Untragbar

Wie viele Frauen sucht unsere Autorin ihre Kleidung nicht danach aus, ob sie ihr gefällt, sondern ob sie ihr steht. Was in Wahrheit heißt: wie schlank sie darin aussieht. Wie bescheuert ist das eigentlich?

Muss man denn, was nicht passt, unbedingt passend machen? Oder sollte man neu darüber nachdenken, was »passen« eigentlich heißt?

Penopia, Jeff Muhs 2013

Kleidung für mich zu kaufen war kein Vergnügen, seit ich denken kann. Schon als Kind: endlose Streifzüge durch die Läden. Nie passte, was meinem Alter eigentlich entsprach. Irgendwann fiel dann immer ein Satz wie: »Gibt’s doch nicht, jetzt braucht sie schon Größe …« mit einer Zahl am Ende, die seit dem vorherigen Einkauf gestiegen war wie der Pegel eines Hochwassers: 128 neulich, jetzt schon 146. Das Verkaufspersonal nickte, ich stand bedröppelt rum. So fing es an.

Zu unser aller Glück war

Dann wurde die gusseiserne Singer-Nähmaschine

In meiner Erinnerung grinse ich dabei – über ihren heiligen Ernst und weil sie so ein Drama daraus machte. Oma, dann ziehe ich halt was anderes an, dann passt das Kleid halt nicht perfekt … Aber ich glaube, damals ist etwas eingesickert. Mode, verstand ich, ist eine Welt mit strengen Regeln, manches geht, und manches geht mit einem bestimmten Körper auf gar keinen Fall. Dreiviertelhosen stauchen, ein langer Blazer kaschiert breite Hüften, ein schmales Revers streckt, V-Ausschnitt verlängert den Hals, Volants machen dick, Tüll trägt auf – dazu brauchte ich keine Modezeitschriften-Exegese, das sind Dinge, die wusste ich schon mit zwölf.

Das erste Kleidungsstück, in dem

Ich schärfte meinen Blick, hörte Freundinnen und den Frauen in der Familie zu, verinnerlichte immer mehr solcher Zaubereien. Fließende Stoffe schmeicheln. Und, der Klassiker: Schwarz macht schlank. Als Jugend­liche, die noch keinen Freund hatte und natürlich davon überzeugt war, das liege an ihrer Figur, hatte ich nun Sicherheitsoutfits für Partys und Verabredungen, die damals noch nicht Dates hießen. Outfits, die ganz sicher »funktionierten«, weil sie den Körper ein Stück weit unsichtbar machten. Schwarze Stretchhose mit schmalem Bein, schwarzes Top mit V-Ausschnitt. Lief.

Absatzschuhe heben »das Gestell«. Hosen sollen Gesäßtaschen haben, zumindest angedeutete, das lässt den Hintern kleiner wirken, als wenn da nur eine ununterbrochene Stofffläche ist. Längst hatte ich verinnerlicht, worauf es ankam: Kleidung ist danach auszusuchen, wie vorteilhaft man in ihr aussieht. Klar, was sonst, könnte man jetzt sagen. Doch man könnte sie ja auch allein danach wählen, wie gut man sich darin bewegen kann. Vorteilhaft dagegen heißt: gefällig, schmeichelhaft, für andere gut verdaulich. In meinem Fall immer auch, wie gut die Kleidung meine Vorzüge betont und meine angeblichen Problemzonen kaschiert. Wie schlank sie mich aussehen ließ. Der Vorteil ist die Reduzierung.

Je mehr ich über das

Und doch insinuierten Lifestyle-Magazine lange

Das ist das Ergebnis dieses

Unerfüllte Lieben sind ja stets

»Steht mir das?« – fragen

Mit Blick auf die aktuelle

Nun könnte man meinen, Große

Tragt doch einfach, was euch

Wie bitter, vor allem aus

»Was der Leib gelernt hat,

Das Hauptproblem ist aber natürlich,

Die Ernährungsmedizinerin Lotte Habermann-Horstmeier hat

Und dann gibt es noch

Und wenn nichts geht, gibt’s

Das Credo der »Body Positivity«,

Wäre es vor diesem Hintergrund nicht konsequenter, ganz auszubrechen aus dem »Regime des Gutaussehensmüssens«, wie die Soziologin Barbara Kuchler es genannt hat? Sie sprach sich in einem Essay in der Zeit 2017 für eine Aufhebung dieser Asymmetrie zwischen den Geschlechtern aus, also dafür, dass entweder Frauen weniger Zeit darauf verwenden sollten, sich zu schminken und zu kleiden – oder Männer mehr. Sie plädierte für Ersteres, denn mit der ständigen Konzentration aufs Äußere gehe ganz grundsätzlich Energie verloren, die für anderes fehle. Der Artikel war im Nachhall von #MeToo erschienen und erzeugte einen Sturm der Entrüstung. Kuchler wurde dafür kritisiert, sie mache Frauen Vorschriften oder suggeriere, diese könnten mitverantwortlich für ein System sein, das sie selbst objektiviert und letztlich zu Sexismus führe.

Ich habe das alles eher

Natürlich habe ich – wenn

Man ist, was der Leib