Mir doch egal!

Wenn Menschen im Internet ein Beitrag nicht gefällt, schreiben sie gern darunter: Mir doch egal! Das ist es ihnen aber ganz und gar nicht. Über eine bedenkliche Form des Protests.

Im vergangenen Jahr fragte der Sender Kabel eins seine Zuschauer auf Tafel 181 im Teletext: »Führt der Ukraine-Konflikt zum 3. Weltkrieg?« Die Mehrheit antwortete nicht »Ja« oder Nein«, sondern »Mir egal«. Das überraschte, weil die bisherigen Weltkriege die Deutschen durchaus beschäftigt haben. Ebenso erstaunlich ist, dass die Teilnehmer der Umfrage 25 Cent pro Anruf aus dem Festnetz (»Mobilkosten höher«) dafür zahlten, der Welt mitzuteilen, dass sie die Frage nicht interessiert.

Auf Facebook wiederum darf man seine Meinung kostenlos äußern, und auch dort kommentieren Nutzer häufig Beiträge mit den Worten »Mir doch egal!«. Meistens mit Ausrufezeichen. Oder als Variante: »Wen interessiert der Scheiß?«, »Themen, die die Welt bewegen!«, »In China fällt ein Sack Reis um!«. Klingt wie Zettelpost im Erdkunde-Unterricht in der achten Klasse, wird auf Facebook aber von erwachsenen Menschen geschrieben. Die – anders als in Erdkunde – gar nicht gezwungen wurden, die »Sack Reis«-Nachricht zu lesen. Das macht diese Unmutsäußerung so interessant: wie viel Energie trotzdem aufgebracht wird, um zu verkünden, was einem egal ist.

Verhielte man sich so außerhalb des Digitalen? Würde man den Sitznachbarn in der U-Bahn sagen, dass ihr Gespräch »echt keine Sau interessiert«? Oder in der Fußgängerzone in ein Geschäft schreien: »Eure Herbstkollektion ist eingetroffen? Mir doch egal!« Haben Sie Bekannte, die eine Speisekarte studieren und dem Kellner zurufen: »Leber mag echt niemand!«? Vermutlich nicht.

Menschen sind eigentlich sehr gut darin, die Welt um sie herum auszublenden. Gern um die neunzig Prozent davon. Sonst würden wir an Reizüberflutung sterben. Und Toleranz gilt als positive Charaktereigenschaft: »Jeder Jeck ist anders«, sagt der Kölner, »Ja, mei« der Bayer. Warum fällt dieser Gleichmut im Internet vielen schwer? Es gelingt einem doch auch, langweilige Facebookposts von Kollegen (»Endlich wieder am Meer«) milde zu überscrollen. Freund X zeigt Bilder der Hochzeit seines Bekannten Y? Na ja, na gut. Aber wehe, in der Timeline steht ein Artikel über die Hochzeit des schwedischen Prinzen – dann dauert es Sekunden bis zum ersten Wutausbruch: »Gibt es auf der Welt nichts Wichtigeres?!«, »In Syrien sterben Kinder!«

Dass unter schweren Politikthemen wilde Kommentarschlachten ausgetragen werden, ist noch verständlich. Aber was ärgert etwa Christa N. so an einem harmlosen Facebookpost der Zeitschrift Bunte, dass sie erbost »Wie war das mit dem Sack Reis????« schreibt – unter einen Bericht über Familienstreit bei den Geissens? Schaut man sich aus Neugier die Facebookseite dieser Christa an, sieht man ein von ihr gepostetes Hundevideo mit der Unterzeile: »Dieser Hund weigert sich, alleine zu essen – was dann passiert, wird dir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern!« In dem Video trägt ein Hund seinen Napf neben den eines anderen. Mehr passiert nicht. Da spürt man ihn kurz, den Wunsch, Christa mit hart in die Tastatur gehackten Buchstaben mitzuteilen, dass es echt mal reicht mit Tiervideos auf Facebook! Und wieso teilt Christa den Artikel über zwei Let’s dance-Kandidaten mit der Unterzeile »Vollblut-Autoverkäuferin Panagiota Petridou will heute Punkte regnen lassen! Wie hat euch ihr Cha-Cha-Cha gefallen?« Sack Reis, Christa! SACK REIS!!!

Das darf man denken – und sollte es nicht schreiben: weil in allen »Mir doch egal«-Kommentaren die unterschwellige und aggressive Botschaft steckt, gefälligst den Mund zu halten. Darum die Ausrufezeichen. Wer »Sack Reis!« schreibend durch seine Timeline wütet, der will sie gleichschalten. Der möchte, dass nur noch das auf der Welt berichtet wird, was er selber für wichtig hält. Das mag bei einer wirklich unwichtigen Prinzenhochzeit nicht gleich demokratiegefährdend sein – es steht aber im Geist der Hassbotschaften, die man unter Artikeln über Flüchtlinge, den Grexit oder die Ukraine liest. Befürworter und Gegner diskutieren im Internet immer seltener, sie beleidigen oder drohen einander.

Und Facebook arbeitet daran, die Auswahl der uns angezeigten Meldungen immer genauer unserem Geschmack anzupassen, besser gesagt: darauf einzuengen. Das kann man praktisch finden – oder bedenklich. Um es mit Christas Hundevideo zu sagen: Das Leben ist schöner, wenn man seinen Napf neben den eines anderen schiebt, als allein in einer Ecke zu fressen.

Illustration: Kyle Platts

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