»Vielleicht brauchen wir eine Sauerei«

Francesc Ruiz kreiert eine Sauerei aus Grenzen - eine Kombination aus Comicelementen und Strategien der Konzeptkunst.


SZ-Magazin: Als wir Sie baten, für uns eine Arbeit zum Thema Mittelmeer zu machen, haben Sie sich für einen Comic entschieden. Warum?

Francesc Ruiz: Mit Comics kann ich am besten ausdrücken, worum es mir geht. Comic ist – genau wie Fotografie, Film oder Literatur – ein Medium mit einer eigenen Grammatik und Geschichte. Ich spreche nicht von Pop Art, sondern einer Sprache, die sich ständig wandelt und mit der man jedes Thema behandeln kann. Comics sind sehr flexibel – ideal, um mit ihnen herumzuexperimentieren.

Warum steht Tiramolla im Mittelpunkt Ihres Beitrags, eine Comicfigur, die in Italien sehr populär ist?

Mich faszinieren Comicfiguren, deren Körper verschiedene Formen annehmen können. Tiramolla wurde 1952 vom italienischen Zeichner Roberto Renzi geschaffen. Zuerst war Tiramolla der Held einer Serie, später auch eines eigenen Hefts. Er besteht nur aus Linien und kann sich vergrößern, verkleinern, also in die Länge ziehen oder schrumpfen. Für mich ist das die Essenz von Zeichnen: Wenn jemand mit seinem eigenen Körper zeichnet. Bei mir ist Tiramolla eine Art Kartograf, der Grenzen verschiebt, verschwinden lässt und neu zieht. Man könnte sagen, er ist die Natur, von mir aus Gott, auf jeden Fall kann er die Welt immer wieder neu erschaffen. Seine Identität ist nicht festgelegt, sondern liquide, und wenn er am Ende erschöpft in die Sterne schaut – ironischerweise sind auch die Sternbilder von uns Menschen definiert – lässt er uns darüber nachdenken, was das eigentlich ist: Grenzen, und wie absurd und grausam im Grunde alles ist, was wir den ganzen Tag so festlegen.

Wie könnte eine Welt ohne Grenzen aussehen?
Die Fantasie ist ein mächtiges Werkzeug, sagt Tiramolla. Ich glaube, dass es wichtig ist, keine Angst zu haben, wenn man darüber nachdenkt, ob unsere Welt nicht auch ganz anders aussehen könnte. Tiramolla verursacht eine große Sauerei, vielleicht brauchen wir genau das, um die Welt in Ordnung zu bringen.

Comics und Porträtfoto: Francesc Ruiz

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