Die Mutter der Nation

Ursula von der Leyen hat sieben Kinder. Und dann auch noch Karriere gemacht. Ausgerechnet als Familienministerin. Das darf doch nicht wahr sein! Einblicke in unsere Neidgesellschaft.

Das Ehepaar F. aus Frankfurt hat drei Kinder. Herr F. ist Filialleiter in einer Drogerie. Frau F. war mit großer Freude Chefsekretärin, beim dritten Kind kündigte sie. Vor kurzem hat sie in einem Internet-Chat ihre Meinung mitgeteilt – aus Zorn. Es ging um die neue Familienministerin: »Kein Wunder, dass die immer so lächelt. Die ist privilegiert. Frau Ministerin kann sich doch zehn Angestellte leisten!«, klopfte sie in die Tasten. Gern würde sie Ursula von der Leyen von Mutter zu Mutter sagen: »Sie sollten mal darüber nachdenken, ob es Kindern gut tut, wenn die Mutter nie zu Hause ist.« Ursula von der Leyen lächelt. Ein gewinnendes Lächeln. Berliner Reichstag, 1. Stock, Konferenzzimmer mit poliertem Holztisch für mindestens zwanzig Teilnehmer. Vor ihr steht ein Pappbecher Caffè Latte, sie ist schmal und blass und wirkt mit den langen, mit Plastikklammern zurückgesteckten Haaren an diesem übergroßen Tisch wie ein Mädchen. Ihre Haltung: aufrecht. Die Stimme: fest. Irgendwas läuft da falsch: Musste sich in der letzten Phase des Wahlkampfs Angela Merkel von Doris Schröder-Köpf noch den Vorwurf gefallen lassen, die jetzige Kanzlerin sei früher allein schon deshalb keine gute Familienministerin gewesen, weil sie als kinderlose Frau zu wenig von den Sorgen und Problemen der Mütter gewusst habe, so haut man Ursula von der Leyen nun genau das Gegenteil um die Ohren: Wozu hat die sich eigentlich sieben Kinder angeschafft, wenn sie als Familienministerin sowieso nie zu Hause ist? Sie spricht nachsichtig: »Ich verstehe ja die Skepsis, dass sich überhaupt mal was in Deutschland ändert. Aber warum ärgert man sich da über mich? Ich will Wege anbieten und zeigen: Beruf und Familie, das geht.« Dass ihr Kritik um die Nase pfeift, ist ihr inzwischen vertraut wie die ewige deutsche Frage: »Wie kriegen Sie das alles bloß hin?« Solange sie – trotz Kindern – als Wissenschaftlerin und Assistenzärztin arbeitete, fiel sie öffentlich nicht auf. 2001 übernahm sie ein Mandat im Gemeinderat ihrer Heimatgemeinde Sehnde – da wurde sie vor allem als Tochter des früheren Ministerpräsidenten Ernst Albrecht beachtet. Es dauerte nicht lang und Christian Wulff, der aktuelle Ministerpräsident von Niedersachsen, erkannte den enormen Werbeeffekt der Prominenten-Tochter und herausragenden Rednerin Ursula von der Leyen; 2003 holte er sie als Sozialministerin in sein Kabinett. Der Sturm brach los. Sie hat keine Ahnung mehr, wie oft sie Gesichtern mit gerunzelten Stirnen gegenübersaß und beschreiben musste, wer sich um die Kinder kümmert, wie denn der Alltag bei ihr funktioniert und wie ihr Mann es findet, dass seine Frau nun bekannter ist als er, der Medizinprofessor und Biotech-Unternehmer. Sie antwortete immer und immer wieder, dass sie meist vor 6 Uhr aufstehe, ihre Kinder durchaus auch mal schlechte Noten nach Hause bringen und Kochen alles andere als ihre Lieblingsbeschäftigung sei. Sie ließ sich geduldig mit David, Sophie, Donata, Victoria, Johanna, Egmont, Gracia, den Ponys und dem Hund fotografieren. Im großen, gemieteten Haus. Ja! Ein Mietshaus! Keine eigene Villa. Auch keine Angestellten-Armada. Dann berief Angela Merkel sie zur Bundesfamilienministerin. Die Interview-Anfragen prasselten. Jeden Tag könnten sie, ihr Mann oder die Kinder irgendwo ein Interview geben oder in einer Sendung auftreten, berichtet Iris Bethge, die Pressesprecherin. Ursula von der Leyen wechselte den Kurs. »Irgendwann habe ich mir gesagt: Mädel, du bist Mitte vierzig – musst du wirklich auf die Frage antworten, was du frühstückst?« Keine Homestorys mehr seitdem. Auch keine Interviews mit anderen Familienmitgliedern. Ihr Mann lehnt alle Anfragen ab (»Das machen wir wie Joachim Sauer«). Vergangenheit. Sie steht ja, sagt sie, mit ganzer Überzeugung hinter dem, was sie tut. Müsse sich nicht rechtfertigen. Und sitzt trotzdem immer wieder in der Rechtfertigungsfalle. Besonders unfair, findet sie: in der Talksendung des WDR hart aber fair, kurz nachdem Angela Merkel ihr Kabinett präsentiert hatte. Thema: »Kinder oder Karriere – Frauen an der Macht«. Schon die vergnügt präsentierte Einleitung des Moderators Frank Plasberg empfand Ursula von der Leyen als »Faustschlag direkt in die Magengrube«. Eingeblendet wurde eine fingierte Bild-Schlagzeile neben ihrem – lächelnden – Gesicht: »Mama, wo warst du, als ich klein war?« Gemein, sehr gemein, ärgert sich Ursula von der Leyen. Hat irgendjemand je Wolfgang Clement »Papa, wo warst du?« gefragt, als der Vater von immerhin fünf Töchtern Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wurde und später Bundeswirtschaftsminister? Natürlich nicht. Hat irgendjemand berücksichtigt, dass sie, wo immer man sie fragte, zu Protokoll gab, wie sie Kinder und Karriere unter einen Hut kriegt? Dass grundsätzlich sie oder ihr Mann oder beide zum Frühstück und zum Abendessen zu Hause sind? Die Familie vormittags eine Haushaltshilfe hat und nachmittags eine pädagogisch fitte Tagesmutter, mit der es den Kindern richtig gut geht? Dass sie sich weigert, als Schmuckstück auf Empfängen ihre Zeit zu verplempern, und stattdessen so viel Arbeit wie nötig mit nach Hause nimmt, um sie am Computer zu erledigen, wenn die Kinder schlafen? Hat eigentlich niemand ihre sehr persönlichen, wöchentlichen Kolumnen in der Bild-Zeitung gelesen, an die hundert waren es, die sie in ihrer Zeit als niedersächsische Sozialministerin schrieb und in denen deutlich wird, wie sehr Mama am Ball ist – dass sie mit den Kindern betet, mit den Älteren über Alcopops diskutiert und manchmal einfach ganz fröhlich mit ihren Töchtern im Wohnzimmer sitzt, alle durcheinander reden und zusammen Schokolade futtern?

Keiner will das hören. So viele Kinder, so ein Job: Da kann doch was nicht stimmen. Gerhard Schröders Exfrau Hiltrud Hensen, zwei erwachsene Töchter, sagt bei hart aber fair, in mattem Ton, sie habe gern auf berufliches Fortkommen verzichtet, weil sie sich schließlich für ihre Kinder »verantwortlich gefühlt« habe. Der Schauspieler Horst Janson, ebenfalls zwei erwachsene Töchter, erzählt daraufhin, seine Frau habe »selbstverständlich« ihren Beruf aufgegeben – schließlich müssten Kinder »die Liebe der Eltern den ganzen Tag über spüren«. Ursula von der Leyen sitzt da, das Lächeln gefroren, immer wieder sagt sie den gleichen Satz: »Lassen Sie uns doch überlegen, was wir besser machen könnten.« Erfolglos. Sie kommt auch nicht dazu unterzubringen, dass Kinder, psychologisch gesehen, verlässliche Bezugspersonen brauchen, aber keineswegs eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch die eigenen Eltern. Zum Schluss der Sendung darf jeder der Gäste aussuchen, in welcher Familie er leben wollte, wenn er noch mal Kind wäre. Hiltrud Hensen will zu Janson, Janson will zu Hensen. Zu Leyens will niemand. Noch so ein Volltreffer dahin, wo es der Mutter besonders weh tut. Was ist bloß mit Deutschlands Familien los? Warum ruft das Land nicht: »Bestens!« Wie kritisch man grundsätzlich auch zur CDU steht, Ursula von der Leyen vertritt moderne Positionen, die in Ländern, in denen Kinderkriegen kein solches Drama ist wie in Deutschland, schon lang Realität sind: Elterngeld, Ganztagsbetreuung ab dem zweiten Lebensjahr, weg mit einer Steuerklasse – der Steuerklasse V –, die fast immer die Ehefrauen benachteiligt. All das, um zu erreichen, dass die Kombination Beruf und Familie vor allem für Frauen attraktiver wird. Ursula von der Leyen hat Argumente, die schwer zu entkräften sind: Die Geburtenrate in Deutschland liegt bei 1,3 – den demografischen Hochrechnungen nach wird Deutschland hoffnungslos überaltern, wenn immer weniger Paare Kinder kriegen. Vor allem Akademiker sehen sich vor der schweren Entscheidung: Entweder Job oder Kind – 32, 7 Prozent der Akademikerinnen bleiben heute kinderlos. Auch Männer verhalten sich, wenn es ums Kinderkriegen geht, alarmierend zurückhaltend – unter Akademikern sind 35,6 Prozent ohne Nachwuchs. Wenn es um Deutschlands Entwicklung geht, legt Ursula von der Leyen an Tempo zu. Ihre Stimme wird dann ein bisschen schrill, sie dreht den Becher mit dem Kaffee jetzt hin und her – Gott, was ist Deutschland in diesem Punkt zurückgeblieben! Was hat sie da Ermutigendes in Amerika erlebt: Frauen, Kinder, Beruf? Natürlich! Rabenmütter? Fremdwort! Tagesmütter? Ganztagsschulen? Selbstverständlich! Mit Freuden erinnert sie sich daran: Sie arbeitete in Silicon Valley als Ärztin. In ihrer Mittagspause sauste sie zur Schule der Kinder, übernahm den Bibliotheksdienst – das machten viele Mütter so. Zurück in Deutschland – da hat sie fünf Kinder –, kann sie die Rückständigkeit kaum fassen. So viele Frauen, die unfreiwillig ihren Job aufgegeben haben oder jahrelang abwägen, ob sie das »Karriererisiko Schwangerschaft« eingehen sollen. Als sie ihren politischen Höhenflug startet, ist klar, was in Leuchtschrift auf ihrer Agenda steht: Frauen sollen auch dann im Beruf bleiben können, wenn sie Kinder haben. Das tut, wenn die Organisation stimmt, auch den Ehen und der Kindererziehung sehr gut, findet Ursula von der Leyen. Was die Ehe angeht: Anfangs gab es auch in ihrer eigenen Reibereien, zum Beispiel als sich ihr beruflich erfolgreicher Mann bei der Bewerbung um ein Projekt plötzlich vor der Frage sah, wie er denn Job und sieben Kinder unter einen Hut bringen wolle, wenn seine Frau Ministerin sei. Und die Kindererziehung? Da lacht sie wieder: »Bei uns sind ja gerade ein paar in der Pubertät, da ist es doch viel besser, wenn nicht nur eine die ständigen Konflikte, ob nun Computer oder nicht, austragen muss.« Sie ahnt wahrscheinlich gar nicht, wie nah sie, die CDU-Sozialisierte, die sich nie zur Feministin erklärt hat, damit Alice Schwarzer ist, die sich über eine »zunehmend feministische Familienpolitik« freut. Schwarzer hat der weit verbreiteten Ehetragödie einen modernen Namen verpasst: »Til und Dana Schweiger«-Syndrom. Zwei sympathische Leute, die beide gut ausgebildet sind und sich mögen, gründen eine Familie. Der Mann setzt seine Karriere fort, jettet um die Welt, die Frau bleibt zu Hause – bei den Kindern. Und irgendwann stellt sich heraus: »Huch, wir leben in verschiedenen Welten – wir haben uns total auseinander gelebt.« Natürlich hat Ursula von der Leyen Fans – vor allem die Paare, die ihr Modell bereits leben: Beide beruflich erfolgreich, viele Kinder, Personal hilft. Doch wie viele sind das schon? Für etliche ist sie eine Provokation. Was andere Frauen schon im Kleinformat überfordert, scheint bei ihr spielend zu klappen. Sie hat unglaublich viele Kinder, einen Spitzenjob und sieht zu allem Überfluss meist so strahlend aus, als verbrächte sie mehr Zeit auf der Beautyfarm als hinter Akten. Das schürt Neid, sagt die Familienforscherin Gisela Erler: »Wir können uns eher mit Frauen identifizieren, die fürchterlich im Stress sind, weil sie mit dem Job, dem Mann und den zwei Kindern zu kämpfen haben.«

Die sieben Kinder. Erler erklärt die Rückständigkeit Deutschlands gern so: Deutschland kann die unselige Mischung aus erzkatholischer Prägung und dem heroischen Mutterbild der Nazis nicht abschütteln – es sitzt viel zu tief. Die schöne blonde Ursula irritiere da ganz besonders. Weil sie einerseits auf jedem Nazi-Plakat blendende Propaganda abgegeben hätte – als perfektes Klischee der »arischen Super-Mutter«. Weil sie tatsächlich aber überhaupt nicht in das alte »Mutti ist die Beste«-Schema passe, sondern vorführe, wie ein modernes, dem Ehemann gleichberechtigtes Leben funktioniert. Bei den »Würdenträgern in der CDU«, sagt Erler, breite sich gerade mächtiges Unbehagen aus – vor allem das Elterngeld, das die Väter mit sanftem Druck zur Familienarbeit schieben soll, werde auffallend panisch abgelehnt: »Was glauben Sie, wie viele Männer gerade bei der CDU denken: Hilfe, wenn die Leyen meine Frau wäre – würde ich so was wollen? Dass die eine Menge Kinder kriegt, ihren Weg geht – und mich dann mit den Kindern zu Hause sitzen lässt? Ist das wirklich die Politik, die ich unterstütze?« Ursula von der Leyen lächelt. Ihre Privilegien, sagt sie, sind ihre Topausbildung zur Volkswirtin und zur Ärztin, ist der Ehemann, der ein »leidenschaftlicher Vater« sei, ist die Erfahrung in den USA und die, dass Großfamilie toll ist. »Wer diese Erfahrung nicht hat, der wird sich eine Großfamilie kaum zutrauen«, vermutet sie. Manchmal wird sie gefragt, woher sie ihre Energie nimmt – ob sie Yoga mache, täglich meditiere oder Forever-young-Kapseln schlucke, um immer so gut drauf zu sein. Nein. Zwei-, dreimal die Woche joggt sie, in Hannover, im Park. Ob es in ihrem Leben denn keine Pannen gebe? Sie überlegt. Dreht den Kaffeebecher. Natürlich gibt es Tage, an denen es drunter und drüber geht. Zum Beispiel den heute: Der junge Hund hat gekotzt, zu Hause in Hannover. Sie musste um 7.30 Uhr zum Zug. Kabinettssitzung, in der es eventuell um die Absetzbarkeit von Haushaltshilfen gehen sollte. Sie durfte nicht fehlen – »ich musste ja mein Ressort verteidigen«. Während der Sitzung hatte sie die ganze Zeit den armen kleinen Hund im Hinterkopf. Am Nachmittag rief die aufgelöste Tochter an: »Es geht ihm ganz schlecht.« Ursula von der Leyen quälten Gewissenbisse, während die Kollegen im Kabinett über CIA-Flüge diskutierten. »Stirbt er? Hätte ich ihn retten können, wenn ich am Vormittag zum Tierarzt gegangen wäre? Was, wenn er stirbt, wenn die Kinder furchtbar traurig sind und ich nicht da bin?« Die Entwarnung kommt am frühen Abend – per Handy. Hund auf dem Weg der Besserung. »Uff«, sagt sie, »noch mal Glück gehabt.« Bei solchen Gelegenheiten tut sich wie ein sehr tiefer Graben die Frage auf, wann die Familie vor dem Job den Vorrang hat. Kranker Hund, hat sie überlegt, ist noch kein Grund, zu Hause zu bleiben. Krankes Kind wäre einer: »Das sind kostbare Tage, die werde ich selten in Anspruch nehmen – aber in Anspruch nehmen werde ich sie.« Im Notfall für ihre Kinder da zu sein – dieses Recht müssten Frauen und Männer haben, egal, in welcher Position sie arbeiten. Sie überlegt noch ein bisschen. Ja. Klar. Es gibt Momente, in denen sie schreien und mit den Fäusten gegen die Wand trommeln könnte, weil sie das Gefühl hat, nirgends mehr nachzukommen. Dann schaltet sie auf Ratio. Fragt sich: Würdest du gern den Ministerposten, diese wunderbare Aufgabe, los sein? Antwort: Drei Wochen vielleicht. Aber ganz? Nö! Und deine Kinder – hättest du die lieber nicht? Antwort: Um Himmels willen … Dann empfindet sie, sagt sie, Dankbarkeit. Und es geht ihr wieder besser. Seit dreißig Jahren kursiert eine hässliche Geschichte über die Erziehungsmethoden im Hause Albrecht. Sie erschien damals im Spiegel: Der frühere niedersächsische Ministerpräsident habe seine sechs Kinder zur Strafe für Aufmüpfigkeit in den Wald geschickt – dort hätten sie mit bloßen Händen Brennnesseln pflücken müssen. Stimmt nicht, seufzt Ursula von der Leyen, ihre Augen wandern zur Decke, sie schüttelt schnell den Kopf, die Haare fliegen. Jetzt wirkt sie ein bisschen müde – als hätte sie das schon ziemlich oft erzählt. Drakonische Maßnahmen gab es in ihrer Familie nie. »Alle meine Geschwister haben eine Menge Kinder. Ich glaube, das ist doch der beste Beweis, dass wir unsere Kindheit in guter Erinnerung haben.« Mit 16 schrieb sie den einzigen Leserbrief ihres Lebens. Der Spiegel druckte ihn prompt. Einen flammenden Brief, in dem sie die Eltern empört in Schutz nahm. Genutzt hat ihr Einsatz wenig. Zum ersten Mal bekam Ursula von der Leyen zu spüren, dass manche Vorurteile so unausrottbar sind wie Unkraut.

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