»Ob King Kong mich verändert hat? Oh ja!«

Andy Serkis spielt die berühmtesten Affen der Filmgeschichte - andere Rollen sind ihm inzwischen egal. Er sagt: lieber spannende Tiere als eindimensionale Menschen.

Wenn jemand weiß, wie Affen wirklich ticken, dann Andy Serkis, der führende Affendarsteller unserer Zeit. Seit er Gollum in der »Herr der Ringe«-Trilogie war, ist die Schauspielarbeit des 49-jährigen Engländers weltbekannt. Sein wahres Gesicht allerdings weniger – seine Auftritte werden im Motion-Capture-Verfahren direkt in eine Computeranimation verwandelt. Mit derselben Technik spielte er den Riesengorilla in Peter Jacksons »King Kong« und den Schimpansen-Rebellen Caesar beim Neustart der Saga »Planet der Affen«. Die geht nun in die zweite Runde, »Dawn of the Planet of the Apes« kommt nächsten August in die Kinos.

SZ-Magazin: Mr. Serkis, wenn wir beide Schimpansen wären – wie sollten wir diese Unterhaltung beginnen?
Andy Serkis: Ich würde Ihnen gleich mal freundlich durchs Fell fahren und ein paar Läuse herausziehen. Und Sie würden mir die Hälfte Ihrer Banane anbieten. Es müsste allerdings klar sein, wer von uns beiden das Alphamännchen ist.

Sonst würde was passieren?
Bei den Schimpansen gibt es immer ein Alphamännchen. Wenn zwei Schimpansen sich noch nicht kennen und sich keiner dem anderen unterordnen will, muss im Kampf entschieden werden, wer das nun ist. Das kann brutal werden. Schimpansen sind fünfmal stärker als wir, die reißen sich buchstäblich Arme und Beine aus.

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Okay, dann zeige ich mich jetzt mal demütig und nenne Sie den führenden Affendarsteller Hollywoods. Was lernt man, wenn man als Schauspieler ständig Affen spielt?
Die wichtigste Erkenntnis ist die: Kein Affe gleicht dem anderen, jeder ist ein Individuum. Insofern klingt die Frage für mich merkwürdig. Als ob Sie mich fragten: Sie spielen jetzt seit fast zehn Jahren Menschen – was wissen Sie über die? Die Antwort wäre: einiges über die Charaktere, die ich gespielt habe. Wenig über die Menschheit an sich.

Es kommt auf den Charakter an?
Absolut. Es reicht nicht, einfach nur das Verhalten eines Affen …nachzuäffen. Man muss seine ganze Persönlichkeit verstehen, bevor man ihn spielen kann. Wie bei menschlichen Figuren auch.

Reden wir also von den Affenpersönlichkeiten, die Sie studiert haben – welche Eigenschaften haben Sie dabei bewundern gelernt?

Empathie. Ich habe Affen kennengelernt, die wirklich eine hohe emotionale Intelligenz hatten. Sie sind sehr fürsorglich, sie achten einander und aufeinander, fühlen sehr stark mit, wenn ein anderer Affe traurig oder wütend ist. Wenn ein Artgenosse stirbt, trauern sie.

Sie sind also wirklich unsere nächsten Verwandten?
Absolut. Wir sind uns sehr, sehr ähnlich. Und etliche Affen, die ich kennengelernt habe, waren deutlich intelligenter als ein Großteil meiner menschlichen Bekannten.

»Menschenaffen laufen ja auf den Handknöcheln, also sind meine Handknöchel jetzt ruiniert.«

Würden Sie diesen Mann für King Kong halten? Der Schauspieler Andy Serkis.

Wer war der intelligenteste Affe, dem Sie begegnet sind?

Ein Schimpanse namens Oliver. Aber ich bin ihm nicht persönlich begegnet. Ich habe einen Dokumentarfilm über ihn gesehen, den Sie auch auf Youtube finden können. Oliver war unfassbar intelligent; in den Siebzigerjahren wurde er sehr berühmt und reiste um die Welt. Er ging aufrecht, man hielt ihn für einen halben Menschen, ein Gentest schien das sogar zu bestätigen, der stellte sich dann allerdings als falsch heraus. Er war ein bisschen wie der Schimpanse Caesar, den ich in den neuen Filmen von Planet der Affen spiele. Der ist wirklich gentechnisch verändert – seine wachsende Intelligenz macht ihn zum Revolutionsführer der Affen gegen die Menschen.

Wenn die Affen uns aber so ähnlich sind – gibt es dann auch Killer und Psychopathen unter ihnen?
Leider ja. Es gibt einen Film, da gerät eine Herde Schimpansen außer Kontrolle. Alle stürzen sich auf einen, der dann endlos gequält und schließlich zerfetzt wird. Interessant ist allerdings, dass diese Affen sehr nah an einer menschlichen Siedlung lebten und Menschen beobachtet haben. Ich glaube, dass Schimpansen ursprünglich friedliche Gemeinschaftstiere sind. Aber sie können sich verändern, wenn sie Zeugen menschlicher Gewalt werden. Sie lernen von uns – das habe ich sogar am eigenen Leib erlebt.

Wie das?
Vor zwei Jahren in Südafrika. In der Nähe von Kapstadt, auf der Kap-Halbinsel, leben Gruppen von wilden Pavianen, die im Lauf der Jahre ziemlich aggressiv geworden sind. Die rauben Touristen aus oder brechen in die Autos ein. Also stehen da überall Warnschilder: Fenster geschlossen halten, bitte nicht aussteigen, und so fort. Das Auto vor uns hat trotzdem plötzlich angehalten, der Mann stieg aus, um ein Foto zu machen – und wie aus dem Nichts schießt dieser dominante männliche Pavian auf ihn zu, reißt ihm die Kamera aus der Hand, zerreißt sein Hemd – der arme Mann wurde wie bei einem Raubüberfall zusammengeschlagen. Seine Frau flüchtete in unseren Van. Und da saß ich mit meiner ganzen Familie und spürte die Blicke: Du warst King Kong, jetzt tu bitte was!

Und? Taten Sie was?
Also dieser Pavian war wirklich ein ausgewachsenes, unheimlich starkes Prachtexemplar. Da hätten Sie auch gezögert. Aber ich bin dann raus und habe angefangen, auf ihn einzureden. Also Respekt zu zeigen, ihn aber gleichzeitig zu konfrontieren, ihm in die Augen zu schauen. Bei Gorillas kann das böse in die Hose gehen, habe ich auch schon erlebt. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl: Ich weiß, was ich tue. Jetzt rumort also dieser Affe in dem Auto herum, reißt alles in Stücke, reißt das Handschuhfach auf – wie ein echter Dieb. Und ich versuche ihm das auszureden. Schließlich schubse ich ihm eine Wasserflasche zu, die hat er sich dann gegriffen und ist damit abgehauen. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass wir kommuniziert hatten. Und dass all diese Jahre als Affendarsteller auch mal für was gut waren.

Sehen Sie einem Affen im Zoo gleich an, ob Ihnen da ein guter oder ein mieser Charakter begegnet?
Ich denke schon. Als ich mich auf meine Rolle als King Kong vorbereitet habe, hatte ich einen speziellen Zugang zu den Gorillas im Londoner Zoo. Da gab es ein Gorillaweibchen namens Zaire, und wie soll ich sagen – wir sind uns nahegekommen. Sie war sehr lieb. Und anschmiegsam. Sie wollte immer spielen. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Was dem Gorillamännchen Bobby allerdings überhaupt nicht gefiel. Bobby war durch ein Zuchtprogramm in die Gruppe gekommen, aber die Weibchen mochten ihn alle nicht und machten ihn immer fertig. Er zerfloss geradezu vor Selbstmitleid. Einmal sammelte er einen ganzen Haufen Steine und warf sie nach mir. Ungelogen, ich hab den Beweis auf Video.

Wie half Ihnen diese Erfahrung, King Kong besser zu verstehen?

Kong ist ein Waisenkind, sehr einsam, etwas psychotisch, immerhin ist er der letzte seiner Art und muss ständig mit Sauriern und so Zeug kämpfen. Selbstmitleid ist ihm nicht fremd. Allerdings haben wir lange gerätselt, worin seine Beziehung zu Ann Darrow bestehen könnte, dieser winzigen blonden Frau, die er erbeutet hat. Und eines Tages, bei einer Improvisation mit meiner Partnerin Naomi Watts, kamen wir darauf – es ist sein Sinn für Humor. Sie führt in ihrer Verzweiflung ein paar Tänze für ihn auf, das gefällt ihm. Er wirft sie mit dem Finger immer wieder um und lacht sich halb tot.

Hat Kong Sie verändert?
Oh ja. Menschenaffen laufen ja auf den Handknöcheln, also sind meine Handknöchel jetzt ruiniert. Richtig breite, plumpe Würste sind das jetzt. Es ist echt schwieriger geworden, die Finger zu biegen. Überhaupt war diese Rolle oft schmerzhaft. Ich wurde auch mit schweren Gewichten behängt, um Kongs Bewegungen mehr Masse und Wucht zu geben.

»Meine Familie behauptet, dass ich zu Hause dominanter werde, wenn ich gerade einen Affen spiele.«

So sieht das aus, wenn Andy Serkis einen Affen darstellt. Das Fell bekommt er erst nachträglich am Computer übergezogen.

In den neuen Folgen von Planet der Affen gibt es nun Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans, richtig große Gruppen. Und Sie sind das dominante Männchen.
Zumindest im Film. In Dawn of the Planet of the Apes, dem neuen Film, den wir gerade gedreht haben, ist die Menschheit nahezu ausgerottet – ein Affenvirus hat sie dahingerafft. Die Affen tanzen sozusagen auf unseren Gräbern. Meine Figur Caesar führt die Affen an, aber er bemüht sich, ein guter Herrscher zu sein. Es gibt zum Beispiel einen »Rat der Affen«, auf den er meistens hört.

So viele Schauspieler auf einem Haufen, die sich zum Affen machen – wie funktioniert das?
Wir wurden zum Affenrudel. Es gab wirklich ausufernde Improvisationen, bei denen jeder mit seiner individuellen Affenpersönlichkeit erst einmal herausfinden musste, wo sein Platz in der Gruppe war. Ich arbeite ja schon lange mit dem Performance-Capture-Verfahren, das meine Bewegungen in computeranimierte Bilder verwandelt – aber dieser Prozess wird immer freier. Inzwischen können wir wild im Wald herumtollen, und die Computer zeichnen trotzdem noch jede unserer Bewegungen auf.

Und nach Drehschluss? Ich meine, Affen lassen doch alles raus, folgen ganz ihren Wünschen und Trieben … färbt das nicht ab?
Sie meinen, wir stehen im Pub, und einer reißt sich plötzlich das Hemd auf und trommelt sich wild auf die Brust? Na ja, wir haben schon versucht, den inneren Affen am Set zu lassen und nicht ins Nachtleben mitzunehmen. Klappt meistens, aber nicht immer. Meine Frau und meine Kinder behaupten jedenfalls, dass ich zu Hause dominanter werde, wenn ich gerade einen Affen spiele.

Wie würden Sie den Unterschied zwischen Kong und Caesar beschreiben?
Ungefähr so, wie ich den Unterschied zwischen Shakespeares Caesar und Shakespeares Othello beschreiben würde. Kurz gesagt: Zwischen beiden liegen Welten. Man würde ja auch nicht sagen: Beides sind Menschen, also müssen sie sich ähnlich sein.

Wenn man Videos der Performance-Capture-Kamera anschaut, die Ihre Gesichtsausdrücke zeigen, während Sie Caesar spielen, staunt man nicht schlecht. Ihre Lippenbewegungen sind schon extrem.
Allerdings. Ich sehe absolut lächerlich aus. Aber diese Scham musst du hinter dir lassen. Du bewegst zwar deine Lippen, aber eigentlich bewegst du eine richtig fette Schimpansenschnauze, die im Computer generiert wird – genau wie die ganze Figur. Nur dieses Ergebnis zählt. Und dann schaust du in die Affenaugen dieser Computerfigur, wenn sie fertig auf der Leinwand erscheint, und siehst immer noch deine eigenen Augen, deine Blicke, deine ganze Performance. Ich habe nicht das Gefühl, dass meine Leistung weniger sichtbar ist als die aller anderen Schauspieler.

Trotzdem mal Lust, wieder einen Menschen zu spielen und das eigene Gesicht im Kino zu sehen?
Nein, ganz ehrlich. Ich habe Lust, faszinierende Charaktere zu spielen. Wenn heute ein Drehbuch mit einer menschlichen Rolle kommt, die eher durchschnittlich spannend ist, und morgen eines mit einem faszinierend vielschichtigen Rhinozeros – buchen Sie mich bitte für das Rhinozeros! Dieses ganze Schauspielerding, dass man sein Gesicht auf der Leinwand sehen will, und zwar am besten nur von der Schokoladenseite – ehrlich, das habe ich hinter mir. Endgültig. Da gibt es kein Zurück.

Gibt es eine Affenart, die Sie noch reizen würde?
Kennen Sie die Japanmakaken? Diese Schneeaffen in Japan sind bekannt dafür, dass sie sich tagelang in heiße Quellen hocken und es sich dabei unheimlich gut gehen lassen. Das Glück auf ihren Gesichtern, wenn die in ihren natürlichen Whirlpools sitzen! Die wissen, was Wellness ist. Und das würde ich gern mal spielen. Nur wo bleibt da das Drama? Der Film, dessen Held die ganze Zeit im Whirlpool sitzen darf, der ist leider noch nicht erfunden.

Baden
Schneeaffen kann man beim Besuch im Wildpark Jigokudani im Herzen Japans beim Planschen in den vulkanischen Quellen beobachten. Ein gemeinsames heißes Bad ist allerdings nicht zu empfehlen: Die sonst so entspannten Makaken verteidigen ihre natürlichen Jacuzzis bis aufs Blut. www.jigokudani-yaenkoen.co.jp

(Fotos: afp, Twentieth Century Fox Film Corproration)

Illustration: Sebastiaan van Doninck

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