Durchhaltevermögen

Unser Autor könnte schon bald Bitcoin-Millionär sein. Wenn er es nur schaffen würde, sein Handy einzuschalten.

In die Herstellung zufriedenstellender Tagträume fließt oft erstaunlich viel Energie.

Wenn es um meine Zukunft geht, setze ich nicht so sehr auf meine Intelligenz oder meine Fantasie, ich vertraue auch nicht auf Gott. Meine Hoffnungen ruhen vor allem auf einem südkoreanischen Billigsmartphone von 2012. Es ist schwarz und hässlich und hat ein verschmiertes Display, weil ich so oft mit dem Daumen darüberstreichle. Es dient mir als magisches Objekt, als Talisman, der mir Ruhe und Zuversicht schenkt. Denn in seinem Speicher lagern zwei Bitcoins, die ich vor vier Jahren eher aus Neugierde denn aus Profitstreben gekauft habe. So modern war ich nie wieder in meinem Leben. Damals kostete ein Bitcoin etwa 250 Euro. Seither hat sich dieser Wert auf rund 6000 Euro mehr als verzwanzigfacht. Und es gibt jede Menge Experten, denen zufolge ein Bitcoin im Jahr 2020 mehr als eine halbe Million Euro wert sein wird, im Jahr 2030 rund eine Milliarde. Ich könnte also schon bald reich sein, sehr reich.

Mein Traum vom großen Geld ist wenig originell, aber das gilt ja für viele Träume. Und natürlich spielen in meinen
Vorstellungen das eine oder andere Eigenheim eine Rolle, edles Kochgeschirr und jede Menge freie Zeit. Das Beste an diesem Traum ist aber, dass er ein Kurzurlaub von der Wirtschaftskrise in meinen Kopf ist. Er unterbricht meinen mentalen Sorgensermon: Verdiene ich genug? Reicht die Rente? Nehmen mir Roboter meinen Job und in der Folge auch die Rente weg? Und was steht eigentlich in diesem Brief von der Haftpflichtversicherung, den ich seit zwei Wochen nicht öffne?

Nun ist natürlich nicht ausgemacht, dass der Wert des Bitcoins immer weiter steigt. Für eine kurze Zeit, Ende 2017, lag der Kurs auch schon viel höher als heute, nämlich bei 16 000 Euro pro Bitcoin. Jede Woche kann ich in der Zeitung lesen, dass Bitcoin-Besitzer alles verlieren könnten. Die Kursausschläge sind so extrem wie die in der Unterschrift von Donald Trump. Und in meiner mal gierig optimistischen, mal verzagten Seele werden diese Ausschläge nach oben und unten noch verdoppelt.

Ich sollte ein Problem erwähnen, das in diesem Zusammenhang nicht ganz unwichtig ist: Ich kriege das Handy nicht mehr an, auf dem die Bitcoins liegen. Es könnte am Akku liegen. Vielleicht ist das Gerät aber auch hinüber – dann wären die Bitcoins für immer verloren. Leider habe ich damals kein Back-up meines digitalen Geldbeutels erstellt, wie man es eigentlich machen soll. Ich war zu faul und hatte nicht ganz verstanden, wie es geht (ich bin ehemaliger Waldorfschüler). Ich finde nicht einmal das Ladekabel für das Handy. Wenn in ein paar Jahren ein Bitcoin wirklich reich macht, könnte ich ziemlich blöd dastehen. Es ist, als hätte mich der Regisseur des Schicksals dazu ausersehen, die Lächerlichkeit des menschlichen Strebens nach Geld vorzuführen.

Natürlich fragt mich jeder, der von meinen zwei Bitcoins weiß, warum ich nicht sofort alles in Bewegung setze, um das Handy instandzusetzen. Nun ja. Immerhin habe ich bisher davon profitiert, dass ich nicht auf die Bitcoins zugreifen konnte. Sonst hätte ich sie wohl schon 2015 oder 2016 zu einem viel geringeren Kurs verkauft. Zur Untätigkeit gezwungen zu sein, kann also sein Gutes haben. Manchmal denke ich auch, dass es ohnehin nur um den großen Traum geht, nicht um seine Realisierung. Ich habe etliche Studien über den Zusammenhang von Geld und Glück gelesen, es ist wissenschaftlich höchst umstritten, ob ab einem gewissen Punkt mehr Besitz mehr
Zufriedenheit verschafft. Wer reich ist, muss sich mit Vermögensverwaltern treffen, fürchtet sich vor Verlust und Diebstahl, falschen Freunden, teuren Scheidungen und fängt vielleicht sogar noch an, Golf zu spielen. Gut möglich, dass ich nur eine billige Entschuldigung für mein wunderliches Verhalten suche, aber könnte folgende These stimmen: Besser, als reich zu sein, ist die Aussicht darauf?

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