Gruppendrang

Es gibt kaum Beruhigenderes als Menschen, die gerade das Gleiche tun wie man selbst. Der Fotograf Lars van den Brink hat Orte solcher therapeutischen Zusammenkünfte in ganz Europa gefunden.

Es sieht aus, als würden sie Bötchen fahren lassen. Sie beugen sich runter ans Wasser, das selbst gebaute Schiffchen in der Hand, um den Hals baumelt die Fernbedienung, mit der das Objekt gleich sorgfältig über den See gesteuert wird. Es sieht auch aus, als würden sie einfach nur einen Drachen steigen lassen, tanzen oder lange Röcke tragen und weiße Häubchen. Aber man darf sich nicht täuschen lassen von diesen Bildern voller Menschen, die irgendwas Harmloses, ja Banales tun. Es geht hier um so viel mehr, als man sehen kann.

Bötchen fahren zu lassen ist erst mal nur ein Hobby. Wenn es einer allein macht, ist es ein meditatives Hobby. Wenn zwei es zusammen machen, ist es ein gemeinsames Hobby. Aber wenn eine große Gruppe es macht, dann ist es eine Therapieform. Zumal eine, die sehr viel munterer und günstiger ist als die Sitzungen beim Psychologen. Und das, was der Therapeut ja auch immer wieder versichert, erlebt man mit den Bötchen ganz unmittelbar: Ich bin nicht seltsam, ich bin in Ordnung, so wie ich bin, denn es gibt noch mehr Leute, die so sind wie ich.

Zu dieser beruhigenden Erkenntnis kann man natürlich nur gelangen, wenn es bei dem Grund der Zusammenkunft um etwas Nicht-Kommerzielles geht, um etwas Reines, für das man seine Freizeit verwendet, weil es einem Freude bereitet. Die Eröffnung eines Möbelhauses, bei der es Gratis-Klappstühle gegen Coupons gibt, eignet sich natürlich nicht. Da teilt man nämlich nicht die Begeisterung, die Bewegungsabläufe, das Vokabular, den Rhythmus, die Kleidung, die Blickrichtung, die Fahrtrichtung, die Weltanschauung. Da teilt man im Zweifel nur die Gier nach einem Schnäppchen. Aber selbst vorm Möbelhaus kann die Gemeinschaft therapeutisch und beruhigend wirken: Ich bin nicht der einzige Gierhals, es ist okay, dass ich diesen Klappstuhl haben will. Und das ist es ja auch.

Dem niederländischen Fotografen Lars van den Brink war es aber eben wichtig, Menschen zu finden, die Momente teilen, an die sie wirklich glauben. Das ist mal eine religiöse Prozession, mal ein traditionelles Blasmusikfest, aber eben auch ein Mittelalter-Festival – und wer bei so einer Veranstaltung einmal dabei war, weiß, mit welch heiligem Ernst sie begangen wird. Sechs Monate lang ist van den Brink – gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern – durch Europa gefahren, um Szenen der Zusammenkunft zu finden. Und auch wenn man es Europa, diesem Kontinent, in dem alle auseinanderzurücken scheinen, gerade nicht zutraut: Er hat sie gefunden. Das ist beruhigend, zumindest ein bisschen.

Fotos: Lars van den Brink

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