Das kriegen wir schon hin

Der Mensch macht sich viel zu viele Gedanken: Wir grübeln, was morgen sein wird, fürchten uns vor falschen Entscheidungen, zweifeln, ob wir alles richtig machen oder ob wir bald alles Mögliche bereuen. Dabei wäre unser Leben viel besser, wenn wir die Dinge etwas entspannter angingen. Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit.

Die Welt ist vor einem Jahr mit dem lauten Knall der Krise unsicher geworden – sie war es in Wirklichkeit vorher schon, doch nun zittert sie vom ersten bis zum letzten Dominostein. Das Schöne daran: Die Spitzenreiter sind von ihren Rennpferden gefallen, ihre Arbeitspaläste, die Banken zum Beispiel, ausgestattet mit erlesener Kunst, so mächtig und prächtig wie früher nur Adelsburgen, haben an Glanz und Gloria verloren, beim Eintreten erfüllt jetzt keinen mehr Ehrfurcht. Eher Zorn. Das könnte die, die neidisch waren, tief durchatmen lassen, gaaaanz tieeeef, im Wissen, dass das Leben eine Schiffschaukel ist und dass einem, der abenteuerlustig eingestiegen ist, unterwegs schlecht werden kann – und dass auch das im Preis inbegriffen ist.

Es wäre nun, ließe sich folgern, der richtige Zeitpunkt, sich total locker zu machen. Sich Kissen in den Rücken zu stopfen und Tee zu trinken, während der Wind rau um die Hütte pfeift. Das würde zumindest für bessere Laune sorgen, als sich zusammenzukrümmen vor Angst. Es gibt einen Boxer, 28 Jahre alt, Damian Norris heißt er, er lebt jetzt in der Nähe von Nürnberg, der kann, selbst wenn ihn augenscheinlich das Glück verlässt, die Ruhe bewahren, als hätte er den entspannten Way of Life im Yogi-Zentrum geübt oder bei Dale Carnegie persönlich, dem geistigen Vater des Think Pink, dem Autor des Bestsellers Sorge dich nicht, lebe, der seit sechzig Jahren in die Welt quillt wie überkochender Grießbrei im Märchen, mehr als drei Millionen Exemplare sind inzwischen verkauft.

Damian kennt keine Ratgeberbücher für mehr Gelassenheit. Er wuchs in Kuba auf. Da war er ein großer, sehniger Kerl, der gern boxte. Er boxte so, dass er mit 15 nach Mexiko ausreisen durfte. Dort fand er einen Trainer, und der nahm ihn mit nach Las Vegas. Damian wohnte mit zwei anderen in einem Zimmer und trainierte jeden Tag. Es gefiel ihm, morgens früh aufzustehen, wenn noch kein Smog über dem »Excalibur« und dem Eiffelturm von Las Vegas hängt, seinen schönen Körper zu spüren, die Kraft eines Panthers. Bis Mitternacht jobbte er als Wachmann vor einem Casino. Ihm gefiel sein Leben, und wenn man ihn fragte, was er sich wünschte, dann sagte er: Weltmeister werden und für meine Mama in Havanna eine Villa bauen. Schließlich kam er im Frühling 2008 nach Deutschland. Fand Leute, die sich für ihn begeisterten, einen, der sich als Sponsor anbot, er traf sogar den reichen Ahmet Öner. Den ganzen Tag über summte es Damian im Ohr, er würde Millionär werden. Er trainierte wie wild. Er gewann einen wichtigen Kampf in Karlsruhe, die Presse rühmte ihn als Naturereignis. Doch irgendwie funktionierte sonst nichts. Seine Berater kümmerten sich viel zu spät um sein Visum. Beim zweiten Kampf hatte er Fieber, und er verlor. Sein Trainer verschwand nach Mexiko.

Nun sitzt Damian in Zirndorf bei Nürnberg in einem Sammellager für Asylsuchende. Er ist ein Niemand dort. Die Trainingsmöglichkeiten sind ein Witz. Er hat keine Ahnung, wann er rauskommt. In die USA kann er nicht zurück, weil er dort illegal lebte, der deutsche Sponsor hat das Interesse verloren. Das Verblüffende aber ist: Damian Norris ist bestens gelaunt. Es hat keine Woche gedauert, da hatte er sich in Zirndorf eingelebt. Er versteht sich hervorragend mit den vier Männern, mit denen er das Zimmer teilt, sagt er, »lauter verrückte Kerle«. Seine Anwältin schreibt Briefe, er schaut sich im Gemeinschaftsraum Videos mit Mr. Bean an, dann lacht er sich fast kaputt. Der Rest, das ist seine Einstellung, wird sich finden. Heute, morgen, irgendwann.

Welch ein Vorbild an Gelassenheit. Man kann auch sagen: an schlichter Schicksalsergebenheit; aber ein Beispiel nehmen sollte man sich auf alle Fälle. Die meisten von uns leben ja mit einem Gefangenenchor im Kopf, der zwischen Freudenjubel und Weltuntergangsgeschrei ständig die Stimmlage ändert, überall »Soll ich, oder soll ich nicht?«-Entscheidungen, immer die Gefahr, die Weichen falsch zu stellen, oder das Drama, sie unwiderruflich falsch gestellt zu haben.

Wir wissen, dass wir vorausschauend handeln können, und so strampeln wir uns ab, klammern uns an starre Ideen, wie unser Leben auszusehen hat – und stehen doch vor der betrüblichen Aussicht, dass man eines Tages in unseren Grabstein meißelt: »Dieser Mensch kämpfte bis zu seinem Tod erfolglos dagegen, dass ihm sein Leben entgleitet.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Einer, der Millionen gewonnen hat, und einer, dessen Haus abgebrannt ist – beide sind nach ein paar Jahren nicht froher und auch nicht weniger froh als zuvor.)

Die im April gestorbene Autorin Ursula Lebert sagte einmal in einem Interview diesen hübschen Satz: »Heute denke ich, 90 Prozent meiner Sorgen hätte ich mir sparen können.« Da war sie 75. Wie viel Lebenszeit, zugebracht mit: Sorgen. Bei den meisten Menschen geht es übrigens, egal ob sie sich zu Recht oder zu Unrecht sorgten, anschließend sowieso ähnlich weiter wie vorher. Immer wieder pendelt sich das Glück auf demselben Niveau ein, das haben Forscher bewiesen.

Einer, der Millionen gewonnen hat, und einer, dessen Haus unversichert abgebrannt ist – beide sind nach ein paar Jahren nicht froher und auch nicht weniger froh, als wenn ihnen weder das eine noch das andere zugestoßen wäre. Nur in einem Fall verschiebt sich der Glückspegel deutlich nach oben, das weiß man, seit die Universität von Michigan letztes Jahr die Ergebnisse ihres World Values Survey präsentiert hat: wenn Menschen, die früher unterdrückt wurden, heute in demokratischen Verhältnissen leben – das gilt für Staaten, aber auch für Liebesbeziehungen.

Nur wenn es um Menschenrechte geht, lohnt es sich offenbar wirklich, nervös zu werden. Was unterscheidet einen wie Damian Norris, der sich nie auch nur einen Funken Sorgen gemacht hat, von einem, der morgens aufsteht und sich darüber den Kopf zerbricht, dass seine Liebste ihn am Abend nicht mehr lieben könnte, und der jeden Tag ins Bett sinkt voller Angst, dass auch die Aktienkurse sinken? Wahrscheinlich ist es so: Wer glaubt, dass das Leben Ereignisse im Ärmel hat, für die seine Überlebenskraft nicht ausreicht, versucht vorzubeugen. Mit Grübeln. Oder mit Geld.

Durchschnittlich 3000 Euro im Jahr geben Deutsche für die Gesundheitsprophylaxe aus, dazu etwa 1800 Euro für Versicherungen, die für die Autos nicht mitgerechnet. Das kann ja durchaus klug sein. Was schlimmer ist: Jeder Fünfte erkrankt an Depressionen, etwa 54 000 Menschen sind 2007 aufgrund psychischer Erkrankungen vorzeitig in Rente gegangen. Bei vielen ist Burn-out die Ursache. Das Gefühl, einer zu sein, der um seine Existenzlizenz auf Erden kämpfen muss, packt vor allem Menschen, die schon als Kinder glaubten, ständig auf der Hut sein zu müssen, um auf dem Spielbrett Leben nicht abgesägt, umgefegt, umgelegt zu werden.

Psychologen sagen: Wie zuversichtlich wir in die Welt blicken, hat meist mit frühen Erfahrungen zu tun. Wer sich als Kind geborgen fühlen konnte, für den ist die Welt später kein vermintes Gelände. Der geht weniger erschrocken an die Unannehmlichkeiten, die das Leben serviert, und kriegt es besser hin, positiv zu deuten: Die Freundin verlässt ihn? Wahrscheinlich kommt bald eine Bessere nach. Die Aktien rauschen in den Keller? Dafür ist die Wohnung fast abgezahlt! Wenig Vertrauen in die Welt haben die, denen sie schon unheimlich vorkam, als sie winzig waren.

Deren Eltern sich zum Beispiel einmal überschwänglich zeigten, dann wieder eisig und distanziert. Da fangen manche an, das Außen mit Misstrauen zu betrachten und verbissen zu strampeln, mit dem Ziel, sich eben nicht vom Leben und seinen Launen unterkriegen zu lassen, sondern es selbst – wenn auch im Dauerstress – zu unterjochen.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die frühen Menschen waren glücklicher, weil sie Rituale hatten, die ihnen gut taten.)

Hatten es unsere Vorfahren schlechter, weil es unter den Höhlenbewohnern noch keine Zahnzusatzversicherung gab, keine Früherkennung von kaputten Chromosomen, keine Antiviren- und Anti-Aging-Programme in reicher Zahl?

Folgt man Peter Sloterdijk, Deutschlands philosophischer Allzweckwaffe, dann waren sie klar im Vorteil. In seinem Aufsatz Das Zeug zur Macht analysiert Sloterdijk: »Die frühen Menschen sind alles andere als hilflose, angstüberschwemmte Opfer einer übermächtigen Außenwelt. Sie sind lebhafte, erfinderische, hochbewegliche Akteure eines Überlebensspiels, das sie mit großem Erfolg betreiben, auch wenn sie vom Kompetenzhorizont eines mittelmäßigen modernen Individuums nur wie von einem Dasein in göttlichen Vollmachten hätten träumen können.«

Sloterdijk findet nämlich: »Der Frühmensch profitiert davon, dass er zumeist fast alle Griffe kann, die er zur Selbsterhaltung braucht, während er alles, was nicht gekonnt werden kann, im Schutz von Ritualen mehr oder weniger routiniert übersteht. Nehmen Sie an, die Sintflut fällt vom Himmel auf Ihr Blätterdach, dann können Sie, wenn sich das
Unwetter überhaupt überstehen lässt, es besser überstehen, wenn Sie ein Lied für den Wettergott rezitieren. Es ist nicht wichtig, dass Sie selber Wetter machen können, sondern dass Sie eine Technik kennen, bei schlechtem Wetter in Form zu bleiben; es muss in Ihrer Kompetenz liegen, auch dann etwas zu tun, wenn man ansonsten nichts tun kann.«

In Ritualen spürten die Menschen der Frühzeit den existenziellen Boden unter den Füßen: Rituale besäßen die Macht, eine ansonsten nicht zu meisternde Welt in Ordnung zu bringen. Vielleicht ist es klug, sich darüber Gedanken zu machen: Nicht der zufriedene Blick auf einen stetig steigenden Aktienfonds ist ein Ritual, das uns wirklich guttut. Auch nicht der zweimonatliche Marsch zur Faltenunterspritzung, ebenso wenig die täglich geopferte Mittagspause, die den Chef gnädig stimmen, die Entlassung (gern zuungunsten eines anderen) verhindern soll.

Es geht auch gesünder – und billiger. Ruhe bewahren. Über kluge Sätze meditieren wie: »Das, was gerade passiert, akzeptiere ich als normalen Bestandteil des Lebens.« Oder, etwas lustiger, nach John F. Kennedy: »Das Leben ist ungerecht, aber denke daran: nicht immer zu deinen Ungunsten.« Also: Kraft sammeln für den richtigen Moment. Dann zubeißen. Aber nur dann. Bloß nicht ständig verbissen hinter irgendetwas herrennen, sondern dem Schicksal eine Chance lassen. Psychologen wissen: Sobald wir uns festlegen, blenden wir fast alles aus, was nicht zum Ziel führt. Unsere Sinne sieben radikal aus.

Das hat natürlich seinen Grund: Haben wir ein Ziel, kanalisieren wir unsere Energie, und sie verdampft nicht in alle Richtungen. Wenn man dieses an sich nicht dumme Prinzip kennt, kann man aber mit ihm spielen. Während man verzweifelt an etwas festhält, was längst in die Schublade »Vergangenheit« sollte, könnte man sich jetzt sagen: »Ich weiß es doch, links und rechts von meinen Scheuklappen passieren wunderbare, spannende Dinge, die ich gerade nicht sehe in meiner fürchterlichen Verbohrtheit!« Und schon öffnet sich der Blick. Und schon wird alles leichter.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Sorge um andere lässt kann die eigenen Probleme nichtig werden lassen.)

Warum nicht einfach die Welt um sich herum ein bisschen angenehmer machen, statt Wunschbildern hinterherzujagen, mit einer Energie, die oft nicht mehr erneuerbar ist? Man könnte sich auch an Shay Cullen orientieren, einem irischen Pater auf den Philippinen, 65 Jahre alt, 2008 ist sein Buch Kein Kind ist verloren erschienen, zweimal wurde er für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Zunächst wirkt Shay Cullen nicht sonderlich gelassen, sondern eher zwanghaft, wenn man das Programm betrachtet, das er sich verordnet. Er steht jeden Tag um sechs Uhr auf, isst nur vegetarisch, selten trinkt er ein Glas Wein, abends trainiert er mit Hanteln, danach betet er unten am Strand. Gemeinsam mit Sozialarbeitern und Psychologen kümmert er sich um sexuell ausgebeutete Mädchen und Straßenkinder, von denen manche zumindest seelisch fast tot waren, als sie zu ihm kamen.

In dem Haus am Meer bei Olongapo, in dem die Kinder leben, sind die Wände gepflastert mit Cullens Zetteln: »Nicht das Licht brennen lassen!« – »Den Schlüssel für den Computerraum immer zurückbringen« – »Um Punkt vier Uhr Abfahrt nach Manila: Wer nicht da ist, kommt nicht mit.« Rigide Planung muss sein, die Zeit ist zu knapp, um damit lässig umzugehen, ist seine Einstellung. Doch wenn man Cullen besser kennenlernt, wird klar, dass er sich um seine eigene Zukunft so wenig sorgt wie eine der Katzen, die immer um seine Beine streichen.

Er geht in der Sorge für andere auf, das ist der große Unterschied zu den meisten Kontrollfreaks der Welt. Es gibt wenig, was ihm Angst macht. Er ist Pädophilen auf der Spur, darunter auch einer Menge deutscher, hetzt ihnen den Staatsanwalt auf die Fersen, Morddrohungen gehören zu seinem Alltag. Wenn man eines Tages über ihn denke: »Er trug dazu bei, dass ein paar junge Leute ihre Würde zurückbekommen haben«, dann habe er sein Ziel erreicht, sagt er. Seine einzige Furcht, was ihn selbst angeht: Wer soll ihm folgen, wenn er nicht mehr da ist? Vielleicht gibt es klügere Strategien, aber auch darüber macht er sich keine Gedanken.

Mindestens 15 Jahre wird er noch keinen Nachfolger brauchen, schließlich hält er sich fit, und dann wird sich schon einer finden – so wie sich in seinem Leben alles gefunden hat; mal Gutes, mal Schlechtes, darunter auch dies: Als 1992 ein Erdbeben die Region erschütterte und tausend Menschen in der Nähe starben, stürzte sein Haus ein, doch alle Bewohner konnten sich retten. Was übrigens nicht nur beweist, dass das Schicksal sowieso macht, was es will. Es lässt auch den Schluss zu, dass es manchmal verdammt klug sein kann aufzuspringen, statt im Sessel sitzen zu bleiben und Tee zu trinken. Bloß wann?

Phil Rosenzweig, Professor am Lausanner International Institute for Mana-gement Development, hat ein ungewöhnliches Buch für Manager geschrieben: In Der Halo-Effekt entwickelt er diese so schlaue wie beruhigende These, geeignet auch für Manager kleiner Leben: Erfolg hängt von Entscheidungen ab, die wir unter unsicheren Bedingungen treffen. Darin liegt die Chance. Doch eine Garantie gibt es nie.

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