Reich mir nicht das Wasser

Wasser ist lebenswichtig, bloß am Abend nicht: Da killt es zuverlässig jede Partystimmung und sorgt für Streit und Langeweile, hat unsere Autorin herausgefunden.

Foto: Maurizio Di Iorio

Schön gedeckter Tisch, Blumen frisch, Kerzen vielleicht, Porzellan glänzt, Brot wird gereicht, dann die Bestellung. Egal, ob zu Hause beim Essen mit Freunden oder im Restaurant – alles kann noch so stimmig sein, aber ein Satz hat jetzt die Schlagkraft, alles nach unten zu ziehen: »Ich bleibe beim Wasser.« Das ist eine Absage. Und zwar an mehr als an den Wein. Es ist eine Absage an dieses Beisammensein, an die Möglichkeiten der Verabredung. So wie ein ausgeschlagenes Duz-Angebot. Oder ein Korb für die Nacht. Es bedeutet, dass man es nüchtern angehen möchte – im wahrsten Sinne.

Unter Kalorienbewussten ist eine solche Wasserbestellung sogar ein Freundschaftsaffront. Oder andersherum: Wer statt Salat eine Portion Nudeln und statt Wasser eine Cola bestellt, der sagt: Ich versacke, versaue, ich sündige mit dir. Bei Rammstein wäre das schon ein Refrain, unter anderen Leuten signalisiert es immerhin, dass man sich freut und bereit ist, miteinander etwas sehr Kostbares zu teilen: die einzige warme Mahlzeit am Tag. Auf diese wortlose Weise sagen wir maßlosen Gewichtsschwanker, dass wir einander wertschätzen.

Und das in guter Tradition. Denn Wasser hat schon immer viel gesagt. Im Deutsch-Leistungskurs verraten sie es einem nicht, weil dann alles zu einfach wäre. Aber, Faustregel: Wenn in der Literatur Wasser ins Spiel kommt, in welchem Aggregatszustand auch immer, passiert was. Wer sich das merkt, spart sich die Interpretationshilfen. Was nicht im Strom und bei Gezeiten, im Tau und bei plätscherndem Bache, was nicht bei Regen und Sturme schon alles aus den Helden herausgeschwappt ist!

Dabei ist beinahe nebensächlich, wo das Wasser herkommt, ob von oben, von der Seite oder von unten, ob es still daliegt oder tosend ist, ob es fließt, fällt, ruht, ob es glatt ist oder in Wellen getürmt, ob es im Kelch verwahrt wird oder aus der Quelle sprudelt, ob darin gebadet wird, oder ob es Liebende trennt. Hauptsache nass.

Der Blick ins Wasser, in den seelenspiegelnden See, ist die Urform der Psychoanalyse. Und der Blick aufs Meer die älteste Therapieform auf der Welt.

Das Wasser ist auch ein Verstärker von Gefühlen. Rainer Maria Rilke findet die Großstadt im Regen noch viel furchtbarer als ohnehin: »Die Einsamkeit ist wie ein Regen. Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen; von Ebenen, die fern sind und entlegen, geht sie zum Himmel, der sie immer hat. Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.« Heinrich Heine flötet natürlich auch den Mädchen am Meer sein Angebot hinterher: »Leg an mein Herz dein Köpfchen / Und fürchte dich nicht zu sehr / Vertraust du dich doch sorglos / Täglich dem wilden Meer«.

Wo Wasser ist, sind Gefühle. Eigentlich. Nur als Getränk ist es so unaufregend, eine Absage an jedes Gefühl. Ein flüssiges Neutralitätsbekunden. Langeweile im Glas.

Immerhin: Kinder sind eine Ausnahme. Heute war ich mit einem Kleinkind beim Mittagessen, das Wasser mit Kohlensäure zu trinken bekam. Nach jedem Schluck spürte es dem verrückten Gefühl auf der Zunge nach, war ganz konzentriert darauf, wollte schließlich das Bitzeln im Mund-innenraum irgendwie zu fassen kriegen, fand aber nichts mit seinen Fingerchen, was man hätte entfernen können. Schließlich beschloss das Kind, den Mund trockenzulegen, und rieb die Zunge über den Ärmel der Mutter.