Leichter Schwindel

Kaum ein Patient sagt im Behandlungszimmer die Wahrheit über sich. Die Ärzte wissen das sogar – und haben ihre eigenen Methoden entwickelt, die Patienten zu durchschauen.

Wenn einer, der hundert Kilo wiegt, behauptet, nur Knäckebrot zu essen, weiß der Arzt, da ist was faul. Aber er weiß nicht, was faul ist: Lügt ihm der Patient dreist ins Gesicht? Oder, und das kommt gar nicht selten vor, glaubt der Patient sogar, die Wahrheit zu sagen?  
Ein anderer Fall liegt klarer. Meiner. Kürzlich gestand ich meinem Hausarzt, dass ich ihn bei meinem ersten Besuch angelogen hatte. Ich hatte gesagt, ich würde mich regelmäßig bewegen und führe im Sommer jeden Tag mit dem Rad ins Büro. Bis dahin stimmte der Satz. Was ich verschwieg: Ich fahre mit meinem Elektrorad, weil ich keine Lust habe, verschwitzt im Büro anzukommen. Dieses Geständnis habe ich ihm jetzt nicht aus später Reue gemacht, sondern im Dienste dieses Artikels. Da musste er ein wenig lachen und sagte: »Ich kenne schon meine Pappenheimer.« Damit hatte ich nicht gerechnet, eher damit, dass er leise und vorwurfsvoll sagt: »Sie wissen schon, dass das schlimme Konsequenzen haben kann, wenn man den Arzt anlügt?« Stattdessen sagte er noch: »Ist ja auch nicht so entscheidend.«
Natürlich sollte man den Arzt nicht anlügen, man schneidet sich nur ins eigene Fleisch dabei – und trotzdem macht es fast jeder. Mindestens beim ersten Besuch, wenn der Arzt nach Gewohnheiten fragt, nach Gewicht, nach dem Konsum von Medikamenten und Alkohol. Die Anamnese ist eine moderne Form der Beichte: Was gestehe ich und verschweige ich lieber – in der Hoffnung, dass mir der liebe Gott nicht auf die Spur kommt?

Von meiner eigenen Unehrlichkeit auf das Thema gestoßen, sprach ich nicht nur mit meinem Hausarzt, sondern noch mit einigen anderen Medizinern, und anhand dessen, was sie mir erzählt haben, könnte man eine Hitparade der häufigsten Lügen in Untersuchungszimmern erstellen. Nämlich diese: 1. Ich bewege mich regelmäßig; 2. Ich trinke kaum Alkohol; 3. Ich esse viel Obst und Gemüse; 4. Ich verwende immer Zahnseide; 5. Ich rauche ganz wenig / habe kürzlich aufgehört; 6. Ich gehe regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen; 7. Natürlich habe ich das Antibiotikum zu Ende genommen, 8. Ich wiege derzeit etwa 63/73/83 Kilo; 9. Ich komme durchschnittlich auf sieben Stunden Schlaf; 10. Mein Kind nimmt keinen Schnuller mehr.

In der Regel macht sich der Patient also gesünder, als er ist, und hat nichts davon, außer, dass er sich einen Moment besser fühlt. Warum lügt er dann? »Der Arzt steht ja für fast alles, was gesellschaftlich erwünscht ist«, sagt mein Hausarzt, »schlank soll man heute sein, fit, gesund, rauschmittelfrei. Er ist so eine Art moralischer Zeigefinger, und dieser Erwartung versucht der Patient zu entsprechen.«

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Nur sind Ärzte auch nicht auf den Kopf gefallen, sie sind es gewohnt, angeschwindelt zu werden – und haben ihre Möglichkeiten, dem Patienten auf die Schliche zu kommen. Ein guter Arzt ist ja auch ein guter Psychologe. Und wo die Psychologie nicht reicht, gibt es einen bewährten Lügendetektor, der alles an den Tag bringt, auch das, was der Patient lieber verschweigt: die Blutuntersuchung. Nur Obst und Gemüse, aber Cholesterinwerte wie ein Butterberg? Hm.

Die eigentliche Überraschung aber lautet: Richtig schlimm findet die Schwindelei kein Arzt, mit dem ich gesprochen habe, mein Hausarzt nicht, die Kinderärztin nicht und der Anästhesist auch nicht. Wobei es Extremfälle gibt, bei denen die Lüge einer Heilung sehr wohl im Wege stehen, ja sie fast unmöglich machen kann, etwa beim Münchhausen-Stellvertretersyndrom: Da erfinden zum Beispiel Eltern Symptome wie Fieber und Schmerzen bei ihrem Kind, machen es auch vorsätzlich krank, etwa durch Medikamente, letztlich um selbst Aufmerksamkeit zu bekommen. Dies zu diagnostizieren ist aber sehr schwierig und das Syndrom extrem selten.

Bei allen anderen, sagt mein Hausarzt, müsse man unterscheiden zwischen jenen, die aus Scham lügen, weil sie fürchten, gescholten zu werden für ihre ungesunde Lebensweise – und jenen, die überzeugt sind, die Wahrheit zu sagen, wenn sie behaupten, sie nähmen grundsätzlich die Treppen. Ein erfahrener Arzt, einer mit Instinkt und Feingefühl, kitzelt dann aus dem Patienten heraus, dass er immer die fünf Stufen von seiner Haustür hinaufgeht – und dann den Lift nimmt. »Subjektiv hat er die Wahrheit gesagt. Und den Rest ausgeblendet.«

Bei der Frage, ob umgekehrt auch Ärzte Patienten belügen, ziert sich mein Hausarzt ein wenig. Onkologen täten das vielleicht manchmal, beispielsweise wenn die Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs ausgeheilt werden kann, gering sei. Und weil auch Worte wie Placebos wirken könnten, wähle der Onkologe dann vielleicht eine Formulierung wie: »Es gibt immer wieder Leute, die damit viele Jahre leben.« Das macht dem Kranken Hoffnung. Außerdem gilt als gesichert, dass Patienten ohnehin nur das hören, was sie hören wollen. Und das, was sie gerade noch aushalten.

Monika Seidel, Kinderärztin in Augsburg, erlebt oft, dass vor allem Eltern, die zum ersten Mal mit ihrem Kind zu ihr kommen, wichtige Informationen für sich behalten, wohl auch, um zu testen, wie sehr sie ihr vertrauen können. Wobei das manchmal nicht so einfach einzuschätzen ist: Unterziehen die Eltern sie einem Test und behaupten, ihr Kind habe eindeutig Ohrenschmerzen, obwohl die Ärztin nach einer kurzen Untersuchung keinerlei Hinweise findet? Oder sind die Eltern – ein ebenso häufiger Fall – nur überzeugt von den Ohrenschmerzen, weil sie davon ausgehen, dass niemand ihr Kind besser einschätzen kann als sie selbst? Der Therapievorschlag, den Seidel macht, muss also drei Kriterien erfüllen: Er muss helfen; er muss die Diagnose der Eltern ernst nehmen; und er muss die Möglichkeit einkalkulieren, dass die Behauptung mit den Ohrenschmerzen bloß ein Test war. Seidel sagt dann etwas in der Art: »Das stimmt schon mit den Ohren, aber der Rachen ist viel schlimmer betroffen. Wenn Sie ihm diese Lutschtabletten geben, wird die Erkältung besser und die Ohrenschmerzen gehen auch weg.«

Ziemlich sicher falsch sind die Behauptungen, das Kind nehme keinen Schnuller mehr oder trinke ausschließlich Wasser aus seinem Fläschchen, wenn ein Blick in den Mund genügt: Sind die Milchzähne bräunlich und kariös, trinkt es also viel Saft und Limonade; und ein Schnuller verändert Zahnstellung und Kieferform. Dann ist es wichtig, die Eltern nicht vor den Kopf zu stoßen und dennoch zu vermitteln, dass es nicht so sein kann, wie sie sagen. Zum Beispiel so: »Es ist gut, dass Ihr Kind keinen Schnuller mehr nimmt, denn sein Oberkiefer zeigt schon deutliche Spuren.«

Was aber, wenn der Arzt dem Patienten nicht traut, weil der ihn anschwindelt, und der Patient dem Arzt nicht traut und ihn daher erst mal auf die Probe stellen will? »Prinzipiell muss natürlich in erster Linie der Patient dem Arzt vertrauen und nicht umgekehrt«, sagt mein Hausarzt. »Andererseits ist es für den Erfolg der Beziehung zwischen Arzt und Patient schon wichtig, dass das Verhältnis halbwegs ebenbürtig ist. Gegenseitiges Vertrauen oder zumindest Wohlwollen begünstigt auch sehr den Verlauf der Ergebnisse.«

Wirklichen Schaden, denkt man ja, tragen Leute davon, die einen Anästhesisten anlügen, der genaue Informationen benötigt, wie viel einer wiegt und raucht und trinkt, um die Narkose gut dosieren zu können. Aber selbst da sind Lügen halb so wild, meint Axel Junger, Professor für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Klinikum Nürnberg. Dafür, wie viel ein Patient wiegt, hat man ja selbst ein Gespür, sagt er, und Narkosemittel werden nach Wirkung dosiert, nicht nur nach Gewicht. »Gerade bei Drogenkranken haben wir aber die Erfahrung gemacht, dass viele sehr offen darüber sprechen, weil sie wissen, dass das einen Einfluss auf die Menge der Narkosemittel hat.« Axel Junger ist sich darüber im Klaren, dass er, wie alle anderen Ärzte auch, bei den immer selben Themen Rauchen, Trinken und Gewicht angeschwindelt wird: »Ich glaube aber, da belügen sich die Patienten selbst mehr als den Arzt.« Um dann mit großer Güte hinterherzuschieben: »Ich fühle mich nicht belogen, ich interpretiere das einfach anders. Und das medizinische Risiko ist ohnehin überschaubar.«

Illustration: Bendik Kaltenborn