Das Beste aus aller Welt

Bisweilen hat man das Gefühl, die Menschheit sei am Ende ihrer Möglichkeiten. Der Globus ausgelaugt, die besten Fußballer von Syndesmosebandzerrungen und Schambeinreizungen zermürbt, fast alle Marinehubschrauber flugunfähig am Boden. Die Wirtschaft wächst nicht mehr. Italien ist nicht zu retten, Frankreich kannst du vergessen. Ebola und IS ante portas. Die Lokomotivführer unverschämt. Das Russlandproblem. Dieses Ukraineding. Und fast alle Brücken stehen vor dem Einsturz. Hörsäle platzen aus den Nähten, Flüchtlingsunterkünfte auch.

Nur der FC Bayern steht wieder an der Bundesliga-Spitze.

Wie ist das möglich?

Natürlich hat der FC Bayern einen Supersupertrainer, er hat die bestenbesten Spieler, das meistemeiste Geld, aber meine These ist: Das sind nicht die wahrenwahren Gründe.

Denn die Ursache dieses großartigen Erfolgs hat einen Namen: Matthias Sammer. Für alle, die sich nicht so auskennen: Sammer ist einer der besten Fußballer Deutschlands gewesen, Europameister, Champions-League-Sieger, Deutscher Meister, Weltpokalsieger, sogar DDR-Meister mit Dynamo Dresden. Jetzt ist er Sportvorstand des FC Bayern. Er übernahm dieses Amt, nachdem der Verein zwei Jahre lang nicht Meister geworden war und das »Finale dahoam« gegen Chelsea verloren hatte. Kaum war er in München, wurde der Klub Meister, Pokalsieger und Champions-League-Gewinner. In einem Jahr.

Also bitte.

Da ist aber eine seltsame Sache, nämlich: Niemand weiß genau, was Sammer eigentlich den ganzen Tag lang tut. Die Mannschaft trainiert ein anderer, ums Geld kümmern sich Spezialisten. Auch wenn um neue Spieler verhandelt wird, sitzt nicht Sammer am Tisch. Es gibt nur einen einzigen Satz, der praktisch immer fällt, wenn von Sammer die Rede ist: Er kitzelt die letzten Prozente heraus. Er sucht nach dem entscheidenden Quäntchen, das zum Erfolg noch fehlt. Wie tut er das? Er ist nie zufrieden. Er mahnt. Er warnt. Auch nach Siegen sagt er: Achtung! Wie schnell kann man wieder verlieren! Wie rasch ist alles verspielt! Wie flüchtig ist der Ruhm! Nach einem Sieg wie dem 7:1 der Deutschen gegen Brasilien bei der WM hätte Sammer gesagt: O je! Seid ihr wahnsinnig?! Ihr spielt euch in den Übermut hinein! Und hinter dem Übermut wartet

der Abgrund.

Hieraus ergibt sich: Wenn Sammer also ganz offensichtlich das Erfolgsgeheimnis des FC Bayern ist, dann brauchen wir viele Sammers. Mahner. Prozentekitzler. Quäntchenfischer. Menschgewordene Über-Ichs.

In jedem Nacken muss ein Sammer sitzen.

Jede Firma benötigt also in Zukunft die üblichen Chefs – und dazu immer einen Sammer. Oder eine Sammerin. Jede Regierung braucht ihre Kanzlerin und ihre Minister plus den Sammer. In jeder Redaktion muss neben dem Chefredakteur ein Sammer sitzen. Keine Finanzbehörde ohne Regierungsdirektor, doch auch nicht ohne Haupt- und Obersammer. Und gerade nach dem glänzendsten Geschäftsbericht, der furiosesten Regierungserklärung, dem brillantesten Artikel, dem elegantesten Steuerbescheid hat immer der Sammer das Wort: Nun mal langsam! Hochmut kommt vor dem Fall! Hier sind mir alle viel zu sehr zufrieden! Kommt raus der Komfortzone! Aus den Hängematten! Je höher ihr steigt, desto tiefer

euer Fall.

Versteht sich, dass man Sammer nicht einfach so wird. Man muss das studieren, an der Sammer-Academy. Numerus clausus bei 0,7. Nur die Besten.

Was willst du mal werden, mein Kleiner? Sammer, liebe Tante!

Das ist brav.

Aber nicht brav genug! Man kann immer noch ein bisschen braver sein, Süßer.

Die Menschheit nähert sich ihren letzten Prozenten. Ohne Sammer sind sie unerreichbar.

Illustration: Dirk Schmidt