Brauche ich das wirklich?

Als Kind sammelte Ingvild Goetz Margarineverpackungen. Heute besitzt sie die größte Privatsammlung zeitgenössischer Kunst in Deutschland. Dazwischen liegt ein Leben voller Abenteuer.

Das Ehepaar Ingvild und Stephan Goetz reist nur mehr nach Paris. Große Kunstmessen meiden die beiden. Die Art Basel in Miami ist eher eine Party, die Art Basel in der Schweiz und die Frieze in London sind überlaufen von Leuten, die sich »jetzt auch mal was Hübsches an die Wand hängen wollen«, wie es bei Galeristen über neue Kundschaft aus Russland heißt. Aber die wichtigsten Galerien stellen auch auf der Fiac in Paris aus. Sie findet jedes Jahr im Grand Palais an der Seine statt, einem 110 Jahre alten Glaspalast mit viel Charme; an den Ständen gibt es guten Rotwein.

Ingvild Goetz ist zum Arbeiten gekommen und trinkt Wasser. Dieses Mal fehlt ihre Assistentin. Ihr Mann notiert, welche Preise seine Frau für welche Bilder aushandelt. Er trägt einen Ohrstöpsel und entschuldigt sich zwischendurch, um eine halbe Stunde mit Roland Koch, dem ehemaligen Ministerpräsidenten und aktuellen Vorstandsvorsitzenden eines Baukonzerns, über Handy zu konferieren. Stephan Goetz ist Unternehmensberater und Hobbysammler von chinesischer und antiker Kunst. Auf der Messe in Paris ist er zuallererst Assistent seiner Frau.

Sie besitzt die größte Privatsammlung zeitgenössischer Kunst in Deutschland. Sie unterhält ihr eigenes Museum in München. Museumsdirektoren aus aller Welt buhlen um die 4600 Kunstwerke – 1286 Fotografien, 356 Skulpturen, 853 Gemälde, 905 Arbeiten auf Papier, der Rest: Installationen, Filme, Videos, Dias. Für ein einziges Museum ist die Sammlung viel zu groß. Ingvild Goetz verleiht Bilder an andere Museen, 300 jedes Jahr, sie bespielt den alten Luftschutzkeller im Haus der Kunst in München, demnächst auch einen Förderturm in Gelsenkirchen vier Jahre lang mit wechselnder Videokunst, sie zeigt Bilder im Kunstmuseum Basel und Installationen im Haus der Kunst, im ersten Stock. Die komplette Sammlung wird kaum jemals zu sehen sein; sie ist auch für mehrere Museen zu groß. Das Lager platzt aus allen Nähten. Manchmal fährt Ingvild Goetz aufs Land in dieses Lager, holt die Grafiken aus den Schubladen, schaut sie stundenlang durch. »Ich habe nahezu jedes Stück im Kopf«, behauptet sie von ihren 4600 Arbeiten, und eine ihrer insgesamt 19 Mitarbeiterinnen bestätigt das.

Sammeln macht süchtig. Ingvild Goetz kennt genügend Beispiele aus der Kunstszene: Sammler, die sich hoffnungslos überschuldet haben, um immer mehr Bilder zu kaufen. »Ich habe meine Leidenschaft in den Griff bekommen und weiß, dass es noch andere Dinge im Leben gibt«, sagt sie. »Niemals hätte ich Schulden gemacht, um ein Kunstwerk zu ersteigern. Ich habe gelernt loszulassen.« Ihren beiden erwachsenen Töchtern hat sie erlaubt, die Sammlung nach ihrem Tod im Zweifel aufzulösen. Das Lager will sie auf keinen Fall erweitern. Ab und zu verkauft sie sogar eine Arbeit, um Platz zu schaffen oder um ein anderes Bild zu finanzieren, das ihre Sammlung komplettiert. Keine neuen Baustellen, keine Wahnsinnspreise, heißen ihre Prinzipien. Manchmal tauscht sie ein Kunstwerk ein, verschenkt es gar in seltenen Fällen an ein Museum. Wenn sie heute etwas kauft, dann schläft sie meist eine Nacht drüber und fragt sich: »Brauche ich das wirklich?«

Das, was sie braucht, kauft sie in Galerien, bei Atelierbesuchen oder auf einer Messe. Neun Stunden dauert der Kunst-Einkauf in Paris diesmal. Die Woche zuvor ist ihr eine Bandscheibe herausgesprungen, der Chiropraktiker hat sie so gut hingeknetet, dass sie die 70 wichtigsten von knapp 200 ausstellenden Galeristen abklappern kann. Den ganzen Tag steht sie mit durchgedrücktem Rücken an den Ständen, Hände in den Rocktaschen oder die Arme übereinandergelegt. Gegen elf Uhr holt sie sich eine trockene Semmel aus der Handtasche und bröselt mit ihrem nachgeholten Frühstück auf die Jacke, zu Mittag isst sie acht Sushis. Die Arbeitskleidung der wichtigsten deutschen Kunstsammlerin, die häufiger in den Feuilletons über Kunst redet, aber selten über sich selbst: eine Art Turnschuhe von Reebok, schwarz. Schwarzer, knielanger Rock von Zara, schwarzes Top von Jil Sander, schwarze Tasche aus Krokolederimitat. Ihr Markenzeichen: knallrote Lippen.

Manchmal kauften wir uns was weg.

Andy Warhol lernte Ingvild Goetz kennen, als er 1980 nach Deutschland kam, um sie zu portraitieren. (Andy Warhol, Porträt Ingvild Goetz(b), 1980 Siebdruck, Acryl auf Leinwand, 102x102cm, Courtesy Sammlung Goetz; Foto Wilfried Petzi)

Smalltalk in den Gängen. Ein schwules Galeristenpaar aus New York konnte endlich ein Kind adoptieren – »so süß, Jeanny«. Freunde nennen Ingvild Goetz Jeanny. Eine Freundin aus Kalifornien klagt Jeanny ihr Leid mit Álvaro Siza, einem portugiesischen Stararchitekten, beim Bau ihrer Villa mit angeschlossenem Museum: »Das Museum ist viel zu groß geraten, aber die Küche hat er so klein geplant, dass ich nie darin kochen könnte.« Jeanny versteht, sie war eine der Ersten, die Herzog & de Meuron beschäftigten, die Schweizer Architekten haben 1993 ihr Museum in München gebaut. Die Sammler-Konkurrenz grüßt: Stephan Braunfels, der Architekt aus München, Michael Ringier, der Verleger aus Zürich. »Manchmal kaufen wir uns was weg, wir mögen uns trotzdem«, sagt Ingvild Goetz. An einer Ecke steht Nicolas Berggruen, der Unternehmer und Karstadt-Sanierer, er ist sehr klein. Sie hat ihn übersehen. »Ich weiß gar nicht, was genau der sammelt.«

Gesprächsthema an den Ständen: die Lage am Kunstmarkt. Die Preise stagnieren oder fallen leicht, trotz der Russen. Verzogene Künstler können sich weniger Allüren leisten. Ingvild Goetz begrüßt die Entwicklung. Sie ist den Umgang mit schwierigen Menschen und abstrusen Preisen gewohnt, aber sie weiß auch, wann Schluss sein muss: »Einem Künstler habe ich angeboten, er könne seine Bilder zurückkaufen, weil er zu keinem Kompromiss bei der Ausstellung und dem Katalog fähig war. Ein anderer wollte, dass ich einen Balken aus meinem Museum rausreiße, damit seine Installation reinpasst.« Sie mag es auch nicht, dass Kunst zum Spekulationsobjekt geworden ist. Deshalb gibt sie in der Regel nicht bekannt, wen oder was sie kauft. Unbekannte Künstler haben den Namen der Sammlung Goetz oft benutzt, um den Preis ihrer Arbeiten in die Höhe zu treiben. Ingvild Goetz will nicht über Geld reden. Nie. Erst recht nicht über das Millionen-Erbe ihres Vaters, eines sehr wohlhabenden Kaufmanns, das ihr 1984 ausbezahlt wurde. Ingvild Goetz hat in München von 1973 bis 1984 ihre Galerie »Art in Progress« geführt, bis sie genug Geld bekam, um all die Bilder zu behalten, die sie bis dahin verkaufen musste. Aber niemand soll wissen, ob und wie viel Geld die Sammlung Goetz noch in der Kriegskasse hat.

Es sind ohnehin schon zu viele Galeristen, die ihr auf einer Messe etwas verkaufen wollen. Meist sagt Ingvild Goetz geradeheraus, wenn ihr ein Bild nicht gefällt. Manchmal lügt sie, um einen Galeristen schnell, aber höflich abzuwürgen. Sie sagt dann: »Sehr schön«, auch wenn sie ein Bild langweilt. Schwindeln gehört zum Handwerk. Sie schwindelt nicht gern, aber sehr geschickt. Stephan, ihr Ehemann, weiß sofort, wann ein »Sehr schön« seiner Frau signalisiert, dass sie von einem Künstler tatsächlich mehr sehen möchte, und wann sie schon genug gesehen hat. »Auch die Kinder merken das gleich.« Viele Galeristen nicht.

Ingvild Goetz wirkt eigentlich eher scheu. Sie wartet höflich an manchen Ständen, bis jemand Zeit für sie findet. Sie kann sich zurücknehmen. Sie ist eine wohlhabende Frau und entspricht nicht der allgemeinen Vorstellung davon. Sie ist 70 und zeigt keine Allüren. Es fällt leicht, sie zu mögen.

In Paris fallen die Worte »Sehr schön« ein Dutzend Mal. Vierzehn Mal stellt sich Ingvild Goetz auf der Messe die Frage: »Brauche ich das wirklich?« Vierzehn Arbeiten und Fotografien hat sie reserviert, nur zwei Käufe wird sie am nächsten Tag bestätigen: drei Schwarz-Weiß-Fotos von Transvestiten, handsignierte Originalabzüge von Diane Arbus, aus den Jahren 1959 bis 1961, zum Preis von 30 625 Euro, 35 000 und 39 375 Euro, inklusive Mehrwertsteuer. Sowie eine beleuchtete Schautafel, im Stil einer Immobilienanzeige, auf der 20 Ruinen im Libanon zu sehen sind. Sie wurden im Krieg mit Israel zerstört. Taysir Batniji, der Künstler, ist noch recht unbekannt, aber seine Galerie hat in Paris schon viele seiner Werke verkauft. Die Immobilienanzeige kostet 28 890 Euro.

Mit dem Kauf der Schautafel macht Ingvild Goetz doch einmal eine neue Baustelle auf: Sie besaß bisher keine andere Installation von dem palästinensischen Künstler. Mit den Fotos von Diane Arbus komplettiert Ingvild Goetz ihre umfangreiche Sammlung von Arbeiten der amerikanischen Fotografin, die sie früh zu kaufen begann. Goetz erzählt von Arbus’ Selbstmord und davon, dass deren Tochter rigoros die Veröffentlichung aller Fotos behindert, sie vermutet, dass sie sich so an der Mutter rächen möchte.

Meist kauft Ingvild Goetz Bilder, die ihr nicht gleich auf Anhieb gefallen oder einleuchten, die sie sperrig findet. Was sofort gefällt, ist ihr eher verdächtig. Meistens hat sie die Künstler zuvor kennengelernt oder zumindest über sie gelesen. Sie will sich vergewissern, dass es sich nicht um Eintagsfliegen handelt und dass eine Idee wirklich neu ist. Ihr Urteil ist streng: die Maler der Leipziger Schule - laut Goetz alles schon mal da gewesen, außer Neo Rauch. Sie kann wunderbar ohne jedes Fremdwort über Kunst reden. Über die 145 Haarknäuel, eine Installation von Mona Hatoum, die sechs Jahre lang ihre ausgebürsteten Locken zusammenrollte und im Schuhkarton sammelte, sagt sie: »Ich sehe darin die religiöse Züchtigung der Frau, ein Abschiednehmen vom Frau-sein-Dürfen.«

Warum sammelt ein Sammler?

»Die allermeisten Künstler sind großartige, sehr sensible Menschen; ich bin sehr dankbar, die kennengelernt zu haben«, sagt Ingvild Goetz. Wer die wenigen Nervensägen waren, verrät sie nicht. Oben: Die Sammlerin mit der Fotografin Roni Horn und Felix Gonzalez-Torres, einem 1996 verstorbenen Kubaner, der Installationen machte. Mitte: Mit Luc Tuymans, einem belgischen Maler, und dessen Ehefrau. Unten: Installationen von Peter Fischli stellte die Sammlung Goetz 2010 aus.

Sie sammelt zeitgenössische Kunst ab Arte Povera, das heißt: Alles, was vor 1959 entstanden ist, interessiert sie nicht. Früh hat sie die Bedeutung von heutigen Superstars erkannt: Cy Twombly, Damien Hirst, beide hat sie günstig gekauft, beide längst wieder verkauft, Twombly, um ihr Museum zu bauen, Hirst, um den Ankauf anderer Bilder zu finanzieren. Einen Schwerpunkt bilden Konzeptkunst und Minimalismus: Konzeptkunst ist zum Beispiel, wenn Thomas Demand ein Pappmodell nach einem Foto fertigt, dann wiederum ein Foto von dem Modell macht, das er dann vernichtet. Kunsthistoriker sprechen dabei von der Reflexion der Reflexion, mit der kollektive Erinnerung dargestellt werde. »Konzeptkunst ist manchmal auch für mich schwer zugänglich, selbst wenn Jeanny davon begeistert ist«, sagt Stephan Goetz. Sie selbst sagt: »Mein Zugang zur Kunst ist subjektiv, intuitiv, und was ich kaufe, hat meist mit mir selbst zu tun.«

Warum sammelt ein Sammler? Bei Ingvild Goetz war das so: Sie begann als Kind mit Bildserien aus Margarinepackungen und Zigarettenschachteln, das eher schüchterne Mädchen bat wildfremde Menschen auf der Straße darum. Mit 15 sammelte sie Postkarten von Ölbildern, die besitzt sie immer noch. Später hat sie alles übers Sammeln gelesen, selbst C. G. Jung und Sigmund Freud. Sie hält mehrere Antworten auf die Frage nach dem Grund parat. Die erste, eine psychologische Antwort: »Ich sammle, was ich selbst gern gemacht hätte. Wer die Sammlung auf sich wirken lässt, kann einiges über mich erfahren.« Als Kind träumte sie davon, Künstlerin zu werden. Ihr reicher Vater drängte sie dazu, einen anständigen Beruf zu erlernen, ihr Kunstlehrer riet ihr, das Elternhaus zu verlassen. Sie lernte Werbekauffrau, weil sie sich als Malerin für nicht gut genug hielt, und gründete schließlich eine eigene Galerie.

Ingvild Goetz ist 1941 geboren und in Armut aufgewachsen, nach Kriegsende floh ihre Familie aus Westpreußen, »Polackenkind« wurde sie in der Schule gerufen, deshalb hat sie wohl auch später immer eine Vorliebe für Außenseiter und generell für sozialkritische Kunst behalten. Ihre erste Galerie in Zürich musste sie 1973 aufgeben; die Schweiz entzog ihr die Aufenthaltsgenehmigung nach einem Happening eines ihrer Künstler. Sie zog samt Galerie nach München.

Ihre zweite Antwort, wahrscheinlich die einfachste und plausibelste: »Es macht mir Spaß, Bilder zu hängen und anzuschauen.« Ihr Museum in der Oberföhringer Straße baute sie erst mal nur für sich. Irgendwann lud sie Freunde zu ihren Ausstellungen ein, bald machte sie das Museum für die Öffentlichkeit zugänglich und engagierte ein Team aus 19 jungen Leuten, die meisten davon Kunsthistoriker, mit dem sie die Ausstellungen zusammenstellt, kuratiert und den Katalog entwirft. Eintritt verlangt sie nicht, Gäste müssen sich telefonisch anmelden. Die Ausstellungen wechseln alle sechs Monate. Genau wie die Bilder und Skulpturen bei ihr zu Hause. Im Museum war zuletzt Mona Hatoum zu sehen, in ihrem Wohnzimmer steht eine überdimensionale, mit Süßwasserperlen gefüllte Keramikschale von Ai Weiwei. Es gibt im ganzen Haus keinen Raum ohne Kunst, nicht mal Keller und Gästetoilette sind kunstfrei. Ihre Ausstellungseröffnungen im Stadtteil Oberföhring gelten als gesellschaftliches Ereignis. Unter den Gästen: Sir Nick Serota, der Direktor der Tate-Galerien (der die Sammlung Goetz nur allzu gern nach London holen würde), Toni Schmid, Ministerialdirigent im Bayerischen Kultusministerium (er will mit Goetz eine Kunstfilm-Biennale nach München bringen), Okwui Enwezor, der neue Leiter des Hauses der Kunst, Monika Peitsch (die Schauspielerin ist eine enge Freundin). Am 27. Mai werden gleich zwei Ausstellungen in der Sammlung Goetz eröffnet: Skulpturen von Pawel Althamer und eine große Videoinstallation von Ulrike Ottinger.

Ein dritter Grund fürs Sammeln: »Sammeln ist eine Krankheit. Man arbeitet sich ab an Bildern. Aber Kunst ist auch die beste Therapie. Sehen Sie nur, was für ein ausgeglichener, höflicher, lieber Mensch Jonathan Meese ist, der teilweise so ausgeflippte Bilder malt.« Sie weiß um die Gefahren ihrer Sammel-leidenschaft, deshalb macht sie auch Pause und überwintert jedes Jahr auf den Balearen. Knapp drei Monate Garten- statt Museumsarbeit.

Es gibt also ein Leben jenseits der Kunst, und so sieht es aus: in der Erde buddeln, mit dem Enkelkind spielen, sich sozial und manchmal auch politisch engagieren. Meditieren. Reisen.

Ihre vierte Standardantwort, warum man sammelt, lautet schließlich: »Kunst macht toleranter für das Fremde. Wie das Reisen.«

Als junges Mädchen ist sie Anfang der Sechzigerjahre mit einer Freundin nach Port Moresby gereist und weiter in die Berge von Papua-Neuguinea. »Wir hatten keine Angst, wir waren ziemlich naiv.« Am Amazonas, in Australien und Südafrika übernachteten sie in Missionsstationen. Ende der Sechziger reiste sie nach New York und besuchte Künstlerateliers in der Bowery, in die sich damals kaum ein Taxi traute. Ein Galerist wurde zwei Minuten vor ihrem Eintreffen ermordet. Mit ihrem Mann hat sie später Indonesien, Kambodscha, Nepal, Indien bereist. Von der indischen Stadt Varanasi schwärmt sie wie von einem großen schlampigen Künstlergenie: »Ein Dreckloch, es gibt keine öffentlichen Toiletten. Aber das vergisst man alles. Sie gehen einfach mit jemand Wildfremdem in sein Haus, der Ihnen anbietet, eine besondere Meditation auszuprobieren. Einer der letzten weißen Flecken auf der Landkarte, der noch nicht verwestlicht ist. Rationalität und Logik zählen in dieser Welt nicht. Varanasi ist ein Traum.« Ihr Leben lang blieb Ingvild Goetz neugierig auf unbekannte Länder. Nur Teile Schwarzafrikas und die Antarktis hat sie nie kennengelernt. Sie war Hippie und beschäftigte sich mit Bhagwan.

Heute versteht sie sich am ehesten als Buddhistin - »eine sehr mitfühlende und tolerante Religion«. Nach Nepal fliegt sie noch regelmäßig. In ein Kloster, für das sie und ihr Mann einen Schulraum und eine Meditationshalle gebaut haben.

Ingvild Goetz spendet so, wie sie sammelt: mit Plan, akribisch bis ins Detail, am liebsten für Außenseiter, die sonst vergessen werden: Eine eigene Spendenberaterin legt ihr jedes Jahr dar, wie Ingvild Goetz am effektivsten etwas für die unterschiedlichsten Hilfsbedürftigen erreichen kann. Sie bezahlt eine Forschungsstelle über Magersucht in Dresden und sorgt für die psychologische Betreuung betroffener Eltern. In Varanasi hat sie gemeinsam mit ihrem Mann zwei Straßenkinder kennengelernt, deren Studium sie finanziert haben. In München kümmert sie sich seit zehn Jahren um Asylbewerber. Der Leiter der Inneren Mission in der Asylauffangstelle, Albert Osei-Wusu, siezt Goetz, aber er nennt sie ganz ernsthaft eine Seelenverwandte. Sie kauft Daunenanoraks und einen Flachbildschirm für den Frauenraum, U-Bahnfahrkarten für Arzt- und Anwaltsbesuche und Schokolade für die Nikolausfeier. Sie lässt Uli Hoeneß anrufen, damit der wieder 50 Fußbälle rüberschickt, und bezahlt selbst einen Trainer. Sie finanziert einen Kurs, in dem Asylbewerber sich in Videokunst ausprobieren können, und sie lässt natürlich Kunstposter im Aufenthaltsraum aufhängen.

Ihre Bilder sollen auch andere glücklich machen. Für Ingvild Goetz nur ein Grund mehr zu sammeln.

Foto: Nan Goldin

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