Für jeden Inzidenzwert das passende Foto

Einmal ohne Maske, einmal mit ­einfachem Mundschutz, einmal mit FFP2: Symbolfoto-Agenturen bieten ihre Bilder jetzt mit nachträglich eingefügten Corona-Masken an. Viele Darstellungen werden dadurch erst richtig absurd.

Die Foto-Kleinfamilie ist je nach Wunsch erhältlich als Generation Smartphone oder als Generation Corona.

Foto: Shutterstock/Syda Productions

Der liebevollste Satz über die sogenannte Stockfotografie findet sich wohl im Lehrbuch Global, lokal, ­digital – Fotojournalismus heute von 2008. Darin schreibt der Autor Wolfgang Ullrich, Stockfotos seien »heimatlose Bilder, (…) immer auf der Suche nach Orten, an denen sie etwas bedeuten dürfen«. Ja, vielleicht schafft es das Hochzeitspaar mal aus der Stockfoto-Datenbank hinaus in die Welt, als Motiv auf eine Glückwunschkarte oder in eine Zeitschrift.

Nüchterner betrachtet ist Stockfotografie ein mies bezahlter Bereich der Fotografie, in dem Symbolbilder über Themen wie Liebe, Essen oder Urlaub auf Vorrat (»to have in stock«) produziert werden. Wer 2000 Motive hochgeladen hat, soll pro Monat etwa 350 Euro verdienen können. Und dann ist da noch der Spott, weil viele Stockfotos von Hobbyfotografen gemacht wurden, mit Laienmodels und arg offensichtlich gestellten Szenen. Es gibt im Internet Bestenlisten der peinlichsten Stockfotos, wie das Bild einer Schwangeren, die im Bikini auf Skiern durch den Schnee stapft. Warum auch immer. Oder der Mann, der mit einer Aktentasche in der Hand auf einem Nashorn reitet.

Würde man heute die Stockfotos der ­Zukunft kennen, wüsste man überhaupt recht genau, wie die Welt von morgen beschaffen ist

Man kann Stockfoto-Datenbanken aber auch mit historischem Interesse betrachten und daran einen gesellschaftlichen Wandel ablesen: Die abgebildeten Liebespaare werden diverser, Frauen seltener als Hausfrauen und öfter als ­Geschäftsfrauen dargestellt. Und auch die Pandemie bemerkt man: Bilder werden mit Photoshop so bearbeitet, dass die Menschen darauf Schutzmasken tragen. Wobei viele Masken seltsam lieblos draufretuschiert wirken.

Die Vorher-Nachher-Fotos bestätigen, worauf Psychologinnen und Psy­chologen hinweisen: Gefühle sind mit Maske schwerer zu lesen. Wo sich Papa ohne FFP2 noch am Baby erfreut, könnte er mit Maske auch genervt seine Frau verfluchen, die zu viele Baby-Fotos knipst. Oder das Paar in Rom, das vor dem Kolos­seum verliebt Flugzeug spielt – wirkt ihr Blick mit Maske nicht plötzlich abwesend, ­genervt vom kindischen Freund? Entlarvt ein Mundschutz vorgetäuschte Gefühle, weil die Augen nicht so leicht Glück vorspielen wie die Mundwinkel?

Und: Wie werden Stockfotos im Jahr 2023 aussehen? Vielleicht werden die Maskenbilder bestehen bleiben, vielleicht werden sie verschwunden sein – ebenso wie die Maskenpflicht selbst. Würde man heute die Stockfotos der ­Zukunft kennen, wüsste man überhaupt recht genau, wie die Welt von morgen beschaffen ist.

Die Stockfotos stammen aus der Bildersammlung Répliques – Images pour une pandémie von Claude Grétillat, erschienen 2021 im Verlag TCPC Éditions.