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Es gibt immer weniger Sexszenen in Filmen. Ist das ein neuer Puritanismus, oder vielleicht ganz gut so?

Eines der wenigen Beispiele für lebensnah und unpeinlich inszenierte Intimität im Kino: der französische Film Blau ist eine warme Farbe mit Adèle Exarchopoulos.

Foto: RBB/WDR/Wild Bunch Germany

Die Zeitung Guardian berichtet, dass immer weniger Filme in Großbritannien eine Altersfreigabe ab 18 erhalten – weil, so die Schlussfolgerung, neue Filme kaum noch Sexszenen enthalten. Der Guardian beklagt einen »neuen Puritanismus«. Müssen wir uns also von der Sexszene im Film verabschieden, und wenn ja, wäre das wirklich so schlimm?

Als Fernsehen noch ein Familienereignis war, war die sogenannte unerwartete Sexszene ein Initiationsritus, bei dem man alle Tiefen des Unbehagens, des Verlangens und der Scham auf einmal durchlebte. Zum Beispiel, wenn man Zwölf war und mit seiner Mutter und seiner Schwester einen Film guckte, der in der Hörzu als »Gaunerkomödie« avisiert war, Hände wie Samt, und plötzlich hat Eleonora Giorgi auf eine Art und Weise Sex mit Adriano Celentano, dass einem schwindelig wird und das Wohnzimmer viel zu klein. Die Stille war ohrenbetäubend, die Sexszene dauerte etwa siebzig Minuten. Nichts war peinlicher als das. Erstaunlich spezifisch? Nun ja.

Für das Verschwinden der Sexszene im Film gibt es rationale Erklärungen. Kinofilme richten sich heute überwiegend an ein möglichst großes Publikum, das heißt, sie müssen eine möglichst niedrige Altersfreigabe erhalten, um wirtschaftlich rentabel zu sein. Also: kein expliziter Sex. Dessen Darstellung ist in die Eigenproduktionen des Bezahlfernsehens und der Streaming-Dienste gewandert. Der Sender HBO, Pionier auf dem Gebiet prestigeträchtiger Produktionen, wird schon seit Jahrzehnten dafür verspottet, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit nackte Brüste zu zeigen (darin nicht unähnlich den Pioniersendungen des deutschen Privat-Fernsehens Mitte, Ende der Achtziger). Aber nicht nur das: Die HBO-Produktionen wie beispielsweise Game of Thrones und Westworld sind auch berüchtigt dafür, Sexualität im großen Stil in Verbindung mit Gewalt zu zeigen, unfreiwillig, erzwungen: die Schattenseite des »goldenen Fernsehzeitalters« sind Vergewaltigungsszenen, die zur Unterhaltung, als Nervenkitzel und billige Plot-Points dienen.

Was aber verlieren wir, wenn die klassische Sexszene aus Filmen verschwindet? Wie viele sex- und auch sonst positive Darstellungen von Sex fallen einem überhaupt ein? Gut verzichten kann man doch auf das sinnlose Gestrampel unter wogenden Federbetten, wo irgendwann eine oder einer erhitzt wieder auftaucht, sich den Mund abwischt und guckt, als würde er oder sie ein Feedbackgespräch erwarten. Auf die seltsame Marotte, dass Frauen in Hollywood-Produktionen beim Sex den BH anbehalten, obwohl gerade dieses Kleidungsstück in der Realität oft als unbequem und störend empfunden wird. Auf Filmsex gegen Wände und Mauern, gegen Türen, auf Esstischen und Schreibtischen: auf Sex als katalogartig choreographierte Erotik der Innenarchitektur. Auf Sexszenen, in denen alle immer kommen, und zwar schnell und gleichzeitig: »Oh mein Gott, das war fantastisch.«

Eine Welt, die anfängt, offener über Macht und Ausbeutung zu sprechen, kann sich nicht mit den alten, ausbeutenden Darstellungen von Sex zufrieden geben

Also, wie fantastisch waren die Sexszenen, von denen es jetzt immer weniger gibt? Die Filmtheoretikerin und Regisseurin Laura Mulvey hat in den Siebzigerjahren die Theorie vom »männlichen Blick« geprägt: wie Männer Frauen und insbesondere Frauenkörper als Objekte betrachten, ein Blick, der durch das Kameraauge für die Zuschauer (und Zuschauerinnen?) reproduziert wird. Die allermeisten Sexszenen im Film inszenieren den weiblichen Körper und die männliche (heterosexuelle) Lust, ältesten Klischees folgend. Man muss lange nachdenken, um auf spektakuläre Gegenbeispiele zu kommen: James Spader, der Susan Sarandon oral befriedigt, 1990 in Frühstück bei ihr. Michelle Williams und Ryan Gosling in Blue Valentine, nicht ganz so lange, aber die Ausnahmen fallen eher auf als die Regel. Oder die Ausnahmen inszenieren Sex als Parodie dessen, wie er sonst im Film gezeigt wird: die Sexszene in Das lange Elend, wenn Emma Thompson und Jeff Goldblum beim Sex die gesamte Wohnung zerlegen.

Momente lebensnah inszenierter erwachsener (oder jugendlicher), einvernehmlicher Intimtät sind auf der Leinwand so selten, dass sie dann eigentlich immer gleich in die Filmgeschichte eingehen: Julie Christie und Donald Sutherland in Wenn die Gondeln Trauer tragen, Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos in Blau ist eine warme Farbe.

Vielleicht ist das Verschwinden der Sexszene eher eine Pause als ein Ende. Die alten Sichtweise, die alten Darstellungen funktionieren nicht mehr. Eine Welt, die anfängt, offener über Macht und Ausbeutung zu sprechen, kann sich nicht mit den alten, ausbeutenden Darstellungen von Sex zufrieden geben. Vielleicht haben wir alle auch einfach genug merkwürdig sandstrahlgebürstete Darstellungen zur Norm erhobener weißer Heterosexualität gesehen, man hat es ja satt irgendwann, und hoffentlich ist dann auch Schluss mit den Klamottenspuren, die zu nackten Füßen führen, die aus Bettzeug schauen, mit den pflichtbewussten Verruchtheitsmarkern wie Motelzimmern, Drogen und Selbsthass, und mit diesem immer wieder Daherbehaupteten: Schaut, zwo Menschen haben Sex, sie sind einander wohl gefährlich nah und bedeuten einander viel, dies könnte zu Problemen führen, mehr dazu in Akt 2 von Schema F.

Der Sex im Film also kann nur besser werden. Eine Sexpause ist überfällig. Mal schauen, was danach kommt.