Frühlingsgefühle

Wir freuen uns über den Frühling - dabei sind die viel zitierten Frühlingsgefühle Ausdruck einer uralten Menschheitsangst.

Die Knospen schwellen, die Farben explodieren, die Vögel singen sich die Seele aus dem Leib – und auch die Menschen fühlen sich befreit, erregt und zugleich auch schon wieder erschöpft. Kein Wunder: Auf den ersten Blick ist der Frühling ein irritierend unausweichliches Phänomen. Es müssen halt alle wieder ihrer Natur folgen, ihr biologisches Programm abspulen, ihren Hormonen gehorchen, ohne Sinn und Verstand ihre Spezies fortpflanzen – und die Behauptung, dass wir mehr als nur die Summe unserer Triebe seien, entpuppt sich Jahr für Jahr wieder als ein großer Witz.

Schon wahr, plötzlich laufen da zauberhafte Wesen durch die Fußgängerzone, die sich den ganzen Winter über versteckt haben müssen – aber tatsächlich verändern nur Cortisol, Serotonin und Testosteron unsere Wahrnehmung, aktiviert von der Hirnanhangdrüse, die wiederum vom »Suprachiasmatischen Nucleus« in Alarm versetzt wurde, der plötzlich mehr Licht und längere Tage meldet. Zugleich weiten sich die Blutgefäße, der Blutdruck sinkt, der Mensch fühlt sich von so viel Veränderung erst mal schlapp. Der Frühling, so scheint es, ist ein einziger biologistischer Triumph des Unausweichlichen, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Oder doch? Auf den zweiten Blick erstaunt es, wie wenig selbstverständlich wir sein jährliches Erscheinen nehmen, wie nervös wir seinem Auftauchen entgegenfiebern. Die ersten warmen Sonnenstrahlen sind bis heute Schlagzeilen in den Lokalteilen wert; aus dem Sprießen der Krokusse und dem Piepsen der Kohlmeisen wird sogleich Bedeutung konstruiert: Kommt er diesmal früher, später, anders als je zuvor? Zeigen sich da schon die langfristigen Folgen des Klimawandels? Spielt die Biosphäre endgültig verrückt? Dieses Phänomen könnte man die Frühlingsangst nennen – und sosehr wir momentan der Meinung sind, unseren Planeten vielleicht endgültig zugrunde gerichtet zu haben: Die Frühlingsangst ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Nehmen wir nur 10000 B.C., den Urzeit-Kinofilm von Roland Emmerich. Was sagt da der Erzähler gleich am Anfang? »Die Manak kamen immer später. Diese Jagd sollte unsere letzte werden.«

Die Manak, muss man dazu sagen, sind mammutartige Zottelelefanten – und so dümmlich das klingt, entspricht es wahrscheinlich doch der Wahrheit: Immer kam oder ging gerade irgendeine Eiszeit, immer erschienen die Beutetiere mal früher, mal später, wuchs das Korn mal so und mal so, folgte auf einen schönen Frühling ein schrecklicher Sommer oder umgekehrt – und das Überleben des Menschen hing davon ab. Kurzum: Die Furcht vor einem Wandel des Klimas verfolgt uns schon immer, und am stärksten zeigt sich das in der Frühlingsangst. Die Kunst, aus dem Zug der Kraniche, dem Gesang der Rohrdommel oder dem Dung des Manak das Wetter des ganzen Jahres vorherzusagen, wurde dann auch von Generation zu Generation weitergegeben, in Bauernregeln festgeschrieben. Noch heute gibt es Menschen, die sich intensiv damit befassen, obwohl es für den Fortbestand unseres Stammes nicht mehr entscheidend ist.

Wie sehr die Frühlingsangst uns noch immer in den Knochen beziehungsweise in den Genen sitzt, zeigte sich Anfang der Sechzigerjahre, als die amerikanische Biologin Rachel Carson das Buch Der stumme Frühling schrieb: eine Studie über die verheerenden Folgen des Pestizid-Einsatzes in der amerikanischen Landwirtschaft, die in einem Kapitel auch die bösen Auswirkungen auf die Singvögel untersuchte. Der geniale Titel – und die Vorstellung, einmal einen Frühling ohne Vogelgezwitscher erleben zu müssen – erwies sich als Schreckensszenario von solcher Durchschlagskraft, dass die übermächtige Chemie-Lobby innerhalb eines Jahres in die Knie gezwungen war: die Geburtsstunde der modernen Umweltbewegung. Was nur wieder zeigt: So unentrinnbar uns der Frühling scheinbar im Griff hat, so gut tun wir bis heute daran, ihn nicht als selbstverständlich hinzunehmen.

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