Bin ich schön?

Schlupflid-Korrektor, Anti-Doppelkinn-Bandage, Brauen-Schablone: Im Internet gibt es eine Fülle absurder Geräte, die Frauen angeblich attraktiver machen. Eine Fotografin hat sie an ihren Freundinnen getestet.

Am Ende ist man immer schöner. Das ist das Versprechen dieser Plastikteile, die es im Internet zahlreich zu bestellen gibt – und die die Fotografin Evija Laivina an ihren Freundinnen in Szene gesetzt hat. Die Teile schmälern die Nase, vergrößern die Lippen, straffen die Wangen, heben die Lider, ja: trainieren sogar ein schönes Lächeln. Den Ertrag der Mühen sieht man dann eben erst später.

Das »Davor« wird oft außer Acht gelassen. Beim Komplimentemachen etwa bleibt der Aufwand immer unerwähnt. Im besten Fall sieht man ihn nicht oder gibt höflich vor, ihn nicht zu sehen. Gelobt wird das Ergebnis, nicht die Vorarbeit. Stellen Sie sich mal vor, jemand versuchte es. »Wahnsinn, wie viel du auf dich genommen hast, um heute so auszusehen.« Oder: »Dein Elan beim Schminken ist wirklich bewundernswert, das muss ja Stunden gedauert haben.« Dabei ist es manchmal wirklich sehr viel Arbeit. Ungewürdigte Frauenarbeit, und unbezahlt ist sie natürlich auch. Jetzt also auch noch vor dem Spiegel.

Apropos Diskriminierung: Die Zeit, in der Frauen sich zurechtmachen, die vielen Stunden, in denen sie sich herrichten, werden immer reduziert auf diese paar wenigen Minuten, die der Partner bemerkt. Weil er schon früher fertig ist und wartet. Thematisiert wird nicht ihre Zeit mit sich, sondern seine – übrigens am liebsten in Witzform und dann gleich in Arenen: »Wenn Frauen sagen: ›Ich bin fertig, wir können gehen‹, dauert es mindestens noch dreißig Minuten. Während sich der Mann in dieser Zeit mit Daunenjacke, Mütze und Schal im Flur acht Kilo abschwitzt.«

Aber dieses magische Davor kann man doch nicht Mario Barth überlassen! Selbst in großen Filmen besteht es immer nur aus ein paar Einstellungen: eine Strumpfhose, die am Bein hochgerollt wird, oder das Schminken der Lippen. Schön und gut, aber in Wahrheit sind das ja eher erotische Anspielungen auf später, wenn die Strumpfhose wieder ausgezogen wird und der Lippenstift verschmiert ist. Was fehlt, ist eine Hommage an das Sich-Zurechtmachen, das Epilieren und Zupfen, das Nachziehen, das Kaschieren und Pudern, das Abdecken und Wegcremen, das Trimmen, Ziehen und Zuppeln.

Es ist eine kleine alltägliche Zeitinsel, auf der man sich auf seinen Körper einlässt. Wo braucht er mich? Wie kann ich ihm helfen? Was tut ihm gut? Wer fehlerfrei aussehen will, muss sich ja vorher mit seinen – wenn auch nur gefühlten – Fehlern befassen. Dieses eine Haar zupfen, das aus dem Kinn wächst, den Nagel vom linken kleinen Zeh nach dem Lackieren kurz festhalten, weil er sonst wegknickt, oder diese Stelle auf dem Kopf so kämmen, dass man den kleinen grauen Haarfleck nicht sieht, von dem man nur selbst weiß.

Das Behandeln der eigenen Unzulänglichkeiten kann etwas sehr Rührendes sein. Und es geht mit Sicherheit gut aus: Wenn man das Plastik erst mal aus dem Gesicht entfernt hat, ist man immer schöner.

Fotos: Evija Laivina

Artikel teilen: