Auf dem Tisch liegen drei Croissants, geschenkt. Oder – fast geschenkt. Mein Freund, eine Freundin und ich sitzen in einem Bistrocafé in München, die letzten Gäste vorm Ladenschluss. Die Mitarbeiterin des Cafés hat uns einen Deal vorgeschlagen: Drei übrig gebliebene Croissants gegen eine gute Bewertung bei Google Maps. Ich hätte die Croissants lieber einfach so geschenkt bekommen, auch wenn uns die Gegenleistung nichts kostet.
Es ist meine erste Bewertung jemals bei Google Maps. Ich klicke die fünf Sterne bei Essen, Service und Ambiente voll, ohne einen Text zu schreiben oder anzugeben, ob man hier vegetarisch essen kann und wie viel Geld wir pro Person ausgegeben haben. Es ist also eine zurückhaltende Bewertung. Aber es ist eine.
Für diejenigen, die es noch als reine Navigations-App kennen: Google Maps hat sich zu etwas viel Größerem entwickelt und damit alle vergleichbaren Apps meilenweit abgehängt. Es ist ein Multifunktionswerkzeug mit monatlich zwei Milliarden Nutzenden. Man kann sich nicht nur die schnellste oder nachhaltigste Route für das Auto anzeigen lassen, sondern auch eine Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr kaufen oder ein Taxi buchen, erfahren, wann im Schwimmbad am wenigsten los ist, einen Platz im Restaurant reservieren, ein Hotelzimmer buchen und dazu den passenden Flug. Google Maps weiß, wie teuer ein Lokal ist, wie viel Zeit Leute dort verbringen, welche Leistungen eine Arztpraxis erbringt, ob das Geschäft einen Parkplatz hat. 100 Millionen Beiträge werden täglich bei Maps hochgeladen: Fotos, Öffnungszeiten, Videos, neu angelegte Orte, Rezensionen. Eine riesige Datenmenge, auf die jede und jeder per Internet weltweit Zugang hat. Meine Bewertung ist ein Teil davon. Und ich bin viel mehr Teil davon, als ich je sein wollte.
Ich segle ständig durch dieses Meer aus Daten, suche nach Sehenswürdigkeiten am Urlaubsort oder neuen Cafés in meiner Stadt. Speichere meine Fundstücke in Listen, um sie mit Freundinnen zu teilen. Meine Entscheidungen hängen davon ab, was Google Maps mir auf den Bildschirm projiziert. Und von den Bewertungen anderer Leute. Der Italiener? Sieht nett aus, aber angeblich ist das Essen so mittel. Die Arztpraxis? Hat laut den Bewertungen unfreundliches Personal. Die Bar? Interessante Drinks, wirkt aber auf den Fotos trist. 50 Sitzungen von jeweils drei Minuten verbringt man durchschnittlich pro Monat auf Google Maps, das zeigt schon eine Erhebung aus den USA von 2019. Mein eigener Wert liegt wohl deutlich höher. Ich habe mich an den Komfort gewöhnt, den Maps bietet. Die Bequemlichkeit hat die Skrupel eingelullt. Doch solange ich keine Bewertung abgegeben hatte, fühlte ich mich als reine Profiteurin des Systems. Ich meinte, mich ihm mit der Weigerung zu entziehen, mit eigenen Bewertungen beizutragen. Jetzt frage ich mich, bin ich Teil des Systems, wenn ich es nur passiv nutze? Und: Ist nicht zu bewerten auch eine Bewertung? Keine Bewertung zu schreiben heißt ja auch, den Bewertungen anderer mehr Gewicht zu verleihen.
Viele Leute verbringen viel Freizeit damit, Google Maps mit Bewertungen zu füttern. Der Konzern verführt sie dazu, indem er die Mitarbeit an Maps wie ein Spiel gestaltet: Es gibt Punkte, Level und Abzeichen. Zehn Punkte für eine Rezension, fünf für ein Foto, 15 für einen hinzugefügten Ort. Ab 250 Punkten, das ist Level vier, bekommt man ein Sternabzeichen ans Profilbild gepinnt. Der Stern zeichnet einen als »Local Guide« aus. Weltweit 150 Millionen Menschen spielen mit, dazu gehört Chiara Cervetta, 26 Jahre alt, Floristin in Hamburg. Sie erklärt, dass sie anderen Menschen helfen will und deswegen so viele Informationen auf Google Maps teilt. »Ich weiß, dass ich damit etwas Gutes tun kann«, sagt sie. In ihren Bewertungen schreibt sie, ob ein Ort barrierefrei ist – für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind oder einen Kinderwagen dabeihaben. Sie hat bisher auf mehr als 22 000 Fragen geantwortet, ob Hunde im Restaurant erlaubt sind oder es einen kostenlosen Parkplatz gibt, sie betreut zwei Local-Guides-Facebookgruppen, in denen sich die Guides etwa über neue Funktionen austauschen.
Das Internet, könnte man denken, wäre vielleicht ein besserer Ort, wenn sich alle so gemeinschaftsorientiert wie Chiara Cervetta verhielten. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es ihr Hobby ist, einen der mächtigsten Konzerne der Welt noch mächtiger zu machen, und das in einer Zeit, in der Tech-Oligarchen offen mitregieren. Cervetta leistet einen schwierig in Geld messbaren, aber enormen Beitrag zum Erfolg des Unternehmens, dafür bekommt sie von Google ab und zu ein kleines Geschenk, ein paar Sticker, eine Bauchtasche.
Die Ergebnisse meiner Maps-Suchen sind kuratiert – man könnte auch sagen: eingeschränkt
»Google Maps ist eine Plattform, die ohne die Community nicht funktionieren würde«, sagt Michael Firnhaber, Leiter des Bereichs Strategische Partnerschaften bei Google Maps. Auch die täglich 100 Millionen Beiträge trügen natürlich dazu bei, Google Maps besser zu machen und eine möglichst genaue, hilfreiche und aktuelle Karte anzubieten. »Was Maps so erfolgreich macht, ist nicht nur die Informationsdichte, es sind vor allem auch Netzwerk- und Skaleneffekte«, sagt Sebastian Wichert. Er leitet das LMU-ifo Economics & Business Data Center, das die Infrastruktur zur Erforschung großer Unternehmensdatensätze bereitstellt. Mit Netzwerk und Skalen meint er: Je mehr Leute Google Maps nutzen, desto mehr Daten bekommt Google, desto präziser wird die Anwendung und desto mehr Leute möchten sie wiederum nutzen. Vor allem die Echtzeitdaten – nicht nur für den Verkehr, sondern auch für einzelne Orte – seien ein Alleinstellungsmerkmal, sagt Wichert.
Meine Daten. Auch sie sind ein Grund, warum ich Google Maps gar nicht passiv nutzen kann. Google Maps zeigt mir andere Vorschläge als meiner Nachbarin. Ich bin mit meinem Konto angemeldet, Maps speichert meine Suchhistorie, weiß, welche Orte ich mir anschaue und an welchen ich Zeit verbringe. Die Ergebnisse meiner Suchen sind kuratiert – man könnte auch sagen: eingeschränkt.
Denis Leoncelli führt mit seiner Frau die fünf Standorte von »Coucou Food Market« in München, in einer seiner Filialen habe ich die Bewertung abgegeben. »Wie viel Wert hat sie für euch?«, will ich von ihm wissen. »Ich würde lügen, wenn ich sage, es ist nicht wichtig«, sagt er. Das Ganze sei ein bedeutsamer Faktor, um Neukundinnen und Neukunden auf sie aufmerksam zu machen. Allerdings bildeten Rezensionen eben auch nicht immer die Realität ab: Menschen geben eher eine Bewertung ab, wenn sie unzufrieden sind. Leoncelli sagt: »Uns ist auch schon passiert, dass Kunden das als Druckmittel benutzen.«
Bewertungen können nicht objektiv sein. Aber sie haben Macht. In der Stadt, in der ich zur Schule ging, positionierte sich ein Café während der Pandemie gegen Corona-Leugner und Rechtsextreme – daraufhin fluteten diese den Laden mit schlechten Rezensionen. Im Winter 2023 wurden Gastronomen in Berlin und Hamburg bedroht: Ihre Bewertungen würden in den Keller rutschen, wenn sie nicht die geforderte Geldsumme zahlen. Google-Bewertungen sind kein Spiel, sie haben reale Konsequenzen. Wem vertraue ich, wenn ich sie lese? Wem gebe ich Raum, wenn ich keine schreibe? Siegt im Bewertungssystem die Schwarmintelligenz oder das Recht des Lautesten? Wie kann ich dem Ganzen entkommen?
Ich kenne mich. Eigentlich bin ich zu faul für die Entsagung. Aber ich werde es versuchen, zumindest ab und zu. Es wird ungewohnt sein, in einer fremden Stadt Einheimische nach einem guten Lokal zu fragen. Aber früher hat das ja auch funktioniert, habe ich gehört.