Die Geliebte des Vaters

    Unser Leser findet nach dem Tod des Vaters heraus, dass dieser jahrelang seine Frau betrogen hat. Soll er seinen Geschwistern davon erzählen?

    Illustration: Serge Bloch

    »Mein Vater war über Jahre hinweg untreu, viele Briefe seiner Geliebten gelangten jetzt beim Aufräumen seines Nachlasses in meinen Besitz. Sogar einen Schwangerschaftsabbruch gab es. Niemand von uns Kindern wusste davon, unsere Mutter können wir nicht mehr fragen, sie ist lange verstorben. Soll ich meinen Geschwistern von diesem Geheimnis erzählen oder, um den Ruf meines Vaters zu schützen, es für mich behalten?« Winfried B., Berlin

    Es wäre vermutlich schöner gewesen, Sie hätten nie davon erfahren, denn es geht Sie ja gar nichts an, aber nun ist die Sache eben in der Welt. Und für so einen Fall ist es doch eigentlich wirklich mal nett, Geschwister zu haben und sich austauschen zu können. Sie können ja nichts dafür, dass Sie nun wissen, was Sie eben wissen. Ihr Vater ist tot. Man kann ihn nicht mehr fragen, wie das alles für ihn war. Vielleicht war es eine große Liebe, vielleicht hat es ihn glücklich gemacht. Vielleicht hat Ihre Mutter nie davon erfahren, und es hat sie nicht unglücklich gemacht. Vielleicht hatte auch Ihre Mutter einen Geliebten, aus Gründen der Fairness wünscht man es ihr.

    Sie haben das Gefühl, Ihren Vater schützen zu müssen, aber Sie leben, also schützen Sie besser sich. Ist vielleicht ganz ­erleichternd, nicht der Einzige zu sein, der dieses »Geheimnis« kennt. Ihre Geschwister sind schätzungsweise erwachsen, warum wollen Sie sie schonen, als wären sie kleine Kinder, die nicht in der Lage sind, die Wahrheit zu ertragen? Und was bedeutet die neue Erkenntnis schon groß? Ihr Vater war genauso fehlbar wie andere Menschen auch.

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    Was Familien angeht, glaube ich wirklich an die heilende Kraft von Offenheit. Je mehr man einander anvertraut und vertraut, desto weniger heimliche Haufen werden nachfolgende Generationen unter den Teppichen hervorzukehren haben. Und wer weiß, vielleicht erkennt sich ein Bruder, ein Enkel, eine Tochter im Verhalten Ihres Vaters wieder und hat endlich eine Erklärung dafür, woher er oder sie das hat. Man kann von Dingen wissen, ohne über sie urteilen zu müssen. Ihr Vater schuldet Ihnen nicht, ein Heiliger gewesen zu sein. Vielleicht geben Sie auch Ihren Geschwistern die Chance, ihren Vater als Menschen zu sehen, der versucht hat, es so gut zu machen, wie er es eben konnte.