»Kommt uns doch mal besuchen!«

Man trifft zufällig Bekannte, plaudert und irgendwann fällt absolut sicher dieser tückische Satz. Über eine Einladung, die keine ist – und darum so gut in unsere Zeit passt.

Die Freude darüber, sich wiederzusehen, kann gerade in plötz­lichen Fällen ganz beim Gast liegen.

Illustration: Nishant Choksi

Das soll nach offener Tür klingen, nach: Ihr seid jederzeit willkommen, wir freuen uns, euch zu sehen, schaut einfach vorbei. Aber im Ernst: Soll ich gleich morgen zum Mittagessen vorbeischauen? Stehe ich übermorgen Nach­mittag spontan vor der Tür und hoffe auf Kuchen? Komme ich allein? Oder bringe ich Frau, Kinder, Freunde mit? Und was, wenn ich klingle, aber dort gerade alle in der Badewanne liegen oder nackt Rasen mähen oder was weiß denn ich, was andere so treiben, wenn sie gerade garantiert keinen Besuch erwarten?

Der Standardsatz lautet ja nicht: »Kommt uns am Samstagabend besuchen!« oder: »Schaut am Sonntag um drei zum Kaffee vorbei«. Sondern: »Schaut doch mal vorbei!« Sehr gern genommen auch das überfreundlich geträllerte: »Ihr müsst uns uuuunbedingt mal besuchen kommen!« Ohne weitere Angaben.

Wer so einlädt, überlässt dem Eingeladenen die Arbeit: Kümmer du dich gefälligst um alles Weitere. Schau selber, wann du vorbeikommst. Krieg raus, wann es uns passt.

Meld dich und frag uns, ob wir Zeit haben, dich zu empfangen. Es ist paradox, aber wer versucht, auf ein »Kommt uns doch mal besuchen!« ernsthaft zu reagieren, wird zum Bittsteller, zum Aufdringling am Telefon: »Hallo, ich bin’s, ihr hattet ja gesagt, wir sollen mal vorbeikommen, und wir hätten jetzt am Samstag Zeit, also … Ach so, ihr nicht, ja, schade, äh … Gut, ich meld mich dann wieder.« Das macht man einmal, vielleicht zweimal. Eher kein drittes Mal.

»Kommt uns doch mal besuchen!« ist keine Einladung. Nicht mal eine halbe. Höchs­tens so was wie ein angetäuschtes Geschenk: kurz vor die Nase gehalten, aber dann doch nicht überreicht. Du willst es haben? Dann besorg es dir. Musst halt uuuuunbedingt mal im Laden vorbeischauen.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Es spricht rein gar nichts für Einladungen wie früher, mit Einladungskarte und U. A. w. g., mit Anzug und Krawatte, alte Bundesrepublik, Kaffee und Kuchen vor Eichenschrankwand. Hilfe, nein! Aber das Zeitalter der Unverbindlichkeit, in dem wir jetzt leben, nervt doch auch ungeheuer: Auf Party-Einladungen folgt ein lockeres: »Super, danke, ich schau mal, ob ich’s schaffe«, Termin-Hinweise auf Facebook werden nicht mit »Ja« oder »Nein« beantwortet, sondern mit »Bin interessiert«. Wir vereinbaren Treffen um sieben oder acht oder neun, ganz egal, haben ja alle ein Handy. Wer sich verspätet, schickt halt schnell eine WhatsApp. Die Zusage unter Vorbehalt als Grundmuster. Eine Welt im 30-Tage-Amazon-Rückgaberecht-Modus.

Da passt die Einladung, die keine ist, natürlich genau rein. Aber möglicherweise handelt es sich ja um ein Missverständnis. Vielleicht ist »Kommt uns doch mal besuchen!« gar keine Aufforderung, sondern eine Floskel wie »Schön, dich zu sehen« oder »Gut siehst du aus«. Ein Satz, der Sympathie ausdrücken soll, aber ohne Konsequenzen, ohne Aufwand, ohne Aufräumen und Kochen und Kaffee­machen. Mehr so eine Art fernöstliche Höflichkeit, gekleidet in westlichen Umgangston.

Und von der anderen Seite betrachtet – was wäre denn die Alternative? Stellen wir uns vor, wie eine Welt aussähe, in der sich ständig alle konkret einladen:

»So ein Zufall, dass wir uns hier treffen – kommt gleich am Samstag zum Essen rüber.«
»Schön, euch zu sehen, besucht uns doch heute um acht!«
»Na, wen haben wir denn da? In zwei Stunden bei uns, zack, zack!«

Totaler Stress. Keine ruhige Minute mehr zu Hause. Jeder Schritt in die Welt eine soziale Überforderung. Wahrscheinlich würde man sich nach kurzer Zeit nur noch mit Sonnenbrille und hochgeschlagenem Kragen zum Supermarkt trauen.

Dann vielleicht doch lieber »Kommt uns mal besuchen!« Man reagiert mit einem freudigen »Unbedingt!« – und muss am Wochenende trotzdem nirgends hin. Herrlich.