Das Beste aus meinem Leben

Wir waren auf dem Land. Paola saß draußen im Garten, ich im Haus, da hörte ich Paolas Schrei. Ich eilte hinaus. Paola stand vor der Hauswand und starrte sie an.»Da…«, stammelte sie, »da…«
»Wo?«
»Da-da-daaaa…« Sie kreischte jetzt.
Vor der Hauswand stand eine Hornisse in der Luft. Surrte mal hoch, surrte wieder nieder, blieb stehen, hockte sich auf die Wand, krabbelte in einen Spalt, kroch hervor, flog erneut auf und ab.»Eine Hornisse«, ächzte meine Frau.
»Moment«, sagte ich, in Sekunden erkennend, dass dies einer jener Momente war, in denen durchschnittliche Männer zu Helden wachsen können. Ich eilte ins Haus. Kehrte mit einem Weißbierglas und einem Teller zurück, stülpte das Weißbierglas über die Hornisse, als sie auf der Wand saß, verschloss das Glas mit dem Teller und stellte den Teller auf den Tisch. Staunend betrachteten wir das Tier unter der Weißbierglasglocke.

Ein Monster! Drei Zentimeter lang, die Flügel immer in Bewegung, die Taille dünn wie Blumendraht, vorne am Kopf zwei Kieferscheren – uuuuh… Mit ungeheurer Energie versuchte das Vieh, einen Fuß zwischen Glas und Teller zu bekommen, das Glas umzukippen und sich in seiner Wut über uns herzumachen.»Und nun?«, fragte Paola.
»Mal sehen.«

Ich stellte das Glas in die Küche. Zeigte die Hornisse den Kindern, Nachbarn, Freunden, die uns besuchten. Unentwegt kämpfte die Hornisse gegen das Glas. Später las ich in meinen Tierbüchern über das Leben der Wespen, zu denen die Hornissen gehören. Über die Grausamkeit, mit der sie gegen ihre Opfer vorgehen. Von der parasitären Zikadenwespe las ich, die eine Zikade mit scherenartigen »Raubfüßen« packt und niederhält, sie mit dolchartigem Legestachel anbohrt und ihr ein Ei in den Leib pumpt, aus dem nach Tagen die Larve schlüpft, welche die lebende Zikade von innen auffrisst. Von der Rollwespe Methoca ichneumonides las ich, die so tut, als ob sie sich von der raubgierigen Larve des Sandlaufkäfers fangen ließe, diese Larve aber, gerade wenn sie von ihr gepackt wurde und vor deren Maul schwebt, in die Kehle sticht – worauf sie ihrerseits das nun vom Gift gelähmte Opfer verzehrt. Und von der Roten Wegwespe las ich, die einer Spinne die Beine abbeißt, damit diese nicht fliehen kann, ein Loch gräbt, das bewegungsunfähige Opfer hinein-legt, ein Ei dazugibt und alles begräbt – worauf die bald geschlüpfte Larve die lebend-frische Spinne vernascht.Ich glotzte die Hornisse an. Wenn ich das Wort »böse« mit einem Bild versehen müsste, würde ich eine Hornisse in einem Weißbierglas nehmen.

Aber es sind nützliche Tiere, dachte ich, sie fressen andere, störende Insekten, und eigentlich tun sie ja nichts, tun sie ja nichts, tun sie ja nichts, Menschen jedenfalls.
Am Abend saß die Hornisse müde auf dem Tellerboden. Ich nahm das Glas, wanderte ein paar hundert Meter vom Haus weg und setzte das schlappe Tier ins Gras.

Am nächsten Tag fuhr ich in die Stadt. Plötzlich sah ich auf dem Scheibenwischer eine Fliege sitzen. Ich überlegte keine Sekunde, machte den Scheibenwischer an – und wischte die Fliege weg. Keine Ahnung, ob Fliegen so was überleben. Wahrscheinlich. Aber vielleicht… Ob Hornissen überleben, was ich getan hatte? Wahrscheinlich. Aber vielleicht…

Ich dachte an meinen alten Onkel, der Arbeiter war und über die dauernd wechselnden Manager der Fabrik, in der er arbeitete, überhaupt über alle Vorgesetzten immer nur als sie sprach. Sie – eine anonyme, kaum beeinflussbare Macht. Sie. Für diese Fliege war ich jetzt sie gewesen, für die Spinnen ist die Rote Wegwespe sie, für die Larve des Sandlaufkäfers ist es Methoca ichneumonides. Und für mich? Wer ist sie für mich?

Niemand, dachte ich. Ich führe das selbstbestimmte Leben eines Schriftstellers, dachte ich. Da hörte ich ein gewaltiges Brummen über mir, ein riesiger dolchartiger Legestachel bohrte sich durchs Autodach, durch meine Schädeldecke, in mein Hirn, wo seitdem eine Schmarotzerwespenlarve lebt und mich beherrscht – dies nur, damit Sie sich nicht wundern, dass in dieser traditionell insektenkritischen Kolumne kein zweifelndes Wort mehr über Wespen zu lesen sein wird. Sie wird stattdessen für den Rest des Sommers ein Ort der Hornissenverherrlichung sein.
Der Grund sind, pssst: sie.

Illustration: Dirk Schmidt