Bedrohung

Die endlose Debatte darüber, welche Antwort der Westen auf Al-Qaida-Terror, Islamismus und brennende Botschaften geben soll, wirkt auf den ersten Blick chaotisch. Mehr Toleranz, mehr Härte; mehr Toleranz UND mehr Härte – größer könnte die Kakophonie kaum sein. Nur eine Tatsache bezweifelt offenbar niemand: dass die Bedrohung real und absolut ist, dass die Macht der Fanatiker täglich wächst, dass wir dabei sind, den Krieg gegen den Terror zu verlieren. Innenpolitiker, ehemalige CIA-Agenten, Nahost-Experten, Leitartikler jeder Couleur, linke Kriegsgegner – an diesem Punkt herrscht gespenstische Einigkeit.Und warum auch nicht? Politiker werden dafür gewählt, sich Sorgen zu machen. Ehemalige CIA-Agenten verkaufen eine Menge Bücher damit. Nahost-Experten und Leitartikler bekommen Sonderseiten und Sendeplätze dafür. Und linke Kriegsgegner leben sowieso in der ständigen Hoffnung, dass die USA noch einmal gedemütigt werden. Seit Kassandra in der griechischen Mythologie zwar korrekt, aber leider ungehört vor dem Untergang Trojas warnte, hat die Position des »Mahners« den Nimbus von Glamour und Weitsicht. Kein Intellektueller, der sich nicht gern in dieser Pose fotografieren ließe, kein Spiegel-Essay, der ohne einen gewissen Grundton des Apokalyptischen auskäme. Andererseits: Es reicht. Es ist Zeit, die Lebensrealität eines westlichen Normalmenschen mal wieder mit den Horrorszenarien unserer Medien-Kassandras abzugleichen. Unsere Realität hat so gut wie nichts mit der Frage zu tun, ob der Irak sich gerade selbst zerfleischt oder Kirchen in Nigeria brennen. Sie wird vielmehr bestimmt durch 9/11, Bali, Madrid, London. Terror im Herzen unserer Metropolen und Urlaubsorte; Opfer, die wir selbst sein könnten. Dieser Krieg geht gerade nicht verloren. Dieser Krieg war nie ein Krieg. Trotz schlimmster Drohungen der Terroristen ist die Zahl der Toten gering geblieben. Wie bitte? Darf man das sagen angesichts der dreitausend Leichen von Ground Zero? Sind nicht alle Opfer des Terrors auch stellvertretend für uns gestorben, verdienen sie es nicht, besonders geehrt zu werden? Doch, absolut. Aber ein Teil unserer Mitbürger stirbt zum Beispiel auch deshalb, weil sie trotz aller Warnungen das Rauchen nicht einstellen wollen. Deutlich mehr als die Toten des 11. September. Jeden Tag.Apokalyptiker, Schwarzseher und Kampf-der-Kulturen-Verlierer könnten etwas Wichtiges von den Rauchern lernen: Jeder Lebensstil birgt gewisse Risiken. Der westliche Lebensstil bringt es mit sich, auf der Gewinnerseite zu stehen, andere Kulturen zu dominieren und einen Großteil des weltweiten Kapitals zu besitzen. Das Risiko dabei ist es, von den Fanatikern der Verliererseite mörderisch gehasst zu werden. Das ist in den letzten Jahren klar geworden, das wird man nicht mehr ändern können. Ein paar wenige von uns werden deshalb sterben müssen, auch in Zukunft. Aber angesichts der Vorteile, die wir dafür genießen, und angesichts der erdrückenden Übermacht an Ressourcen und Waffen, über die wir verfügen, reagieren wir ein bisschen arg hysterisch auf diese Opfer. Bedenkt man, wie hoch die realen Verluste unter den Rauchern sind, sind Raucher heldenhafte Stoiker dagegen.Der nächste große Anschlag wird kommen und es wird trotzdem nicht der Sieg des Terrors sein. Aber wenn wir schon jetzt dem Verfolgungswahn verfallen und gegen jede Evidenz das Gefühl haben, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, werden die nächsten dreitausend Terroropfer, die wir verkraften müssen, katastrophal sein. Dann könnten wir kollektiv auf eine Weise durchdrehen, die den Irakkrieg wie ein kleines Scharmützel aussehen lässt. Und angesichts der aberwitzigen Mengen von Ressourcen und Waffen, die wir zum Durchdrehen zur Verfügung haben, ist das nun wirklich eine Bedrohung, die wir fürchten müssen.

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