Bitcoins im Dschungelcamp

Unser Kolumnist verrät, warum es manchmal lebensnotwendig ist, etwas unfassbar langweilig und uninteressant zu finden.

Was die Welt angeht, so gibt es in ihr erstens Dinge, die mich interessieren und zweitens Dinge, die mich nicht interessieren. Dann wäre da etwas Drittes, was mich in so umfassender Weise nicht interessiert, dass … Also, kürzlich hatte die Tatsache, dass ich im Sportteil eines Berichts über die Lage beim seit Jahren vor sich hin taumelnden Hamburger Sport-Verein ansichtig wurde, etwas so Lähmendes, dass mir die Zähne in der Frühstückssemmel stecken blieben. Ich konnte in einer Art HSV-Stupor, den Kiefer nicht mehr öffnen und musste mit der nun teils im Mund, teils davor befindlichen Semmel ins Büro gehen, wo sich bei der Arbeit der Zahnkrampf löste.

Natürlich gibt es noch mehr solcher Themen, das Dschungelcamp etwa, aber auch der sogenannte Bitcoin, dessen Erwähnung in mir eine Art existenzieller Lähmung auslöst. Aber! Man kann damit offenbar reich werden. Wer vor Jahren Bitcoin gekauft hat und sie rechtzeitig verkaufte, ist heute schwerstwohlhabend!

Das erste Problem ist nur, dass ich damals nicht wusste, was ein Bitcoin ist und wo man ihn erwerben kann. Das zweite Problem: Ich weiß es auch heute nicht. Vermutlich werde ich es nie wissen. Um es zu erfahren, müsste ich mich dafür interessieren. Davon kann keine Rede sein.

Du interessierst dich nicht dafür, wie du reich werden kannst?, fragt eine innere Stimme.

Einerseits, antworte ich. Andererseits geht es hier nicht darum, wie ich reich werden könnte, sondern wie ich hätte reich werden können, ja, um die Frage, wie ich mit etwas, was mich nicht die Bohne interessiert, hätte reich werden können. Hier sind wir an einem wichtigen Punkt: Du kannst nur mit etwas zu Vermögen kommen, dessen pure Erwähnung dich nicht zu menschlichem Blei macht, oder?

Übrigens halte ich massives Desinteresse für eine der schärfsten Waffen gegen die Hysterie der Zeit. Man muss gegen die Zumutungen im Zeitgeschehen eine virtuelle Mauer aus Gähnen, leeren Blicken, Weiterblättern errichten, anders geht es nicht mehr. Man wird sonst verrückt.

Was den Bitcoin angeht, so weiß ich immerhin, dass viele der Leute, die damit reich wurden, dies nicht beabsichtigten. Es handelt sich zum Beispiel um junge Menschen, die sich weniger mit Wohlstand beschäftigten, eher mit dem Machtmissbrauch derer, die 2007 die Finanzkrise auslösten. Die Währung Bitcoin sollte System-Manipulationen unmöglich machen, im Zusammenhang mit ihr liest man Begriffe wie »Widerstandstechnologie« und »ziviler Ungehorsam«. Was ich auch nicht wusste: dass der Mann, der 2009 den Bitcoin erfand, erstens Satoshi Nakamoto heißt, dass aber zweitens niemand weiß, wer Satoshi Nakamoto ist – na ja, Quatsch, irgendwer wird’s schon wissen. Aber wir kennen ihn halt nicht. Wozu auch?

Jedenfalls haben diese jungen Leute Bitcoin weniger als Geldanlage gekauft, sondern weil sie eine bessere Welt wollten. Nun hat sich die Spekulation auch des Bitcoins bemächtigt. Dafür haben einige, die eine bessere Welt wollen, jetzt ordentlich Kohle. Das ist besser, als wenn das Geld immer bei den üblichen Verdächtigen landet.

Der amerikanische Ökonom Robert Shiller (2013 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet) hat im Spiegel gesagt, man denke angesichts dieser Geschichte immer, man hätte es wissen können. Man bedauere, dass man es nicht wusste. Man sei neidisch auf die, die es gewusst haben. Shiller sagt: »Das ist es, was Märkte treibt: Bedauern und Neid.«

Bedauern, Neid, das Treiben der Märkte, ach, ja, ja, ja. Dagegen hilft nur Dr. Hackes Spezialrezept: Abwendung. Nichtwahrnehmung. Schläfrigkeit. Offensive Ignoranz. Alles geboren aus dem tiefen Wissen: Wenn ich entdecke, dass man mit einer Sache reich werden konnte, ist es in jedem Fall zu spät, um damit reich zu werden. Wird immer so sein, bis zu dem Tag, an dem die Eilmeldung kommt: HSV-Trainer geht ins Dschungelcamp. Er wird in Bitcoin bezahlt.

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