Herr Nizon, Ihr kurvenreiches Schriftstellerleben lässt sich entlang von vier Femmes fatales erzählen. Die erste versetzte Ihrem Kinderherzen eine verheerende Wunde.
Paul Nizon: Mit zwölf Jahren lernte ich ein Mädchen aus der Nachbarschaft kennen, eine Halbspanierin, die die Schönheit des Viertels war. Sobald ich sie auftauchen sah, wurde die Welt hell. Als ich meine Kindergeliebte fragte, ob sie mit mir gehen wolle, sagte sie neckisch: »Ich werd es mir überlegen.« Ich war vernichtet und sprach nie mehr mit ihr. Es war die Abweisung der reinsten Form der Liebe, einer Liebe, die sich nicht um das Geliebtwerden drehte, sondern mit unendlicher Reinheit nur dem andern galt. Ich wurde in einen Abgrund von Verstörung und unfassbarer Verzweiflung geworfen. Fortan lebte ich in der Überzeugung, der Gegenliebe wohl nicht wert zu sein, und mein Innerlichkeitsleben nahm seinen Anfang: das Herumphilosophieren, die Empfänglichkeit für seelische Vorgänge, das monologische Marschieren, die besessene Versprachlichung des Alltags und der Zwang, dieses Zweitleben in Heften zu verschriftlichen.

Die zweite Femme fatale lernten Sie 1960 als Literaturstipendiat in Rom kennen. Zuvor hatten Sie als 24-jähriger Student eine Pfarrhaustochter geheiratet und waren Vater von zwei Kindern geworden.
Ich kam mit viel Idealismus nach Rom und ging nach einem Jahr als heidnischer Hurenbock. Meine Familie war außerhalb untergebracht, und von Montag bis Freitag führte ich ein Nichtstuerdasein. Ich hatte nur diese großartige, fürchterliche, mit Lethargie und Altersmüdigkeit angefüllte Stadt – und dann brach die auf Hochtouren gereizte Libido aus und zerfledderte meine ohnehin schon unterhöhlten bürgerlichen Glaubensartikel. Es begann das Ausschlüpfen des Barbaren.

Sie führten ein Doppelleben zwischen Familie und Rotlichtmilieu.
Die römischen Frauen waren vollkommen unzugänglich. Es gab keine sexuelle Freizügigkeit, es gab nur die Huren, und die waren zum Teil unglaublich schön. Ich trat nicht ununterbrochen als Konsument auf, sondern war mit denen als eine Art Hurenhirt verbandelt. Eines Abends lernte ich eine junge Frau namens Maria kennen, die als Animiermädchen in einem Nachtlokal arbeitete. Ich verwandelte dieses arme, deklassierte Mädchen gleich in ein unantastbares Heiligenbildchen. Ich habe sie seelisch missbraucht, indem ich in ein privates Verhältnis mit ihr eintrat. Ich begleitete sie ins Spital, trug ihr Söhnchen auf meinen Schultern und lernte die Mutter kennen. Als ich Maria gestand, dass ich verheiratet und Vater von zwei Kindern war, wurde ihr Traum vom rettenden Prinzen zunichte.

Ich war geknechtet, ich litt, ich wollte nichts wie weg

Paul Nizon im Jahr 1981. Sein Werk »Das Jahr der Liebe«, das damals veröffentlicht wurde und von einer Reise nach Paris erzählt, gilt als ein Höhepunkt seines dichterischen Schaffens

Femme fatale Nummer drei lernten Sie kennen, als Sie als Zeitungsredakteur nach Barcelona entsandt wurden, um über eine Ausstellung zu berichten.
Ich war nicht irgendein Redakteur, ich war leitender Kunstkritiker der hoch angesehenen Neuen Zürcher Zeitung. »Adenauers Morgenblatt« hieß die damals. Am ersten Abend in Barcelona sage ich dem Taxifahrer, er solle mich in irgendein Nachtlokal bringen. Als ich reinkomme, sehe ich im Halblicht diese Antonita. Und nun falle ich in diese Geschichte rein, vergesse den Auftrag und hocke mehrere Wochen lang jede Nacht bis sechs Uhr früh in diesem Lokal wie in einem Kerker und belagere dieses Mädchen. Ich war geknechtet, ich litt, ich wollte nichts wie weg – aber ich konnte nicht. Ich war an diese Frau gefesselt und muss mich benommen haben wie ein Verrückter. Ich hatte alles Geld ausgegeben und meinen Pass hinterlegt, um Schulden machen zu können. Für die Familie war ich verschollen, für die Zeitung war ich untergegangen. Mein Instinkt rebellierte gegen die falsch gewählte bürgerliche Existenz und dürstete nach einer Katastrophe. Und der Weg in die Katastrophe führte bei einer Veranlagung wie meiner über eine Frau. Im Verhör mit einem Psychiater würde ich sagen, dass es eines Katastrophenerlebnisses bedurfte, um freizukommen und mich in die Startposition des Dichters zu hieven.

Die vierte Femme fatale lernten Sie kennen, als Ihnen 1976 eine 21-jährige Studentin vorgestellt wurde. Obwohl Sie gerade zum zweiten Mal geheiratet hatten, brach nach der ersten Nacht eine Amour fou los.
Die Begegnung mit Odile führte zu einem dem Wahnsinn nahen Zustand. Es war eine Liebesvergiftung, eine Mischung aus verrückter körperlicher Verhexung bis zur Hörigkeit und einem Überfließen von Liebe.

Odile war 26 Jahre jünger als Sie – und die beste Freundin Ihrer Tochter.

Meine Tochter sagte: »Papa, hör sofort auf damit!« Aber ich buhlte bei meinen Exzessen um ihr Verständnis. Nach der ersten Nacht mit Odile musste ich auf eine Lesereise, die mehrere Wochen dauerte. Ich dachte, ich werde sie vergessen, aber die Gier nach ihr wurde immer wahnsinniger. Als ich zurückkam, ging ich zuerst zu meiner Tochter. Sie arbeitete neben ihrem Studium in einem »Pizza Hut«-Lokal. Ich sagte: »Da bin ich wieder.« Sie erwiderte: »Ich weiß, was du denkst. Ja, Odile hat nach dir gefragt.« Und dann geht die Tür auf, und sie kommt rein.

Odile wehrte sich lange gegen eine Beziehung.
Es war eine Zerfleischung ohnegleichen. Ich lief innerlich aus wie ein lecker Behälter. Ich hatte eine schreckliche Schreib- und Lebenskrise und dazu kein Einkommen. Wenn ich wochenlang mit keinem Menschen geredet hatte, hörte ich immer wiederkehrende Geräusche in meinem Kopf. Diese Geräusche waren die Maschinerie des Wahnsinns, und man erwog, mich in ein Irrenhaus zu stecken.

In Ihren Tagebüchern porträtieren Sie sich als »autistischen Grübler mit innerer Kältedistanz«, »selbstverkrochen bis zur Einmottung«. Ihre Frau möchte man nicht sein.
Ich bin ans Schreiben gekettet wie an ein Beatmungsgerät. Ich hoffe, danach tiefer und freier am Leben zu sein und eine andere Luft zu atmen. Bei mir ist das Glücksjagen ein Sprachsuchen, deshalb bleibt für andere wenig übrig. Meine Ichbezogenheit geht bis zur Egomanie und Liebesunfähigkeit. Diese Selbstverstrickung ist letztlich der Grund für meine Unzulänglichkeit als Lebenspartner. Ich komme nicht über die Mauer meiner Blockaden und bleibe in einer inneren Wirrnis stecken. Der Volksmund hat recht: Ein Künstler sollte nicht heiraten. Das Zerhäckseltwerden durch Anforderungen familiären Alltags verhindert das Wegschreiben des Unglücks.

Sind Sie Beziehungen auch deshalb eingegangen, um ein Romankapitel zu erleben?
Ja. Den Lebenshunger als Vehikel der Stoffzufuhr können Sie bei allen richtigen Schriftstellern beobachten. Man stellt Experimente mit sich selber an, um sich Material für sein Schreiben anzuleben.

Ich bin mein eigenes blutendes Versuchskaninchen

»Ich bin ans Schreiben gekettet wie an ein Beatmungsgerät. Ich hoffe danach tiefer am Leben zu sein und eine andere Luft zu atmen«

In Ihrem Journal heißt es: »Könnte ich wie ein Simenon produzieren. Drei Romane pro Monat. Ein Schloss mit Dienerschaft. Ein Weltreich der Distribution und Unterwerfung. Imperium und Imperialismus.« Wie gehen Sie damit um, mit 82 immer noch als Geheimtipp gehandelt zu werden?
Für die einen bin ich ein Literaturheiliger und lebender Mythos, für die anderen ein vernagelter, eingebildeter Alter, der seine Erfolglosigkeit mit Elitismus und Dünkelattitüden kompensiert. Manchmal schafft mich das Unberühmtsein, denn natürlich träumen Selbstwahn und Ruhmgier in mir von einem Buch, das mich in die Internationale der Habenden erhebt. Manchmal kriege ich einen schmachtenden Neid, wenn ich Dokumentarfilme über Rockstars sehe und über deren enges Publikumsverhältnis meditiere.

Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, kein Geschichtenerzähler zu sein, sondern seit mehr als einem halben Jahrhundert nur ein einziges Thema zu kennen: das Rumpopeln am eigenen Ich.
Jede Geschichte ist ein Polizist, der dich verhaftet und einsperrt. Ich bin ein Sprachmensch, kein Geschichtenverpacker und Inhalteverteiler, der ins große Fiktionieren ausbricht. Im Unterschied zu Schmalverbrauchern des Lebens stehen Schriftsteller ihrem eigenen Ich als Rätsel gegenüber. Das Ich ist das Unbekannte, und dieses Ich-Dunkel ist mein Jagdgebiet. Wenn Sie es als Themenlosigkeit sehen wollen, dass ich mein eigenes blutendes Versuchskaninchen bin, bitte. Diese psychologische Selbstausbeutung hat aber wegen der Sprachform nichts Ich-Blutiges. Wenn ich wissen will, was hinter meinem Ich steckt, will ich wissen, was daran für eine weitere Menschheit interessant sein könnte. Banal gesagt: Wenn ich mir auf die Spur komme, komme ich auch Ihnen auf die Spur.

Ihre Bücher durchzieht ein antibürgerliches Pathos, das Außenseitertum und Grenzerfahrungen feiert. Wie ist es für Sie, 82 zu sein?
Altwerden bedeutet Bewusstsein der Todesnähe, Absonderung, Einzelhaft, Einsamkeitsanfälle und den Terror des Ausrangiert- und Abgeschriebenseins, der einen gehässig macht. Wenn ich von Besuchen zurückkomme, werde ich jedes Mal ins definitive Alleinsein gestoßen. Weil das schrecklich ist, ist selbst Beckett am Ende freiwillig in ein Altersheim eingetreten.

2002 notierten Sie: »Ich habe in den Ehen, in der Familie, in der Liebe versagt, sogar die Kinder haben sich abgewandt.« Alles für das Werk geopfert oder verspielt?
Als Witz sage ich oft: Meine größte pädagogische Leistung bestand darin, meinen Kindern vorgelebt zu haben, wie übel es ist, arm zu sein. Deshalb sind sie alle reich geworden. Meinem erfolgreichsten Kind gehört die größte Paparazzi-Agentur der USA. Boris hat 40 Angestellte, ist Kampfsportler und Pilot, fährt einen Rolls-Royce und besitzt eine riesige Yacht.

Ingeborg Bachmann war ein kräftiges Bauernkind

Neben Frauen gab es auch drei Männer, die in Ihrem Leben eine entscheidende Rolle gespielt haben. Der erste war Max Frisch.
Wir lernten uns 1960 in Rom kennen. Er war bereits eine viel beanspruchte öffentliche Person, ich dagegen war die personifizierte Pause. Ich sehe ihn immer noch vor mir mit diesem Verhördenken und an seiner Pfeife ziehend, wie andere stottern. Er schrieb damals unter Hochdruck Mein Name sei Gantenbein, seinen Eifersuchtsroman über die Jahre mit Ingeborg Bachmann, die sich für beide als fundamentales Unheil entpuppten.

Dass Frisch die Beziehung zu einem Roman verarbeitete, empfand Bachmann als »Missbrauch«. Sie fühlte sich als »Studienobjekt« ausgeweidet und zu »Blutwurst und Braten« gemacht. Haben Sie die beiden zusammen erlebt?

Ja. Der arme Frisch wirkte jedes Mal sehr verspannt und gestresst. Manchmal machte er mir gegenüber Bemerkungen über seine krankhafte Eifersucht, der keine Bildung gewachsen sei.

Der Komponist Hans Werner Henze erzählt: »Der Bachmann gefielen richtige Kerle, Männer aus dem Volk. Wenn sie im Nachtzug von Rom nach Wien einen Mann kennenlernte, hat sie sich oft eine falsche Identität ausgedacht. Mal war sie eine züchtige Krankenschwester, dann wieder eine Lebedame, bei der es nicht ausgeschlossen wirkte, einen schnellen One-Night-Stand zu haben.«
Die Bachmann war wirklich kein Heimchen. Manchmal verschwand sie einfach mit dem Verleger Giangiacomo Feltrinelli oder gabelte auf der Straße irgendwelche Matrosen auf.

Frisch schrieb über dieses Verhalten: »Ihre Freiheit gehörte zu ihrem Glanz. Die Eifersucht war der Preis von meiner Seite. Ich bezahlte ihn voll. Auf unserer Terrasse mit Blick über Rom schlief ich mit dem Gesicht in der eignen Kotze. Einmal habe ich getan, was man nicht tun darf: Ich habe Briefe gelesen, die nicht an mich gerichtet waren, Briefe von einem Mann. Sie erwogen die Ehe. Ich schämte mich und schwieg.« Verstehen Sie, warum der halbe deutsche Literaturbetrieb Bachmann verfallen war?
Sie war keine Schönheit, sondern wirkte eher wie ein kräftiges, robustes Bauernkind. Andererseits hatte sie diesen merkwürdig verhangenen Blick und konnte bei Lesungen ausfallen vor Sensibilität und Schwäche. Ich hatte schon damals den Verdacht, dass sie viel interessanter ist als Frisch. Den Schriftsteller Frisch fand ich nicht überwältigend. Stilistisch und dramaturgisch konnte er schon was, aber dieses Gantenbein-Gewäsch mochte ich nicht. Da ist er auf manchen Seiten ein moralisierender Ratgeberonkel.

Als 1963 Ihr Roman Canto erschien, schickte Frisch Ihnen ein Telegramm: »canto gelesen und verstanden. ich beglückwünsche sie und beneide sie um möglichkeiten.« Mehr geht nicht, oder?
Aber dann hat er stillschweigend zugeschaut, wie ich geschlachtet wurde. Das Monument Frisch, das sich mit der größten Leichtigkeit sämtlicher Medien bediente, hätte doch seine mächtige Stimme erheben können. Ich glaube, es kam ihm ganz zupass, dass ich da in meinem Größenwahn eins aufs Dach kriegte und in ein Jammertal des Nichterfolgs fiel. Er behauptete, ich hätte einmal gesagt: »Mir wird fast übel, wenn ich daran denke, wie viele Schriftsteller durch das Erscheinen meines Canto vernichtet werden.«

Ist das korrekt zitiert?
Na ja, vielleicht. Jugend überspannt.

Zur Eintrübung Ihres Verhältnisses trug ein Fest bei, das Frisch zum 40. Geburtstag Ihres Kollegen Jürg Federspiel gab. Von den anwesenden Damen verlangte er zu bestimmen, welche der eingeladenen Jungschriftsteller in welcher Reihenfolge sterben würden. Was er offenbar für ein amüsantes Gesellschaftsspiel hielt, war allen nur unendlich peinlich. Wir waren schließlich nicht als Testpersonen für seinen berühmten Fragebogen eingeladen.

Hätte man nicht einfach sagen können: »Herr Frisch, aufhören!«

Sie haben Frisch nicht gekannt. Der konnte eine Gesellschaft unendlich lang nerven, wenn man nicht auf sein Thema einstieg. Er gab auch gern den Problemonkel. Es interessierte ihn fiebrig, Leute zu beraten, deren Beziehung am Bröckeln war. Unsere späteren Zusammenkünfte waren dann gekennzeichnet durch Verlegenheit und Künstlichkeit. Als ich von seinem Tod hörte, schämte ich mich für den Mangel an Gefühlen und Zuneigung. Vielleicht ist es auch purer Neid von mir, warum ich ihn so schlechtmache. Vielleicht kratzt mich sein brüllender Erfolg bis heute. Oder es ist die alte Vatermord-Geschichte, dass ich seinen Tod auch als Befreiung erlebte. Dabei hätte ich allen Grund, ihm dankbar zu sein, denn er war es schließlich, der mich zu Suhrkamp gebracht hat.

Für ihn war ich bloß eine offene Wette

»Warum Unseld mich plötzlich für seinen potenziellen Mörder hielt, verblüfft mich bis heute«

Dort begegneten Sie dem zweiten wichtigen Mann Ihres Lebens.
Frisch stellte mich in einem Hotel in Zürich dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld vor. Als ich ihm aus einem Entwurf zu Canto vorlas, bot er mir sofort einen Vertrag mit Monatsgehalt an. Es war, als hätte ich einen Hollywood-Vertrag unterzeichnet. Ich stürzte mich in das Buch und schrieb es in nicht einmal einem Jahr. Unseld war hingerissen und prophezeite einen Welterfolg. Und ich war Narr genug, meinen Weltruhm in naiver Freude zu erwarten. Canto war das zweite Buch, das Unseld als Verleger verantwortete. So frisch, so an einem Anfang waren wir beide. Umso größer war die Enttäuschung für ihn, als Canto mit vernichtenden Worten abgeurteilt wurde. Es wurden damals nur 1500 Exemplare verkauft. Ein Reinfall.

Wie ging Ihre Beziehung weiter?

Unseld dachte natürlich schon, dass ich eine Art Genie bin. Aber da ich kein Geschäft war, war ich für ihn kein Geschäftspartner, bloß eine offene Wette. Das war schrecklich für ihn, denn er scharte mit Vorliebe Autoren mit hohen Auflagen um sich. Für ihn war ein großer Schriftsteller dann doch ein erfolgreicher Schriftsteller. Ruhm ohne Erfolg, mein Geschick, gab es für ihn nicht.

Zur Feier seines 65. Geburtstages ließ Unseld die Creme seiner Autoren nach Venedig einfliegen. Wie war dieses Fest für Sie?
Im Flugzeug nach Venedig hatten Unseld und Martin Walser ausgeheckt, dass ich den Torcello-Preis der Suhrkamp-Stiftung bekomme, eine tolle Summe. Meine Aktien bei Unseld standen also sehr gut. Nachts fiel er des Alkohols wegen eine lange Treppe hinunter und lag in seinem Blut. Peter Handke hielt ihm die Hand. Als ich mich dem Verletzten näherte, sagte er: »Du nicht!« Warum er mich in seiner Hinfälligkeit plötzlich für seinen potenziellen Mörder hielt, verblüfft mich bis heute.

Sie hatten ihm einmal die Hände um den Hals gelegt und zugedrückt. Vielleicht war das der Grund.
In meinen sieben mageren Jahren nach Canto fühlte ich mich sehr zerworfen mit ihm. Und dann kommt der Kerl nach Zürich und hält von einem gemästeten Ichgefühl aus einen Vortrag über den Verleger als Seelsorger, Liebhaber und materiellen Vater des Autors. Als man hinterher zusammensaß, sagte ich: »Ich bringe dich um, du Schwein!« Dann würgte ich ihn, bis sein Kopf blaurot anlief. Natürlich war ich besoffen. Damals war man eigentlich immer besoffen. Das können Sie sich gar nicht vorstellen, was man in sich hineingeschüttet hat.

Wann haben Sie Unseld zum letzten Mal gesehen?

Bevor er krank wurde, sind wir noch einmal ausgegangen. Er ließ seine Jaguarlimousine mit dem Kennzeichen F-SU 1 von einem Chauffeur fahren, und wir gingen fürstlich essen. Er trank wie immer wahnsinnig schnell, und dann habe ich alle möglichen Forderungen vorgebracht. Alles wurde sofort akzeptiert. Am Ende sagte ich: »Nur schade, dass ich ein derartiger materieller Versager bin in deinem Verlag.« Er nahm mich am Arm und erwiderte: »Sag das nicht. Du bist kein Versager. Ich bin dein Versager.« Das war das letzte Statement.

Die dritte große Männerfigur in Ihrem Leben war Elias Canetti.
Er war die größte Begegnung meines Lebens. Ich habe nie wieder eine Person mit einem derart reichen und breit gefächerten geistigen Universum erlebt. In seinen Büchern präsentierte er sich als Mann ohne Unterleib. Dass er im wirklichen Leben ein despotischer Don Juan war, dessen Vielweiberei Züge einer Obsession hatte, bekam ich nicht mit. Erst nach seinem Tod erfuhr ich, dass ich jahrzehntelang einem wahnsinnigen Erotomanen gegenübergesessen hatte. Er war ein Faun, der einen kleinen Harem aus jungen, schönen Adeptinnen hatte und beschlief – mit Zustimmung seiner Frau Veza, die das Ganze organisierte. Nur einmal verblüffte er mich, als er mit Emphase sagte: »Ich war gerade in Israel, und ich sage Ihnen, da gibt es riesige, blonde Weiber! Man möchte diese Stuten sofort bespringen!« Ich dachte: Was? Bespringen? Das war nun wirklich eine Ausdrucksweise, wie ich sie von ihm noch nie gehört hatte.

Fotos: Jonas Unger, dpa (1)

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