Lilly und Klaus Cassirer

Die Geschichte von Lilly und Klaus Cassirer und ihrem bis heute andauernden Kampf um die Rückgabe des Bildes "Rue Saint-Honoré am Nachmittag bei Regen" von Camille Pissarro.

    Camille Pissarros "Rue Saint-Honoré am Nachmittag bei Regen" aus dem Jahr 1897.
    II. Die Geschichte von Paul Westheim
    III. Die Geschichte von Sophie Lissitzky-Küppers
    IV. Die Geschichte von Adele und Ferdinand Bloch-Bauer

    I. Die Geschichte von Lilly und Claude Cassirer
    Das Gemälde Rue Saint-Honoré, Après-midi, Effet de Pluie des französischen Impressionisten Camille Pissarro aus dem Jahr 1897 hängt heute im staatlichen Museo Thyssen-Bornemisza in Madrid. Über den Begriff „Raubkunst“ in Verbindung mit den eigenen Beständen wird in den meisten europäischen Museen nur ungern geredet, die Geschichte der Familie Cassirer zeigt, wie notwendig eine solche Diskussion wäre. Lilly Cassirer, geborene Dispecker, heiratet um die Wende des vergangenen Jahrhunderts in die Berliner Fabrikantenfamilie Cassirer ein. Pissarros Straßenansicht war um 1900 von der Familie erworben worden. Mitte der 1920er-Jahre erbte Lilly Cassirer das Bild von ihrem Mann. Er war mittleren Alters an einem Hirntumor verstorben. Lilly zog von Berlin zurück in ihre Heimat München, allein zu ihrem einzigen Enkel Klaus Wolfgang hatte sie ein inniges Verhältnis. In ihrer großzügigen Wohnung in der Ludwigstraße 176 fühlte er sich wie zu Hause. Wie zuvor in Berlin hing auch hier Pissarros Rue Saint-Honoré über dem Sofa.

    Klaus Cassirer mit seiner Großmutter Lilly im Kasperltheater des Englischen Gartens in München, um 1928. (1876 - 1962 und *1921)
    1933 fliehen Klaus und sein Vater Friedrich Wilhelm Cassirer vor den Nationalsozialisten von Berlin nach Prag. Auch Lilly Cassirer-Neubauer, sie ist inzwischen wieder verheiratet, bekommt den Krieg zu spüren: Entsetzt von den Pogromen möchte sie schnellstmöglich nach Großbritannien ausreisen. Ein Visum ist beantragt. Lilly wagt nicht, Teile ihrer Kunstsammlung verschwinden zu lassen. Den Pissarro muss sie für 900 Reichsmark verkaufen, deutlich unter Wert, an Parteimitglied und Kunsthändler Jakob Scheidwimmer verkauft. Lilly Neubauer-Cassirer weiß um die Ungerechtigkeit, doch wie sollte sie sich wehren, ohne zu riskieren, in Dachau zu landen?

    Nach dem Krieg, zehn Jahre nach ihrem letzten Treffen, sollten sich Lilly und ihr Enkel endlich in England wiedersehen. Hier begannen sie sofort nach dem verlorenen Pissarro zu suchen. Keine einfach Sache, denn Jakob Scheidwimmer hatte das Bild offenbar an Julius Sulzbacher weitergeben, selbst Jude, der mit dem Bild nach Rotterdam flüchtete. Welche Vereinbarung die beiden Männer trafen, ist unbekannt, sicher ist nur, dass der Container mit Sulzbachers Ausreisegepäck im holländischen Hafen von den deutschen Besatzern beschlagnahmt wurde.

    Eine Odyssee für das Gemälde beginnt. Das Einzige, was Lilly und Klaus vorerst herausfinden können, ist, dass das Bild 1943 aus Deutschland an einen privaten Bieter verkauft wurde. Dann ist die Rue Saint-Honoré für Jahrzehnte verschwunden. Lilly Neubauer-Cassirer stirbt 1962, ohne etwas über den Verbleib ihres Gemäldes zu erfahren. Nach zehnjährigem Rechtsstreit ließ die deutsche Regierung ihr 120 000 Mark zukommen, als Schadenersatz. Einen Anteil musste sie aufgrund der doppelten Enteignung des Werkes an die Erbin von Julius Sulzbacher abtreten.

    Klaus Cassirer, später mit neuem Namen Claude, mit seiner Frau Beverly im Jahr 1944.
    Erst 2001 bekam Klaus Cassirer einen entscheidenden Hinweis: Die Rue Saint-Honoré war gefunden. Doch wo war das Werk all die Jahre gewesen? Die Cassirers suchten das Gemälde in Europa, doch es war Jahrzehnte in Klaus Nähe in den USA. Eine renommierte New Yorker Galerie hatte es in den 1940er-Jahren erstanden, über verschiedene Galerien gelangte es dann 1976 in den Besitz der Familie Thyssen-Bornemisza. Von deren Privatbesitz ging es 1993 an den spanischen Staat über.

    Seit Jahren ignoriert Spanien die Bitte um Rückgabe des Bildes und ließ der Familie Cassirer keine andere Chance, als Klage einzureichen. Klaus Cassirer ist heute 88 Jahre alt.

    Gekürzte Zusammenfassung der Redaktion aus dem Buch: "Verlorene Bilder – Verlorene Leben. Jüdische Kunstsammler und was aus ihren Kunstwerken wurde" von Melissa Müller und Monika Tatzkow, erschienen im Elisabeth Sandmann Verlag.

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