Wohlsein!

Was kann schon so schwer daran sein, endlich mal so zu leben, wie es Ärzte und Ratgeberliteratur empfehlen? Unsere Autorin führte sieben Wochen lang das perfekte Leben. Hat's genützt?

Fotografie und Gestaltung: Sanna Schiffler und Judith Will

Ich wurde 50 und dachte: jetzt mal langsam Schluss mit diesem pubertären Leben. Schluss mit zu wenig Schlaf, zu wenig Sport, zu viel Alkohol. Schluss mit Rumschlampen, Durchlavieren, Wirdschongutgehen. Bin ich nicht langsam alt genug, das Leben endlich ernst zu nehmen? Ein bisschen erwachsener an die Sache ranzugehen? Irgendwie … professioneller?

Hier also der Plan: Sieben Wochen lang würde ich alles richtig machen. Tun, was die Experten immer und immer wieder predigen – und was trotzdem keiner tut: täglich fünf Portionen Obst und Gemüse essen, an die frische Luft gehen, meditieren, Zahnzwischenraumbürsten benutzen, gute Bücher lesen, viel Wasser trinken, nett zu allen Menschen sein, die Treppe statt den Aufzug nehmen, vor Mitternacht im Bett sein. Das gute Leben. Das richtige Leben. Was kann daran so schwer sein?

Tag X minus 3
Unterstützung kommt in Form von Dottore Thomas Platzer aus der Gemeinschaftspraxis Prof. Heufelder, einem führenden Münchner Anti-Aging-Experten. »Nicht Anti-Aging, Vital-Aging«, korrigiert der Dottore (Mitglied der italienischen Ärztekammer, deshalb) sanft. Meinetwegen. Er vermisst mich. 1,83 Meter, aktuell 71 Kilo (fünf mehr, als mir lieb sind), tadelloser BMI von 21,2. Doch dann: Die Bioimpedanz-Analyse ergibt, dass ich im Verhältnis zum Gewicht viel zu wenig Muskelmasse habe. Ich bin, um es auf den Punkt zu bringen, ein Skelett mit drumrumgewickeltem Fett.

Und nun? Insulin-Trennkost, sagt er, um die nächtliche Fettverbrennung anzuheizen. Er empfiehlt das Buch Schlank im Schlaf von Detlef Pape, »das funktioniert wirklich«. Täglich drei Mahlzeiten im Abstand von fünf Stunden. Morgens soll ich wahnsinnig viel frühstücken, aber nur Kohlenhydrate, in meinem Fall mindestens 100 Gramm, das entspricht vier Brezen oder 14 Scheiben Knäckebrot. Frühstücken! Ich habe zuletzt vor 30 Jahren gefrühstückt, und dann gleich vier Brezen? »Gern auch sechs. Mit Butter!«, sagt er. »Günstig für den Plasmainsulinspiegel.« Gute Güte. Mittags: Eiweiß und Kohlenhydrate, bis ich satt bin. »Fatal, dass viele Menschen glauben, sie müssten wenig essen.« Der Körper schaltet sonst auf Sparflamme und legt sich Vorräte an. Abends nur Eiweiß. Fisch, Huhn, mageres Fleisch, Omelette, Quark. Dazu Salat oder Gemüse. Jetzt kein Brot mehr, keine Nudeln, kein Reis, keine Kartoffeln und Karotten. Und idealerweise vor 18, 19 Uhr. Das ist alles.

Wieso das funktioniert, obwohl man so viel isst? Nachts liegt der Anteil der Fettverbrennung am Energiestoffwechsel bei 75 Prozent. Um diese nächtliche Lipolyse zu unterstützen, muss der Insulinspiegel heruntergefahren werden, deshalb das abendliche Nudelverbot. Alkohol: lieber nicht, weil die Leber sich dann erst mal um die Entgiftung kümmern muss und den Fettabbau zurückstellt. Viermal die Woche ein Glas Rotwein gehe aber in Ordnung, sagt Platzer. Aber keine Nachtschichten, bitte. Um abzunehmen, ab spätestens 20 Uhr das Laptop zuklappen. Am besten das Licht dämpfen, das hilft der Zirbeldrüse und der Ausschüttung des Wachstumshormons.
Irgendwelche Wundermittel? Er winkt ab. Bisschen Chrom und Zink wäre gut, unbedingt Vitamin D3, vielleicht noch Selen, einen Löffel Leinöl pro Tag für die Omega-3-Fettsäuren. Dann viermal die Woche Ausdauertraining und zweimal eine halbe Stunde Muskelaufbau. Das beste Fitnessgerät ist der eigene Körper, sagt er. »Wir müssen uns selbst managen können. Ziel ist, dass man sich am Dach hochziehen kann, wenn es brennt.« Das leuchtet mir ein. Und was machen wir mit meiner Weingummi-Sucht? Nur zu, aber nicht zwischendrin, sondern zum Frühstück oder zu Mittag. Es klingt alles angenehm machbar.

Tag 1
»7.30 Uhr: 8 EL Nussmüsli mit 0,2 l Bio-Johannisbeersaft, 2 Aprikosen, 1 Nektarine. Grüner Tee. 13 Uhr: Bagel mit Cream Cheese, Rohkost mit Kräuterquark-Dip, Obstsalat. 19 Uhr: Rührei aus drei Eiern, 100 g Gravad Lachs. 20 Kilometer Radfahren. Zahntaschenreinigung. Abends Krankenhausbesuch bei einer Freundin (Sozialkontakte pflegen!). Dann 20 Minuten Dr. Kawashimas Hirnjogging, gefolgt von 10 Minuten Atemübungen bei gedämpftem Licht. Um 23 ins Bett. Schlaflos. Mist.«

Was ich hier tue, ist natürlich von vornherein dem Untergang geweiht, das wissen alle Verhaltensforscher. Wer sämtliche Bereiche seines Lebens gleichzeitig umkrempelt und jede einzelne Gewohnheit ändern will, muss versagen. Muss? Muss. 80 Prozent scheitern ja schon an einem einzigen guten Vorsatz, ergab eine Studie von 2007, 23 Prozent bereits in der ersten Woche. Und trotzdem hält sich jeder für einen Angehörigen jener erleuchteten Minderheit, die es schafft.

Inzwischen ist mein zotteliges Leben gescheitelt und gekämmt

Verhaltensänderungen folgen einer knallharten Kosten-Nutzen-Kalkulation. Sie funktionieren nur, »wenn sie eine wesentlich stärkere Belohnung versprechen, als es das Festhalten am Gewohnten liefert«, sagt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth – und zwar eine Belohnung für das limbische System, wo unsere geheimsten Motive verbuddelt sind. Einsicht und Vernunft, zu Hause im Großhirn, mögen zwar Beratungsfunktionen bei Entscheidungen haben, spielen aber in Wirklichkeit keine Rolle. Wenn die Vernunft rät, das richtige Leben zu führen, entscheidet das Vorbewusstsein, ob es dazu verdammt noch mal Lust hat. Nur: Wie findet man das heraus?

Tag 17

Bis heute problemlos durchgehalten, sogar das Sportprogramm. Rad gefahren, dreimal die Woche im Englischen Garten laufen gewesen, zweimal wöchentlich Krafttraining. Ich mag keine Studios und habe deshalb lange nach einer Methode gesucht, die ohne Geräte funktioniert. Ergebnis: MaxxF, entstanden in einem zehnjährigen Forschungsprojekt der Uni Bayreuth über die effektivsten Kraftübungen. Die sehen puppenleicht aus, haben es aber in sich. Beispiel: mit geradem Rücken und ausgestreckten Beinen auf dem Boden sitzen, jedes Bein durchgestreckt etwa eine Minute lang heben und senken. Minimale Bewegung, maximaler Muskelkater.

Inzwischen ist mein zotteliges Leben gescheitelt und gekämmt. Das Abendessen wird am Esstisch eingenommen, nicht neben dem Computer. Im Schein einer Kerze, dazu eine Prise Mozart. Noch ist es ein lustiges Spiel: für jeden Lebensbereich das Nützliche, Richtige, Bedeutende, Anständige, Effektive, Gesunde zu finden und das dann auch noch zu tun. Weil es ein Spiel ist, beginne ich, es auf die Spitze zu treiben: Während der abendlichen Zahnreinigungs-Oper (natürlich mit einer Warentestsieger-Elektrobürste, Zahnseide ungewachst, Interdentalbürsten in zwei Stärken) mache ich Kniebeugen auf einem Bein (schult die Balance, kräftigt den Hintern), die Bürste halte ich dabei in der linken Hand (»Neurobics«, verlegt angeblich neue Nervenbahnen).

Während der Joggingrunden lasse ich mir vom iPod Jane Austen im Original vorlesen. Es ist manisch. Aber ich mag Manisches, das ist ja mein Problem. Ich vermute, eines der geheimen Motive meines limbischen Systems ist der Spaß am Absurden. Und die Vorstellung, jederzeit die völlige Entscheidungsfreiheit über mein Leben zu haben. »Eine Illusion«, korrigiert der Hirnforscher Gerhard Roth. Er verweist auf Schopenhauer: »Der Mensch kann zwar tun, was er will. Er kann aber nicht wollen, was er will.« Ach, pah. Und übrigens: zwei Kilo weniger. Obwohl ich eine zusätzliche Mahlzeit zu mir nehme: Frühstück.

Tag 33
Es läuft gut. Körperlich: sensationell. Sieben Pfund leichter, fit und ausgeschlafen, den neuen Essgewohnheiten folge ich anstrengungslos. Schminke mich neuerdings sogar abends immer ab, geradezu übermenschlich. Ich liebe diesen Kontrollrausch: dass ich über mein Leben bestimme und es nicht über mich. Wenn’s eine Illusion ist, so zumindest eine angenehme. Wird das Leben also besser, wenn man besser lebt? Es ist vermutlich noch zu früh, das zu beantworten.

Gleichzeitig wird immer klarer, dass jedes Richtige auch was Falsches hat. Die Treppe statt den Aufzug zu nehmen (die SZ-Magazin-Redaktion liegt im 9. Stock) ist tolles Training, gleichzeitig schießt es mich nach dem gemeinsamen Kantinengang ins soziale Aus. Was also tun? Und ist es besser, acht Stunden zu schlafen oder sich auf sechs zu beschränken, um dann zwei Stunden lang Seneca lesen oder Chinesisch lernen zu können? Was ist wichtiger, was ist richtiger?

Das richtige Leben ist nicht zuletzt ein logistisches Problem, stelle ich fest. Zu einer Sitzung des Stadtteilbeirats zu gehen – politisches Engagement, staatsbürgerliche Pflicht – kollidiert mit dem Yoga-Kurs, der Yoga-Kurs kollidiert mit … ach, mit praktisch allem, vor allem mit meinem Selbstbild.

Tag 36
Zusammenbruch. Abends eine Tüte Kartoffelchips, zwei Gläser Weißwein (nicht mal roten, den mit den schönen Polyphenolen!) und einen Familienbecher Ben & Jerry’s New York Super Fudge Chunk. Es musste einfach sein. Sofort. Zu jedem Preis, in diesem Fall zum Preis einer erniedrigenden Nachtfahrt zum Hauptbahnhof.
Die ökonomische Theorie nennt so ein Verhalten »zeitinkonsistent«. Gestern noch haben wir eine Lebensveränderung als langfristig gewinnmaximierend empfunden, heute aber wiegt die aktuelle Anstrengung oder Entbehrung schwerer als der erhoffte künftige Nutzen. Paradoxerweise sind Menschen auf lange Sicht bereit, die Kompensation zurückzustellen (nur so funktioniert überhaupt unser Rentensystem), kurzfristig aber werden sie wahnsinnig ungeduldig: Augenblicklich muss die Befriedigung her.

Der Reinfall war also zu erwarten, und immerhin hat es sechs Wochen gedauert, bis mein limbisches System die Schnauze voll hatte von dem selbst auferlegten Spiel. Es möchte jetzt bitte mal wieder was anderes spielen. Wieso ist es so schwer, alte Gewohnheiten zu brechen? Weil sie so erfolgreich sind: lebensnotwendig zur Alltagsbewältigung und wie Falten in unsere Psyche gegraben. »Jede Entscheidung brennt sich ein und bedingt die nächste Entscheidung«, so Gerhard Roth.

Gewohnheiten sind Entscheidungen, die nicht mehr bewusst getroffen werden müssen – sehr angenehm, sogar unverzichtbar für das Gehirn. Das belohnt deshalb Gewohnheiten, auch schlechte, mit positiven Emotionen: mit Gefühlen von Geborgenheit und Kompetenz. »Nur sehr schwer, nur in begrenztem Maße und nur in kleinen Schritten« könne man sich deshalb neue Gewohnheiten zulegen, sagt Roth. Schlimmer noch: Ob ein Mensch sich überhaupt ändern kann, sei Veranlagungssache. Die Verhaltensforscher sagen: Bei einem Drittel der Menschheit geht das gar nicht, bei einem weiteren Drittel nur mittelprächtig. »Keiner kann anders, als er ist«, schreibt der Frankfurter Neurophysiologe Wolf Singer. Das Fleisch ist schwach. Und der Geist ist auch nicht so wahnsinnig hart im Nehmen.

Über all das dröhnen die Glücksrezeptaussteller und Selbstoptimierungseinpeitscher in den Bestsellerlisten hinweg, die jedes Scheitern dem Scheiternden selbst anlasten. Und der sich selbst erst recht. »Wir haben verlernt, uns selbst gegenüber gnädig zu sein«, sagt der Hamburger Psychotherapeut Michael Mary, der schon seit Jahren erfolglos gegen die Machbarkeitslüge anstänkert. Um sich auch nur minimal verändern zu können, sind Menschen in der Regel auf eine Krise angewiesen, auf einen lebenserschütternden Moment der Erkenntnis, dass es so wie bisher nicht weitergeht. 50 zu werden, wie in meinem Fall, taugt das als Krise? Für einige vielleicht, für mich anscheinend nicht.

Tag 49
Ich hab’s trotzdem durchgezogen, wenn auch nicht mehr so manisch. Abends mal ein Bier, Popcorn im Kino, Frühstück auch nur dann, wenn mir danach war. Klassik-Radio blieb aus. Und wenn ich schlechte Laune hatte, habe ich die nicht wegmeditiert, sondern rausgelassen. Hilft auch. Am Ende der Aktion: vier Kilo ärmer, ein paar Erkenntnisse reicher. Eine davon: Es gibt vielleicht kein richtiges Leben im falschen, aber ein richtigeres, das kriegt man schon hin.

Epilog
Drei weitere Monate später: Abschlussuntersuchung beim Dottore. Er hebt die Braue, als ich beichte. Sport: ruht. Ich komme einfach nicht dazu, und dann das Wetter … Ich arbeite zu viel, oft bis in die frühen Morgenstunden. Schlaff statt Schlaf. Meditation? Zu gestresst (Jaja, ich weiß: Mit Meditation wäre ich ja nicht so gestresst). Ernährung: abends gern auch mal wieder eine Pizza. Und eine halbe Flasche Wein. Gefolgt von einer Tüte Haribo nachts gegen zwei. Gewicht: wieder zwei Kilo mehr, aber die Messung ergibt: Speicherfettmasse trotz meines Rückfalls um zwei Kilo reduziert! Bitte sehr.

Unsere guten Vorsätze haben mächtige Gegner, auch außerhalb des limbischen Systems, tröstet der Dottore. »Wir leben unter widrigen Umständen. Die ständige Verfügbarkeit von leicht einspeicherbarer Nahrung« – er redet wirklich so – spielt gegen uns. Das Leben im Sitzen. Der Computer. Man muss es halt immer wieder von vorn probieren, unverdrossen. »Repetitio est mater studii«, sagt er und schickt mich des Weges.

Bleibt denn gar nichts übrig von dem Experiment? Doch. Ich weiß jetzt, dass es geht. Ich weiß nur nicht, wie es für immer geht. Mir bleiben die Interdentalbürstchen, die Hörbücher und die ehrenamtliche Tätigkeit, die ich innerhalb meiner sieben Wochen aufgenommen habe – alles anscheinend befriedigend für mein Stammhirn. Und das Wichtige: Mir bleibt die Lust, irgendwann wieder ein neues Spiel zu beginnen.