Karikatur

Die Karikatur, das haben die letzten Wochen wieder fundamental ins Bewusstsein gegraben, muss überzeichnen. Sie muss die Dinge so klar und so laut und so scharf sagen, dass es wehtut. Insbesondere bedient sie sich dabei des Mittels der Ironie. Und weil das so ist, müssen wir der Karikatur jetzt ganz klar und laut und scharf auch mal was sagen, nämlich: Du bist klasse! Du bist super! Du bist größer als Allah! Und zwar nicht nur als ehrwürdige Idee der Kunstgeschichte und als historische Waffe des politischen Subjekts gegen die Herrschenden, nein, auch hier und heute. Auf deinem angestammten und stets zuverlässig befüllten Platz in den Zeitungen und Zeitschriften, den in Frage zu stellen ganz sicher einen heiligen Krieg auslösen würde. So versüßt du uns den Morgen mit deinen erhellenden Einfällen, die jedes politische Problem in völlig neuem Licht und nie geahnter Klarheit erscheinen lassen. Für dich, liebe Karikatur, um das ganz klar zu sagen, fangen wir uns gern eine Brandbombe ein. Oder auch zwei. Oder drei.Diese Freude der schlichten Erkenntnis, die du immer wieder bereitest! Wenn die Weltlage mal wieder hoffungslos kompliziert ist, findest du stets Bilder von solch schlagender Einfachheit, dass sogar wir wie vom Donner gerührt sind. Sollten irgendwo in der Politik zum Beispiel falsche Hoffnungen blühen, verdichtest du dieses Dilemma gern im Bild eines Luftballons, der platzt – und auf diesen Luftballon schreibst du zur Sicherheit noch ein klärendes Substantiv, zum Beispiel »Frieden« oder »Rente«. Das finden wir auch beim tausendsten Mal noch gut. Überhaupt danken wir dir sehr, dass deine oft künstlerisch wertvoll gestalteten Figuren, die nur Volltrottel für beliebig austauschbare Strichmännchen halten könnten, mit hilfreichen Zeichen versehen sind: Hier ein Judenstern, dort ein Halbmond, da ein Uncle-Sam-Hut – und wenn alle Stricke reißen, scheust du dich nicht, auch einfach »Deutschland« auf einen fetten Bauch zu schreiben. Wenn doch alle Dinge auf Erden so säuberlich beschriftet wären!In einer Welt, deren schneller Wandel uns schwindelig macht, beruhigst du uns durch deinen festen Vorrat leicht illustrierbarer Redewendungen. Sie kehren so sicher wieder wie das jährliche Haushaltsloch, welches du im Übrigen gern als Loch darstellst, in das die Politiker jeder Couleur hineinfallen. Wir können es gar nicht mehr zählen, wie oft in deinen Meisterwerken Sand in irgendein Getriebe gestreut und Zündschnüre an explosive Probleme gelegt wurden, viele Köche den Brei verdarben, Politiker im Dunkeln tappten, im Nebel stocherten oder Ärger im Gepäck hatten, natürlich in Form eines säuberlich beschrifteten Gepäckstücks mit dem Aufdruck »Menschenrechte«. Nur völlige Ignoranten und Kunstverächter könnten auf die Idee kommen, dass du, verehrte Karikatur, oft nur ein erbärmliches Stück Belanglosigkeit bist, auf die Schnelle hingerotzt von Teilzeitironikern, die ob ihrer Talentlosigkeit noch einem normalen Beruf nachgehen müssen. Dass wir dich gegen deine Feinde in Schutz nehmen und dabei gleich noch tausendmal nachdrucken, versteht sich im Grunde von selbst.Moment mal, denkst du jetzt: So viel Lob hab ich schon lang nicht mehr bekommen, da stimmt doch was nicht! Würde sich dein Verdacht bestätigen, dann müsste dieser Text allerdings ein perfides Machwerk sein. Dann reduzierte er eine Kunstgattung und einen ganzen Berufsstand auf ein paar Klischees und Allgemeinplätze, verzerrte die Proportionen, bläse kleine Schwächen ins Gigantische auf und zeigte, durchaus in beleidigender Absicht, alle Protagonisten von ihrer schlechtesten Seite. Nun denn, liebe Karikatur – genauso ist es. Und vielleicht fühlst du dich jetzt selbst mal wie jemand, der gerade schlecht karikiert wird.

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