Stört mich!

In einem Traum will unser Kolumnist ein Buch lesen, wird aber ständig unterbrochen. Als endlich Ruhe ist, sehnt er sich nach dem Krach - aus Angst, was zu verpassen. 

Kürzlich hatte ich folgenden Traum: Ich saß im Wohnzimmer und las ­Alexander Demandts 592 Seiten umfassende und übrigens, wie ich auf der Internetseite meines Buchladens nachgelesen hatte, genau 927 Gramm schwere Biografie des römischen Kaisers (und Philosophen) Marc Aurel, ein außerordentlich empfehlenswertes, wenn auch, wie die Gewichtsangabe ja schon nahelegt, durchaus weitschweifiges Werk … Also: Ich saß und las, als sich die Tür öffnete und jemand rief: »Nazis raus!«

Ich sah mich in meinem Wohnzimmer um und sah keinen einzigen Nazi, und die Tür war auch so schnell wieder zu, wie sie sich geöffnet hatte. Ich dachte: Ja, genau, auf alle Fälle, richtig so, rein prophylaktisch, raus!, bevor überhaupt einer reinkommt. Gefällt mir! Dann las ich weiter.

Aber die Tür öffnete sich erneut, herein strömte eine tobende Menschenmenge, Verwünschungen ausstoßend, Beleidigungen schreiend, in Mordfantasien schwelgend, ein Pöbel, lauter ekelhafte Leute, viele von ihnen trugen Masken. »Raus!«, schrie ich. »Schleicht euch, alle weg hier!« Und nach einer Weile des Weiterbrüllens und Grölens, schließlich des Murrens, verließ die Menge mein Wohnzimmer, nicht ohne allerhand Schneematsch und sonstigen Dreck zu hinterlassen.

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Ich holte einen Wischmopp und reinigte das Wohnzimmer, dann setzte ich mich wieder, ein knappes Kilo Marc Aurel auf den Knien. Doch schon wieder: Tür auf! Lauter ganz andere Menschen strömten herein, alle riefen: »Nazis raus! Nazis raus!«

»Ja, ist gut!«, schrie ich. »Ist schon erledigt, ich habe alle weggeschickt, die Nazis und die anderen Idioten auch!« Da schloss sich die Tür hinter den Menschen. Das Telefon klingelte.

Eine sehr tiefe Stimme sagte: »Wie weit sind Sie mit dem Marc Aurel?» Ich antwortete, ich sei gerade bei der Beschreibung des berühmten Reiterstandbildes auf der Piazza del Campidoglio in Rom, da herrschte mich die Stimme an: »Was!? Mannmann-mannnnn??!! Das ist nicht mal Seite 80! Wir erwarten ­Ihren Bericht über die Lektüre seit Monaten! Hier geht nichts weiter ohne Bericht. Wo ist er!? Der Bericht, Herrschaftszeiten! Was tun Sie denn da drüben?!« Der Mensch, dem die Stimme gehörte, legte auf.

Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich säße schon ewig hier und läse denselben Satz, nichts sei geschehen in einer so langen Zeit, als dass ich denselben Satz, immer denselben Satz … Und immerzu öffnete sich die Tür, Menschen schrien etwas, oder sie zeigten das Bild einer Mahlzeit, die sie nun zu essen beabsichtigten, oder das Foto einer Katze oder einer Landschaft. Manche riefen auch: »Gefällt mir!« Wieder andere warfen einfach ihren Müll in mein Wohnzimmer, und wenn ich zur Tür lief, um ihnen ihren Müll zurückzuwerfen, kamen sie wieder mit neuem Müll, sodass ich mich daran gewöhnte, den Müll selbst zu ­entsorgen.

Ich gewöhnte mich an dieses Tür-auf-Tür-zu, an die permanente Unruhe, ja, ich legte, wenn eine halbe Stunde lang einmal nichts dergleichen geschah, mein Buch beiseite und erhob mich, ging zur Tür und starrte in den Flur. »Hallo?«, rief ich. »Ist da jemand?«

Die geschlossene Tür ließ mich nicht ruhig werden, sie machte mich nervös. Ich hatte das Gefühl, es geschehe etwas, aber ich wisse nichts davon, ich sei ausgeschlossen von dem Ereignis, ein Empfinden, das Menschen von jeher unruhig werden lässt, nicht wahr?

Und nun saß ich hier, plötzlich war wieder Ruhe, ich ging auf Zehenspitzen zur Tür, öffnete sie, starrte in den dunklen Flur und flüsterte: »Gefällt mir?« Und da – machte es pinggggg!

Ich starrte auf das Display meines Handys und las: »Mache dich nur vom Wahne los, und du bist gerettet! Hindert dich denn aber jemand, das zu tun? Dein Marc Aurel«.

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