Das wichtigste Lied des Lebens

Über die wirklich schwierige Frage, mit welchem Musikstück man sich wecken lassen soll.

Was morgens aus dem Wecker kommt, kann einem auch noch lange auf den Wecker gehen.

Ich war elf, als ich zu Weihnachten meinen ersten CD-Spieler bekam. Ein Jahr lang hat mich von da an jeden Tag dasselbe Lied geweckt: Always von Bon Jovi, meine erste Maxi-CD. Dank eingebauter Aufwach-Funktion begannen jene Tage so: Der CD-Player surrt, während er die Scheibe beschleunigt, dann das kurze Schlagzeugsolo, die verzerrte Gitarre, ein paar Akkorde auf dem Klavier und schließlich diese weinerliche Stimme, die sich durch ein Brett aus Selbstmitleid und Kummer sägt. Heute sagt man mir, dass ich ein sehr ernstes Kind war. Ich glaube, das lag an Bon Jovi.

Das Lied, das einen weckt, hört man zuerst für ein paar Sekunden im Schlaf, oft baut es unser Gehirn noch in einen letzten, kurzen Traum ein, bevor uns die Melodie ins Diesseits zieht. Und dann trägt man es oft den ganzen Tag lang im Gepäck. Man verbringt die ersten Stunden des Vormittags in seinem Echo, manchmal kehrt es am Nachmittag als Ohrwurm wieder. Es ist der intimste Ohrwurm von allen, weil er uns jeden Morgen im Moment der größten Verletzlichkeit erwischt. Das Lied zu wählen, das man so tief in sein Unter­bewusstsein lässt, ist eine Lebensentscheidung.

Womit wir bei meinem Problem sind: Seit einem Vierteljahrhundert suche ich nach dem perfekten Lied zum Aufwachen. Und finde es nicht.

Es ist ja eine relativ neue Errungenschaft, überhaupt selbst genau bestimmen zu können, wann man wach werden will. Kein Tier kann das. Der Mensch hat sich von der inneren Uhr, dem Stand der Sonne und dem krähenden Hahn emanzipiert, damit Heer­scharen von Arbeitern in aller Herrgottsfrühe zu Schichtbeginn in den Fabriken sein können. Der Wecker ist eine Erfindung der Industrialisierung. Wir sind seine Herren und Sklaven zugleich. Statt des metallischen Schepperns mechanischer Aufziehwecker holt die meisten Menschen heute das Handy aus dem Schlaf. Und das hat jede Melodie parat, vom Glockenspiel aus dem Klingelton-Menü bis zu Mozarts Kleiner Nachtmusik.

Ich habe – nach der anfänglichen Bon-Jovi-Verwirrung – jedem meiner Lieblingsmusiker eine Chance gegeben: Die Stimmen von Bob Dylan und Neil Young, die ich im Wachzustand liebe, halte ich morgens nicht aus. PJ Harvey macht mich depressiv, Björk finde ich um sechs Uhr früh viel zu schrill, mit Radiohead geht es mir ähnlich. Die Lieder von Elliott Smith klingen auch morgens wunderschön, doch ich kann da leider weiterschlafen, ohne snoozen zu müssen. Tocotronic sind mir in der Früh viel zu sperrig, die vielen Tempowechsel der Beatles machen mich nervös. Sanfte Ambient-Klänge bekommen mich morgens ebensowenig wach wie Bachs Goldberg-Variationen oder Tschaikowskys Klavierkonzerte. Beethoven wiederum wirkt bei mir, als würde ich mit einem Herzanfall wach. Und ironisch aufwachen – mit Sonny & Chers I Got You Babe wie in Und täglich grüßt das Murmeltier – funktioniert auch nicht. Es macht mich aggressiv.

Wer meine Suche für übertrieben hält, unterschätzt vielleicht den Einfluss von Musik auf die Psyche. Sie kann schmerzlindernd wirken wie ein Opiat oder aufputschend wie ein Amphetamin, das zeigen zahllose Studien. Musik kann die Folgen eines Katers mindern, spontan Aggressionen abbauen, die Leistungsfähigkeit und Konzentration erhöhen, beim Abnehmen helfen, sie wird in der Psychoanalyse und zur Behandlung psychischer Krankheiten eingesetzt. Kaufhausbetreiber wissen, dass sie mehr Umsatz machen, wenn sie eine bestimmte Art von Musik spielen – mit der ich übrigens nicht auf­wachen möchte. Es gibt keinen direkteren Tunnel in die menschliche Psyche als Musik.

Der Psychologe David M. Greenberg von der Universität Cambridge forscht seit Jahren zu diesem Thema. Er hat sogar eine Playlist mit angeblich perfekten Aufwachsongs veröffentlicht: zwanzig Lieder, die einen sanft in den Tag holen sollen. Sie gehen tendenziell langsam los, mit ungefähr hundert Schlägen pro Minute, und steigern sich dann etwa auf Tempo 130. Angenehme Instrumentierung, eingängige Melodien, und – laut Greenberg ganz wichtig – positive Texte. Die Welt ist schön, der Tag wird gut. Ist es tatsächlich so einfach? Ich teste die Liste: ein Morgen mit Wake Me Up von Avicii, einer mit Bill Withers’ Lovely Day, dann Coldplay mit Viva la Vida, Hailee Steinfeld singt Love Myself, Mystikal rappt Feel Right.

Puh. So viel Hoffnung, Selbstliebe und gute Laune, kaum zu ertragen. Ich sehe ja ein, dass Slayers Raining Blood nicht unbedingt der beste Song für den Morgen ist. Aber nichts rechtfertigt es, die Stimme des Coldplay-Sängers Chris Martin in meine Träume zu lassen. Oder das Gesäusel von Hailee Steinfeld. Man sollte die Musik schon mögen, die einen weckt.

Vor einiger Zeit hatte ich die Hoffnung, meine Suche sei beendet. Ein Stück der Folkband Beirut, es beginnt mit einem wunderbaren Orgel-Part, ein kurzer Break, ein ganz vorsichtig stampfendes Schlagzeug, leichte Temposteigerung, der Gesang vermittelt ein Gefühl von »Mach dich mal langsam fertig für die Party«. Ein ideales Lieblingslied, ein idealer Aufwachsong. Leider stieg das Lied ein paar Wochen später in die Charts ein. Und lief plötzlich im Radio, in Bars, auf Partys. Der erwähnte intime Ohrwurm-Effekt ist ein Klacks gegen den Schock, wenn einen die Aufwachmelodie in der Öffentlichkeit kalt erwischt. Es fühlt sich an, als würde man plötzlich im Schlaf­­anzug in der Kneipe stehen. Meinen Wecker habe ich bis auf Weiteres auf Vibrieren gestellt.

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