Ein kleiner Eimer Cola, bitte

Wer in die Vergangenheit reisen will, aber keine Zeitmaschine hat, sollte mal wieder ins Kino gehen – und was zu trinken kaufen.

Foto: Maurizio Di Iorio

Ich wollte ins Kino, und weil ich die Baskenmützenhaftigkeit von Programmkinos so schlecht ertrage, wurde es das mit den sechzehn Sälen und dem Dolby-­Surround-System. Der Film tut erst mal nichts zur Sache, es ist das kulinarische Angebot, das mir nicht aus dem Kopf geht: Zu essen gab es Popcorn, süß oder salzig, Nachos mit Salsa- oder Käsesauce, Gummifrösche und Choco Crossies, zu trinken Cola, Fanta, Sprite und – als verkorkstes Zugeständnis an den Zeitgeist – Bionade, die in meiner Erinnerung kurz nach den Choco Crossies aus der Mode gekommen ist.

Ich wurde augenblicklich melancholisch. Weit und breit nichts mit Rhabarber oder ohne Gluten, dafür jede Menge Klebriges und Süßes. Die Getränke gab es in klein, mittel und groß, nicht als small, tall, venti oder grande. Für einen Moment war alles wie früher. Mir war, als hörte ich von weit her die Eurovisionshymne, jeden Moment musste mein Opa vorbeikommen, seinen Kamm aus der Tasche ziehen und meinen Kinderscheitel nachziehen.

Ich bestellte eine kleine Cola und bekam einen 0,5-Liter-Becher mit Plastikstrohhalm in die Hand gedrückt. Ich sagte: »Nein, eine kleine Cola«, und wurde darüber informiert, dass ein halber Liter die kleinste Getränkegröße sei, die man in diesem Kino und, ehrlich gesagt, in fast allen anderen Kinos bestellen könne. Eine große Cola entspreche einem Liter, in den USA gebe es sogar Zwei-Liter-Becher, richtige Putzeimer. Das sei schon lange so. Und wo ich die letzten Jahre gewesen sei. »Im Internet«, sagte ich und begab mich auf die Suche nach Saal 14.

Kurz nach der Werbung, aber noch vor der zweiten Vorschau war mein Becher leer, in meiner Tüte raschelte der letzte Frosch. Neidisch blickte ich nach links und rechts, fast alle hatten einen Ein-Liter-Becher und riesige Schalen mit Nachos in der Hand. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass man im Kino trinkt wie ein Ochse, obwohl man keinen Durst hat. Wahrscheinlich eine Art Übersprunghandlung, weil man sonst nichts machen kann. Auf jeden Fall hätte ich locker zwei Liter geschafft, so viel Cola trinke ich normal im Monat, weil man ja inzwischen pro Schluck ein Stück Würfelzucker vor Augen hat, das im eigenen Körper seine letzte Ruhestätte finden wird. Zu Hause googelte ich und erfuhr, dass die Kinokette Cinemaxx sogar eine Zeit lang mit Halbliter­bechern als Kindergröße geworben hat und ame­rikanische Politiker mehrfach ein Verbot der XXL-Eimer gefordert haben, aber jedes Mal gescheitert sind, weil die Amerikaner auf ihr Recht bestehen, fett zu sein und früh zu sterben, wofür ich sie gleichzeitig verachte und bewundere.

Ein Liter Cola, dazu Nachos mit Käsesauce? Großraumkinos scheinen – neben Autobahnraststätten, Kleinstadtpuffs und den letzten paar Wienerwald-Filialen am Stadtrand – die letzten Orte zu sein, an denen man ein Gefühl dafür bekommt, wie unser Land mal war, bevor die Dinge anfingen, unübersichtlich zu werden.

Es tut gut, sich gelegentlich an solche Orte zu begeben, weil sie einem die Möglichkeit geben zu erkennen, dass es Menschen gibt, die nicht nur andere Dinge essen und trinken, sondern ganz anders leben als man selbst. Wer Netflix schaut, begegnet niemandem, das kann angenehm sein, aber auch ein gesellschaftliches Problem. Ach ja, der Film hieß Halloween, eine Fortsetzung des Klassikers Halloween – Die Nacht des Grauens aus dem Jahr 1978. Was soll ich sagen? Der alte hat mir besser gefallen.

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