Die unandliche Geschichte

Seit 31 Jahren spielt Michael Ande den Assistenten des "Alten". Lassen sich nach so langer Zeit Mensch und Rolle noch trennen?

Nun neigt der Tag sich schon zum Abend hin, und keiner hat sich nach ihm umgedreht. Er saß im Straßencafé an der Münchner Freiheit, er ging durch Schwabing spazieren, er sah aus, wie er sonst auch immer aussieht freitags um Viertel nach acht: graue Haare, Brille, nicht groß, nicht klein, um den Bauch ein wenig rundlich, freundliches Gesicht. Er sagt: »Ich freue mich, wenn man mich anspricht«, er sagt: »Ich fürchte den Tag, an dem mich niemand mehr erkennt.« So darf einer schon reden, der von den 64 Jahren seines Lebens 55 im Rampenlicht gelebt hat.

Doch heute hat ihn niemand um ein Autogramm gebeten, keiner sein Fotohandy gezückt. Aber jetzt, immerhin, wird er fröhlich begrüßt: vom Wirt seiner Lieblingskneipe. Michael Ande ist hier seit 30 Jahren Stammgast, »meine zweite Heimat«, der Wirt hier seit 30 Jahren Wirt. Noch länger, 31 Jahre, spielt Michael Ande den Gerd Heymann, einen der drei Assistenten des Alten. Vom ersten Tag an ist er dabei, von 1977 bis heute – eine Art Weltrekord mit inzwischen 335 Folgen. Damit hat er Fritz Wepper auf den zweiten Platz verwiesen, den anderen ewigen Krimi-Assistenten, der 29 Jahre der Harry war, erst der vom Kommissar, dann der von Derrick.


Michael Andes Lieblingskneipe in der Mitte Altschwabings heißt »Drugstore«, und sie hatte ihre große Zeit, als Schwabing seine letzte große Zeit hatte, Uschi Obermaier, die Studentenkrawalle. Und dass er dort noch immer am liebsten sitzt, sagt eine Menge über ihn, seine Beständigkeit. Wäre er Leichtathlet, dann einer für die Langstrecke, der Sprint ist nicht sein Gewerbe. Es erzählt auch viel über seine Rolle in der Serie Der Alte, zu der einem kein modischerer Begriff als »hausbacken« einfällt: Seit 31 Jahren geht es um Mord, immer wird der Mörder gefasst, fast immer zieht der Alte den richtigen Schluss, fast nie Michael Ande, der als Gerd Heymann Sätze sagt wie: »Mann, das ist ja ein toller Schuppen« oder: »Soll ich ’ne Großfahndung rausgeben?" Durchaus stolz ist er darauf, dass es ihm in diesen 31 Jahren gelungen ist, den Assistenten Gerd Heymann zu einem freundlicheren Menschen zu machen, als es anfangs im Drehbuch vorgesehen war. »Starr war er«, sagt Ande, »humorlos, gefallsüchtig.« Inzwischen aber darf Gerd Heymann Mitgefühl zeigen, Humor, ein Augenzwinkern manchmal. Sein Verdienst.

Auch wenn man es nicht recht glauben will, die Zuschauer lieben das. Beständig sehen fünf bis sieben Millionen den Alten, oft die höchste Einschaltquote des Tages, die Serie wurde in mehr als 100 Ländern ausgestrahlt. Vielleicht muss man es anders sagen: Michael Ande ist kein Star im neuen Sinn, er ist ein leiser Mensch in einer leisen Serie.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Irgendwann kam mal einer auf die milliardenschwere Idee zu behaupten, der Beruf des Schauspielers habe etwas mit Glamour zu tun.)

Natürlich hätte er sich zugetraut, selbst mal »der Alte« zu werden, vielleicht nicht bei den ersten hundert Folgen, in denen Siegfried Lowitz sein Chef war und Michael Ande noch der Junge mit dem braunen Lockenkopf, vielleicht auch noch nicht beim zweiten »Alten«, den Rolf Schimpf 222 Folgen lang spielte. Aber dann beim dritten. Doch die Produktionsfirma entschied sich für Walter Kreye. Seine leise Hoffnung auf die Hauptrolle hat Michael Ande nicht laut kundgetan; er sagt, er hadere nicht mit diesem Schicksal. Inzwischen ist sein Haar grau geworden und er mit 64 Jahren fast so alt wie der neue »Alte«. Michael Ande, Diener dreier Herren, will nicht undankbar sein.

Ein paar Wochen vor dem Schwabinger Nachmittag saß er in seiner Garderobe in Halle 3 der Bavaria, wo das Büro im Polizeipräsidium nachgebaut ist. Hier spielen die Szenen, in denen der »Alte« mit seinen drei Assistenten brütet, Zeugen verhört und beratschlagt. Auf dem Gang der Halle stehen Biertische für Beleuchter, Ton- und Kameraassistenten, Spanplatten imitieren die Mauern des Büros im Präsidium. Michael Ande freut sich: weil seine Garderobe frisch renoviert ist und ihm das Privileg einer Einzelgarderobe zukommt. Er freut sich auch, dass die Produktionsfirma Schauspieler wie ihn so gut behandelt: Das Mittagessen ist umsonst, Getränke und Obst auch, »das gibt es sonst kaum mehr«. Irgendwann kam mal einer auf die milliardenschwere Idee zu behaupten, der Beruf des Schauspielers habe etwas mit Glamour zu tun. In Halle 3 der Bavaria kann dieser Gedanke nicht geboren worden sein.

Man kann Michael Andes Alltag so erzählen: Er wohnt am Schliersee mit seiner Frau und seinem 18-jährigen Sohn. Er fotografiert leidenschaftlich; er hat vier Bände mit Fotos und Aphorismen herausgebracht; er fährt Motorrad, »eine Triumph« – er spricht es englisch aus –, und Ski. Seit 30 Jahren verbringt er seinen Urlaub in einer Ferienwohnung, die ihm gehört, zwischen Triest und Venedig: »Ich fliege nicht gern, vor allem nicht weit weg.« Wenn er in München dreht, fährt er mit der Bayerischen Oberlandbahn zum Hauptbahnhof. Er taucht in jeder Folge zwischen Bild 18 und 20 zum ersten Mal auf; er dreht neun Folgen pro Jahr, in denen er im Schnitt elf Drehtage hat.

Mag sein, dass er einen Beamten nicht nur spielt, sondern auch ein wenig so lebt. Andererseits: In Deutschland gibt es Zehntausende von Schauspielern, von denen die allermeisten im Jahr nur so viel verdienen wie Michael Ande mit einer einzigen Folge – geschätzte 12000 Euro – und die sich jeden einzelnen Finger abschlecken würden, wären sie beschäftigt wie er. Dazu hat er: 20 freie Tage im Monat, fünf Wochen drehfrei im Sommer, fünf im Winter. Genau genommen ein Leben zum Neidischwerden.

Was ja kaum noch einer weiß: Michael Ande war mal ein Kinderstar, vielleicht der größte nach dem Krieg, mit braunen Locken und einem Gesicht wie hingeträumt. Sohn einer alleinerziehenden Mutter, 1944 am Tegernsee geboren. Mit neun machte er Kinderfunk, mit zehn drehte er seinen ersten Film Marianne, meine Jugendliebe mit Horst Buchholz und Michael Verhoeven. Zirka 20 Filme werden es, bis er 21 ist, genau gezählt hat er sie nicht. Die beiden sogenannten Wiener-Sängerknaben-Filme sind Abräumer, die beiden Filme über die singende Trapp-Familie auch.

(Lesen Sie auf de nächsten Seite: Baader und Ande, Räuber der eine, Gendarm der andere.)

Weil seine Mutter als Diätassistentin nach dem Krieg keine Arbeit findet, lebt die Familie von seinem Geld, seitdem er neun Jahre alt war. Außer seiner Mutter zählt noch Gerti Mann zu dieser Familie, seine Kinderfrau, die ins Haus kam, als er zwei war, und die ohne Unterbrechung bis heute bei ihm wohnt. Jetzt ist sie 83. Sie war nie verheiratet. »Ich habe immer alle Männer weggebissen, die von meiner Mutter und die von der Frau Gerti.« Er sagt, es habe nie die Notwendigkeit gegeben, über einen anderen Beruf nachzudenken, »denn ich war der Ernährer der Familie. Darauf war ich stolz, aber das hat mich auch belastet. Ich sage das ohne Bitterkeit: Ich habe meine Highlights gehabt.«

Weil in diesen Wochen so viel von der RAF die Rede ist: Michael Ande ging in dieselbe Klasse wie Andreas Baader, auf ein Privatgymnasium am Münchner Ostbahnhof. Für Baader eine Art letzter Station, weil er von allen anderen Schulen rausgeschmissen worden war. »Der war ein guter Schüler, brillant sogar.« Als Baader beim Klauen erwischt wird, fliegt er auch von dieser Schule.
Ande erinnert sich an die Worte des Direktors, dass es ihm um diesen hochintelligenten Schüler besonders leid tue. Ande hat sich oft gefragt, wie er sich verhalten hätte, wenn in der Hochzeit der RAF »der Baader Andi vor der Tür gestanden wäre«. Genau so sahen mal Münchner Gschichten aus: Baader und Ande, Räuber der eine, Gendarm der andere.

Vor drei Gedanken hat Ande Angst, nachts, wenn er wach liegt, Gedanken, die er nicht denken mag, weil sie ihn am Weiterschlafen hindern. Zwei verpatzte Chancen zählen dazu und eine Begebenheit, die er sich nicht verzeiht.

Die verpatzten Chancen: Als er in London Die Schatzinsel dreht, mit 21, sieht ihn Orson Welles. Dessen Assistent fragt Ande, ob er nicht mit Welles einen Film drehen möchte. »Und der Ande, der Gewissensmensch, der Depp, sagt Nein. Ich hätte vertragsbrüchig werden müssen, und das habe ich mich nicht getraut.«

Die andere verpatzte Chance, ein paar Jahre später: An den Münchner Kammerspielen bietet ihm ein junger Regisseur an, in seiner ersten Inszenierung mitzuspielen, Gerettet von Edward Bond, ein Skandalstück damals. Ande hätte auf der Bühne in einen Kinderwagen onanieren müssen, auch das hat er sich nicht getraut. Das Stück war ein riesiger Erfolg und der Durchbruch für Peter Stein, den man heute noch einen Regiegott nennt.

Die Begebenheit, die er sich nicht verzeiht, spielt im Schwabing der Siebzigerjahre, das war seine Zeit: Es ist Nacht, Ande steht mit Freunden auf der Straße und sieht, wie sich ein anderer Freund, betrunken und bis oben voll mit Pillen, mit Benzin übergießt und anzündet. »Und ich, ich war zu betrunken, um überhaupt reagieren zu können.« Der Freund stirbt.

Er erzählt diese Geschichten, die ihm nicht unbedingt zur Ehre gereichen, und hat nichts dagegen, dass sie gedruckt werden: »Sie können schreiben, was Sie wollen. Es gibt Geschichten, die glaubt mir eh keiner.«

Er ist ein netter Mensch.

Fotos: ZDF; Cinetext

Toby Binder (Fotos)

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